Libor-Affäre Pikanter Bankenhinweis verschärft britischen Zinsskandal

Ein vertraulicher Ratschlag der Schweizer Großbank UBS sorgt für neuen Zündstoff in der britischen Zinsaffäre: Das Schreiben aus dem Jahr 2008 verstrickt die Ex-Regierung unter Gordon Brown in den Manipulationsskandal. Die Labour-Partei ist erbost.

Finanzdistrikt in London: "Das System ist anfällig für Betrug"
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Finanzdistrikt in London: "Das System ist anfällig für Betrug"


London - Hat es die ehemalige britische Labour-Regierung billigend in Kauf genommen, dass ein zentraler Zinssatz manipuliert wurde, damit sich die Banken wieder untereinander Geld leihen? Ein vertraulicher Hinweis der Schweizer Bank UBS an die frühere Regierung könnte das zumindest vermuten lassen. Das Papier wurde zum Höhepunkt der Bankenkrise im Jahr 2008 an das Finanzministerium in London geschickt und am Samstag durch die Wirtschaftszeitung "Financial Times" veröffentlicht. Darin sind Ratschläge enthalten, wie der Referenzzinssatz Libor gesenkt werden kann, damit sich Kreditinstitute wieder untereinander Geld leihen.

Der Libor - kurz für "London Interbank Offered Rate" - ist der zentrale Zinssatz, zu dem sich britische Banken untereinander Geld leihen. Er wird jeden Tag neu ermittelt: Vormittags teilen Händler von bis zu 19 Banken dem britischen Bankenverband mit, wie viel sie für Kredite mit unterschiedlicher Laufzeit zahlen müssen. Der Durchschnitt dieser Werte ist dann der Libor für den Tag. Er ist Basis für Wertpapiere im Volumen von 360 Billionen Dollar, legt den Zins für Immobilienkredite, Sparverträge und Anleihen fest. Banken wie das Institut Barclays sollen den Libor von 2005 bis 2009 manipuliert haben - und aus den Schwankungen Profit geschlagen haben. Die Barclays Bank zahlte bereits eine Millionenstrafe. Der Konzernchef und der Vorsitzende des Verwaltungsrates traten von ihren Posten zurück.

Großbritanniens Schatzkanzler George Osborne hatte am vergangenen Donnerstag erstmals über den vertraulichen Hinweis der UBS berichtet. Die Labour-Partei kritisierte die Regierung von Premierminister David Cameron dafür scharf: Mit dem Papier werde der Vorgängerregierung unterstellt, dass damit der Libor absichtlich habe manipuliert werden sollen.

Das UBS-Dokument enthält zwar keinen Beweis, dass die Regierung des damaligen Premierministers Gordon Brown in die Affäre verwickelt war. Es deutet aber darauf hin, dass die Regierung ein Interesse hatte, den Liborsatz zu senken und die Kreditvergabe zwischen den Banken wieder in Gang zu bringen. Nach Darstellung von Barclays ging das Institut im Jahr 2008 davon aus, dass die Notenbank falsche Angaben des Geldhauses zur Ermittlung des Libor guthieß. So habe man nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers weitere Unruhe an den Märkten wegen steigender Refinanzierungskosten der Banken vermeiden wollen.

Bundesbank-Vorstand hält Libor-System anfällig für Betrug

Weltweit laufen in der Sache Ermittlungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter die Deutsche Bank und auch die UBS. Ihnen wird vorgeworfen, in den Jahren 2005 bis 2009 den Libor und andere Marktzinsen mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Die Finanzaufsicht BaFin untersucht, ob deutsche Institute ausreichende Kontrollmechanismen haben, um Zinsmanipulationen zu verhindern. Bei der Deutschen Bank hat sie deshalb eine Sonderprüfung veranlasst.

"Wenn im Laufe der Ermittlungen bei der Deutschen Bank ähnliche Vergehen sichtbar werden, wie es sie anscheinend bei Barclays gab, muss auch da alles auf den Prüfstand", sagte Hans-Christoph Hirt von der britischen Aktionärsvertretung Hermes dem SPIEGEL. "Es wäre eine Chance für den neuen Aufsichtsratschef Paul Achleitner, zu beweisen, dass er die von den Aktionären klar artikulierten Sorgen ernst nimmt." Zudem müsse die "Diskussion über die Regulierung von Banken angesichts des Libor-Falles noch einmal fundamental geführt werden".

Als Konsequenz aus dem Skandal fordert Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret ein neues Verfahren, um Referenzzinsen wie den Libor zu ermitteln. Das bestehende Verfahren mache es den Bankern zu leicht, den Zins zu manipulieren. "Es ist insofern anfällig für Betrug", sagte Dombret dem SPIEGEL.

yes/Reuters

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insgesamt 3 Beiträge
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Benjowi 08.07.2012
1. Die Mafia ist offensichtlich harmlos dagegen!
Ganz offensichtlich ist einer der Hauptbeschäftigungszwecke dieser ehrenwerten Gesellschaft weniger das Bankgeschäft sondern mehr eine Art organisiertes Verbrechen. Die Sache mit dem Libor ist ja nicht der einzige dunkle Punkt in einer mittlerweile ziemlich langen Liste!
zynik 08.07.2012
2.
Zitat von sysopGetty ImagesEin vertraulicher Ratschlag der Schweizer Großbank UBS sorgt für neuen Zündstoff in der britischen Zinsaffäre: Das Schreiben aus dem Jahr 2008 verstrickt die Ex-Regierung unter Gordon Brown in den Manipulationsskandal. Die Labour-Partei ist erbost. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,843230,00.html
Da kann man nur hoffen, dass einige echte Journalisten oder Aktivisten a la Wikileaks hier am Ball bleiben. Die Sache stinkt zum Himmel und hat defnitiv Potential die Arbeitsweise der Banken exemplarisch aufzudecken.
blumirror 08.07.2012
3. Alter Wein in anderen Schläuchen
Das am LIBOR geschraubt wurde, ist für die, die sich mit dem Geldsystem auseinandersetzen nix neues. Das ist nun hinlänglich seit mehreren Jahren "inoffiziell" schon bekannt - ganz ohne Wikileaks. Bevor in den Massenmedien der "Skandal" publik wurde, wurde diese Einflußnahme leider immer unter dem Begriff Verschwörungstheorie zusammengefasst. Mal sehen wann die Theorie zum EURIBOR keine Theorie mehr ist, oder das Eingreifen von JPM in den Silbermarkt. Das gute ist ja, wenn einer der Hunde getroffen worden ist, beißt er gern ein paar andere mit in den Abgrund - siehe Regierung Gordon Brown.
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