Gescheiterter Niki-Kauf Das Lufthansa-Märchen

Die Lufthansa begründet ihren Rückzug vom Kauf der Fluglinie Niki mit dem Nein der EU-Wettbewerbshüter. Nun kam heraus: Der Konzern wollte die meisten Start- und Landerechte behalten - und sich eine Monopolstellung sichern.

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Als die Lufthansa kürzlich noch um das Ja der EU-Kommission zur Übernahme der Fluglinie Niki warb, schwang Carsten Spohr große Worte. "Wir übernehmen eine Niki quasi ohne Slots, wenn es dann zum OK der Europäischen Kommission kommt", behauptete der Konzernchef Anfang Dezember.

Die Slots, also die Start- und Landerechte auf überfüllten Flughäfen, sind das begehrteste Überbleibsel der Air-Berlin-Gruppe. Und als die Lufthansa dann an diesem Mittwoch ihr Angebot zurückzog, erklärte der Konzern, man habe den Brüsseler Wettbewerbshütern "umfangreiche Zusagen insbesondere durch den Verzicht auf Slots angeboten". Der Kommission habe das jedoch nicht gereicht.

Nun aber stellt sich heraus: Die Lufthansa wollte für die Niki-Übernahme kaum auf die wichtigsten Slots verzichten. Nach SPIEGEL-Informationen erklärte sie sich weder in Berlin-Tegel noch in München bereit, Start- und Landerechte von Niki preiszugeben. Nur in Düsseldorf hätte sie einen kleinen Teil ihrer Slots an die TUIfly und einen anderen Wettbewerber übertragen. Tegel, Düsseldorf und München waren die mit Abstand wichtigsten deutschen Flughäfen der Air-Berlin-Gruppe.

Die Lufthansa hätte sich also eine alles dominierende Stellung in Deutschland gesichert. Denn Start- und Landerechte sind der entscheidende Engpass im überlasteten Luftraum. Und die Air-Berlin-Gruppe besaß mehr als 160.000 solcher Abflug- und Landegenehmigungen pro Jahr.

Auch auf dem wichtigsten Auslandsflughafen der einstigen Air-Berlin-Gruppe, Palma de Mallorca, wollte die Lufthansa-Gruppe allenfalls einen kleinen Teil der Slots abtreten. Damit hätte der Konzern die profitablen Strecken zwischen Mallorca und dem deutschsprachigen Raum, wo selbst Air Berlin einst gutes Geld verdiente, mit großem Abstand dominiert. Und auch auf anderen beliebten Urlauber-Flughäfen sowie in Zürich wollte der Kranich-Konzern nur auf wenige Rechte verzichten. Ein Sprecher der Lufthansa sagte auf SPIEGEL-Anfrage: "Wir dürfen dazu nichts sagen."

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Insolvente Airlines: Kein gutes Jahr für Niki und Air Berlin

Von einer "Niki quasi ohne Slots", wie Spohr behauptet, konnte jedenfalls keine Rede sein beim Lufthansa-Angebot. Dieses hätte dem deutschen Marktführer auf Jahre hinaus ein Quasi-Monopol am Himmel über Deutschland und einigen lukrativen Urlaubsrouten gesichert. Zudem hätte die Lufthansa selbst von den freigegebenen Slots einen Teil zurückbekommen, da diese meist in Pools wandern und nach Marktanteilen wieder verteilt werden. Die Brüsseler Wettbewerbshüter unter Kommissarin Margrethe Vestager konnten unter diesen Voraussetzungen kaum anders handeln, als die Eingliederung von Niki in den Konzern abzulehnen.

"Haltung der EU-Kommission ist nachvollziehbar"

"Die Haltung der EU-Kommission ist nachvollziehbar, denn sie muss die Interessen der Verbraucher schützen", sagt der Luftfahrtexperte Gerald Wissel, Chef des Hamburger Beratungshauses Airborne Consulting. "Wir beobachten schon länger die Tendenz zu Preissteigerungen auf Strecken, auf denen die Lufthansa-Gruppe eine monopolähnliche Stellung hat." Mangelnder Wettbewerb hätte auf weiteren Routen zu Verteuerungen geführt, meint Wissel. Und: "Der Lufthansa ging es in dem Bieterverfahren von Anfang an vor allem darum, Wettbewerb zu verhindern."

Seit der Insolvenz von Air Berlin hatten Branchenexperten und Passagiervertreter immer wieder prophezeit, dass die Lufthansa bei einer Übernahme von Niki und anderen Teilen des Pleitekonzerns Schwierigkeiten mit den Wettbewerbsbehörden bekommen würde. Die Gläubigervertreter hätten dies bei der Vergabe von Niki ignoriert, meint Wissel: "Hätte man diese Warnungen ernst genommen, hätte man Niki anderen Interessenten geben müssen." Unter anderem hatten der Niki-Gründer Niki Lauda, der Tourismuskonzern Thomas Cook und die Condor gemeinsam um Niki gebuhlt.

Jetzt, da Niki seine Insolvenz erklärt hat, erwägt Lauda nun, doch noch einmal für sein früheres Unternehmen zu bieten. Gerüchten zufolge soll er mit seinen Mitbietern schon wieder Gespräche führen. Ein Condor-Sprecher sagte dazu auf unsere Anfrage: "Wir kommentieren diese Gerüchte nicht."

insgesamt 86 Beiträge
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wolle0601 14.12.2017
1. Was soll die Aufregung?
Die Lufthansa ist keine Charity-Veranstaltung. Sie hat unter anderem die Aufgabe, eine Menge Jobs zu sichern. Und mal ganz ehrlich: Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was man so über Billigkonkurrenten wie Ryanair liest, ist das auch gut so.
gruebi01 14.12.2017
2. Die EU Kommission hat gute Arbeit geleistet - nur etwas spät.
Das schamlose Verhalten von Lufthansa-Management und Bundesregierung war und ist ein Trauerspiel. Schon die 150 Millionen Bürgschaft hätte von der EU Kommission verhindert werden müssen, denn diese kaum versteckte Subvention hatte nur den Sinn, die LH die Monopolstellung (via Slots) zu retten. Der Steuerzahler ist nicht dazu da, teure Monopole abzusichern oder abenteuerlustigen Sparfüchsen die unbeschwerte Heimreise zu finanzieren.
spiegel0111 14.12.2017
3. Hat irgend jemand geglaubt ...
...Lufthansa würde 200 Mio. EUR für die Übernahme von Leaseverträgen bezahlen? Selbstverständlich geht es um Slots und ohne die Slots gibt es natürlich kein Interesse an Niki. Warum auch?
Referendumm 14.12.2017
4. Gebetsmühlenartig
Man kann nur gebetsmühlenartig daraufhin weisen, dass die Übernahme der Air Berlin-Rosinen durch die Lufthansa ein Skandal hoch 10 ist. Die Politiker, die das alles mit zu verantworten haben, sollten alle gefeuert werden. Der ganze Ablauf ist eines Rechtsstaates völlig unwürdig. Wenn die EU jetzt hingeht und etwas von ″Verbraucher schützen″ labert, ist das doch nur ein absoluter Hohn, da die Rosinen ja eh schon bei der LH gelandet sind. Merkwürdigerweise spurt die EU immer prächtig, wenn Politiker in D etwas wollen - in der Regel zu Ungunsten der Bürger. Nur, wenn die EU etwas gegen die Bürger macht (und dies auch in den Kram der Regierung passt), heißt es aus Berlin unisono: Sorry, aber wenn die EU was macht, können wir leider nichts machen. Egal durch wen auch immer: Der Bürger wird ständig verulkt und ständig zur Kasse gebeten. Und dann wundert man sich über Politikverdrossenheit und dem Erstarken von Populisten. Die etablierten Parteien versauen sich doch ständig jegliche Reputation und Populisten haben (noch) zu wenig Dreck am Stecken.
coyote13 14.12.2017
5. selten so einen Quatsch gehört!
Der EU Kommission ist also Prinzipienreiterei und vermeintlicher Schutz der Verbraucher wichtiger als 1000 Arbeitsplätze und einige Mehr bei Zulieferern. Was für ein arrogantes Verhalten der EU. Die EU hat von Wettbewerb soviel Ahnung wie eine Kuh vom Fliegen! Was für Wettbewerb hat die EU Kommission denn verhindert? Dass man für 70 Euro nach Malle fliegen kann über's Wochenende um sich zu betrinken. Ist das die Art von Flugverkehr die die EU bevorzugt? Oder sollte man nicht viel lieber mit einer solide aufgestellten Fluglinie für einen KOSTENdeckendenden Preis fliegen können? Nikki hatte keinen einzigen Flieger mehr in seinem Besitz, soviel zum Thema solide Finanzierung. Jede GmbH und AG und Bank muss Reserven vorhalten, nur eine Fluggesellschaft kann um des lieben Wettbewerbs willen auf Teufel komm raus mit Niedrigspreisen operieren - und das findet die EU auch noch schützenswert. Die haben doch alle einen Riesenknall! Ich hoffe, dass alle Betroffenen sich das für die nächste Europawahl gut merken!
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