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18. Februar 2013, 18:33 Uhr

Deutsche Bank

Zinsskandal wird Jain gefährlich

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Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain steht unter Druck: In der Libor-Affäre um manipulierte Zinssätze stellen seine Gegner immer lauter die Frage nach der Verantwortung des früheren Investmentbank-Chefs. Der Kampf um die Konzernspitze hat begonnen.

Hamburg - Anshu Jain gab sich demütig. "Das Thema macht mich am meisten krank", sagte der Co-Chef der Deutschen Bank Ende Januar bei einer Veranstaltung mit Top-Managern im Taunus. Gemeint war die sogenannte Libor-Affäre - der vielleicht größte Bankenskandal seit Jahrzehnten.

Dabei geht es um die mutmaßliche Manipulation sogenannter Referenzzinssätzen: des Libor in Großbritannien und des Euribor in der Euro-Zone. Aufsichtsbehörden rund um die Welt ermitteln gegen mehr als ein Dutzend Banken. Deren Händler sollen versucht haben, die Zinssätze zu eigenen Gunsten zu manipulieren (siehe Grafik).

Die Deutsche Bank steckt mittendrin in dem Skandal - und Anshu Jain hat allen Grund, sich deshalb Sorgen zu machen. Denn er selbst war in der Zeit, in der die Manipulationen stattfanden, Chef der Investmentbanking-Sparte. Die fragwürdigen Geschäfte liefen also in seinem Verantwortungsbereich.

Das heißt freilich noch nicht, dass er etwas von den Manipulationen gewusst hat. In einem internen Revisionsbericht der Bank soll es dafür bisher keine Anhaltspunkte geben. Die Untersuchungen sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Bisher wurden mindestens sieben Händler in Zusammenhang mit dem Fall gefeuert.

Äußerst fragwürdig scheint inzwischen die ursprüngliche Darstellung der Bank, wonach es sich bei diesen Skandalhändlern durchweg um eher unbedeutende Mitarbeiter gehandelt haben soll - weit weg von Jain. Denn diese Beschreibung passt so gar nicht zu Christian Bittar. Einiges spricht dafür, dass er ein wichtiger Mann bei der Deutschen Bank war. Der im Jahr 2011 geschasste Händler steht im Zentrum des Skandals. Er soll unter anderem zusammen mit dem ehemaligen Barclays-Mitarbeiter Philippe Moryoussef die Zinssätze manipuliert haben.

"Bittar war kein kleiner Angestellter"

Neues Aufsehen erregte der Fall Bittar in den vergangenen Wochen, als bekannt wurde, dass der Franzose im Jahr 2008 einen gigantisch hohen Bonus kassiert haben soll. Der "Stern" sprach von 80 Millionen Euro. Weil die Auszahlung der Summe gestreckt wurde, hat die Bank 40 Millionen davon einbehalten. Den Rest könnte sie sich möglicherweise per Klage zurückholen.

Schon der hohe Bonus spricht dafür, dass Bittar in der Bank nicht ganz unwichtig gewesen sein kann. Doch es gibt noch andere Indizien. Nach seinem Rausschmiss im Jahr 2011 meldete das Branchenblatt "Derivates Week" unter der Überschrift "DB Bigwig Departs" Bittars Wechsel zu einem Schweizer Hedgefonds. Für die Szenekenner war er also offenbar ein "bigwig", ein "hohes Tier" bei der Deutschen Bank.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte Bittar bei der Deutschen Bank den Rang eines Managing Director und war damit leitender Angestellter. Als Chef des Geldmarkt- und Derivate-Teams war er zunächst in London im Eigenhandel der Bank tätig. Nachdem dieses Segment geschlossen wurde, wechselte er nach Singapur.

"Bittar war kein kleiner Angestellter", berichtet ein ehemaliger Deutsche-Bank-Mitarbeiter, der sich über das Vorgehen der heutigen Bankspitze empört. "Man stellt die Händler als die Bösen hin und will selbst nichts davon gewusst haben. Das ist sehr unwahrscheinlich."

Zwischen Bittar und Jain standen damals hierarchisch betrachtet nur zwei Leute: Bittars Vorgesetzter David Nicholls sowie dessen Boss Alan Cloete, ein enger Vertrauter Jains, der auch direkt an den Investmentbanking-Chef berichtete. Das muss nicht heißen, dass Jain Bittar kannte - und erst recht nicht, dass er von dessen krummen Geschäften wusste -, aber es lässt die Frage nach Verantwortung wieder lauter werden.

Störfeuer vom ehemaligen Bankchef Ackermann

Zumal der Puffer zwischen Bittar und Jain inzwischen deutlich geschrumpft ist: Denn Nicholls hat das Unternehmen im vergangenen Jahr verlassen, nachdem der Eigenhandel der Bank eingestellt worden war. Einen offiziellen Zusammenhang zum Zinsskandal gibt es nicht.

Bleibt also nur noch Nicholls Chef, Alan Cloete. Der hat es mittlerweile sogar ins Führungsgremium der Bank gebracht: Als Co-Chef für das Asien-Geschäft sitzt er im sogenannten Group Executive Committee, dem erweiterten Vorstand des Konzerns. Spätestens wenn der Skandal ihn erreichen sollte, dürfte es für seinen Förderer Jain sehr eng werden.

Auch so ist der Druck schon groß genug - von innen wie von außen. Sogar unter den aktuellen Führungskräften gibt es angeblich Bestrebungen, Jain zu schaden. Es gebe "Abstoßreaktionen gegen Anshus Army", zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einen Spitzenmann der Bank. Das Institut gehe schweren Zeiten entgegen. Ob das nun der Anfang einer Revolte ist oder nur normales Nachtreten eines unterlegenen Konkurrenten, ist bisher nicht abzusehen.

Fest steht jedoch, dass der Graben zwischen Frankfurt und London innerhalb der Bank noch längst nicht zugeschüttet ist. Im Gegenteil: Mit jeder Meldung über die Skandale und gigantischen Boni der Londoner Kollegen wachsen in Frankfurt die Zweifel am angelsächsischen Modell des Investmentbankings - und an dessen Vertreter Anshu Jain. Und während an der Themse trotz Gewinneinbruchs weiter hohe Boni fließen, fragen sich am Main viele einfache Mitarbeiter, warum sie nun plötzlich in Ethikseminare geschickt werden.

Hinzu kommen schon seit Monaten die Störfeuer aus der ehemaligen Bankführung. Vor allem der im Mai 2012 ausgeschiedene Konzernchef Josef Ackermann lässt keine Gelegenheit aus, Jain zu kritisieren. "Absolut kriminell" sei der Libor-Skandal und "absolut unentschuldbar" ließ Ackermann Ende vergangenen Jahres in einem Interview wissen: "Jeder, der da Verantwortung getragen hat, muss die Konsequenzen ziehen." Wen er damit meinte, musste Ackermann nicht mehr ausdrücklich sagen. Es war ohnehin allen klar.

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