Zins-Manipulation Britischer Notenbankchef gibt sich ahnungslos

Der britische Notenbankchef wurde nach eigenen Angaben vom Skandal um manipulierte Zinssätze überrascht. Die Libor-Tricksereien seien ihm erst Anfang Juli bewusst geworden, sagte Mervyn King. Trotz frühzeitiger Warnungen von US-Kollegen habe er keine Verfehlungen erkennen können.

Britischer Notenbankchef Mervyn King: Vorwürfe zurückgewiesen
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Britischer Notenbankchef Mervyn King: Vorwürfe zurückgewiesen


London/Washington - Der Präsident der britischen Notenbank hat sich gegen Vorwürfe zur Wehr gesetzt, die Zentralbank sei in die Affäre um manipulierte Libor-Zinssätze verstrickt. Ihm selbst sei erst Anfang Juli bewusst geworden, dass es bei der britischen Großbank Barclays massive Zins-Manipulationen gegeben habe, sagte Mervyn King am Dienstag vor dem Finanzausschuss des britischen Unterhauses. "Wir haben das erste Mal von mutmaßlichem Fehlverhalten erfahren, als die offiziellen Berichte vor zwei Wochen herausgekommen sind", sagte King.

Es seien zwar zuvor bereits "beunruhigende Verhaltensmuster" zu erkennen gewesen. Es sei aber schwer gewesen, diese als Manipulationen nachzuweisen. Zugleich räumte King ein, er habe Warnungen aus den USA mit Blick auf die Festsetzung der Libor-Zinssätze bekommen.

Die US-Notenbank Federal Reserve hatte in der vergangenen Woche Dokumente veröffentlicht, die darauf schließen ließen, dass die Zentralbank in London bereits 2008 von den Manipulationen gewusst haben musste. Timothy Geithner, der damalige New Yorker Regionalchef der US-Notenbank Fed, hatte demnach Druck auf seinen Kollegen King gemacht, bei Barclays zu handeln.

King sagte, er habe damals die Empfehlungen Geithners über den Umgang mit dem Interbanken-Zinssatz Libor zur Kenntnis genommen. Zu dieser Zeit seien Verfehlungen aber nicht nachweisbar gewesen.

Aussage von Ex-Barclays-Manager sorgt für Aufsehen

Die Aussage eines ehemaligen Barclays-Manager vor dem Untersuchungsausschuss hatte die britischen Notenbanker unter Druck gesetzt. Der Mann hatte ausgesagt, er habe auf Anweisung des früheren Barclays-Chefs Bob Diamond Zinssätze fälschen lassen. Diamond wiederum habe ihm erklärt, die Notenbank und die britische Regierung seien besorgt über die relativ hohen Zinskosten, die Barclays melde. Darum wollten sie, dass die Bank reduzierte Zinssätze übermittle.

Der Libor-Zinssatz bestimmt, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Er wird aber auch als Referenzzins für viele andere Geldgeschäfte herangezogen, unter anderem für den milliardenschweren Handel mit Derivaten und für die Vergabe von Privatkrediten.

Händler der Barclays Bank hatten in den Jahren 2005 bis 2009 den Libor-Satz künstlich gedrückt. Untersuchungen laufen auch noch gegen weitere Banken in Asien, den USA und Europa, darunter bei der Deutschen Bank.

mmq/dpa-AFX/Reuters

insgesamt 3 Beiträge
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prontissimo 17.07.2012
1. und ausserdem..........................
Zitat von sysopREUTERSDer britische Notenbankchef wurde nach eigenen Angaben vom Skandal um manipulierte Zinssätze überrascht. Die Libor-Tricksereien seien ihm erst Anfang Juli bewusst geworden, sagte Mervyn King. Trotz frühzeitiger Warnungen von US-Kollegen habe er keine Verfehlungen erkennen können. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,844994,00.html
hatte niemand je die Absicht eine Mauer zu bauen..................
dunnhaupt 17.07.2012
2.
King gibt zwar zu, von Finanzminister Geithner schriftlich gewarnt worden zu sein, aber eine Warnung VOR Libormanipulationen sei doch kein Beweis VON Libormanipulationen. Das klingt fast so ähnlich wie Bill Clintons wortklauberische Oralsexverteidigung vor dem Schwurgericht: "It all depends on what 'is' is." (= ES hängt alles davon ab was ES ist)
otto_n. 17.07.2012
3. Libor noch heute nicht zweckmässig geregelt
Dringender Handlungsbedarf besteht ja anscheinend dabei, die Art und Weise, wie der Libor ermittelt wird, endlich auf vernünftige Art und Weise zu regeln. Bernanke hat heute sinngemäß heute vor dem Senat gesagt, dass das bis heute nicht der Fall ist. Schon vor ein paar Tagen gab es eine Meldung, wonach britische Grossbanken FSA und BofE um eine Ablösung des derzeitigen Verfahrens gebeten hätten. Ja dann mal los! Vorläufig halte ich die Idee einer effektiven europäischen Bankenaufsicht unter Regling einfach für albern. Die Politik hat (bestenfalls) keine Ahnung was alles abgeht. Die Spitzbuben sind immer mindestens einen Schritt voraus und führen die Politik durch die Manege. Wer welche Posten wegen vergangener Untaten verliert ist dagegen vergleichsweise gleichgültig.
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