Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sparkurs des Lufthansa-Chefs: Vom Kollegen zum McKinsey-Vollstrecker

Von

Sein Image als Kumpel der Piloten hat Carsten Spohr endgültig abgelegt. Mit einem Umbau der Führungsebene stärkt er seine Macht und die Stellung der neuen Billigtochter Eurowings. Die muss er jetzt nur noch den Kunden schmackhaft machen.

Lufthansa-Chef Spohr: Die guten alten Zeiten sind vorbei Zur Großansicht
DPA

Lufthansa-Chef Spohr: Die guten alten Zeiten sind vorbei

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"McKinsey kommt" heißt ein Theaterstück des Dramatikers Rolf Hochhuth, das 2004 für Wirbel sorgte. Die Unternehmensberatung steht darin für eine harte Sparideologie, die zum Zweck der Gewinnsteigerung auch vor Massenentlassungen nicht zurückschreckt.

Auch für Deutschlands größte Airline gilt: McKinsey kommt. Am Mittwoch segnete der Lufthansa-Aufsichtsrat eine neue Führungsstruktur ab, die zusammen mit der Unternehmensberatung entwickelt wurde. Einen ihrer Vordenker holt Konzernchef Carsten Spohr zudem zu Lufthansa: McKinsey-Partner Detlef Kayser überwacht künftig direkt unterhalb des Vorstands den Umbau. Es tue dem Unternehmen "gut, immer mal wieder frisches Blut zu kriegen", lobte Spohr in einer Telefonkonferenz.

Das sieht nicht jeder im Unternehmen so. "Viele unserer Probleme gehen auf McKinsey zurück", sagt ein Pilot mit Blick auf die Sparvorgaben. Doch die jüngsten Beschlüsse zeigen, dass Spohr an seinem Kurs festhält. Weil das Kerngeschäft der Airline seit Langem schwächelt, will ihr Chef einen Großteil des Verkehrs auf Billigtöchter unter der Dachmarke Eurowings verlagern. Dort werden Piloten viel weniger Geld verdienen als ihre Kollegen bei Lufthansa, die bis heute zu den bestbezahlten der Branche gehören.

Proteste der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) musste Spohr erwarten. Zunächst hofften dort viele wohl noch, als gelernter Pilot werde Spohr seinen Ex-Kollegen schon entgegenkommen. Doch seit vergangener Woche ist endgültig klar, dass das nicht passieren wird. Spohr ließ den jüngsten Streik gerichtlich stoppen, nachdem VC zu offensichtlich gezeigt hatte, dass man auch gegen den Konzernumbau protestiert. Dieser aber sei allein Sache der Unternehmensführung, entschieden die Richter.

Den Triumph genießt Spohr nicht nur still: "Eine außergewöhnliche Wende", verkündet die jüngste Ausgabe der Mitarbeiterzeitschrift "Lufthanseat" auf dem Titelbild. Außerdem verspricht sie Auskunft darüber, "wer der eigentliche Gegner der Lufthansa ist".

Die offizielle Antwort lautet dann aber doch nicht: die Piloten. Sondern: der Markt. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz durch Golf-Airlines und Billigflieger gebe es keine Alternative zum Konzernumbau, wird den Mitarbeitern trocken mitgeteilt. "Die guten alten Zeiten sind vorbei - unwiderruflich."

Das gilt auch für einen Teil des Lufthansa-Managements. Mit der jetzt beschlossenen Umstrukturierung fällt eine komplette Führungsebene weg, dem Unternehmen zufolge sinkt die Zahl der Häuptlinge um rund 15 Prozent. Spohr streicht auch einen Job, den er früher selbst innehatte: Das Passagiergeschäft der Lufthansa wird nicht mehr von einem eigenen Vorstand, sondern zusammen mit den Töchtern Swiss und Austrian geführt. Dafür gibt es einen neuen Posten für die Eurowings-Sparte, den der bisherige Passage-Chef Karl Ulrich Garnadt übernimmt. Die Traditionsmarke tritt also in den Hintergrund, der Fokus liegt auf dem neuen Billiggeschäft.

Spohrs Macht im Unternehmen wird durch die Reformen gestärkt. Entsprechend selbstbewusst zeigte sich der Lufthansa-Chef am Mittwoch. Auf die Frage, ob er finanzielle Belastungen durch weitere Streiks fürchte, merkte Spohr an: "Im Wort fürchten steckt ja Furcht." Und die, so der Subtext, empfindet Spohr längst nicht mehr.

Bewährungsprobe Germanwings-Absturz

Vor einem halben Jahr sah das noch anders aus. Damals erschütterte der Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen den Mutterkonzern. Wochenlang war der Lufthansa-Chef rund um die Uhr als Krisenmanager gefragt, manche Beobachter prophezeiten schon seinem ganzen Konzern den Untergang. Doch Spohr meisterte die Krise professionell - das attestieren ihm auch die sonst so kritischen Piloten.

Zwar ist Lufthansa im internationalen Vergleich weit zurückgefallen. Lag man im Jahr 2000 noch auf dem weltweit dritten Platz der börsennotierten Fluglinien, ist es inzwischen nur noch Platz 18. Derzeit wird Spohr jedoch von einer positiven Geschäftslage gestärkt, die unter anderem mit dem niedrigen Ölpreis zusammenhängt.

Die Sommermonate liefen dem Vorstandschef zufolge sogar so gut, dass Lufthansa trotz der jüngsten Streiks den angepeilten Gewinn von 1,5 Milliarden Euro vor Steuern und Zinsen erreichen dürfte. Seinen Ex-Kollegen bei der Vereinigung Cockpit droht Spohr dennoch wegen der Streikfolgen mit einer Schadensersatzforderung von 60 Millionen Euro.

Unter diesen Vorzeichen doch noch eine Einigung mit den Piloten zu finden, bleibt die eine große Herausforderung für Spohr. Immerhin zeigt sich VC nach der Niederlage wieder gesprächsbereit. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind für den gesamten Donnerstag neue Gespräche zwischen Lufthansa und den Piloten angesetzt.

Die andere Herausforderung wird es, die neue Konzernstruktur auch dem Kunden schmackhaft zu machen. Eurowings soll sich künftig an Billigwettbewerbern wie Easyjet orientieren, bei denen jedes Extra zusätzlich kostet. Lufthansa dagegen soll dank exklusiver Services noch in diesem Jahr zur ersten Fünf-Sterne-Airline des Kontinents aufsteigen. Trotz dieser Unterschiede kündigte Lufthansa nun "ein integriertes und durchgängiges Reiseerlebnis" über alle Drehkreuze und Fluggesellschaften hinweg an.

Wie genau dieser Spagat gelingen soll, ist offen. Die Vereinheitlichung betreffe vor allem praktische Fragen wie die Reservierung oder Gepäckvorgaben, beschwichtigte Spohr. Selbstverständlich aber würden Lufthansa-Stewardessen auch künftig keine Eurowings-Uniformen tragen und Kunden der Schweizer Konzerntochter weiterhin die sogenannte "Swissness" erleben. "Es wird ein unterschiedliches Erlebnis sein."

Zusammengefasst: Lufthansa bekommt eine neue Führungsstruktur. Das bisherige Passagiergeschäft der Fluglinie tritt dabei in den Hintergrund, die neue Billigsparte Eurowings wird gestärkt. Trotz des anhaltenden Tarifkonflikts mit den Piloten treibt Konzernchef Carsten Spohr den Konzernumbau voran.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Dann lieber gleich zum Original
FrankBerlin123 16.09.2015
Lufthansa war mal ein großes deutsche Unternehmen und als Marke ein Versprechen. Aber warum sollte man mit einer Billigkopie namens "Eurowings" fliegen? Dann lieber gleich Easyjet, die stürzen auch nicht ab.
2. McKinsey?
ramuz 16.09.2015
Cool - da werden ein paar Geier schon Ihre Schnäbel wetzen, um die kläglichen Reste des Kranichs aufzufressen und seine Knochen in alle Winde zu verstreuen, wenn die Mackies ihn erst mal erledigt haben! Kann ja nicht lange dauern bei dem Führungspersonal. Keine 24 Monate.
3. Find ich klasse!
Freigeistig 16.09.2015
Klingt alles sehr überzeugend, hoffentlich fahren ihm da nicht wieder seine Piloten in die Kandare, man bekommt ja langsam den Eindruck, dass sie ihren eigenen Arbeitgeber unbedingt zerstören wollen! Mit solchen Mitarbeitern hat man halt keine Chance... und das alles auf dem Rücken der übrigen Belegschaft, die tun mir echt leid!!
4. Preiserhöhungen
mameluk 16.09.2015
vor allem in den mich interessierendenMarkt für eoropäische Städteflüge stelle ich seit mindesten 1 Jar und länger fest, um bis zu 50 %. Die 99.-€ Flüge gibt es fast nicht mehr. Und die neue Preisstruktur ist auch eine erhöhung um ca. 30 %, wenn man die gleichen Befördrungsbedingungen wie bnisher ansieht, also Freigepäck und Sitzplatzvorabreservierung. Die Ligthtversion beträgt auch schon ca. 90.-€, aöso fürmicht praktisch - Finger weg von Lufthanse, und Germanwings sowieso. Habe gerade ein Angebot erhalten für Flüge nach N.Y., business oder so. ca 6000.- € und mehr, ha, ha, ha. So bblöd ist doch keine Fa merhr, ausser fürein paar Spitzenmanager, und damit betzen die keine 2 Reihen. Eurowings? Ich quetsche mich doch für einen Langstreckenflug nict in eine Zngsjacke , Thrombosen garantiert.
5. Gewagte Strategie
Mijnheer Pepperkorn 16.09.2015
Also auf der Langstrecke erlebe ich Lufthansa oft mit alten Flugzeugen, mäßigem Essen (immerhin nicht schlecht), schlechtem Multimediasystem aber sehr netten Stewardessen. 5star ist da wenig, höchstens die HON Lounge in Frankfurt. Miles and more haben sie mehr oder weniger entwertet. Auf der Kurzstrecke sehe ich nicht, wo sie besser als Air Berlin sind. Die neuen dünnen Sitze sind eine Zumutung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: