Geplanter Flüssiggas-Terminal in Brunsbüttel Deutschlands Trumpf im Gas-Poker

An der Elbe soll ein Hafenterminal für Flüssiggas entstehen. Das Projekt dürfte erst in einigen Jahren Gewinne machen, doch es ist politisch gewollt. Deutschland könnte bei Gaslieferungen weniger abhängig von Russland werden.

LNG-Tanker in Rotterdam (Archiv)
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LNG-Tanker in Rotterdam (Archiv)

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Brunsbüttel? Die Kleinstadt in Schleswig-Holstein kennen viele Deutsche vor allem wegen des Atommeilers, einem pannenanfälligen Koloss, der 2007 nach mehreren Störfällen für immer abgeschaltet wurde. Aber bald könnte der Ort an der Elbe mit einem zukunftsweisenden Energieprojekt Aufsehen erregen: Deutschlands erstem Terminal für verflüssigtes Erdgas, auf englisch "Liquified Natural Gas", kurz LNG.

Landespolitiker aus Schleswig-Holstein und Hamburg, Bundesminister und Unternehmenschefs, Brunsbütteler Bürger: Sie alle wollen dieses Projekt, aus unterschiedlichsten Motiven. Anders als die meisten Nachbarstaaten hat die Bundesrepublik bis heute keinen einzigen Anlandeterminal, an dem die teils mehr als 300 Meter langen, 30 Meter hohen Gas-Supertanker aus Katar, Trinidad oder Australien anlegen könnten. Keine einzige Anlage, die den auf minus 162 Grad herabgekühlten, verflüssigten und auf ein Sechshundertstel des ursprünglichen Volumens geschrumpftem Brennstoff aus den Schiffsbäuchen in seinen gasförmigen Zustand zurückverwandeln könnte.

Jahrzehntelang haben Energiekonzerne einen LNG-Terminal an der Nordseeküste erwogen, verwirklicht haben sie ihn nie. Bislang fehlte die politische Notwendigkeit. Und Geld war damit auch nicht zu verdienen.

Beides könnte sich nun ändern.

"Deutschland ist Gefangener Russlands", hat US-Präsident Donald Trump kürzlich beim Nato-Gipfel behauptet. Schließlich importiere die Bundesrepublik gewaltige Mengen Erdgas aus Russland - und werde stetig abhängiger von ihrem Haupt-Rohstofflieferanten. Wie bei Trump üblich, sind seine Aussagen oft überzogen, teils unwahr und nur auf den eigenen Vorteil gerichtet: Schließlich würden US-Konzerne gern Flüssiggas nach Deutschland verkaufen. Aber tatsächlich erhöhen sie den Druck auf die Bundesregierung, Deutschland schnell "zum Standort für LNG-Infrastruktur [zu] machen". So hatte es die schwarze-rote Regierung im Februar im neuen Koalitionsvertrag festgehalten.

"Mehr als genug Angebot im europäischen Erdgasmarkt"

Seit Jahrzehnten kommt das Erdgas für Deutschland aus der Leitung. Durch riesige Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und vor allem aus Russland wird der Brennstoff für Heizungen, Kraftwerke und Industriebetriebe importiert. Das Gas kommt zuverlässig, und der heimische Bedarf ist gut gedeckt. "Momentan gibt es mehr als genug Angebot im europäischen Erdgasmarkt", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffstratege der Commerzbank.

Seit Eröffnung der ersten Ostsee-Pipeline (Nord Stream) ist die Bundesrepublik sogar ein wichtiger Transitstaat: Ein bedeutender Teil des Gases aus Russland wird weitergeleitet, etwa nach Frankreich oder Tschechien. Großimporteure wie der frühere Konzern Eon Ruhrgas sahen daher keinen Anlass, einen Terminal zu bauen für LNG - das zudem oftmals teurer war als Leitungsgas. Gerade haben die Bauarbeiten für Nord Stream 2 begonnen.

Zudem könnte Deutschland kräftig LNG von seinen Nachbarn beziehen. Ob Belgien, Frankreich oder die Niederlande - alle haben sich riesige Terminals zugelegt, die meist nicht einmal ansatzweise ausgelastet sind. Die Anlage in Zeebrugge etwa benötigte 2017 lediglich zwölf Prozent ihrer Kapazität, Dunkerque sieben Prozent und Rotterdam gar nur sechs Prozent.

Tiefkühlgas soll als alternativer Treibstoff verkauft werden

"Die Leitungsverbindungen mit Belgien und den Niederlanden sind ausreichend", sodass Deutschland LNG über diese Terminals importieren könnte, schrieb Ende 2016 eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln. Deswegen werde ein deutscher LNG-Terminal zur Sicherstellung der Versorgung zurzeit nicht gebraucht. Allerdings, so schrieben die Forscher, könne es künftig "Entwicklungen im kleinräumigen LNG-Markt geben, die einen deutschen LNG-Terminal zu einem lohnenden Geschäft machen".

Genau das passiert gerade in Brunsbüttel.

Zwei niederländische Unternehmen, der staatliche Versorger Gasunie und der Tankterminalbetreiber Vopak wollen zusammen mit dem Hamburger Tanklager-Logistikunternehmen Oiltanking GmbH im Norden von Hamburg für geschätzte 450 Millionen Euro einen LNG-Terminal bauen. Sie wittern Rendite mit einem anderen Geschäftsmodell.

Ihr Tiefkühlgas ist nicht so sehr für den herkömmlichen, gesättigten Erdgasmarkt gedacht. Vielmehr soll es als alternativer Treibstoff verkauft werden: an Kreuzfahrt-, Binnen- oder Containerschiffe. Und als Industriegas für chemische Betriebe in der Region.

Andere Terminals im Gespräch

Bislang fahren herkömmliche Schiffe oft mit Schweröl: einem extrem dreckigen, schwefelhaltigen Kraftstoff. Die Abgase belasten die Umwelt mit hohen Mengen an Schwefeldioxid, Stickoxid und Rußpartikeln. Von 2020 an soll es etwas besser werden. Dann dürfen Schiffe auf hoher See nur noch Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von maximal 0,5 Prozent statt bisher 3,5 Prozent verbrennen - oder müssen alternativ die Abgase vom Schwefel reinigen. Entsprechend attraktiver dürften alternative Brennstoffe werden: allen voran LNG. Der Kreuzfahrtbetreiber AIDA Cruises etwa hat den Bau von mehreren Schiffe mit Gasantrieb in Auftrag gegeben.

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Auch an anderen Standorten in Deutschland, etwa in Stade oder in Wilhelmshaven, sind LNG-Terminals im Gespräch. Nirgends aber sind die Planungen so weit fortgeschritten wie in Brunsbüttel. Die Stadt am Schnittpunkt Elbe und Nord-Ostsee-Kanal, sei "ein strategisch idealer Standort" für die Beladung von "Schiffen mit LNG als alternativem Treibstoff", sagt Frank Schnabel, der Geschäftsführer des Hafenbetreibers Brunsbüttel Ports. Die Verkehrswege von und nach Hamburg sowie in und aus dem Nord-Ostsee-Kanal liefen alle über Brunsbüttel. Zudem wäre ein LNG-Terminal an diesem Standort "ideal, Hamburg und insbesondere den Hamburger Hafen mit LNG zu versorgen". Spezielle Bunkerschiffe sollen das LNG von Brunsbüttel in den Hamburger Hafen transportieren.

Berlin kommt das Projekt recht

Auch vor Ort kann das Gas genutzt werden. Der "ChemCoast Park Brunsbüttel" ist das größte zusammenhängende Industriegebiet Schleswig Holsteins: mit mehreren energieintensiven Unternehmen, "die hohen Gasbedarf haben und für die LNG eine Alternative zu Pipelinegas darstellen kann".

Die Landespolitik steht hinter dem Projekt. Sowohl Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) als auch sein Hamburger Pendant Frank Horch (parteilos) haben sich für den Terminal ausgesprochen. Beide Landesregierungen stellten den Betreibern sogar in Aussicht, "eine eventuelle Lücke bei der Wirtschaftlichkeit" aus Bundes- und Landesmitteln zu füllen. Will heißen: das Projekt finanziell zu subventionieren.

Auch der maritime Koordinator der Bundesregierung, Norbert Brackmann CDU, sagte dem Handelsblatt, der Infrastrukturfonds des Bundesverkehrsministeriums halte "grundsätzlich Mittel bereit". Für die Gasversorgung benötigt Deutschland eigentlich nicht zwingend einen LNG-Terminal. Berlin kommt das Projekt angesichts von Trumps Vorwürfen gerade recht. Zumindest politisch.

Mehr Alternativen, bessere Verhandlungsposition

Für Deutschland sei ein LNG-Terminal wirtschaftlich weniger attraktiv als für andere europäische Staaten, sagt Commerzbank-Experte Weinberg. Aber: "Jedes Land, das strategisch und geopolitisch denkt und sich der Gefahr eines Streites zwischen Russland und einem anderen Staat bewusst ist, sollte an anderen Lieferwegen Interesse haben." Deutschland müsse bei Weitem nicht sein gesamtes Gas über LNG-Terminals einführen. Wichtig sei die Schaffung zusätzlicher Alternativen, und damit einer "viel besseren Verhandlungsposition".

Noch hat die German LNG Terminal GmbH, wie das Betreiberkonsortium sich nennt, den Bau nicht endgültig beschlossen. Aber vieles deutet darauf hin, dass das bald geschieht. Wie das Unternehmen im Mai erklärte, habe es schon mit einer "beträchtlichen Anzahl" von möglichen Geschäftspartnern Absichtserklärungen unterzeichnet und den Genehmigungsprozess gestartet. Offenbar gibt es genügend Interessenten aus der Schifffahrtsbranche und der chemischen Industrie für das Tiefkühlgas.

Kommendes Jahr will das Konsortium die Investitionsentscheidung treffen - und bei einem Ja auch den Bau starten. 2022 soll der Terminal laut Plan in Betrieb gehen. Und ob die Betreiber dann ihren Brennstoff aus den USA oder von anderswoher beziehen, sollten sie als Privatunternehmen selbst entscheiden können, unbeeinflusst von der Politik.

insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
j1958 25.07.2018
1. Märchenstunde
'2022 soll das Terminal in Betrieb gehen.' In Deutschland? Mit unseren ganzen Prüf- und Einspruchsmöglichkeiten? Und wenn man den Leuten erst erzählt, das so ein LNG Tanker die Sprengkraft einer kleinen Atombombe an Bord hat, dann wird sich schon Widerstand bilden. Aber es ist grundsätzlich richtig, Alternativen zum Pipelinegas zu haben, vor allem in 20 - 30 Jahren, so lange wird es eh dauern bis alle Stempel durch sind.
Gipsel 25.07.2018
2. Und am Ende importieren wir dann russisches LNG
z.B. aus dem Yamal-Feld. Da haben die Russen nämlich vor einiger Zeit ein großes LNG-Terminal eingeweiht. Genau wie die Polen mit ihrem neuen LNG-Terminal mal von einer US-Firma bestellt hatten, die dann aber einfach ihren Tanker nach Rußland schickte (an der Ostssee haben die auch LNG-Export-Infrastruktur gebaut), weil die Lieferung von da über den kurzen Weg über die Ostsee preisgünstiger war als das schippern über den Atlantik (aber natürlich immer noch teurer, als wenn sie sich das Gas einfach über die Pipeline hätten liefern lassen).
strixaluco 25.07.2018
3. Industrieanlagen im überflutungsgefährdeten Gebiet
In Brunsbüttel ist alles schön flach, da baut es sich gut - allerdings habe ich den starken Eindruck, dass man dort reichlich wenig Gedanken daran verschwendet, dass Chemiefabriken, Öl - und Gasterminals und ein verrottendes Atomkraftwerk in einem durch Sturmfluten gefährdeten Gebiet (vlg. Küstenschutzpläne Schleswig-Holstein) im Falle eines Falles sehr ungünstig liegen. Fukushima ist nicht so weit weg von uns, wie wir es gerne hätten...!
abc-xyz 25.07.2018
4. Überfällig und richtig
Das erste LNG Projekt wurde ja von Gas-Gerd gestoppt. Wenig später fand dieser sich ja direkt auf der Gehaltsliste des Kremls. Dabei zeigt, dass die russischen Gas-( und Angriffs)Kriege ein politisches Problem darstellt. Die Diversifikation des Gases muss ein oberstes, politisches Ziel sein. LNG ist eines sehr gute Alternative wie Japan beweist. Dort geht schon rein geografisch gesehen nur sehr schwer etwas mit Pipelines. Die Mehrkosten sind auch drinnen, wenn man sich dabei anschaut, welche politische Freiheiten man sich damit erkauft, und so viele teurer ist es beileibe auch nicht. Also, mehr LNG, weniger russisches Gas.
syracusa 25.07.2018
5. Holzscheite, Dynamit, LNG und Atombomben
Zitat von j1958'2022 soll das Terminal in Betrieb gehen.' In Deutschland? Mit unseren ganzen Prüf- und Einspruchsmöglichkeiten? Und wenn man den Leuten erst erzählt, das so ein LNG Tanker die Sprengkraft einer kleinen Atombombe an Bord hat, dann wird sich schon Widerstand bilden. Aber es ist grundsätzlich richtig, Alternativen zum Pipelinegas zu haben, vor allem in 20 - 30 Jahren, so lange wird es eh dauern bis alle Stempel durch sind.
Was ist dass denn für ein grotesker Versuch, durch inkompetente und gelogene Aussagen Angst zu schüren ujnd ideologische Propaganda zu betreiben? Haben Sie den Leuten auch schon mal erklärt, dass ein kleines Holzscheit mehr Energie frei setzt als eine gleich großem Stange Dynamit? Ihrer Meinung nach müsste man also auch alle Holzöfen verbieten, nicht wahr? Die Sprengkraft einer Ladung LNG beträgt übrigens nur Bruchteile der einer Atombombe. Bei der Sprengkraft geht es nämlich um die Leistung, mit der der Energiegehalt freigesetzt wird. Und diese maximale Leistung ist beim LNG im Vergleich zur Atombombe extrem klein.
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