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Libyen-Krise: Öl-Händler fürchten Versorgungsnot

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Am Ölmarkt herrscht Panik: Libysche Rebellen sollen die Kontrolle über Förderanlagen übernommen haben, Saudi-Arabien eine Ausweitung der Produktion erwägen. Der Preis für die Sorte Brent stieg zeitweise um mehr als zehn Dollar. Die Opec scheffelt Milliarden - doch Autofahrer müssen bluten.

Ölpumpe in Bahrain: Angst vor dem Ölpreisschock Zur Großansicht
AP

Ölpumpe in Bahrain: Angst vor dem Ölpreisschock

Hamburg - Panik befällt die Rohstoffmärkte in diesen Tagen. Mit jedem Tag übernehmen Revolutionäre in Libyen ein Stück weit mehr die Macht. Am Donnerstagnachmittag berichteten Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters, wichtige libysche Öl-Förderstätten stünden mittlerweile unter der Kontrolle von Rebellen. Es handle sich um die Standorte Ras Lanuf und Marsa El Brega. Es sei unklar, ob sie zur Stunde noch Öl lieferten. Auch in anderen Ländern der arabischen Welt kommt es zu Unruhen.

Am Ölmarkt sorgt das für Preiskapriolen, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Innerhalb von 24 Stunden ist der Preis für die Nordsee-Sorte Brent um mehr als zehn Dollar in die Höhe geschnellt. Mittwochnachmittag pendelte der Preis bei 107 Dollar pro Fass (159 Liter) - am Donnerstagmorgen kratzte er an der 120-Dollar-Marke. Dann gab er nach - und steht zur Stunde bei gut 115 Dollar. Die Preise für Opec-Öl und die US-Sorte WTI zogen ebenfalls deutlich an. Autofahrer müssen mit steigenden Benzinkosten rechnen.

Der saudi-arabische Ölminister Ali al-Naimi versucht, die Märkte zu beruhigen: "Wir haben genug Öl, um mögliche Versorgungsengpässe auszugleichen", sagte er am Dienstag der amtlichen Nachrichtenagentur SPA. "Wenn es auf dem Markt einen Lieferengpass gibt, wird er von der Opec beseitigt."

Wie rasch die Opec reagiert - darüber gibt es unterschiedliche Angaben: Ein Sprecher der Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) beteuerte, werde man die Fördermengen vorerst nicht erhöhen. Das würde den Markt nur beunruhigen und die Preise weiter nach oben treiben, sagte er auf einer Sondersitzung des Internationalen Energieforums (IEF) in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad. Nach Angaben der britischen "Financial Times" dagegen verhandelt der weltgrößte Ölexporteur Saudi-Arabien schon mit europäischen Raffinerien über eine Ausweitung der Ölmenge.

Bei Marktbeobachtern provozieren solch widersprüchliche Angaben Déjà-vu-Gefühle. "Die Konstellation erinnert an den vergangenen Ölpreisanstieg in den Jahren 2006 bis 2008", sagt Steffen Bukold vom Beratungsunternehmen Energy Comment. "Auch damals beteuerte die Opec mehrfach, man werde die Fördermenge ausweiten, ließ sich damit aber enorm Zeit. Der Ölpreis schnellte immer mehr in die Höhe."

Traumgewinne für das Öl-Kartell

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war diese Hinhaltestrategie sehr effektiv. Zwar haben die Ölexporteure kein Interesse an extremen Preisschwankungen, da diese Angebot und Nachfrage schwer berechenbar machen. Trotzdem verdienen sie an jedem Dollar, den das Barrel mehr kostet, kräftig mit.

Die zwölf Opec-Mitglieder beteuern zwar immer wieder, sie würden den Ölpreis gar nicht steuern - schuld an Preisausschlägen seien vor allem rücksichtslose Spekulanten, die an den Märkten Unruhe schüren, um kräftig Kasse zu machen. Tatsächlich aber kann nur die Opec das Verhältnis von Angebot und Nachfrage regulieren. Sie steuert rund 40 Prozent der globalen Förderung; ihr Anteil an den weltweiten Reserven liegt gar bei gut 80 Prozent. Vor allem aber haben nur einige Opec-Länder überhaupt noch Kapazitäten, das globale Ölangebot auszuweiten - und dadurch den Preis zu drücken.

Das aber macht das Öl-Kartell seit langem nicht. Im Gegenteil: Saudi-Arabien hält Reservekapazitäten bewusst zurück. Und zwar ausgerechnet die größten der Welt - an jenem Ort, an dem der Abbau am günstigsten ist. "Die Förderkosten liegen hier, je nach geologischen Bedingungen, bei zehn bis 40 Dollar pro Barrel", sagt Öl-Experte Bukold. Das wäre ein Bruchteil des aktuellen Preises. "Doch ausgerechnet diese Reserven werden nicht angezapft."

Aktuell können die Opec-Länder mit Traumgewinnen rechnen. Schon 2010 machten sie nach Angaben der Energy Information Administration (EIA) Exportgewinne in Höhe von 750 Milliarden Dollar. 2009 waren es erst 571 Milliarden, und für 2011 prognostiziert die EIA Gewinne von 847 Milliarden Dollar - den aktuellen Preisschub noch nicht eingerechnet.

Bedrohung für die Weltwirtschaft

Das Wirtschaftswachstum dagegen könnte durch die Kostenexplosion auf dem Rohstoffmarkt abgewürgt werden. Wie stark der Effekt ist, zeigt ein einfaches Rechenbeispiel. Vor gut einem Jahr pendelte der Ölpreis um die 80 Dollar pro Barrel. In Deutschland werden derzeit rund 2,5 Millionen Fass Öl pro Tag verbraucht. Geht man von einem durchschnittlichen Ölpreis von 100 Dollar für 2011 aus, ergeben sich Mehrkosten von 50 Millionen Dollar - pro Tag. Aufs Jahr gerechnet würde allein Deutschland Milliarden draufzahlen, es sei denn der Euro-Kurs steigt rasch genug, um den Anstieg zu kompensieren.

Wie groß die Bedrohung für die Weltwirtschaft tatsächlich ist - darüber gibt es nur Schätzungen. Die Deutsche Bank hat zu dieser Frage am Donnerstag eine neue Studie veröffentlicht. Dieser zufolge wäre ein konjunktureller Wendepunkt bei einem Durchschnittspreis von mehr als 120 Dollar erreicht.

Am Donnerstag hat die Nordseesorte Brent diesen Punkt beinahe erreicht. Und ein Ende der Preisrallye ist vorerst nicht in Sicht. Muss die Opec also bald handeln? Muss sie Ihre Ölschleusen öffnen? Und wenn ja: Wer kann das überhaupt?

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1. Wetten Dass ...
tinleon 24.02.2011
Zitat von sysopAm Ölmarkt herrscht blanke Angst. Investoren fürchten einen Flächenbrand in Arabien -*und eine Rohstoff-Verknappung. In 24 Stunden haben Hamsterkäufer und Spekulanten den Preis der Sorte Brent um mehr als zehn Dollar nach oben getrieben. Die Opec scheffelt Milliarden, Autofahrer müssen bluten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,747450,00.html
ein Barrel Öl bis auf 200US$ steigt. Gute Zeiten für Spekulanten. Wer Geld hat sollte sofort in Öl investieren. Spekulationen und Gerüchte über Proteste in Saudi Arabien befeuern dies noch. http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ruf_nach_wandel_auch_in_saudiarabien_1.9559520.html?ticket=ST-141678-EqpWpQf044FceOwkn2eC7ikrqrOgwv34S4u-20
2. Hmm
Albedo4k8, 24.02.2011
Zitat von tinleonein Barrel Öl bis auf 200US$ steigt. Gute Zeiten für Spekulanten. Wer Geld hat sollte sofort in Öl investieren. Spekulationen und Gerüchte über Proteste in Saudi Arabien befeuern dies noch. http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ruf_nach_wandel_auch_in_saudiarabien_1.9559520.html?ticket=ST-141678-EqpWpQf044FceOwkn2eC7ikrqrOgwv34S4u-20
Kurzfristig wuerde ich das nicht sehen. $150-160 sind im Sommer bei anhaltender Lieferproblematik drin. Mittelfristig (1-2) Jahren sind $200 aber bei ansteigenden Energiehunger der BRIC-Staaten definitiv drin. Langfristig duerfte es sogar eher $300-400 sein, wenn nicht ganz schnell an der Demand-Schraube gedreht wird, und das vor allem in den USA aber auch Europa (insbesondere Dtld.)
3. Hmm
Albedo4k8, 24.02.2011
Zitat von tinleonein Barrel Öl bis auf 200US$ steigt. Gute Zeiten für Spekulanten. Wer Geld hat sollte sofort in Öl investieren. Spekulationen und Gerüchte über Proteste in Saudi Arabien befeuern dies noch. http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ruf_nach_wandel_auch_in_saudiarabien_1.9559520.html?ticket=ST-141678-EqpWpQf044FceOwkn2eC7ikrqrOgwv34S4u-20
Kurzfristig wuerde ich das nicht sehen. $150-160 sind im Sommer bei anhaltender Lieferproblematik drin. Mittelfristig (1-2) Jahren sind $200 aber bei ansteigenden Energiehunger der BRIC-Staaten definitiv drin. Langfristig duerfte es sogar eher $300-400 sein, wenn nicht ganz schnell an der Demand-Schraube gedreht wird, und das vor allem in den USA aber auch Europa (insbesondere Dtld.)
4. Wo bleibt die Weltregierung
sukowsky, 24.02.2011
Ja die Konzerne mit Spekulanten scheffeln sich die Taschen voll und die Politik schaut zu.
5. und das vor allem in den USA...
joe sixpack 24.02.2011
Zitat von Albedo4k8Kurzfristig wuerde ich das nicht sehen. $150-160 sind im Sommer bei anhaltender Lieferproblematik drin. Mittelfristig (1-2) Jahren sind $200 aber bei ansteigenden Energiehunger der BRIC-Staaten definitiv drin. Langfristig duerfte es sogar eher $300-400 sein, wenn nicht ganz schnell an der Demand-Schraube gedreht wird, und das vor allem in den USA aber auch Europa (insbesondere Dtld.)
Ich glaube, Ihr Maß für das Rückstrahlvermögen beschraenkt sich auf die USA... Vermutlich wissen Sie nicht, dass auch noch andere Laender Oel verbrauchen, und nicht zuletzt eine Riesen Industrie in Deutschland lebt recht gut davon.
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Die Opec
Organisation
1960 gründeten Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und Venezuela die Organisation erdölexportierender Länder. Es galt, die gemeinsamen Interessen gegenüber den Abnehmerstaaten - vornehmlich den Industrienationen aus der westlichen Welt - zu koordinieren. Später schlossen sich Indonesien, Katar, Libyen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Algerien und Nigeria der Organisation an. Zuletzt kam Anfang 2007 Angola als Neumitglied hinzu. Zwischenzeitlich waren auch Gabun und Ecuador in der Organisation. Ziel ist eine gemeinsame Ölpolitik, unter anderem um sich gegen einen Preisverfall abzusichern.
Motive
Die weltweite Ausweitung der Ölproduktion nach Enddeckung neuer Ölquellen hatte zu einem drastischen Preisverfall geführt. Das Kartell sollte die Mitglieder nicht nur in die Lage versetzen, den Ölpreis durch Regulierung des Angebots zu steuern; auch die Macht der großen Ölkonzerne galt es zu stutzen, die sich während der Kolonialzeit die Kontrolle über die Ölquellen gesichert hatten und den Großteil der Gewinne kassierten.
Machtfülle
Die zwölf Opec-Mitglieder steuern rund 40 Prozent der weltweiten Erdölförderung bei. Ihr Anteil an den weltweiten Erdölreserven liegt sogar bei gut 75 Prozent. Zweimal pro Jahr treffen sich die Opec-Vertreter am Hauptsitz der Organisation in Wien, um die Förderquoten festzulegen. Die Mitglieder sind verpflichtet, sich an die Vorgaben zu halten. Die Disziplin einzelner Förderländer ließ in der Vergangenheit jedoch mehrfach zu wünschen übrig. Die Organisation hat aufgrund ihrer inneren Zerstrittenheit einen großen Teil ihrer Schlagkraft auf dem Markt eingebüßt.
Konflikte
Wie weit die Macht der Opec einst reichte, zeigte sich eindrucksvoll zu Anfang der siebziger Jahre. 1973 drosselte die Organisation die Erdölproduktion und sorgte durch einen Boykott gegenüber dem Westen für eine Preiserhöhung von fast 400 Prozent. Der Preis pro Barrel erhöhte sich von 2,89 Dollar auf 11,65. Da die Opec-Staaten zu dieser Zeit knapp 55 Prozent des weltweiten Bedarfs förderten, blieben kaum Möglichkeiten, sich dem Preisanstieg zu entziehen. Ende der siebziger Jahre, nach der iranischen Revolution, kam es zu einem zweiten Preisschub: Der Preis stieg mehrmals auf 35 Dollar pro Barrel. Dies verursachte allerdings wesentlich geringere Verwerfungen in den Industriestaaten als noch Anfang der siebziger Jahre.

Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.


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