Lebensmittelhandel Wie Amazon die Deutschen umkrempeln will

Bei Lebensmitteln sind die Deutschen Onlinemuffel. Nur die Wenigsten lassen sich Milch, Fleisch und Gemüse nach Hause liefern. Das will der US-Riese Amazon nun ändern. Schafft er es auch?

Lieber zum Anfassen: Die Deutschen kaufen ihre Lebensmittel bevorzugt im Supermarkt.
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Lieber zum Anfassen: Die Deutschen kaufen ihre Lebensmittel bevorzugt im Supermarkt.


Oft ist Digitalisierung ein Synonym für alles Selbermachen: selber Geld überweisen, selber Tickets drucken, selber Waren einscannen. Anders im Onlinehandel: Wer will, kann sich zurücklehnen, per Klick Waren bestellen und sogar frische Lebensmittel direkt nach Hause geliefert bekommen.

Aber bisher wollen dies die wenigsten in Deutschland: Nur rund ein Prozent der Lebensmittelkäufe läuft hierzulande online - in Großbritannien sind es beinahe sieben Prozent. Dabei bieten die meisten Supermärkte den Service in deutschen Großstädten bereits seit vielen Jahren an. "Der Onlinegedanke der Unternehmen passt allerdings oft nicht zum Konsumverhalten der Kunden", sagt Handelsexperte Sascha Berens vom Forschungsinstitut EHI Retail.

Warum die Deutschen skeptisch sind

Das will nun ausgerechnet Amazon ändern: Mit seinem Dienst Amazon Fresh stößt der US-Konzern seit diesem Jahr in den deutschen Lebensmittelhandel vor. Das Ziel: die deutschen Onlinemuffel umzugewöhnen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov wollen rund 60 Prozent der Deutschen nicht auf den Einkauf im Markt verzichten. Die Gründe für die Skepsis sind vielfältig. 70 Prozent der Befragten wollen die Ware selbst in die Hand nehmen, prüfen und auswählen. Denn jeder Kunde hat spezielle Wünsche: von der Farbe über die Form bis hin zur Konsistenz.

"Deutsche kaufen gerne oft und spontan ihre Lebensmittel", sagt Handelsexperte Berens. Und das ist in Deutschland gut möglich: Die Filialdichte ist extrem hoch, der nächste Supermarkt meist nur wenige Minuten entfernt. Onlinebestellungen hingegen lohnen sich nur, wenn Kunden größere Mengen ordern. Deswegen gibt es meist Mindestbestellwerte, die viele Kunden zunächst abschrecken. Knapp die Hälfte der Befragten empfindet zudem die Lieferkosten als zu hoch. Denn dank der Discounter sind viele Deutsche daran gewöhnt, wenig für ihre Lebensmittel auszugeben.

Trotz der Skepsis sehen Experten im Online-Lebensmittelhandel auch in Deutschland viel Potenzial. Die Vorteile liegen auf der Hand: stressfreies Einkaufen, ohne Anstehen oder Gedrängel. Insbesondere für berufstätige Eltern mit wenig Zeit oder Rentner, die nicht mehr gut zu Fuß sind, könnte es von Vorteil sein. Auch viele Landbewohner nutzen laut Studie schon jetzt den Onlinekauf. Sie sparen so lange Wege zum nächsten Supermarkt.

Das Geschäft mit dem Essen

Bisher werden laut Bundeskartellamt 85 Prozent des Lebensmittelmarktes von vier Handelsketten kontrolliert. Doch nun stößt Amazon in den hart umkämpften Markt vor und liefert mit seinem Dienst Amazon Fresh frische Lebensmittel nach Hause.

Fresh startete bereits vor zehn Jahren in den USA, 2016 folgte Großbritannien, dieses Jahr sind Japan und Deutschland dran. Seit Mai liefert der Konzern in Berlin und Potsdam, inzwischen auch in Hamburg. Weitere Städte sollen folgen.

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Amazon: So drängt der US-Konzern in unser Leben

Wer bereits Amazon-Prime-Kunde ist - also ein Abonnement hat, dafür keine Versandkosten zahlt und unbegrenzt streamt - kann für zusätzliche 9,99 Euro im Monat auf Amazon Fresh erweitern. Im Sortiment sind 300.000 Produkte. Das ist 25-mal mehr, als etwa Rewe anbietet.

Wer am Mittag bestellt, bekommt die Ware am selben Abend nach Hause geliefert. Der Mindestbestellwert liegt bei 40 Euro. Noch schneller geht es mit Prime Now in Berlin und München: Binnen einer Stunde liefern die Angestellten bestellte Ware. Für knapp sieben Euro Lieferkosten. Oder umsonst innerhalb eines Zwei-Stunden-Zeitraums.

Deutsche Anbieter hinken hinterher

Die deutschen Anbieter müssen jetzt nachrüsten. Die fünf größten Händler für Onlinel-Lebensmittel sind derzeit: Der Boxversand Hello Fresh, Rewe, die Edeka-Tochter Bringmeister, Mytime sowie Allyouneed Fresh von der deutschen Post.

Edeka reagierte schnell auf den Einstieg Amazons und kündigte an, in Berlin ebenfalls noch am Tag der Bestellung auszuliefern. Rewe wiederum will das Onlineangebot mit Hilfe von Partnern zum Beispiel auf Parfum oder Spielwaren ausweiten.

"Die deutschen Anbieter haben ihr Angebot bereits verbessert ", sagt Handelsexperte Berens, "aber es ist noch viel Luft nach oben." Bisher machen die ursprünglichen Marktanbieter Verluste mit dem Onlinehandel. Berens schätzt, dass die Investitionen die Umsätze übersteigen. "Die Kosten sind mit Sicherheit höher, als die geforderten fünf oder neun Euro Liefergebühr", bestätigt Herbert Kotzab, Logistikexperte der Uni Bremen.

Warum ist das so?

Der Aufwand für Lieferung, Kühlkette und Logistik ist hoch. Die meisten Anbieter setzen auf Lieferdienste, viele auf die Post-Tochter DHL. Das führt zu fortlaufenden Kosten und Abhängigkeit. Laut Berens sei es besser, eigene Lieferdienste aufzubauen und die Ware direkt im Auto zu kühlen. Denn die Kühlkette einzuhalten, ist eine Herausforderung. Die Lieferanten müssen verschiedene Waren bei unterschiedlichen Temperaturen transportieren. Oft verwenden sie Trockeneis, Kühlakkus oder Gelpads. Das alles kostet und sorgt für viel Müll.

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Amazon: Das Ultra Fast Delivery Zentrum

"Der Käufer wirft einfach alles in eine Tüte und trägt es nach Hause", sagt Logistikexperte Kotzab, "der Lieferant darf das nicht." Das letzte Stück der Auslieferung sei insofern teuer für die Anbieter.

Außerdem muss der Käufer zu Hause sein, wenn die frische Ware ankommt. Manche Lieferdienste bieten ein Zeitfenster von zwei Stunden zur Auswahl. Allerdings erfordert dies gute Planung und viele Kunden auf engem Raum, sonst wird es schnell zum Minusgeschäft. Deswegen ist der Onlinehandel auch nicht überall verfügbar. Bundesweit liefern nur Mytime und Allyouneed Fresh aus. Den Lieferservice von Rewe gibt es derzeit in 75 Städten und deren Umland. Edeka liefert in Berlin und München und Kaufland nur in der Hauptstadt.

Ohne Mindestbestellwerte wäre das Geschäft kaum möglich. Alle Anbieter außer Mytime haben solche Grenzen - bei Rewe und Bringmeister etwa liegt sie bei 40 Euro. Hinzu kommen Lieferkosten, die erst bei großen Bestellmengen wegfallen. Rewe zum Beispiel verlangt pro Bestellung bis zu 5,90 Euro. Da klingt ein pauschal zu zahlender Betrag von 9,99 Euro im Monat - wie bei Amazon Fresh - für Kunden womöglich attraktiver. Vorausgesetzt, man ist schon Prime-Mitglied.

Wird Amazon den Markt übernehmen?

Amazon hat den Ruf, die Abläufe vom Bestellen bis zum Verpacken optimal durchzuplanen. Allerdings hapert es bei der Belieferung. "Dass der Verbraucher zu Hause ist, wenn die Ware ankommt, kann kein Lieferant gewährleisten", sagt Kotzab. Amazon baut einen eigenen Vertrieb auf: Paketboxen an Tankstellen, Kuriere mit Fahrrädern oder Paketautos. In New York liefern Kuriere die Pakete bereits per U-Bahn aus, in Großbritannien setzt Amazon Drohnen ein.

Der Konzern nimmt dabei die anfänglichen Verluste in Kauf und scheut keine Investitionen. In den USA hat Amazon im September die Supermarktkette Whole Foods für 13,7 Milliarden Dollar übernommen. "Amazon wendet die gleiche Strategie an, mit der bereits Buchverkäufern und anderen Einzelhändlern zugesetzt wurde", sagte Marktexperte Chris McCabe dem "Wall Street Journal". Der Konzern schalte Konkurrenz mit geringen Preisen aus und übernehme so den Markt. Auch in Deutschland hat der US-Riese Elektro- und andere Einzelhändler schnell abgehängt.

Droht dieses Schicksal nun auch den Supermärkten? Experte Berens glaubt nicht, dass Amazon die etablierten Anbieter der Lebensmittelbranche verdrängen wird. Dafür sei der Supermarkt den Deutschen zu wichtig. Amazon hat allerdings einen entscheidenden strategischen Vorteil: Datenanalyse. Der Konzern geht derzeit Kooperationen mit regionalen Händlern wie dem Bäcker um die Ecke ein - und lernt so die Kundenwünsche vor Ort kennen. Über die Datenbanken sieht Amazon, was wo gekauft wird - und kann gut laufende Produkte später nachahmen.

Mit der Zeit könnte Amazon online und stationären Verkauf bundesweit verknüpfen. Handelsexperten prognostizieren, dass sich in Deutschland solch eine Mischung aus verschiedenen Kanälen etablieren wird. Mit genügend regionalen Partnerschaften kann der Konzern letztlich sein Ziel erreichen: Die Deutschen glauben lassen, dass sie ihre Lebensmittel online bestellen wollen.



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Seite 1
Garda 11.09.2017
1. Höchste Zeit!
Wenn man in der Provinz lebt, und bei Penny nur ägyptische Kartoffeln, 2,30 Euro-Wein und schwachsinnigen glutenfreien Camembert kaufen kann, wird es Zeit, auch mal was vernünftiges zu bestellen. Nicht jeder hat den Münchener Viktualienmarkt um die Ecke. Nur sind meine Landsleute überwiegend pervers in puncto Lebensmittelqualität (sehe ich jeden Tag im Supermarkt an der Kasse), aber man darf nicht aufgeben!
allessuper 11.09.2017
2. na ja, je mehr Senioren es gibt
und je weniger Familienzeit übrig bleibt, desto mehr Chancen für gOOgle. Deswegen sollten jetzt lokale Bio-Lieferanten durch Förderung nach vorne gebracht werden. Zumindest sollte es in einer normalen Regierung so sein. Lieferung nach Hause spart ja auch viel Sprit und ist in der Stadt grundsätzlich nicht verkehrt, geht aber auf Kosten der wenigen "sozialen Kontakte" vieler Senioren.
bausa 11.09.2017
3. Nein danke
solange ich laufen kann,werde ich selbst einkaufen,da ich dies nicht als Stress empfinde. Ich habe einmal über einen Liegerservice Pizza bestellt,nie wieder.Ausserdem sollte man auch mal überlegen wieviel zusätzliche Emissionen verursacht und Verpackungen dafür gebraucht werden.Und im übrigen Amazon und Co lassen jede Innenstadt veröden.Wollen wir das wirklich?
na-bravo 11.09.2017
4. Nicht bei frischen Lebensmitteln!
Abgepackte Sachen wie Kaffee etc. das vielleicht, aber frische Lebensmittel wie Obst, Fleisch und Gemüse die möchte ich schon selber in Augenschein nehmen und auswählen.
quark2@mailinator.com 11.09.2017
5.
So langsam sollte sich das Gesundheitsministerium der Sache mal annehmen. Viele Wege, die man früher gehen mußte, entfallen wegen des Online-Handels. Ich kann bei vielen alten Menschen beobachten, daß der regelmäßige Einkauf von Lebensmitteln genau das ist, was sie dazu bringt, vor die Tür zu gehen, Sonne zu tanken und sich körperlich anzustrengen. Wenn wir alles geliefert bekommen, fallen irgendwann die Beine ab. Natürlich ist mir klar, daß frei-Haus-Lieferungen ab einem gewissen Alter ein wahrer Segen wären und ich würde es natürlich begrüßen, wenn kranke und bettlägerige Menschen die Option hätten, aber wer nach hutschen kann, der lebt länger und besser, wenn er sich auch bewegt. Und ich merke es an mir selbst - wenn ich das Buch nachts um 3 online über A bestellen kann, gehe ich nicht rüber in den Buchladen ... der innere Schweinehund ist schon ziemlich ausgeprägt und ich wünschte mir, A hätte hohe Lieferkosten :-) ...
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