Zehn Jahre nach Lehman Der Krisen-Knick

Hätte es das Lehman-Debakel und die folgende Große Rezession nicht gegeben, sähe die Welt anders aus - und zwar besser. Und was lernen wir daraus?

Lehman Brothers (2013)
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Lehman Brothers (2013)

Eine Kolumne von


Es gibt wenige Wendepunkte in der Wirtschaftsgeschichte, die so tiefe Spuren hinterlassen haben wie die Lehman-Krise. Samstag jährt sich der Zusammenbruch der US-Investmentbank zum zehnten Mal. Es war der Beginn der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Seither ist vieles anders in der Wirtschaft.

Die Löhne steigen viel langsamer als früher. Die Inflationsraten sind außergewöhnlich niedrig. Die Zinsen liegen nach Abzug der Preissteigerung um Null. Eine höchst sonderbare Konstellation. Zumal in Zeiten, da die Konjunkturforscher vorrechnen, dass viele große Volkswirtschaften eine Boomphase erleben, darunter Deutschland und die USA.

Was ist hier eigentlich los? Diese Frage stellen sich auch die Notenbanken. Zehn Jahre nach dem großen Knall sind sie immer noch nicht zur Vor-Krisen-Normalität zurückgekehrt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von Japan kaufen nach wie vor Wertpapiere auf. Die EZB ist zwar dabei, ihre Anleihekäufe herunterzufahren, aber Zinserhöhungen dürften noch lange auf sich warten lassen (achten Sie Donnerstag auf die Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi). Einzig die US-Notenbank Federal Reserve ist auf vorsichtigem Zinserhöhungskurs und baut allmählich ihre Wertpapierpolster wieder ab.

Auch die Lage der Staatsfinanzen ist alles andere als normal. Deutschland mag in dieser Beziehung eine rare Ausnahme sein, aber alle anderen großen, reichen Volkswirtschaften haben im Zuge der akuten Krise der Jahre 2008/09 so viele Kredite aufgenommen, dass die Schuldenstände hoch sind wie nie zuvor in Friedenszeiten. Eine Hypothek für die Zukunft: Selbst moderate Zinsanstiege könnten eine Welle von Staatspleiten auslösen. Die akuten Probleme Argentiniens und der Türkei könnten sich als Vorboten einer solchen Zuspitzung entpuppen.

Kein Zweifel, hätte es das Lehman-Debakel und seine Folgen nicht gegeben, sähe die Welt heute anders aus. Und zwar besser.

All die verlorenen Jahre

In den Zahlenreihen der Ökonomen stellt sich die Krise als großer Knick dar. Der Wachstumstrend, dem die westlichen Volkswirtschaften jahrzehntelang folgten, flacht nach 2008 ab. Ohne den Krisenknick läge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf im westlichen Schnitt um 70 Prozent höher als 1990, wie Berechnungen der OECD zeigen. Die tatsächliche Entwicklung hingegen bleibt weit hinter dem alten Trend zurück. Mit anderen Worten: Die Bürger wären heute deutlich reicher, als sie es tatsächlich sind, hätte es die Krise nicht gegeben.

Zwar wächst die Wirtschaft seit einigen Jahren wieder. Doch die Wohlstandsgewinne bleiben frustrierend: Nach altem Trend hätten die OECD-Länder das heutige Einkommensniveau schon 2011 erreicht. Verlorene Jahre. Der Post-Krisen-Frust ist der Humus, in dem der Populismus gedeiht.

Gefangen in einer schlechteren Realität

Hinter den spröden Zahlen verbergen sich eine Menge Dramen. In Deutschland mag der große Knick kaum spürbar sein. Dafür fällt er anderswo umso dramatischer aus. Zum Beispiel in Italien, wo die Einkommen nach 2007 so stark eingebrochen sind, dass das Land auf das Niveau von 1999 zurückgeworfen ist. Ähnlich drastisch sind die Einbußen in Spanien, wie eine Analyse des Internationalen Währungsfonds zeigt.

Eine ganze Generation, die erwarten durfte, dass ihr Lebensstandard in gewohntem Tempo immer weiter steigen würde, findet sich in einer schlechteren Realität wieder. Betroffen sind vor allem Jüngere, die mit hoher Arbeitslosigkeit, unsicheren Jobs und niedrigen Einstiegsgehältern zurechtkommen müssen. Öffentliche Leistungen wurden gekürzt, Steuern erhöht, um Staatspleiten zu verhindern.

Wären wir heute in einer besseren Lage, wenn die US-Regierung eine Pleite von Lehman Brothers verhindert hätte? Und: Wie geht es eigentlich weiter?

Lehman war der Auslöser, nicht der Grund

Das Wirtschaftsdrama der Jahre 2008/09 hätte sich womöglich etwas sanfter abgespielt, wenn der damalige US-Finanzminister Hank Paulson, Ex-Chef des Wall-Street-Rivalen Goldman Sachs, sich entschieden hätte, Lehman Brothers aufzufangen. Aber in groben Zügen wäre die Geschichte wohl ähnlich verlaufen.

Schließlich hatte schon ab Spätsommer 2007 eine schleichende Finanzkrise begonnen. Die Banken liehen einander kein Geld mehr, weil sie fürchteten, die jeweils anderen Institute wären bald zahlungsunfähig. Die Notenbanken sprangen ein und ersetzten die Geldmärkte.

Wirtschaftshistoriker über wachsende Crash-Gefahr

Der Lehman-Crash war ein Symptom, ein Auslöser, aber nicht der tieferliegende Grund. Eine heiß gelaufene, hochverschuldete, hochspekulative Weltwirtschaft war reif für eine Korrektur. Weil der kreditfinanzierte Boom zuvor alles andere als nachhaltig war, hätte sich der realwirtschaftliche Knick wohl auch nach einer geordneten Lehman-Abwicklung herausgebildet.

Die Frage, wie es weitergeht, ist schwieriger zu beantworten. Was wirklich helfen würde, wäre eine ordentliche Portion gutes, altmodisches Wirtschaftswachstum. Aber die Bedingungen dafür sind nicht sonderlich gut.

Bremsen gibt es einige. Die hohen Schulden, nicht nur der Staaten, in vielen Ländern auch der Unternehmen, schränken die Investitionsspielräume ein. Die Wettbewerbsintensität hat nachgelassen: Auf vielen Märkten sammeln sich gigantische Gewinne bei wenigen Unternehmen, während große Teile der übrigen Wirtschaft darben. Kaum verwunderlich, dass die Produktivität stagniert - und in der Folge die Löhne kaum steigen, trotz vielbeklagter Arbeitskräfteknappheit.

Dazu kommt der grassierende Protektionismus à la Donald Trump. Statt fundamentale Wohlstandstreiber wie Bildung, Forschung und Innovation zu stärken, vergeuden Regierungen und Manager derzeit viel Zeit und Energie damit, die Auswirkungen von Handelsbeschränkungen zu mildern.

Zehn Jahre nach Lehman muss man feststellen: Die akute Krise mag längst vorbei sein. Allerdings ist seither der Ausnahmezustand zum Normalfall geworden.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche
Montag

Braunschweig - VW-Skandal I - Kurz vor dem dritten Jahrestag des Bekanntwerdens des VW-Abgasskandals beginnt vor dem Oberlandesgericht Braunschweig ein Musterverfahrens von Kapitalanlegern. Die Kläger fühlen sich von VW im Zuge des Abgasskandals falsch informiert.

Peking - Fernöstliche Preise - Chinas Statistikamt veröffentlicht Zahlen zur Inflationsentwicklung.

Dienstag

Barcelona - Ausstieg abgesagt? - Nationalfeiertag in Katalonien. Großkundgebungen für die Unabhängigkeit von Spanien werden erwartet.

Straßburg - Neustart für Griechenland? - Regierungschef Alexis Tsipras hält vor dem EU-Parlament eine Rede.

Mittwoch

Cupertino - Von Äpfeln und Birnen - Apple will Produktneuheiten vorstellen.

Donnerstag

Frankfurt - Draghi spricht - Ratssitzung der Europäischen Zentralbank. Danach erläutert Notenbankchef Draghi den weiteren Kurs der EZB vor der Presse.

Ankara - Krise, welche Krise! - Die türkische Zentralbank berät über die Geldpolitik. Eigentlich wären angesichts der Währungskrise heftige Zinserhöhungen nötig. Aber Präsident Erdogan ist dagegen.

Stuttgart - VW-Skandal II - Erste Zeugenbefragungen im Verfahren von Anlegern gegen die VW-Dachgesellschaft Porsche SE.

Freitag

Brüssel - Viel zu besprechen, wenig Geld - Treffen der EU- Entwicklungshilfeminister. Die Flüchtlingskrise hat die Dringlichkeit des Themas unterstrichen. Die Taten bleiben bescheiden.

Samstag

New York/Frankfurt - Ten Years After - 10. Jahrestag der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers, begleitet von Protesten beiderseits des Atlantiks. Europaweit startet die Protestaktion "Finance for the People!"

München - Augen nach Rechts - Der Wahlkampf in Bayern kommt auf Touren: CSU-Parteitag und Wahlkampfkundgebung mit Seehofer und Söder.

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
draco2007 09.09.2018
1.
Und Trump dereguliert die Banken wieder ohne Ende. Damit wieder schön auf Risiko gespielt werden kann. Ist es denn so schwer eine Finanzstransaktionssteuer einzuführen? Und/Oder eine Mindestfrist für den Wiederverkauf von Aktien? Oder das Verbieten von Wetten (Optionsscheinen) auf fallende Kurse? Einfach mal die ganze Börse wieder ihren ursprünglichen Zweck zuführen. Das Investment in Firmen auch für "einfache" Menschen. Keine Firma kann mit einem Investment irgendwas erreichen, wenn dieses nur Millisekunden gehalten wird. Allein die Tatsache, dass zwischen New York und London ein extra Unterseekabel gelegt wurde, was Millionen kostete, nur um die Verzögerung beim Börsen-Handel um 6 Millisekunden zu reduzieren. Das kann es doch nicht sein. Hier hätte Trump mal eine angebliche Stärke ausspielen können. Aber nein, geht ja nicht, er hat ja halb Goldmann Sachs im Kabinett sitzen. Nicht falsch verstehen. Deutschland und die EU sind auch nicht besser
obersterhofnarr 09.09.2018
2. Die völlig durchgedrehten Rohstoffpreise damals
waren der Sargnagel zur Subprimekrise. Die Amerikaner konnten die hohen Treibstoffpreise und die Zinsen/Tilgungen der Häuslekaufkredite nicht mehr gleichzeitig bedienen und so sind die Kredite geplatzt. Aber viel wichtiger als die Frage nach den Ursachen und den unmittelbaren Wirkungen ist die Frage, was lernen wir daraus? Erstens: Die schwarze Null ist alternativlos, egal wie niedrig die Zinsen sind. Schulden fliegen einem immer irgendwann um die Ohren, spätestens dann wenn die Zinsen wieder steigen. Es geht auch um die zukünftige Handlungsfähigkeit. Das haben Schäuble und Merkel völligst richtig gemacht. Zweitens: Trump und May wollen wieder zurück zur ungeregelten wilden Spekulantenzockerei am besten mit Rohstoffen und Wetten auf den Furz eines Zooaffen. Oder noch besser gegen alle möglichen Währungen. Damit wird wieder die Saat für die nächste Zockerkrise gelegt.
ArnoNyhm1984 09.09.2018
3. Fehlgelenktes Kapital
Faktisch haben wir eine Planwirtschaft: Politik und Zentralbanken "definieren" den Zinssatz. Und weil die Politik gerne auf Pump zu 0% Zinsen lebt, haben wir genau das: Regierungen und Unternehmen, die unter normalen Umständen schon längst Pleite hätten gehen müssen, können weiterhin Kapital verbrennen, das ansonsten produktiv hätte verwendet werden können. Drastischstes Beispiel hierfür ist Griechenland, bei dem man hirnlos 289 Milliarden Euro verschleudert hat für nicht mehr, als dass die Zockerbanken, welche die Finanzkrise verursacht hatten, künstlich am Leben erhalten wurden. Dem kleinen Mann in Griechenland hat das überhaupt nichts geholfen. Und der "Dank" eben jener Zockerbanken ist, dass sie noch dreister als zuvor zocken und den Steuerzahler noch dreister als zuvor in Geiselhaft nehmen, die Risiken ihrer Gier übernehmen zu müssen.
Cyberfeld 09.09.2018
4.
Nun man muss bedenken woher die Schulden kommen Schulden werden immer mit Schulden refinanziert in einem Fiat Geldsysteme. Das bedeutet aber nicht das das Systeme von Heute auf Morgen kollabiert da es mehre Stellschrauben hat wie Inflation , Zinsen und was daran dran hängt . Das Probleme ist das selbst kleine Abweichungen auf sehr lange Sicht eine Probleme werden . Nur sind die Abweichungen die zu 2008 führten waren nicht kleine die Unteren Einkommen schrumpften oder bleiben bestenfalls stabil das wirkte sich negativ auf die Inflation aus. Insgesamt geht die Inflation ihm Durchschnitt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zurück wenn man bis zum Beginn 20 Jahrhunderts geht und die bereinigt wie die Große Depression oder die Stagflation Phase. Ich kam daher zum Schluss das die Zinsen gemäßen an der wirklichen Inflation zu hoch waren alleine das Hätte was 2008 passiert ist um 10-15 Jahre in die Zukunft verschoben. Hätten sich die Löhne ihm gesamten Lohnspektrum gleichmäßig Entwickelt wäre die Krise auf unbestimmte Zeit verschoben worden
De facto 09.09.2018
5. Das Urproblem
Der Aufseher un der Politik hat auf ganzer Linie versagt: (1) warum erlauben wir Banken Geld zu kreieren! Banken tun das in dem nur ein Teil der Einlagen als Reserve gehalten werden muss. Das bedeutet das jeder Einlage von 100 Euro in das Banken-System bis 1000 wächst (angenommen 10% Reserven). (2) alle Bankenkrisen haben ihren Ursprung in Immobilien: egal ob Japan in den 80ern, Skandinavien in den 90ern oder USA in den 00ern. Der Grund liegt in wohlwollender Politik der Menschen animiert zu große Darlehen zu nehmen mit zu wenig Eigenkapital als Sicherheit. Die ungewollten Nebeneffekte sind vorprogrammiert - auf Pump steigende Immobilienpreise mit zu wenig Puffer wenn Zinsen steigen und/oder die nächste Rezession kommt.
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