Lehman-Crash: Wie deutsche Banken das Desaster befördert haben

Von Alexander Dill

Die Pleite der US-Investment-Bank Lehman Brothers hat deutsche Anleger Millionen gekostet. Dafür ist auch eine Initiative der deutschen Banken verantwortlich - denn sie hat den Verkauf der Schrottpapiere maßgeblich gefördert. Trotz Warnungen und mit dem Segen der Politik.

Ein Jahr nach Lehman: Proteste in ganz Deutschland Fotos
ddp

Hamburg - Es ist eine unscheinbare Erklärung, die das Basel Committee on Banking Supervision (BCBS) am 16. April 2008 veröffentlicht. Aber sie hat es in sich: "Speziell möchte das Komitee höhere Kapitalanforderungen für strukturierte Finanzierungen einführen, insbesondere für 'Mehrfachverbriefungen' von CDOs von ABS, die für die jüngsten Verluste verantwortlich sind", heißt es da.

Doch die Antwort, die die seit 1930 bestehende Dachorganisation der führenden Zentralbanken ein paar Wochen später erhält, fällt negativ aus: "Wir glauben", schreiben die deutschen Finanzexperten der renommierten Institution zurück, "dass die Anforderungen für die Kapitalausstattung für strukturierte Finanzierungen unter Basel II im Großen und Ganzen ausreichen." Außerdem, so fügen sie hinzu, seien ja die ABS von CDOs bereits unter Basel I eingeführt worden, und es bestünden erst seit wenigen Monaten Zweifel. Das sei zu kurz, um alles in Frage zu stellen.

Auf die Bitte, doch künftig Informationen über Problembanken schneller an die europäische Finanzaufsicht zu melden, antworten die Deutschen gar herablassend: "Eine detaillierte Prüfung dieses Vorschlages durch unsere Initiative wird erst möglich sein, wenn das Basel-Komitee seinen Bericht im November 2008 publiziert hat und auf der Basis dieses Berichtes ein akzeptabler Arbeitsplan verabschiedet wird." Doch dazu soll es nicht mehr kommen: Am 15.9.2008 meldet die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an und löst damit ein Beben an den internationalen Finanzmärkten und eine globale Wirtschaftskrise aus.

Werbung für den Handel mit "problembehafteten Aktiva"

Die Ahnungslosigkeit dieses Schreibens ist frappierend, noch interessanter aber ist der Absender: Die Antwort stammt von der "Initiative Finanzstandort Deutschland" (IFD), deren Sprecher Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist. Weitere Mitglieder neben der Deutschen Bundesbank und dem Bundesfinanzministerium waren damals: die deutschen Vertreter der Lehman Brothers, Goldman Sachs, Morgan Stanley, JPMorgan, Citibank und Merrill Lynch - kurz: das ehemalige Who-is-who der Investmentbanken. Das Konsortium wurde im Jahre 2003 ins Leben gerufen, um, wie der damalige Bundesbankpräsident Ernst Welteke schrieb, als Marktteilnehmer "Antworten auf die bestehenden Herausforderungen" zu finden.

Damals - vor der Krise - hieß das vor allem: Weniger Finanzaufsicht.

Es erstaunt deshalb nicht, was die Initiative im Jahre 2006 in ihrem zweiten Bericht als Erfolg verkauft: "In Bezug auf das Eingehen von Marktrisiken gibt es in Deutschland keine Anlagevorschriften", jubelten Ackermann und der mit unterzeichnende Staatssekretär im Finanzministerium, Thomas Mirow, damals. Der Handel mit notleidenden Krediten werde die Bilanzen "von problembehafteten Aktiva entlasten", die ganze Volkswirtschaft gewinne dabei an Finanzstabilität. Einziger Wehrmutstropfen für die Banker: Das Geschäft werde überwiegend von ausländischen Playern betrieben. "Inländische Käufer könnten dazu beitragen, die Nachfrage auf eine größere Basis zu stellen."

Und genau so kam es: Lehman Brothers und Partner verkauften ihre wertlosen Zertifikate und toxischen Papier über die deutschen Kreditinstitute an deutsche Staatsbanken und - über die ebenfalls in der Initiative vertretenen Geschäftsbanken - auch an deutsche Privatanleger. Damit betrieb die Initiative, die ursprünglich Kapital nach Deutschland holen sollte, genau das Gegenteil: Möglichst viel deutsches Kapital haben die Mitglieder Bayern LB, Hypo Vereinsbank, Commerzbank und Dresdner Bank und selbst Sparkassen so ihren US-Mitgliedern zugeschoben. Ackermanns Deutsche Bank war 2007 gar an siebter Stelle im weltweiten Handel mit Subprime-Krediten. Am Ende bleiben die Deutschen auf faulen Papieren sitzen, der Verlust wird allein bei den Lehman-Opfern auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Sonderregelung für deutsche Lehman-Niederlassung

Doch damit nicht genug: Als Mitte September die Lehman Brothers Insolvenz anmelden, gelingt der deutschen Vertretung noch ein Coup: Da die Frankfurter Filiale rechtlich selbständig war, wurde ihr eine sechswöchige Frist gewährt. In dieser gelang es ihr, von der BaFin eine Einlagensicherung zugesprochen zu bekommen - quasi ein Freibrief für die Kompensation von deutschen Verlusten. Allerdings half diese Bürgschaft nur den Banken - denn die Zertifikate wurden von der US-Mutter ausgegeben und fielen damit nicht unter die Garantie.

So überraschend die BaFin-Hilfe erscheint, so bemerkenswert ist es, wenn man sich anschaut, wie hochkarätig die Initiative noch immer besetzt ist: Mitglieder sind unter anderem der heutige Bundesbankpräsident Axel Weber, ebenso wie Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen und der jetzige Aufsichtsrat der verstaatlichten Hypo Real Estate und KfW-Vorstand Günther Bräunig.

Wer erwartet hat, die Position der Beteiligten könnte sich durch die Krise verändert haben, sieht sich enttäuscht: "Die Weitergabe von Kreditrisiken durch Handel mit notleidenden Krediten und Verbriefungen" könne auch weiterhin die Wettbewerbsstärke des Finanzstandortes Deutschland "nachhaltig steigern", erklärt das Bundesfinanzministerium auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE.

Und wer die IFD heute - ein Jahr nach der Pleite von Lehman Brothers - nach ihren Aufgaben fragt, erfährt, dass die Organisation künftig "die Herausforderungen der globalen Finanzmarktkrise in ihr Aufgabenprofil aufnimmt." Auch in ihrer Erklärung zum G-20-Gipfel ist wenig Einsicht zu erkennen: Trotz geschätzter weltweiter Verlusten von mindestens zwei Billionen Euro fordert die IFD darin von den Baseler Kontrolleuren zunächst "eine umfassende Analyse".

Erst danach, so die rührigen Lobbyisten des deutschen Finanzstandortes, "sollte überlegt werden, inwieweit die Baseler Eigenkapitalanforderungen ergänzt werden können."

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Forum - Hat der Lehman-Crash die Welt verändert?
insgesamt 103 Beiträge
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1.
meslier 08.09.2009
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
Dazu im Netz gefunden und als treffend empfunden: Die Krise war schon vor der Lehmannpleite da, der Zusammenbruch von Lehmann war nur ein Symptom. Der Zusammenbruch dieser Bank wird aber als Erpressungsmittel herangezogen, um den Steuerzahler möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei war Lehmann als Investmentbank nur sehr beschränkt im Kreditmarkt der Realwirtschaft insolviert, die Folgen des Zusammenbruchs werden also extrem überzeichnet. Nicht überzeichnet ist aber die Krise an sich, die eine Folge der expansiven Geldpolitik ist, und deren Auswirkungen kurzfristig mit ebenfalls expansiver Geldpolitik zugedeckt werden. Notwendige Reformen unterblieben. Gerade das Letztere dieser Aussage garantiert eine deutlich schwerere Krise. Erst die wird uns das Wasser in die Augen treiben. Dann wird die Frage nach den Schuldigen unüberhörbar werden - zumal jetzt weitergezockt wird wie bisher, da die Notenbanken die Zocker fast in Liquidität ersäufen. Mir persönlich kann´s Recht sein. Ich lebe davon und nicht schlecht. Langsam wird es mir aber unheimlich, was die unteren Schichten angeht.
2.
rabenkrähe 08.09.2009
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
..... Die Finanzkrise lief doch schon monatelang, ausgelöst von faulen Hypotheken, wackeligen Derivaten und rauschhaften Bankern. Lehman Pleite gehen zu lassen, war völlig okay, nicht allerdings, dies unreguliert zu tun. Es sieht eigenwillig aus, wenn diversen Banken und Versicherungen Milliardenbeträge hinterhergeworfen werden, während normale Anleger in die Röhre gucken. Fragwürdig auch, warum Lehman in die Pleite mußte, der viel größere Hasardeur, die AIG nämlich, jedoch nicht. rabenkrähe
3. Am Ende gewinnen die Guten...
xrmb 09.09.2009
Also wenn am Ende die Guten gewinnen, und Lehmann Brothers weg ist/verloren hat waren sie logischerweise die Boesen...
4.
Adran, 09.09.2009
Wieder mal Ursache und Wirkung vertauscht.. Wie immer.. Selten blöde frage sysop, als ob die Zeit von 2006, und 2007 ausgeblendet wird..
5.
Volker Gretz, 09.09.2009
Zitat von sysopZeitenwende auf den Finanzmärkten - am 15. September 2008 ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Politiker und Banker verurteilen die Entscheidung heute als einen der größten volkswirtschaftlichen Fehler der Wirtschaftsgeschichte. Hat das Debakel die Finanzkrise ausgelöst - oder nur beschleunigt?
So aufgedeckt, dass die Verbrechen nicht mehr von Medien und Politik unter dem Mantel des Schweigens gedeckt werden konnten. Was seit 2003 das dümmste Tier in einem beliebigen Zoo wusste, dass wissen dann auch die Zuschauer des Bertelsmann-unterschichtensenders n.tv (und die Kanzlerette :-))
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Zeitenwende: Der Untergang von Lehman-Brothers

Zertifikate
Zertifikate gehören zur Anlageklasse der strukturierten Finanzprodukte. Rechtlich gesehen ähneln sie Schuldverschreibungen. Geht der Emittent pleite, droht dem Anleger der Totalverlust wie im Fall der US-Bank Lehman Brothers.Die in Deutschland verkauften Lehman-Zertifikate waren nicht von der hiesigen Einlagensicherung geschützt. Experten zufolge ist auch aus dem Insolvenzverfahren gegen die US-Bank nicht mit nennenswerten Rückzahlungen zu rechnen.

Viele Anleger haben deshalb etwa gegen die Citibank, die Dresdner Bank oder verschiedene Sparkassen geklagt, die die Produkte vertrieben haben. Der Gerichtsweg ist aber mühsam und langwierig - Falschberatung ist schwer nachzuweisen. Die Citibank und die Frankfurter Sparkasse haben inzwischen Entschädigungsprogramme ins Leben gerufen, von denen aber nur ein Teil der Kunden profitiert.

Lehren aus dem Kollaps
Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank
AP
"Die Banken setzen die Lehren aus der Krise Schritt für Schritt um. Schwerpunkt dieser Reformen ist das Risikomanagement: Die gewohnten Modelle werden gründlich überarbeitet, Stresstests intensiver eingesetzt. Die Banken haben ihr Eigenkapital erhöht, die Fremdfinanzierung ihrer Geschäfte abgebaut, ihre Liquiditätspuffer verstärkt, die Abhängigkeit von kurzfristigen Geldern verringert und die Strukturen von Forderungen und Verbindlichkeiten noch mehr miteinander in Einklang gebracht. Überkomplexe Finanzprodukte sind zugunsten mehr standardisierter und transparenter Produkte aus dem Angebot verschwunden. Die Leitlinien für die Kundenberatung wurden überarbeitet, und besonders für Verbriefungen und Derivate entstehen derzeit übersichtlichere und solidere Marktinfrastrukturen. Nicht zuletzt passen die Banken aber auch ihre Vergütungsmodelle an. Ziel ist dabei, die Vergütung noch besser am nachhaltigen Erfolg und den längerfristigen Interessen der Aktionäre auszurichten."
Lloyd C. Blankfein, Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs
AFP
"Die Bezahlung von Mitarbeitern sorgt für kontroverse Diskussionen. Anreize können zu Exzessen führen, wenn sie falsch gesetzt werden. Und es gibt wohl keine Rechtfertigung für die Zahlung überhöhter Boni, wenn eine Bank Verlust gemacht hat. Die notwendige Verbesserung von Anreizstrukturen ist allerdings kein Allheilmittel gegen unzureichendes Risikomanagement. Nicht wenige Finanzinstitute hatten Vermögenswerte in Milliardenhöhe in ihren Büchern. Oft behielten sie diese, weil sie nicht wussten, dass es sich um hochgefährliche Instrumente handelte. Diese Institute und ihre Mitarbeiter hatten die Folgen zu tragen. Nach solchen Schocks besteht verständlicherweise der Wunsch, unser Regulierungssystem zu reformieren. Wir sollten jedoch überlegen, was wir mit Regulation erreichen wollen. Es wird faktisch unmöglich und für die wirtschaftliche Entwicklung schädlich sein, jegliches Risiko zu eliminieren. Risikomanagement und Fair-Value-Bewertung sind wichtige Lehren aus der Krise."
Niall Ferguson, Historiker an der Harvard-Universität und Autor
AP
"Trotz vieler Diskussionen über Regulierung wird man sich dem größten Fehler in unserem Finanzsystem wohl nicht widmen. Er lässt sich in einem Satz ausdrücken: 'too big to fail' - die Banken sind zu groß, um unterzugehen. Leider gibt es keinen Hinweis darauf, dass Politiker in den USA oder Europa den ernsthaften Wunsch haben, das Existenzrecht dieser Institute in Frage zu stellen. Auch die Medien begreifen das Wesentliche nicht. Die Menschen beschäftigen sich lieber mit Gehältern von Bankern, weil es leicht zu verstehen ist, dass der Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein 2000-mal mehr verdient als der Durchschnittsbürger. Aber das ist nicht die Ursache des Problems. Die Banken, die zu groß sind, um unterzugehen, können wahnsinnige Summen zahlen, weil sie den Lohn der Risiken einheimsen, ohne die Kosten zu tragen: das Risiko pleitezugehen. Solange sie existieren, wird das internationale Finanzsystem nicht mehr sein als eine Parodie eines wirklich freien Marktes."
Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank
DPA
"Europa hat schnell und mutig auf die Krise reagiert. Die Europäische Zentralbank hat ihre Fähigkeit zu raschem und entschlossenem Handeln unter Beweis gestellt, in völligem Einklang mit ihrem vorrangigen Auftrag, Preisstabilität zu gewährleisten. Der Euro hat einen unverzichtbaren Beitrag geleistet, die Auswirkungen der Krise zu vermindern. Was das globale Finanzsystem betrifft, so müssen wir seine Widerstandsfähigkeit stärken, übermäßiges Kurzfristdenken abbauen und für volle Transparenz sorgen. Wir müssen insbesondere gegen solche Faktoren vorgehen, die übermäßige Schwankungen nach oben wie nach unten verstärken. Vergütungssysteme müssen längerfristigen Zielsetzungen Rechnung tragen und dürfen exzessive Risikobereitschaft nicht belohnen. Die allgemeine Wirtschaftspolitik sollte übergroße binnen- und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte, wie sie der Krise zugrunde lagen, vermeiden und sich auf die Förderung eines nachhaltigen Wohlstands ausrichten."