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Lebensmittel-Kennzeichnung: Futtern für das Klima

Von Daniela Schröder

Ein Kilo Haferflocken produziert 0,8 Kilo Kohlendioxid: Ein Aufdruck wie dieser steht künftig auf Produkten aus Schweden. Als erstes Land Europas führen die Skandinavier eine Klima-Kennzeichnung für Lebensmittel ein. Die Bürger sollen von Rind auf Geflügel umsteigen - und von Tomaten auf Möhren.

Burger mit CO2-Kennzeichen: Der Verkauf von Fast Food ist um 20 Prozent gestiegen Zur Großansicht

Burger mit CO2-Kennzeichen: Der Verkauf von Fast Food ist um 20 Prozent gestiegen

Hamburg - Möhren, Kartoffeln und Hühnchen, zum Nachtisch Waldbeeren - so sieht eine ideale klimafreundliche Mahlzeit in Schweden aus. Als erstes Land in Europa will Schweden den Kampf gegen die Erderwärmung jetzt auch auf den Tellern der Verbraucher führen. Ein Treibhausgas-Kennzeichen auf Lebensmitteln soll das Bewusstsein der Bürger fördern. Zu Kalorien und Kohlenhydraten kommt damit eine weitere Wertekategorie: der Klimaschutz.

"Pro Kilo Produkt 0,87 Kilo CO2" klebt neuerdings auf Haferflocken-Päckchen in Schwedens Supermärkten. Mit dieser Art von Transparenz geht das skandinavische Land beim Klimaschutz völlig neue Wege. Denn um den Ausstoß von schädlichen Treibhausgasen zu drosseln, konzentrieren sich Europas Regierungen nur auf sparsame Autos oder Energiesparlampen - und sie diskutieren über die Notwendigkeit von Wäschetrocknern.

Lebensmittel aber spielten bisher kaum eine Rolle. Dabei ist ihr Einfluss auf das Klima groß: Zwischen 20 und 30 Prozent der im Alltagsleben verursachten Umweltschäden entstehen durch das, was die Europäer essen und trinken, schätzen Experten. In die Rechnung einbezogen sind alle Schritte von der Herstellung über den Transport bis zum Verkauf der Produkte - vom Feld bis auf den Tisch des Verbrauchers.

Lebensmittel, deren Produktion mehr als 25 Prozent Treibhausgas gegenüber dem Durchschnitt anderer Lebensmittel der gleichen Kategorie einsparen, dürfen in Schweden mit einem entsprechenden Hinweis versehen werden. Noch klebt das Label nur auf heimischen Produkten, darunter Fleisch, Milch, Gemüse und Getreide. Klima-Kriterien für importierte Waren aber sind bereits in Arbeit.

Empfehlungen für eine klimafreundliche Ernährung

Hinter der Aktion stehen die Vereinigung der schwedischen Bauern, Kennzeichnungsverbände für Nahrungsmittel sowie Milch- und Fleischkooperativen. Aber auch Schwedens Nahrungsmittelindustrie zieht bei der neuen Initiative voll mit. Der Großkonzern Lantmännen etwa hat damit begonnen, Klima-Angaben auf seine Produkte zu drucken. Berücksichtigt werden alle Treibhausgase, die durch Düngemittel, Ernte, Transport und durch die Verpackungen entstehen.

Ebenfalls im Boot ist Schwedens Fast-Food-Kette Max. Sie schreibt den Klimawert ihrer Burger und Sandwiches auf die Menütafeln. Und ab 2010 will der größte schwedische Zertifizierer von Bio-Produkten niedrige CO2-Werte zur Auflage für sein Öko-Siegel machen. Treibhäuser müssen dann mit Biomasse heizen, und Milchbauern müssen statt billigem Soja aus Brasilien den Großteil des Viehfutters wieder aus der Region beziehen, wenn sie eine Chance auf das Image fördernde Label haben wollen.

Der Aufwand lohnt sich jedoch: Seitdem schwedisches Fast Food ein CO2-Kennzeichen trägt, verkaufen sich die klimafreundlichen Produkte um 20 Prozent besser als vorher. Das lässt Umweltexperten hoffen: Denn wenn sich alle Bürger strikt klimafreundlich ernähren, so die Rechnung, dann könnte das Land seine Treibhausgas-Emissionen um die Hälfte herunterschrauben.

Esst mehr Kartoffeln, rät die Lebensmittelbehörde

Das neue Label soll den Verbrauchern die Entscheidung beim Einkauf leichter machen. Denn während die meisten über Nährwerte, Kalorien und Fett gut Bescheid wissen, haben die wenigsten eine Ahnung, dass Gerste dreimal besser für den Temperaturhaushalt der Erde ist als Schwedens liebstes Grundnahrungsmittel: der Reis. Nach Schätzungen des Weltklimarats trägt der Anbau von Reis entscheidend zur Steigerung der Emissionen von Methan bei, das sich noch weitaus schädlicher auf das Weltklima auswirkt als Kohlendioxid.

Esst mehr Kartoffeln, empfiehlt daher Schwedens Lebensmittelbehörde. Gemeinsam mit einer Umweltorganisation hat sie vor kurzem Empfehlungen für eine klimafreundliche Ernährung herausgegeben - in Europa eine bislang einmalige Aktion.

Ganz oben auf der schwarzen Liste stehen Fleisch und - mit einigem Abstand - Milchprodukte. "Es ist die Gruppe der Lebensmittel mit den größten Auswirkungen auf die Umwelt", betont die Behörde. Denn Rinder produzierten bei der Verdauung große Mengen Methan. Pro Kilo Rindfleisch fielen so zwischen 15 und 25 Kilogramm Treibhausgas an.

Klima-Fußabdruck für Lebensmittel und Getränke

Wenn es denn unbedingt Fleisch sein muss, raten die schwedischen Lebensmittelexperten lieber zum umweltfreundlicheren Geflügel, das pro Kilo gerade ein Zehntel der schädlichen Treibhausgase produziere. Auch von Tomaten sollten sich die Verbraucher besser verabschieden und stattdessen Möhren essen, denn diese verursachten 90 Prozent weniger schädliche Klimagase.

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Globale Erwärmung: Sicherheitsrisiko Klimawandel

Die Regierung in Stockholm hat die Vorschläge nun an andere europäische Länder weitergereicht und wartet auf erste Reaktionen. Auch in Brüssel machen sich Lebensmittel-Experten Gedanken zur Nachhaltigkeit der Nahrungsmittel-Herstellung: Die EU-Kommission will bis 2011 eine Methode zur Berechnung des Klima-Fußabdrucks für Lebensmittel und Getränke entwickeln.

Dass plötzlich der Klimaeffekt der Nahrung eine entscheidende Rolle spielt, bedeutet für die Verbraucher ein radikales Umdenken. Schließlich hießen die Kaufkriterien bisher Bio und Öko. Oder ballaststoffreich und fettarm. Doch bald dürften sich umwelt- und gesundheitsbewusste Verbraucher auch nach dem CO2-Wert richten.

Eine gesunde Ernährung vertrage sich bestens mit umweltfreundlichen Entscheidungen, beteuern die schwedischen Experten. Nur beim Fisch sehe es anders aus. Der sei zwar gesund, aber noch lange nicht empfehlenswert. Zuchtlachs etwa, sehr beliebt in Schweden, sei schuld an der Überdüngung von Gewässern. Aber auch dem Meeresfisch verpassten die Forscher eine miese Klima-Note. Grund ist der Diesel, den die Fangschiffe verbrauchen. Allein Muscheln bekamen grünes Licht. Das Argument: Muscheln ernähren sich nicht von Kohlendioxid verursachendem Fischfutter, sondern von Plankton. Und damit helfen sie auch noch im Kampf gegen die Überdüngung der Meere.

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Forum - Was tun zum weltweiten Klimaschutz?
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1.
lateral 18.09.2009
Zitat von sysopFrankreichs Präsident Sarkozy verliert die Geduld: Er droht mit Strafzöllen in Europa, sollte beim Gipfel in Kopenhagen kein globales Klimaabkommen zustande kommen. Doch die Einführung von Energie-Importabgaben hätte verheerende Folgen, warnen Experten. Wie kann effektiver Klimaschutz weltweit erreicht werden?
Sich immer und immer nur eine einzige Frage zu stellen: "Cui bono?"
2.
AndyH 18.09.2009
Zitat von sysopFrankreichs Präsident Sarkozy verliert die Geduld: Er droht mit Strafzöllen in Europa, sollte beim Gipfel in Kopenhagen kein globales Klimaabkommen zustande kommen. Doch die Einführung von Energie-Importabgaben hätte verheerende Folgen, warnen Experten. Wie kann effektiver Klimaschutz weltweit erreicht werden?
Völliger Unfug. Garnicht. Klima ist ein Durchschnittwert von 30 Jahren Wetter. Das heisst Sarkozy müsste Wetter machen, aber das konnten weder die Hexen noch die Regentänzer. Es ist mir schon klar, dass die Staatshaushalte klamm sind und gegen die Konkurrenten gerne mal Zölle eigneführt werden sollten, aber das alles ist nur Unfug und nichts anderes als Protektionismus im Ökogewand.
3. ...
e-ding 18.09.2009
Zitat von sysopFrankreichs Präsident Sarkozy verliert die Geduld: Er droht mit Strafzöllen in Europa, sollte beim Gipfel in Kopenhagen kein globales Klimaabkommen zustande kommen. Doch die Einführung von Energie-Importabgaben hätte verheerende Folgen, warnen Experten. Wie kann effektiver Klimaschutz weltweit erreicht werden?
Der Zug ist abgefahren, es sei denn Sarkozy schafft es irgendwie, die Weltbevölkerung zu halbieren.
4.
login37 18.09.2009
Mal abgesehen davon, das ich überhaupt kein Fan von Zöllen bin, verstehe ich das Duckmäusertum gegenüber China nicht. Natürlich würde es einer Reihe von europäischen Unternehmen weh tun, wenn China als Gegenreaktion auch diverse Strafzölle einführt. Aber egal ob Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, andere europäische Länder oder auch die USA: Die haben alle seit Jahren ein gigantisches Außenhandelsdefizit mit China. Für China ist Deutschland der wesentlich wichtigere Exportmarkt als umgekehrt China für Deutschland. Für die anderen Länder gilt das genauso. Bei einem Handelskrieg hat China wesentlich mehr zu verlieren als Europa. Und insofern darf das Thema schon mit harten Bandagen ausgefochten werden. Der ständige Verweis auf Chinas Bedeutung als Absatzmarkt ist so nicht gerechtfertigt.
5. Dummes Geschwätz
filou11 18.09.2009
Das was Sarkorzy da fordert ist Unfug hoch 3! Dieser Mann hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger von nichts eine Ahnung, davon aber eine ganze Menge. Da es nun modern ist von „Klimaveränderungen“ zu reden, glaubt dieser „Präsident“ er müsse auch seinen Senf dazu geben. Ich möchte dazu einmal in Erinnerung rufen, dass es die gleichen „Wissenschaftler“ sind, sofern diese noch leben, die jetzt von Klimakatastrophe und Erderwärmung faseln, noch vor 30 Jahren eine Eiszeit beschworen haben. Glaubt etwa der Herr der „Grand Nation“ im ernst, dass Länder wie China oder Indien ihn ernst nehmen? Wenn der glaubt, Europa sei noch immer der Mittelpunkt der Welt unter Führung Frankreich, so hat der die Zeichen der Zeit überhaupt nicht mitbekommen. Europas und auch Frankreichs Zeit ist schon lange, lange vorbei. Und das kann dem nur klar gemacht werden, wenn Indien und China sich nicht erpressen lassen. Und Frankreich hat diesen Ländern so wie so nichts zu bieten!
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Im Überblick: Kipp-Punkte des Weltklimas

Wer wie viel CO2 reduzieren will
EU
Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.
USA
Die USA planen bis 2020 eine Verminderung um 17 Prozent, allerdings bezogen auf das Basisjahr 2005. Verglichen mit 1990 bedeutet das nach Berechnungen der Bundesregierung nur ein Minus von rund sechs Prozent. Der Senat muss dem Gesetz noch zustimmen.
Japan
Das Land hat zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um mindestens 15 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu reduzieren. Das soll unter anderem durch den Bau neuer Kernkraftwerke geschehen. Umweltschützer kritisieren, dass sich bezogen auf das Basisjahr 1990 nur eine Reduktion um acht oder neun Prozent ergibt - und Japan bereits sechs Prozent Reduktion nach dem Kyoto-Protokoll zugesagt hat.
China
Peking will bisher keine bindenden CO2-Reduktionsziele akzeptieren.
Indien
Auch Indien hat mehrfach klargemacht, dass sich das Land formalen Reduktionsverpflichtungen definitiv verweigern will.
Australien
Das Land arbeitet seine Reduktionsverpflichtungen derzeit noch aus. Diskutiert werden Vorschläge der Regierung, bis zum Jahr 2020 den CO2-Ausstoß um fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 zu verringern. Wenn andere Staaten sich ebenfalls zu Reduktionen verpflichten, ist ein Minus von 15 Prozent für denselben Zeitraum in Aussicht gestellt.

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