Milliardenhoffnung Liefer-Apps Der neue heiße Scheiß

Essensliefer-Apps sind die größte Hoffnung der Berliner Start-up-Szene auf den nächsten Milliarden-Börsengang. Damit der Hype nicht als teures Eldorado endet, müssen die Gründer die Branche von ihrem Pizzakarton-Image befreien.

Essenslieferant (in Frankfurt): Weg vom Pizzakarton-Image
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Essenslieferant (in Frankfurt): Weg vom Pizzakarton-Image


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Die Konkurrenz beobachtet Rasmus Wolff zurzeit immer um die Mittagszeit. In wenigen Tagen will der dänische Unternehmer seine App "Hungr" veröffentlichen, für den Gang zur Dönerbude auf der Berliner Oranienstraße hat er keine Zeit. An dem großen Holztisch, der nahezu das ganze Büro ausmacht, essen Wolff und seine zehn Mitarbeiter aus den Boxen, die sie via Lieferando-App bestellen.

Seltsam eigentlich, denn Wolff will mit "Hungr" selbst den Markt für Essensbringdienst-Apps aufrollen. Die Konkurrenten verspottet er: "Die sind wie die neue Generation der Gelben Seiten", sagt der 41-Jährige, der selbst fünf Jahre lang als Vorstand der britischen Lieferplattform JustEat arbeitete.

Er öffnet die Lieferando-App auf seinem Smartphone und blickt auf eine lange Liste von Restaurants. "Wer ist Thai Huong? Wer ist Mihatoha?", sagt er dann. "Ich weiß noch nicht mal, was ich essen will und muss mich schon für ein Restaurant entscheiden." Kunden, ist er sicher, interessierten sich mehr für das Gericht als für den Namen des Restaurants, wo es gekocht wird.

In der "Hungr"-App wählt der Nutzer zunächst zwischen italienisch, chinesisch, Sushi oder indisch - nur die üblichsten Küchen für Bringdienste. Statt mehrerer hundert Restaurants will Wolff in Berlin mit 75 ausgewählten starten. Vorauswahl ist das Prinzip, 100.000 Euro seines eigenen Geldes hat er darauf gewettet. "Bei zu viel Auswahl ist man als Nutzer verloren", glaubt Wolff.

Oliver Samwer wittert ein Milliardengeschäft

Da sollte er sich besser nicht irren. Der Däne wagt sich auf den zurzeit am härtesten umkämpften Markt in der digitalen Ökonomie: Essensliefer-Plattformen, die Hungrige und Restaurants per App zusammenführen. Gegessen wird immer und von Großstädtern mit wenig Zeit immer häufiger aus der Lieferbox. Viele Investoren sehen einen weltweiten Trend und stürzen sich mit teils dreistelligen Millioneninvestments in die Essensschlacht.

  • Der prominenteste unter ihnen ist Oliver Samwer, der selbsttitulierte "aggressivste Mann des Internet". Seine börsennotierte Gründerwerkstatt Rocket Internet stampft Food-Start-ups in Serie aus dem Boden oder kauft sich bei bereits erfolgreichen Plattformen ein. Bis 2019, schätzt das Unternehmen, wird der globale Umsatz auf dem Online-Markt für Essensbringdienste auf 90 Milliarden Euro wachsen. Da will Samwer dabei sein: Der Börsengang eines Liefergiganten aus seinem Portfolio könnte auch die bislang durchwachsene Entwicklung des Rocket-Aktienkurses Chart zeigen befeuern.

  • Samwers beste Hoffnung ist dabei Delivery Hero, an dem Rocket einen Minderheitsanteil hält. Der Berliner Lieferplattform-Betreiber ist in 34 Ländern aktiv, hierzulande mit den Marken Lieferheld und dem von vor einem Jahr übernommenen Marktpionier pizza.de.

Rund eine halbe Milliarde Euro bezahlte Rocket Internet für einen 30-prozentigen Anteil an Delivery Hero, den das Unternehmen inzwischen auf rund 40 Prozent aufgestockt hat. Bislang ein gutes Geschäft: Die Lieferhelden werden derzeit auf mehr als drei Milliarden Euro taxiert.

Rocket-Beteiligungen an Bringdiensten: Der Kampf ums Essen
SPIEGEL ONLINE

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Halloumi-Burger in Mango-Mayo statt schmieriger Bulette

An die Börse drängt auch der Delivery-Hero-Gründer Niklas Östberg, allerdings zu seinen eigenen Bedingungen. 2016 will er mit seinem derzeit noch stark defizitären Start-up an die Börse, möglicherweise an der New Yorker Tech-Börse Nasdaq. Den eigenen Anteilseigner Rocket, seit Oktober im wenig transparenten Börsensegment Entry Standard gelistet, sieht man bei Delivery Hero eher nicht als Vorbild.

Damit sich die luftige Bewertung einmal in echte Profite verwandelt, muss die Firma ihren Essenslieferdiensten das Image fettiger Pizzakartons nehmen: Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, will Delivery Hero deshalb Ende Juli "Urbantaste" an den Markt bringen.

In den sieben größten deutschen Städten soll ein eigens beauftragter Lieferdienst exquisitere Cuisine ausfahren, aus insgesamt 300 Restaurants, die ihr Essen selbst wohl nie in Boxen packen würden. Statt Spaghetti Bolo und schmierigen Buletten-Brötchen bringt der Bote dann Pasta mit Feigen und Pinienkernen und Halloumi-Burger mit Mango-Mayo.

Screenshot der Urban-Taste-Homepage: Pinienkerne statt billigem Hackfleisch
Urban Taste

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Für Östberg ist der Edel-Bringdienst nur ein Zwischenschritt, seine Vision geht weiter: Kochen könnte wie Musik machen werden, erklärt der Gründer seinen Mitarbeitern. Wenige Menschen spielen ihre eigenen Lieder, die meisten genießen die Kunst der Profis. Wenn sich genauso alle Küchen-Dilettanten beliefern ließen, würden sie besser essen, sparten viel Zeit und Mühe - und würden ganz nebenbei zu Millionen auf seine Plattformen stürmen.

Auf neue Sparten allein verlässt sich Östberg bei der Expansion offenbar nicht. Ganz Berlin ist überzogen mit Werbung für seine Marke pizza.de. Mancher Brancheninsider mutmaßt, dass die Sommeroffensive - traditionell eine magere Saison für das Liefergeschäft - vor allem mit der Börsenstory zu tun hat, die Östberg bald mit rasantem Kundenwachstum unterlegen muss. Und mit Lieferando, Delivery Hero's größten Konkurrenten in Deutschland, der seine Kalauer ("Isch bin dir Farfalle") in der ganzen Republik plakatiert.

Delivery-Hero-Gründer Östberg: Börsengang ist für 2016 angestrebt
Delivery Hero

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Denn Größe entscheidet in einem Markt, der von niedrigen Margen und launischen Konsumenten geprägt ist. Der größte Wettbewerber holt die hohen Entwicklungs- und Marketingkosten schneller wieder rein und kann höhere Kommissionen von den Restaurants verlangen.

Das wiederum könnte für "Hungr" zum Verhängnis werden - die Neugründung, die ihre Kunden erst finden muss. Rasmus Wolff winkt ab. Mit ihrem vielen Geld hätten sich seine Konkurrenten vor allem gegenseitig aufgekauft statt ihre Apps neu zu erfinden. "Ich glaube, dass wir das bessere Produkt haben. Und das ist am Ende entscheidend."

Zusammengefasst: Apps für Essens-Bringdienste gelten als große Hoffnung der deutschen Tech-Branche. Marktführer Delivery Hero könnte 2016 ein Milliarden-Börsengang gelingen. Doch das Berliner Start-up kämpft mit neuen Herausforderern - und dem schlechten Image, das Lieferessen anhaftet.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
wildthin9 14.07.2015
1. Das Problem ist...
..eine neue APP verbessert nicht das wirklich miese Essen der Lieferdienste vor Ort, es verschleiert unter Umständen nur deren Namen bei der Bestellung. ALLE Pizzalieferungen hier am Ort sind selbst bei keinem bis geringen Anspruch eine Zumutung. Mittlerweile bestelle ich bei der Pizzeria meines Vertrauen per Telefon und hole selber ab
Münchner MV 14.07.2015
2.
Berlin, "Hype-City", Start-Ups die nie schwarze Zahlen schreiben werden und Ideen, die es allesamt schon gibt - oder die komplett Schwachsinning sind. Pizza.de App? Da kann ich auch erstmal Kathegorien auswählen und bekomme entsprechend angezeigt was ich möchte. Die Lieferdienste die, im eigenen Stadtgebiet, gut sind kennt man doch sowieso. Edel-Lieferservice, na für ein Hippster-Essen in der WG ja eventuell lustig. Wenn ich persönlich ein kulinarisches Highlight genießen will, gehe ich doch eher in das Restaurant selbst. Man möchte ja dann noch einen passenden Wein dazu, eventuell auch einfach "die Spezialität des Hauses" oder die Empfehlung aus der Küche. Vom Ambiente ganz zu schweigen. Einkäufe heimschicken lassen, ja das klappt schon gut. Hier können alle Mitbewerbe bei REWE in die Lehre gehen. Ich bestelle seit einem Jahr dort, da ich nach der Arbeit keine Lust habe mich zu hetzen und Samstag auch was besseres zu tun hab, als mich durch den Supermarkt zu schieben. Ich bin mal gespannt wann die Hype-Blase in Berlin platzt und die Hippster nach Ihren meist dämlichen Start-Up Plänen wirklich (Schulden ab-)arbeiten müssen
Khaled 14.07.2015
3. Die Lieferando-Werbung
ist schon ziemlich erbärmlich. Bedauernswert, wer täglich diesen Billig-Fraß in sich hineinstopfen muss. Mein Tip: lieber seltener essen gehen, dann aber dafür ins Sterne-Restaurant.
Don_Draper 14.07.2015
4. Immer wieder
lustig, dass es so rüberkommt, als würde die "technische App" das entscheidene bei solchen Start ups sein. Heute kann fast jeder eine App programmieren, wichtig ist die Idee und die Infrastruktur dahinter und vor allem das Marketing, dass ist das entscheidene, wer schreit am lautesten, welche App wird bei den Kids die, die sie am häuftigsten nutzen werden? Gerade im Internetzeitalter setzen sich weder die besten Ideen, noch die beste Technik immer durch, aber immer das beste Marketing.
dodgerone 14.07.2015
5.
Aktuell wird hier v.a. Geld verbrannt... den grossen Markt seh ich ehrlich gesagt nicht. Gerade in den Städten hat man doch genug andere Möglichkeiten. Die Zielgruppe ist auch nicht beliebig erweiterbar. Der Ansatz von Hungr klingt aber gut. Die aktuellen Marktteilnehmer sind eher unkreativ. Letztendlich wird nur die Speisekarte in die App integriert.
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