Minizinsen 34 Lebensversicherern drohen Finanzprobleme

Mehr als jeder dritte Lebensversicherer in Deutschland könnte finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Das bestätigt die Finanzaufsicht BaFin dem SPIEGEL. Grund sind die seit Jahren niedrigen Zinsen.

BaFin-Zentrale in Bonn
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BaFin-Zentrale in Bonn


Deutschlands Lebensversicherer leiden seit Jahren unter den niedrigen Zinsen. Bei vielen Unternehmen gehen die Probleme so weit, dass die Finanzaufsichtsbehörde BaFin sie unter die sogenannte "intensivierte Aufsicht" gestellt hat.

Laut einem bisher unveröffentlichten Evaluierungsbericht des Finanzministeriums, der dem SPIEGEL vorliegt, unterliegen derzeit 34 von insgesamt 87 Lebensversicherern in Deutschland dieser intensivierten Aufsicht. Dies betreffe "Unternehmen, bei denen es sich aus der jährlichen Prognoserechnung ergibt, dass sie mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten haben könnten". Eine BaFin-Sprecherin bestätigte die Zahlen auf Anfrage.

Der Ministeriumsbericht, der eigentlich der Evaluierung eines 2014 beschlossenen Reformgesetzes dienen soll, nennt keine Namen der betroffenen Unternehmen. Insgesamt konstatiert das Ministerium, dass das "Gefährdungspotenzial des Niedrigzinsumfelds" zwar tendenziell zugenommen habe, die untersuchten Lebensversicherer aber "die zugesagten Leistungen planmäßig erbringen und alle regulatorischen Anforderungen erfüllen". Dazu hätten auch die in dem Gesetz beschlossenen Maßnahmen beigetragen.

Branche sieht keinen Grund zur Sorge

Lebensversicherer leiden unter den seit Jahren niedrigen Zinsen, weil sie das Geld ihrer Kunden zum Großteil in festverzinslichen Wertpapiere anlegen. Diese Papiere werfen immer weniger Zinsen ab - zugleich müssen die Versicherer aber weiterhin die hohen Zinsversprechen erfüllen, die sie ihren Kunden vor Jahren gegeben haben. Das bringt einige Unternehmen offenbar zumindest in eine schwierige Lage.

Wird ein Unternehmen von der BaFin unter "intensivierte Aufsicht" gestellt, muss es der Behörde halbjährig über die aktuelle Lage und die Aussichten berichten. Dabei geht es darum, sicherzustellen, dass die Unternehmen ihre Verpflichtungen gegenüber den Kunden erfüllen. Aus dem Finanzministerium hieß es am Mittwoch, es gehe vor allem darum, künftige Schwierigkeiten zu erkennen. Eine intensivierte Aufsicht heiße nicht, dass finanzielle Probleme bestünden.

Auch aus Sicht der Branche besteht für die Versicherten kein Anlass zur Sorge. Alle Lebensversicherer könnten die gesetzlichen Vorgaben erfüllen", teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit. In der aktuellen Niedrigzinsphase sei es Aufgabe der BaFin, genau hinzuschauen. "Wir haben jedoch keine Kenntnis, nach welchen Kriterien die Bafin eine intensivierte Aufsicht durchführt."

stk/dab



insgesamt 17 Beiträge
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Zottelbär 27.06.2018
1. Warten auf den Ernstfall
Dann warten wir mal auf den ersten (im wahrsten Sinne des Wortes) Fall, in dem die Aufsichtsbehörde gemäß § 314 Abs. 2 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) die Verpflichtungen eines Lebensversicherungsunternehmens herabsetzt. Folge: Die Pflicht der Versicherungsnehmer, die Versicherungsentgelte in der bisherigen Höhe weiterzuzahlen, wird durch die Herabsetzung nicht berührt. Diese Vorschrift ist bislang leider kaum bekannt.
einfachgudd 27.06.2018
2. Heute war doch zu dem Thema....
Heute war doch zu dem Thema....ein Gerichtstermin in Karlsruhe!!! Warum lieber SPON erwähnt ihr das nicht in dem Artikel, das würde dann ein anderes Bild auf die aussage der Versicherungswirtschaft werfen! Auch aus Sicht der Branche besteht für die Versicherten kein Anlass zur Sorge. Alle Lebensversicherer könnten die gesetzlichen Vorgaben erfüllen", teilte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit.
ned divine 27.06.2018
3. Ernsthafte Probleme?? Höchstens jedoch....
Für die Betroffenen und damit die Versicherten. So bin ich doch froh, dass ich meine einzige LV vor vielen Jahren aufgelöst habe. Wieder einmal wird deutlich, dass man nur die Versichrungen haben sollte, zu denen man per Gesetz gezwungen wird, KK, PV AV. Solche " unseriösen Modelle" wie LV sind schon lange nur noch für die Versicherungen ein Gewinn. Unfallversicherung, LV, alles schnellstens auflösen, absoluter Schwachsinn - im Zweifel zahlt die Vesicherung eh nicht und auch dann nicht, wenn es für die Versicherung zu teuer wird, eigentlich auch klar, oder? Denn es ist genau das kalkül dieser "sogenannten Unternehmen". Leider allerdings, denn es ist vollkommen daneben und absolut unseriös. Schon mein Großvater wusste es, die einzigen wahren "Halsabschneider" damals vor 100 Jahren und noch heute ist das so, sind Banken und Versicherungen, daran hat sich nichts geändert.
fhassler 27.06.2018
4. Nicht nur Versicherungen
Auch Versorgungswerke, Pensionskassen und auch Kapitalversicherungen werden ihre Probleme bei dieser künstlichen Nullzinspolitik bekommen. Solch eine Zinspolitik für die hoch verschuldeten Südländer konnte niemand vorausschauen. Deshalb auf die Versicherungen draufhauen und sie verunglimpfen ist ziemlich dumm. Meine Versicherung hat immer gezahlt und die Rendite zum aktuellen Zinsumfeld sind in Ordnung. Wir werden in den nächsten Jahren durch Italien sowieso keine höheren Zinsen sehen.
ansv 27.06.2018
5.
Manchmal bin ich froh, nicht mehr allzu jung zu sein. Mir wurde, als ich jung und blauäugig war, eine Immobilie als Anlage verkauft, die sich nahezu selbst finanzieren sollte, abgesichert mit einer Lebensversicherung. Wie man heute weiß, ein sehr wackeliges Modell, mit dem viele auf die Nase gefallen sind. Unseres ging gut aus und heute bin ich froh um die Immobilie, abbezahlt mit der bereits ausgezahlten Lebensversicherung - zwei Jahre später und das hätte alles nicht mehr funktioniert. Viel gewonnen habe ich nicht, aber auf jeden Fall keinerlei Verlust erlitten. Ich habe andere erlebt, die aus ihren Lebensversicherungen nicht rauskamen, sie dann mit viel Verlust verkaufen mussten. Dieses Geschäftsmodell war immer nur für eine Seite ein Gewinn: Für den Versicherer.
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