Leben als Leiharbeiter Wenn die Probezeit ewig dauert

In Deutschland gibt es fast eine Million Leiharbeiter. Kaum eine Branche wächst schneller - und keine ist so umstritten: Immer wieder werden üble Tricks und Fälle von Ausbeutung bekannt, die Gewerkschaften laufen Sturm. SPIEGEL ONLINE hat Jobber auf Zeit und ihre Auftraggeber getroffen.

dapd

Von Martin Heller


Berlin - Patrick Bredy sieht sich als Opfer der Zeitarbeit. Vor dem Arbeitsgericht kämpft er gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber, eine Zeitarbeitsfirma. Es geht um die Bezahlung von Überstunden, Urlaub und vieles mehr. Und doch hat der 23-Jährige wieder einen Job als Leiharbeiter angenommen: "Man ist froh, dass man Arbeit hat."

Der gebürtige Thüringer fährt im blauen Dress einen Gabelstapler der Firma Pipp Papierverarbeitung durch die nagelneue Fabrikhalle in Essenbach bei Landshut. Für 8,22 Euro brutto pro Stunde. "Es gibt die Chance, übernommen zu werden", sagt der gelernte Facharbeiter für Lagerlogistik. Und so fährt er seine Runden, hebt Paletten auf Lkw.

Ob man einen weiteren Leiharbeiter zum Interview treffen könne? Bredys Chef überlegt, er ist der Regionalleiter des Zeitarbeitsunternehmens, begleitet wird er von der Mitarbeiterin einer PR-Agentur. Der Manager hat eine Idee, der Kandidat, der ihm vorschwebt, sei allerdings etwas "schwankend". Die PR-Agentin greift ein - und flüstert etwas zu laut: "Nicht, dass der sagt, Zeitarbeit ist scheiße." Das war's mit dem Interview. Die Branche ist nervös.

Jürgen Pipp findet dagegen klare Worte. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Betriebs, in dem Bredy arbeitet. Ihm gehe es nicht so sehr um billige Arbeitskräfte, sondern darum, die Schranken des Arbeitsrechts zu umgehen. "Die Probezeit kann ich durch die Leiharbeit auf unbestimmte Zeit verlängern", bekennt er offen. Bei normalen Arbeitnehmern sei das anders, und das sei für ihn ein "roter Punkt", sagt Pipp etwas ungelenk (siehe Video oben).

"Ich wär fast hops gegangen"

Wie wichtig Flexibilität für sein Unternehmen ist, hat Pipp im Krisenjahr 2009 gelernt. Für alle 50 festangestellten Mitarbeiter hat er Kurzarbeit angemeldet, die Aushilfen waren nur im Betrieb, wenn es Aufträge gab. "Ich wäre fast hops gegangen", sagt Pipp. Jetzt ist die Firma ausgelastet, der Unternehmer muss sogar Aufträge ablehnen. Erwartetes Umsatzplus: 25 Prozent.

Erst die Kurzarbeit, jetzt die Leiharbeit. Trägt das flexible deutsche Arbeitsrecht zur rasanten Konjunktur-Erholung bei? Oder missbrauchen die Unternehmer die gesetzlichen Möglichkeiten?

Dass viele Langzeitarbeitslose über die Zeitarbeit zurück ins Arbeitsleben finden, ist unstrittig. Fakt ist: Jede dritte Einstellung in Deutschland findet derzeit in der Zeitarbeitsbranche statt.

Auch Marcus Schulz, Deutschland-Chef der Zeitarbeitsfirma USG People, freut sich über einen rasant wachsenden Personalbestand. 40 Prozent Zuwachs in nur fünf Monaten. Mittlerweile fehlen schon geeignete Bewerber. "Bestimmte Qualifikationen sind auch für uns kaum noch zu rekrutieren."

Der smarte Manager kämpft aber nicht nur um Personal. Das schlechte Ansehen der Branche macht ihm ebenfalls zu schaffen. "Schlecker war unser Alptraum", sagt Schulz. Der Drogeriemarkt stand lange Zeit in der Kritik, weil er festangestellte Mitarbeiter in eine Zeitarbeitsfirma auslagern wollte. Dies seien zwar Machenschaften dubioser Konkurrenten, sagt Schulz. Doch sie hätten den Ruf der gesamten Zeitarbeitsbranche ruiniert.

"Man kann schummeln"

Tatsächlich wird immer wieder systematisch gegen Arbeits- und Tarifverträge verstoßen. Die Arbeitnehmer - froh über den neuen Job - merken das meist zu spät. Es gebe neben vielen seriösen Anbietern Firmen, "die versuchen, den Ertrag auf dem Rücken der Mitarbeiter zu optimieren", beklagt Schulz. "Es raubt mir den Schlaf."

Die Mitarbeiter würden etwa nicht korrekt in die Entgeltgruppen der Tarifverträge eingruppiert, erläutert Schulz. In manchen Fällen weigerten sich Zeitarbeitsfirmen, ihren Leuten Gehalt zu zahlen, wenn es für sie gerade keinen Einsatz gebe. Und bisweilen werde das Entgelt im Krankheitsfall ebenfalls nicht korrekt gewährt.

"Man kann schummeln", erklärt der Personalprofi - zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter für eine Nachtschicht vorgesehen ist. "Wird er krank, steht ihm trotzdem der Zuschlag für die Nachtarbeit zu. Diesen Zuschlag kann ich ihm aber vorenthalten und spare eine Menge Geld. Das ist Missbrauch."

Eigentlich soll das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz solche Fehler verhindern. Das Regelwerk ist wahrscheinlich das meistreformierte Gesetz im deutschen Arbeitsrecht. Auch im Herbst 2010 werden Politik und Interessengruppen über Änderungen streiten.

Gewerkschaften planen Proteste

So plant Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unter anderem eine "Schlecker-Klausel". Betriebe dürfen demnach Arbeitnehmer nicht entlassen und innerhalb von sechs Monaten als Leiharbeiter wieder beschäftigen, es sei denn zu gleichen Konditionen.

Den Gewerkschaften geht der Gesetzentwurf nicht weit genug. "Die Leiharbeit vermehrt sich rasant und verdrängt mehr und mehr Stammbeschäftigung", sagt der zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, zu SPIEGEL ONLINE.

Die IG Metall kündigt deshalb für den Herbst Proteste an. "Gegen das Bestreben, durch Leiharbeit ein zweites, niedrigeres Tarifniveau zu etablieren, werden wir Gegenwehr in den Betrieben organisieren", sagt Wetzel. Er spricht von einer "modernen Form der Ausbeutung".

Es klingt nach Klassenkampf in der Zwei-Klassen-Arbeitsgesellschaft.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 09.09.2010
1. Das fällt ja spät auf...
Zitat von sysopIn Deutschland gibt es fast eine Million Leiharbeiter. Kaum eine Branche wächst schneller - und keine ist so umstritten: Immer wieder werden üble Tricks und Fälle von Ausbeutung bekannt, die Gewerkschaften laufen Sturm. SPIEGEL ONLINE hat Jobber auf Zeit und ihre Auftraggeber getroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,715879,00.html
Das fällt den Herrschaften von der Gewerkschaft ja ziemlich spät auf, dass Zeitarbeit meist auf Ausbeutung der Arbeitnehmer beruht!! - Komisch als Schröder, der Genosse der Bosse, die Zeitarbeitsfirmen immer mehr Rechte zugestand...da hat kein Gewerkschafter dagegen gesprochen...alles sind ihm Nachgelaufen um auch nur ein Lächeln von ihm zu erhaschen. Jetzt auf einmal fällt auf, dass die ganze Entwicklung in Richtung Zeitarbeit auch den Gewerkschaften die Mitglieder nimmt...und damit das Geld (Beiträge)...und jetzt bewegen sich die Bonzen auf einmal...leider fiel zu spät. Und ob was dabei rauskommt ist auch fraglich...
propaganda, 09.09.2010
2. immer wieder werden fälle
von ausbeutung bekannt?! wie naiv ist das denn bitte, lieber spiegel? ausbeutung ist sinn, zweck und kennzeichen von leiharbeit. wer sollte denn jemanden einstellen, wenn man ihn per leiharbeit billiger und "motivierter" bekommt...?! also bitte keine PR blasen und unseren neoliberalten vor-"denkern" nachbeten - danke!
rennix, 09.09.2010
3. Moderne Sklaverei
und nichts Anderes. Man muß das Kind schon beim Namen nennen. Die Flexibilisierung am Arbeitsmarkt wird auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. Für Geringqualifizierte gibt es mittlerweile keine Alternativen mehr zur Zeitarbeit. Und dies wird weidlich ausgenutzt. Ich habe zudem das Gefühl, dass die schwarzen Schafe der Branche in der Überzahl sind. Schöne neue Welt...
sic tacuisses 09.09.2010
4. Die Leiharbeitsbranche ist Schmarotzertum pur.
Zitat von sysopIn Deutschland gibt es fast eine Million Leiharbeiter. Kaum eine Branche wächst schneller - und keine ist so umstritten: Immer wieder werden üble Tricks und Fälle von Ausbeutung bekannt, die Gewerkschaften laufen Sturm. SPIEGEL ONLINE hat Jobber auf Zeit und ihre Auftraggeber getroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,715879,00.html
Warum ? Weil einige Unternehmen aus der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft schamlos Kapital schlagen. Hier geht es absolut nicht um Flexibilität für Unternehmen auf Spitzenanforderungen reagieren zu können, sondern einzig und allein um Lohndumping. Der immer weiter zunehmende Mangel an guten Leuten wird sich irgendwann rächen. Nur für gutes Geld gibt es gute Leistung. Alles andere führt früher oder später zu Mangelerscheinungen wie wir heute in sogenannten Billiglohnländern sehen. Einfache , technisch anspruchslose Massenfertigung für immer weniger aufnahmefähige Märkte. Unser Wohlstand kommt nicht von T-shirts für 90 cent. Wer mit 50 USD im Monat auskommen muss, wird keine 100 ausgeben können um unsere Produkte zu kaufen. BMW sucht händeringend Facharbeiter. Nachdem sie von kurzsichtigen Managern rausgeworfen wurden. Nur weiter so.
hook123 09.09.2010
5. Wieso die Aufregung?
Zitat von sysopIn Deutschland gibt es fast eine Million Leiharbeiter. Kaum eine Branche wächst schneller - und keine ist so umstritten: Immer wieder werden üble Tricks und Fälle von Ausbeutung bekannt, die Gewerkschaften laufen Sturm. SPIEGEL ONLINE hat Jobber auf Zeit und ihre Auftraggeber getroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,715879,00.html
Ich kann die Aufregung garnicht so richtig verstehen. Es war doch gewollt, dass normale Arbeitsverhältnisse in "Jobs" mit niedrigem Lohn verwandelt werden damit die Unternehmen richtig Reibach machen. Es war doch gewollt, dass die Menschen keine planbaren, stabilen Zukunftsperspektiven im Hinblick auf die Gründung einer Familie oder den Bau eines Hauses mehr haben sondern als Billiglohnsklaven in der Dauerprobezeit von Job zu Job marodieren. Alles politisch gewollt von den Menschen die wir gewählt haben. Wo ist also das Problem? Die Umverteilung von unten nach oben funktioniert doch Prima. Und wenn die Nachfrage nach qualifiziertem Personal höher ist als das Angebot, dann sind sich die Unternehmen auch nicht zu schade dafür sonst so viel gepriesene marktwirtschaftliche Grundsätze außer Kraft zu setzen und nach billigen Arbeitskraften aus dem Ausland zu schreien, anstatt mehr zu zahlen. Schließlich geht es um Deutschlands Konkurrenzfähigkeit im globalen Vergleich und wenn man mit Ländern ohne Arbeitsschutzbestimmungen, Wander- und Kinderarbeitern im Wettbewerb steht, dann muss man eben Abstriche machen, nur nicht bei den Managergehältern. Die sollten nur einen Weg kennen: Aufwärts.
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