Lufthansa-Mitarbeiter zum Streik Warum wir uns nicht einig werden

Sie stehen auf den beiden gegnerischen Seiten des Konflikts: Der eine Lufthansa-Mitarbeiter streikt, der andere leitet während des Ausstandes den Flugbetrieb. Hier erklären sie, warum bei der Fluglinie nun schon wieder Chaos herrscht.

Lufthansa-Schalter während Streik im März: "Das ist schon starker Tobak"
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Lufthansa-Schalter während Streik im März: "Das ist schon starker Tobak"


Für Außenstehende ist es kaum noch nachvollziehbar: Die Piloten des Lufthansa-Konzerns streiken wieder - zum 13. Mal in nur anderthalb Jahren. Offiziell geht es dabei um die Übergangsversorgung bis zum gesetzlichen Renteneintritt. Lufthansa will, dass die Piloten künftig mit durchschnittlich 61 statt den bislang 58 Jahren aus dem Beruf aussteigen.

Doch hinter dem Konflikt steckt mehr: Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat mit einem weitreichenden Konzernumbau begonnen, unter der Marke Eurowings werden die Billigflüge gebündelt, hier verdienen Piloten rund 40 Prozent weniger als bislang.

Der Konzern hält das angesichts der wachsenden Konkurrenz für überlebenswichtig. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) wirft Spohr dagegen vor, er wolle die gesamte Tarifstruktur des Unternehmens abbauen. Die Fronten sind verhärtet, eine Einigung scheint ferner denn je.

SPIEGEL ONLINE hat zwei Beteiligte am Tarifstreit befragt:

Daniel Stiegler (Name geändert) fliegt unter dem alten Konzerntarifvertrag im Lufthansa-Konzern einen Airbus:

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"Ich streike mit. Dabei fand ich die Position von Cockpit lange sehr extrem. Aber jetzt sind sie auf die Lufthansa zugegangen: Die Bezahlung von neuen Piloten bei den Billigtöchtern soll sich an Easyjet orientieren. Und bei bestehenden Regelungen wie der Übergangsversorgung hat Cockpit die Einschnitte im Umfang von 500 Millionen Euro akzeptiert.

Dass die Lufthansa darauf nicht eingegangen ist, finde ich entlarvend: Sie will sich nicht einigen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht kommt das Angebot von Cockpit zu spät und die Fronten sind verhärtet. Oder Lufthansa versucht, die Tarifvereinbarungen abzuschaffen, indem neue Strukturen aufgebaut werden. Jedenfalls frustriert es mich, dass selbst ein so realistisches Angebot kein Gehör mehr findet. Das ist schon starker Tobak.

Der bisherige Konzerntarifvertrag muss sicher erneuert werden. Wer jetzt von der Flugschule kommt, kann ja bei einer Billigtochter anfangen. Aber er sollte weiter die Möglichkeit haben, innerhalb des Konzerns zu wechseln und überall zum Kapitän aufzusteigen. So wie der Umbau derzeit geplant ist, müssen wir dadurch aber sogar Kündigungen fürchten.

Außerdem bringen die neuen Strukturen erst mal neue Kosten mit sich. Die neuen Gesellschaften sind so klein, dass man den europäischen Luftfahrmarkt damit nicht aufrollen kann. Man hätte auch die Gehälter für Berufseinsteiger bei der schon etablierten Germanwings senken können. Jetzt müssen wir Eurowings erst mal mindestens drei Jahre aufbauen, um dieselbe Größe zu erreichen.

Ich glaube, viel hängt jetzt auch an Carsten Spohr persönlich. Deutsche Dax-Chefs sind einsame Wölfe. Selbst wenn es unterhalb von ihm andere Gedanken geben sollte, werden die wohl kaum an Spohr herangetragen. Ob er Druck von seinen Kapitalgebern bekommt? Kann sein, muss aber nicht.

Selbstverständlich fürchte ich die finanziellen Folgen von Streiks für die Lufthansa. Ich habe auch die Sorge, dass sich die öffentliche Meinung endgültig gegen uns Piloten dreht. Aber ich weiß nicht, welche andere Möglichkeit uns bleibt. Gerade jetzt, wo wir große Zugeständnisse gemacht haben, lässt man uns im Regen stehen. Das müssen wir öffentlich deutlich machen."

Werner Knorr ist Chefpilot der Lufthansa, Mitglied der Tarifkommission und leitet den Flugbetrieb während des Streiks:

Lufthansa

"Ich war vom Vorgehen der Vereinigung Cockpit überrascht. Bis Montag hatte ich damit gerechnet, dass wir mit Verhandlungen beginnen können. Wir hatten zwar noch viele Fragen zum Angebot von Cockpit - etwa, wie genau sich die 500 Millionen Euro Einsparungen zusammensetzen. Aber das Paket ist ein Schritt in die richtige Richtung und eine gute Verhandlungsgrundlage. Darüber hätten wir mal zwei, drei Tage wirklich reden müssen.

Leider hat Cockpit das Angebot aber mit der Bedingung verknüpft, den Konzernumbau für den Zeitraum der Verhandlungen zu stoppen. Das konnten wir nicht akzeptieren, auch weil die Verhandlungen schon so lange ohne Ergebnis laufen.

Wenn wir von der Gewerkschaft spürbare Kostensenkungen erwarten, müssen wir natürlich auch über die Sicherheit der Arbeitsplätze und die Perspektiven von Piloten reden. Deshalb haben wir Brücken gebaut und zum Beispiel vorgeschlagen, den geplanten Abbau der Germanwings-Flotte vorerst einzufrieren.

Wir glauben aber, dass wir bei Kontinentalflügen um die 30 Prozent günstiger werden müssen und bei Germanwings auch noch mal um rund 20 Prozent. Das könnten wir durch den Vergleich mit Wettbewerbern wie Easyjet konkretisieren. Auch darüber hätten wir gerne mit der Vereinigung Cockpit verhandelt - aber eben ohne dafür den dringend notwendigen Konzernumbau zu stoppen.

Eine Machtprobe ist der Streit nicht. Wir wollen nicht gewinnen, sondern der Lufthansa eine Zukunft geben. Die Vereinigung Cockpit muss erkennen, dass die Konzepte aus früheren Jahrzehnten nicht die Lösung für heutige Probleme sind.

Im Moment verdienen wir als Konzern zwar gutes Geld. Aber wir haben auch massiven Rückenwind durch niedrige Kerosinpreise und günstige Währungsentwicklungen. Das sind vorübergehende Faktoren, die auch unseren Wettbewerbern helfen. Deshalb brauchen wir die Reformen mehr denn je.

Ich habe den Krisenstab nach dem Germanwings-Absturz geleitet. Damals gab es eine unglaubliche Solidarität im Unternehmen, es war ein emotionaler Ausnahmezustand und alle waren bereit zu helfen. Das war sensationell und hat gezeigt, was unsere Mitarbeiter mit einem gemeinsamen Ziel leisten können. Fast ein halbes Jahr danach sind wir aber wieder im Alltag angelangt, und in den Tarifgesprächen haben wir leider weiterhin unterschiedliche Ziele."

Protokolle: David Böcking

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bapu65 09.09.2015
1. Was ein
Schwachsinn: ALLLE Beteiligten sollten sich mal bei Air NZ erkundigen, die haben nach Jahrzehnten Streikunterbrechungen zusammen MIT den Gewerkschaften einen Kompromiss erreicht und seit dem läufst bei denen auch!! Rekordgewinne, Mitarbeiter Bonus und Wachstum (wenn auch gering). Natürlich ist nicht alles Sonnenschein aber so ne .... wie bei LH ist schon schwer zu übertreffen. Ich bin ehemaliger LH per und muss schon sagen: Nieten in Nadelstreifen und Uniform !!
hevopi 09.09.2015
2. Wie sieht die Zukunft aus?
Glaubt denn die Gewerkschaft wirklich, auf so einem Weltmarkt kann man einfach so weitermachen, wie bisher? Meines Erachtens ist sie auf dem besten Weg, Arbeitsplätze zu vernichten. Wenn auf beiden Seiten offen über die Probleme, eine Zukunftsprognose und eine Strategie zur Erhaltung der Arbeitsplätze gesprochen wird, ist "Streik" das letzte Mittel, ich habe den Eindruck, hier wird auf Kosten der Arbeitnehmer nur mit den Muskeln gespielt.
rxra99 09.09.2015
3. Viele Jahre bei Lufthansa
Ich habe viele Jahre bei Lufthansa gearbeitet und war immer wieder ueber den schlechten Umgang des Managements mit den Mitarbeitern schockiert. Geballte Inkompetenz bei gleichzeitiger vollkommener Selbstuberachaetzung. Das scheint sich ja nun selbst auf hoechster Ebene in dieser Firma zu bestaetigen.
pacocoeln 09.09.2015
4. Ich habe Gedult mit der Lufthansa,
fliege in der Zwischenzeit weiter mit Emirates meine 12-15 Interkontinentalflüge mit ordentlich Freigepäck, gutem Service, Lounge etc. Wenn ein Emiratesflug nach Shanghai günstiger ist als ein Direktflug der Lufthansa, dann kann mir keiner erzählen, dass das an staatlichen Subventionen der UAE liegt. Strengt Euch was an, stellt Euch dem Wettbewerb, kappt ein paar der überkommenen Privilegien die ihr seit den 1970ern angesammelt haben (das müssen andere Branchen auch), dann komme ich auch gerne wieder zurück.
Spiegelleserin57 09.09.2015
5. auf 40% Gehalt verzichten....
wer macht das ohne Streik. Untere Lohngruppen würden Privatinsolvenz anmelden müssen. Der Umbau des Konzern geht mit Sicherheit auf Kosten des Personals. Der Absturz der Germanwings Maschine ist wohl nicht mit der allgemeinen Arbeitssituation zu vergleichen, eben ein emotionaler Ausnahmezustand, anders als der Alltag und die Gehaltsverhandlungen. Der Konzern verdient gut und das wird auch so bleiben. Die ständig wachsenden Ansprüche der Aktionäre dürften das Problem sein da sie nicht verstehen wollen dass der Aufwind eine Ende hat und eben nicht mehr zu verdienen ist. Es immer leicht andere für sich arbeiten zu lassen anstatt sich selbst mal in deren Lage zu versetzen. Nicht immer bestimmt das Kapital den Weg. die LH riskiert viel wenn die Streiks weiter laufen. Niedrige Kerosinpreise wird auch weiter geben denn, falls ich immer noch richtig informiert bin, wird Kerosin nicht versteuert, worüber die Politiker auch mal nachdenken sollten denn es gibt keinen Grund dies nicht zu tun. Auch die Reisenden sollten mal darüber nachdenken ob ein Billigflug wirklich eine gute Maßnahme ist denn es geht auch Sicherheit und eine gute Wartung, termingerecht und rechtzeitig, der Maschinen und intern wird sicherlich an allen Ecken gespart. Wir werden das erst wieder merken wenn eine Maschine unten liegt. Es wäre auch von Cockpit eine gute Idee mal die Details eines Werdegangs eines Piloten offen zu legen um der Bevölkerung die Situation verständlich zu machen denn viele wissen eigentlich gar nicht worum es geht und was ein Pilot leistet. Dies würde manche Wut abmildern. Verständnis bringt auch Solidarität!
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