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Abschied vom Garantiezins: Gut für die Versicherer, schlecht für die Kunden

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Senioren in Berlin: Was bleibt als Rendite übrig?

Die deutschen Lebensversicherer bieten immer häufiger Policen ohne Garantiezins an. Das soll die Renditechancen der Anleger erhöhen - nutzt aber vor allem den Anbietern.

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Die Allianz ist begeistert. Bei den Lebensversicherungen schreibe man eine "Erfolgsgeschichte", meldete der größte deutsche Versicherer kürzlich bei der Bekanntgabe seiner Halbjahreszahlen. Grund für den Optimismus sind vor allem neue Produkte, die ohne den sogenannten Garantiezins auskommen. Sie versprechen den Kunden also nicht mehr eine bestimmte sichere Verzinsung, werben dafür aber mit höheren Renditechancen.

Rund 130.000 Kunden haben laut Allianz in den vergangenen zwei Jahren die neue garantiezinsfreie Police "Perspektive" abgeschlossen. Mittlerweile hat das Unternehmen noch vier weitere Produkte ohne garantierte Verzinsung aufgelegt, die teilweise auch an die Entwicklung von Aktienindizes geknüpft sind. Insgesamt machen solche Policen mittlerweile 63 Prozent des Neugeschäfts mit Privatkunden aus.

Auch die Vertreter bewerben sie bevorzugt. Ohne Garantiezins, so die Argumentation, sei die Allianz freier in der Geldanlage - und könne zum Beispiel einen höheren Anteil der Kundengelder in Aktien investieren, was wiederum eine höhere Rendite bringe. Wer 30 Jahre lang 100 Euro pro Monat einzahle, könne so, je nach Risikograd des neuen Produkts, am Ende mit 2772 bis 16.691 Euro mehr rechnen.

Die neue, garantiezinsfreie Welt kommt offenbar nicht nur bei der Allianz gut an. Konkurrenten wie Generali oder Zurich Deutscher Herold vertreiben gar keine Produkte mit Garantiezins mehr. Die Talanx-Gruppe, zu der unter anderem die Marken HDI und Neue Leben gehören, will ab Ende 2016 folgen.

Für die Versicherer ist die Abkehr vom Garantiezins der wohl letzte Notausgang, den sie noch nehmen konnten. Jahrzehntelang hatten sie ihre Kunden mit teilweise extrem hohen garantierten Zinsen gelockt - noch im Jahr 2000 etwa waren es vier Prozent. Für die meisten Versicherten, die damals eine Police abgeschlossen haben, sind diese Verträge auch heute noch ein gutes Geschäft. Auch wenn in Zeiten der allgemeinen Niedrigzinsen die sogenannte Überschussbeteiligung der Kunden sinkt - die vier Prozent sind ihnen bis zum Ende der Laufzeit sicher.

Ein Geschenk des Himmels

Für die Unternehmen liegt genau da das Problem: Sie müssen ihre Versprechen der Vergangenheit erfüllen, was ihnen angesichts des niedrigen Zinsniveaus am Kapitalmarkt aber zunehmend schwerer fällt. Das liegt daran, dass Lebensversicherer das Geld der Kunden vor allem in Anleihen hoher Bonität investieren, also etwa in deutsche Staatsanleihen. Die werfen derzeit aber kaum noch etwas ab. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren liegt die jährliche Rendite aktuell bei nicht einmal 0,6 Prozent - zu wenig, um auf Dauer Vier-Prozent-Versprechen zu erfüllen.

Die neuen Produkte ohne Garantieverzinsung scheinen da für die Branche wie ein Geschenk des Himmels. Nicht nur die Versicherer bejubeln die Policen, auch die Finanzaufseher bei der staatlichen Behörde BaFin sind froh, wenn sich die Unternehmen nicht noch mehr Lasten aufbürden, die sie auf Jahrzehnte mit sich herumschleppen müssen.

Doch was ist eigentlich mit den Kunden? Die Policen mit Garantiezins waren für sie schon lange kein lohnendes Geschäft mehr. Wer noch die alten, hohen Zinszusagen bekommen hat, kann sich glücklich schätzen. Doch vom Abschluss neuer Verträge mit einem Garantiezins von 1,25 Prozent raten Experten in der Regel ab - auch wegen der hohen Vertriebs- und Verwaltungskosten, die dabei den Kunden aufgebürdet werden und die die tatsächliche Rendite im Schnitt auf rund 0,5 Prozent schrumpfen lassen.

"Man ködert die Kunden mit höheren Zinsen"

Diese alten Probleme werden die Kunden auch mit den neuen Produkten nicht loswerden. Dafür kommen weitere hinzu.

Für Verbraucherschützer wie Nils Nauhauser ist der Trend weg von den Garantien zwar "ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit". Dennoch rät der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg von den neuen Policen ab. Zu schlecht seien die Aussichten vieler Lebensversicherer. "Für Anleger ist nicht erkennbar, ob sie hier auf ein sinkendes Schiff aufspringen."

Nauhauser und andere Verbraucherschützer stört vor allem die Intransparenz der neuen Produkte. "Man ködert die Kunden momentan mit einer höheren Verzinsung - aber ob das am Ende haltbar sein wird, ist eine andere Frage", sagt Nauhauser. "Wer sich darauf einlässt, muss dem Anbieter schon großes Vertrauen entgegenbringen."

Tatsächlich haben die neuen Produkte für die Versicherer den Vorteil, dass diese die genaue Verzinsung für die Kunden erst am Ende festlegen müssen. Sie entscheiden dann je nach Marktlage. Garantiert ist dem Kunden zum Beginn des Ruhestandes in der Regel nur das eingezahlte Kapital - ohne jegliche Rendite.

Was die neuen Kunden darüber hinaus erwarten können, ist fraglich - auch, weil die Versicherer ihre Versprechen an die alten Kunden mit den hochverzinsten Verträgen einlösen müssen. "Die Versicherer brauchen das Geld, um ihre Altlasten zu bezahlen", erklärt Experte Nauhauser. Ob für die Versicherten auf Dauer Zinsüberschüsse übrig blieben, sei heute kaum abzusehen. "Die Unternehmen verteilen die Erträge mehr oder weniger willkürlich unter verschiedenen Tarifgenerationen."

Zusammengefasst: Die klassische Lebensversicherung lohnt sich für die Anbieter kaum noch. Immer stärker setzt die Branche deshalb auf neue Produkte ohne Garantiezins. Das könnte die Versicherer retten - den Kunden jedoch droht laut Verbraucherschützern ein schlechtes Geschäft.

Haftpflicht, Rente, Zahnersatz

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
deus-Lo-vult 21.08.2015
Die Lösung ist so einfach: Risikolebensversicherung! Und das gesparte Geld in Fonds, etc. anlegen. Der Verbraucher hat die Macht! Nicht die Konzerne.
2. Deshalb...
snark 21.08.2015
... nimmt man eine Risikolebensversicherung wenn man Partner oder Familie absichern will, und fürs langfristige Sparen eine Mischung aus verschiedenen Fonds (ETFs). Da kann man sich das Portfolio nach den eigenen Wünschen stricken und erzielt schon wegen der gesparten Gebühren fast sicher eine bessere Rendite als mit einer Lebensversicherung.
3. Nichts neues
M. Michaelis 21.08.2015
Kapitalbildende Lebensversicherungen waren schon immer ein gutes Geschäft für die Versicherer zulasten der Kunden.
4. Ohne Garantiezins...
donadoni 21.08.2015
...gibt es bei diesem neuen Produkt nichts, was garantiert wird. Offenbar ist die Ablaufleistung dann völlig der Willkür der Versicherungen ausgesetzt wie einst die Überschussbeteiligung, die auch Null sein kann. Man kann jedem nur raten, von solchen Versicherungsprodukten die Finger weg zu lassen. Ich halte es mit meinem Opa, der schon vor langen, besseren Jahren als heute sagte: "Ich brauche niemand, der mein Geld auf dem Haufen stapelt." Auch bei dem neuen Produkt wird erstmal eine dicke Provision für die Versicherung fällig. Und darum geht es den Versicherungen.
5. Quatsch-Produkte
noalk 21.08.2015
Günstige Risiko-Lebensversicherung abschließen und vom Restgeld regelmäßig Aktien von renommierten (Lebens-)Versicherungen ins Depot betten. So geht gute Altersvorsorge.
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