Streit bei der Lufthansa "Selbst das Bodenpersonal schüttelt den Kopf über die Piloten"

Die Piloten der Lufthansa ärgern Konzern und Kunden mit immer neuen Streiks. Ex-Lufthansa-Manager Thomas Sattelberger sieht die Schuld bei einer sturen Gewerkschaft, die liebgewonnene Besitzstände verteidige.

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Zur Person
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    Thomas Sattelberger, 67, war von 1994 bis 2003 Top-Manager bei der Lufthansa und wurde später Personalvorstand bei der Deutschen Telekom. Seit 2012 ist er im Ruhestand. Bei der Bundestagswahl 2017 will er im Wahlkreis München-Süd für die FDP kandidieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sattelberger, Sie sind Vielflieger und waren bis vor gut zehn Jahren als Lufthansa-Manager selbst für die Servicequalität der Airline zuständig. Wie sehen Sie den aktuellen Dauerausstand der Flugzeugführer?

Sattelberger: Die Rücksichtslosigkeit der Pilotenstreiks ruiniert den Markenkern der Lufthansa. Ich fliege drei- bis viermal die Woche und bin derzeit kaum noch arbeitsfähig. Anderen Geschäftsreisenden geht es ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Die Lufthansa will auf Langstrecken Fünf-Sterne-Niveau erreichen. Ist das überhaupt noch möglich?

Sattelberger: Wenn Streiks das von jeder guten Airline gelebte Grundversprechen von Zuverlässigkeit ruinieren, braucht man über das Lächeln der Stewardess, Sitzkomfort und das Kulinarische gar nicht erst nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 2007 bei der Telekom als Personalvorstand anfingen, wurden Sie gleich mit Massenstreiks empfangen. Auch damals ging es um die Gründung neuer Gesellschaften, in denen die Mitarbeiter deutlich schlechter bezahlt werden sollten. Sehen Sie Parallelen zur aktuellen Situation bei der Lufthansa?

Sattelberger: Ja! Die Telekom war damals ein Sanierungsfall in Deutschland, sowohl beim wirtschaftlichem Ergebnis als auch bei der Kundenzufriedenheit. Lufthansa ist zumindest auf dem Weg dahin. Und die Vereinigung Cockpit hat sich - wie damals Ver.di bei der Telekom - eingegraben und ist für Argumente kaum noch zugänglich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Konflikt damals gelöst, indem Sie den Mitarbeitern Boni zahlten, wenn die Kundenzufriedenheit und Servicequalität stieg. Wäre das auch eine Idee für den aktuellen Streit bei der Lufthansa?

Sattelberger: Den Piloten geht es in erster Linie nicht um Geld, sondern um einen illegitimen Eingriff in die Unternehmensführung. Sie wollen den Aufbau der Billigtochter Eurowings verhindern und verstecken das hinter einer exorbitanten Gehaltsforderung. Generell ist die Einführung einer Ergebnisbeteiligung als Belohnung für eine höhere Kundenzufriedenheit prima für Dienstleistungsunternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Beide Unternehmen, die Telekom und die Lufthansa, waren früher mal in Bundesbesitz. Sind die Mitarbeiter bei solchen Konzernen besonders streikfreudig?

Sattelberger: Die beiden ehemaligen Staatsunternehmen hatten teilweise fürstliche Regelungen für die Belegschaft - und besonders veränderungsunwillige Gewerkschaften. Da ist die Stimmung dann schon emotional aufgeheizt. Liebgewonnene Besitzstände abzubauen, ist nun mal keine schöne Aufgabe, das ist schmerzhaft für alle Beteiligten und Betroffenen.

SPIEGEL ONLINE: Die Lufthansa-Führung stellt die Verlagerung von Teilen des bisherigen Geschäfts auf die neue Billigtochter Eurowings in Österreich als alternativlos dar. Ist sie das wirklich?

Sattelberger: Schon in meiner damaligen Zeit als Lufthansa-Vorstand war klar, dass man nur mit kosteneffizienten Tochterplattformen den europäischen Billigfliegern Paroli bieten kann. Sonst wird man international zum Nobody. Und heute ist der Wettbewerb durch Fluglinien wie Emirates, Ryanair oder Norwegian noch härter.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Argument, der Wettbewerb sei zu heftig, könnte doch jedes deutsche Großunternehmen ins Ausland abwandern, wenn ihm die Lohnkosten daheim zu hoch sind.

Sattelberger: Lufthansa will ja nicht komplett nach Wien umziehen, sondern dort eine weitere Produktionsplattform aufbauen. Je kompromissfähiger die Piloten bei der Umstellung ihrer seit Langem nicht mehr zeitgemäßen Altersversorgung sind, die wie Blei auf der Bilanz lastet, desto mehr Wachstum ist auch in Deutschland möglich. Und noch etwas: Die Auslandsinvestitionen der deutschen Wirtschaft haben sich seit 2000 auf mehr als 1,5 Billionen Euro verdreifacht. Lufthansa ist also in bester Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Die Konzernführung soll sogar erwogen haben, Insolvenz zu beantragen, um sich von den Fesseln des sogenannten Konzerntarifvertrags zu befreien, der den Piloten äußerst komfortable Arbeitsbedingungen zusichert.

Sattelberger: Das will und kann ich nicht kommentieren. Aber man darf nicht vergessen: Große US-Airlines haben den Wettbewerb immer wieder verzerrt, indem sie sich unter den Rettungsschirm des sogenannten Chapter 11 begaben. Diese US-Variante des Insolvenzrechts erlaubt es, Altlasten wie etwa Pensionsverpflichtungen abzuwerfen und danach wie Phönix aus der Asche wiederaufzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Unternehmen sind auf motivierte Mitarbeiter angewiesen, in der Dienstleistungsbranche mit viel Kundenkontakt gilt das besonders. Hat die Lufthansa-Führung es versäumt, die Beschäftigten rechtzeitig einzubinden?

Sattelberger: Ich habe selbst zig Einbindungsversuche miterlebt, ja mitinitiiert. Ich habe die Flügelkämpfe innerhalb der Pilotenvertretungen miterlebt, die Radikalität der Positionen. Als Kunde war ich von den teilweise rechtswidrigen Streiks des vergangenen Jahres massiv betroffen. Ich habe von den vielen Einigungsversuchen seit meinem Weggang gehört. Heute schütteln selbst Beschäftigte im Bodenservice den Kopf über die starre Haltung der Vereinigung Cockpit.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie selbst als Mann mit zahlreichen Ämtern und Ehrenämtern auf die ständigen Streiks? Haben Sie sich schon eine Air-Berlin-Statuskarte besorgt?

Sattelberger: Nein! Ich bin von Herzen altmodischer Lufthansa-Vielflieger! Ich leide mit dieser Firma! Und ich wünsche mir, dass die vielen motivierten Lufthanseaten eine Zukunft haben.



insgesamt 325 Beiträge
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nano-thermit 29.11.2016
1. Natürlich...
Streiken ist schlecht und das sollte in Deutschland bloß nicht als Beispiel herhalten. Wo kämen wir hin, wenn die Deutschen auf die streikbarikaden gingen, so wie in Frankreich. Wenn Konzerne tatsächlich sich daran erinnern mussten, das sie Mitarbeiter haben die sich mit einer Firma identifizieren, jedoch nicht mit den Aktieninhabern?
m.sielmann 29.11.2016
2. Fingerpoiniting statt Unternehmensführung
Wenn - wie hier - das Management auf die Gewerkschaft als "schuldige" deutet, legt dies die eigentliche Ursache offen. In den Luftfahrtunternehmen ist die Stimmung der Beschäftigten vorsichtig formuliert nicht gerade gut. Die Zersplitterung der Belegschaft, eine langjährige von lufthansa vorangetriebene Politik führt nun zu Ergebnissen, die das Management einer Airline, die sich zwischen Billigflieger und Top-Airline nicht entscheiden können. Wenn Piloten bei German Wings für Lufthansa fleigen, aber die niedrigere Konzernvergütung beziehen, wie stellt sich dann bitte Herr Sattelberger vor, dass sich Streiks vermeiden lassen. Personalmanagement und Menschenführung gehört zu dem Fachgebiet, dass er und die Airlien sträflich vernachlässigt haben. Dazu eine Unternehmenspolitik des hin- und hers. Aber wenn sich die negativen Folgen tagtäglich beim Fliegen für die Passagiere zeigen, kommt es gelegen, wenn man der Beschäftigtenseite die Verantwortung zuschieben kann. Lufthansa-Management, entscheide Dich langfristig für eine Strategie, ändere sie nciht ständig und suche dieSchuld nicht bei denBeschäftigten, die haben das Management nicht benannt.
Pinin 29.11.2016
3. Wo ist das Problem?
Einfach nicht mehr mit der Lufthansa fliegen bis die Pleite sind, und dann neu starten.
bierzelt 29.11.2016
4. Äh ja?
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/lufthansa-vorstand-darf-sich-ueber-gehaltserhoehung-freuen-a-1068556.html Sich selbst die Taschen füllen und dann den Piloten 2,5% mehr Lohn gegen Mehrarbeit bieten. Ich bin mir auch sicher, dass das Problem bei der Gewerkschaft liegt.
sraab 29.11.2016
5. Ausgewogen
Im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung erwarte ich als nächstes ein Interview mit einem Vertreter der Gegenseite. Sonst ist das hier neolibarale Meinungsmache.
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