Von Stefan Schultz
Hamburg - Panik befällt die Rohstoffmärkte in diesen Tagen. Mit jedem Tag übernehmen Revolutionäre in Libyen ein Stück weit mehr die Macht. Am Donnerstagnachmittag berichteten Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters, wichtige libysche Öl-Förderstätten stünden mittlerweile unter der Kontrolle von Rebellen. Es handle sich um die Standorte Ras Lanuf und Marsa El Brega. Es sei unklar, ob sie zur Stunde noch Öl lieferten. Auch in anderen Ländern der arabischen Welt kommt es zu Unruhen.
Am Ölmarkt sorgt das für Preiskapriolen, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Innerhalb von 24 Stunden ist der Preis für die Nordsee-Sorte Brent um mehr als zehn Dollar in die Höhe geschnellt. Mittwochnachmittag pendelte der Preis bei 107 Dollar pro Fass (159 Liter) - am Donnerstagmorgen kratzte er an der 120-Dollar-Marke. Dann gab er nach - und steht zur Stunde bei gut 115 Dollar. Die Preise für Opec-Öl und die US-Sorte WTI zogen ebenfalls deutlich an. Autofahrer müssen mit steigenden Benzinkosten rechnen.
Der saudi-arabische Ölminister Ali al-Naimi versucht, die Märkte zu beruhigen: "Wir haben genug Öl, um mögliche Versorgungsengpässe auszugleichen", sagte er am Dienstag der amtlichen Nachrichtenagentur SPA. "Wenn es auf dem Markt einen Lieferengpass gibt, wird er von der Opec beseitigt."
Wie rasch die Opec reagiert - darüber gibt es unterschiedliche Angaben: Ein Sprecher der Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) beteuerte, werde man die Fördermengen vorerst nicht erhöhen. Das würde den Markt nur beunruhigen und die Preise weiter nach oben treiben, sagte er auf einer Sondersitzung des Internationalen Energieforums (IEF) in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad. Nach Angaben der britischen "Financial Times" dagegen verhandelt der weltgrößte Ölexporteur Saudi-Arabien schon mit europäischen Raffinerien über eine Ausweitung der Ölmenge.
Bei Marktbeobachtern provozieren solch widersprüchliche Angaben Déjà-vu-Gefühle. "Die Konstellation erinnert an den vergangenen Ölpreisanstieg in den Jahren 2006 bis 2008", sagt Steffen Bukold vom Beratungsunternehmen Energy Comment. "Auch damals beteuerte die Opec mehrfach, man werde die Fördermenge ausweiten, ließ sich damit aber enorm Zeit. Der Ölpreis schnellte immer mehr in die Höhe."
Traumgewinne für das Öl-Kartell
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war diese Hinhaltestrategie sehr effektiv. Zwar haben die Ölexporteure kein Interesse an extremen Preisschwankungen, da diese Angebot und Nachfrage schwer berechenbar machen. Trotzdem verdienen sie an jedem Dollar, den das Barrel mehr kostet, kräftig mit.
Die zwölf Opec-Mitglieder beteuern zwar immer wieder, sie würden den Ölpreis gar nicht steuern - schuld an Preisausschlägen seien vor allem rücksichtslose Spekulanten, die an den Märkten Unruhe schüren, um kräftig Kasse zu machen. Tatsächlich aber kann nur die Opec das Verhältnis von Angebot und Nachfrage regulieren. Sie steuert rund 40 Prozent der globalen Förderung; ihr Anteil an den weltweiten Reserven liegt gar bei gut 80 Prozent. Vor allem aber haben nur einige Opec-Länder überhaupt noch Kapazitäten, das globale Ölangebot auszuweiten - und dadurch den Preis zu drücken.
Das aber macht das Öl-Kartell seit langem nicht. Im Gegenteil: Saudi-Arabien hält Reservekapazitäten bewusst zurück. Und zwar ausgerechnet die größten der Welt - an jenem Ort, an dem der Abbau am günstigsten ist. "Die Förderkosten liegen hier, je nach geologischen Bedingungen, bei zehn bis 40 Dollar pro Barrel", sagt Öl-Experte Bukold. Das wäre ein Bruchteil des aktuellen Preises. "Doch ausgerechnet diese Reserven werden nicht angezapft."
Aktuell können die Opec-Länder mit Traumgewinnen rechnen. Schon 2010 machten sie nach Angaben der Energy Information Administration (EIA) Exportgewinne in Höhe von 750 Milliarden Dollar. 2009 waren es erst 571 Milliarden, und für 2011 prognostiziert die EIA Gewinne von 847 Milliarden Dollar - den aktuellen Preisschub noch nicht eingerechnet.
Bedrohung für die Weltwirtschaft
Das Wirtschaftswachstum dagegen könnte durch die Kostenexplosion auf dem Rohstoffmarkt abgewürgt werden. Wie stark der Effekt ist, zeigt ein einfaches Rechenbeispiel. Vor gut einem Jahr pendelte der Ölpreis um die 80 Dollar pro Barrel. In Deutschland werden derzeit rund 2,5 Millionen Fass Öl pro Tag verbraucht. Geht man von einem durchschnittlichen Ölpreis von 100 Dollar für 2011 aus, ergeben sich Mehrkosten von 50 Millionen Dollar - pro Tag. Aufs Jahr gerechnet würde allein Deutschland Milliarden draufzahlen, es sei denn der Euro-Kurs steigt rasch genug, um den Anstieg zu kompensieren.
Wie groß die Bedrohung für die Weltwirtschaft tatsächlich ist - darüber gibt es nur Schätzungen. Die Deutsche Bank hat zu dieser Frage am Donnerstag eine neue Studie veröffentlicht. Dieser zufolge wäre ein konjunktureller Wendepunkt bei einem Durchschnittspreis von mehr als 120 Dollar erreicht.
Am Donnerstag hat die Nordseesorte Brent diesen Punkt beinahe erreicht. Und ein Ende der Preisrallye ist vorerst nicht in Sicht. Muss die Opec also bald handeln? Muss sie Ihre Ölschleusen öffnen? Und wenn ja: Wer kann das überhaupt?
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