Posse um Lufthansa-Aufseher Mayrhuber Boarding in letzter Minute

Ja, nein, doch - das chaotische Gerangel um die Wahl Wolfgang Mayrhubers zum Chefaufseher der Lufthansa zeigt die verborgene Macht der Aktionärsberatung ISS. Dokumente belegen: Die Lufthansa war frühzeitig gewarnt.

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Designierter Lufthansa-Aufseher Mayrhuber: Chaos-Tag bei der Fluggesellschaft
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Designierter Lufthansa-Aufseher Mayrhuber: Chaos-Tag bei der Fluggesellschaft


Hamburg/Köln - Jürgen Weber ist erzürnt, und er bemüht sich erst gar nicht, es zu verbergen. Der Noch-Chefaufseher der Lufthansa steht auf der Hauptversammlung in Köln vor den Aktionären und soll ihnen erklären, wie es zu dem bislang beispiellosen Chaos-Flug des Dax-Konzerns kommen konnte.

Am Montagmorgen hatte Ex-Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber völlig überraschend seine Kandidatur für den Aufsichtsrat - auf Englisch: Board - zurückgezogen - einen Tag vor der Hauptversammlung. Am Montagabend dann die Rolle rückwärts: Mayrhuber wolle doch antreten, wichtige Investoren hätten ihre Zustimmung zugesichert. Am Dienstagabend schließlich wurde der Manager mit 63,2 Prozent der Stimmen in das Kontrollgremium gewählt.

So kam es zu einer etwas anderen Art des Boardings in letzter Minute.

Den Schuldigen an diesem Debakel findet Weber an diesem Dienstag in seiner Rede schnell. Es ist "ein trotziges Beratungsunternehmen" und dessen "rein formalistische Kriterien einer blinden Corporate-Governance-Auslegung". Weber nennt keinen Namen, doch es ist klar, wer gemeint ist: die US-Beratungsgesellschaft Institutional Shareholder Services (ISS). Die hatte sich im Vorfeld gegen die Wahl Mayrhubers ausgesprochen, weil sie den Regeln sauberer Unternehmensführung widerspreche.

Die Vermutung der meisten Medien: ISS sei vor allem die Zeit zwischen Mayrhubers Abgang als Konzernchef Ende 2010 und seinem nun anvisierten Antritt als Chefaufseher mit rund zweieinhalb Jahren zu kurz gewesen. Stattdessen solle die sogenannte Abkühlungsperiode mindestens fünf Jahre lang dauern. Doch Unterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, belegen: ISS empfahl nicht wegen der kurzen Abkühlungsperiode, Mayrhuber als Chefaufseher der Lufthansa abzulehnen. Vielmehr war es die Tatsache, dass der 66-jährige Österreicher bereits in zu vielen weiteren Aufsichtsräten sitzt.

Lufthansas Argumente zielen ins Leere

Der Öffentlichkeit ist ISS kaum bekannt. Dabei dürfte es sich um die einflussreichste Schattenmacht der deutschen Konzerne handeln. Die US-Firma ist der Marktführer unter den Stimmrechtsberatern, sie empfiehlt insgesamt 1700 institutionellen Anlegern, vor allem amerikanischen Großaktionären wie Hedge- und Investmentfonds, wie sie ihre Stimmen bei Hauptversammlungen einsetzen sollen. Mitunter übt ISS deren Stimmrecht gleich selbst aus. Im Schnitt gehören die 30 Dax-Unternehmen zu mehr als 50 Prozent ausländischen institutionellen Investoren - kaum eine Konzernspitze kann sich daher den offenen Konflikt mit ISS leisten.

Dennoch schaltet die Lufthansa gegen ISS in den Angriffsmodus. Bereits in der Ad-hoc-Mitteilung zur Jetzt-doch-Kandidatur Mayrhubers begründete sie den zwischenzeitlichen Rückzug mit für "das deutsche dualistische System nicht passenden Corporate-Governance-Abstimmungsempfehlungen" - und erweckte so den Eindruck, ISS habe das deutsche System mit der Trennung von Vorstand und Aufsichtsrat nicht ganz verstanden. Auch Noch-Chefaufseher Weber betonte am Dienstag vor den Aktionären auffallend, Mayrhuber habe die in Deutschland vorgesehene Abkühlungsperiode von zwei Jahren bereits Ende vergangenen Jahres erfüllt.

Doch diese Argumentation zielt ins Leere. SPIEGEL ONLINE liegt der ISS-Report zur Vorbereitung der Lufthansa-Hauptversammlung vor. Darin monieren die Analysten zwar grundsätzlich die zu kurze Abkühlungsperiode Mayrhubers. Für die Empfehlung, ihn nicht zu wählen, war das aber nicht ausschlaggebend. Der Aufsichtsrat insgesamt wäre nach ISS-Kriterien auch mit Mayrhuber noch ausreichend unabhängig besetzt gewesen.

"ISS geht es ausschließlich um die Zahl der Mandate"

Entscheidend war vielmehr Mayrhubers Häufung an Aufsichtsratsposten: Er sitzt in vier weiteren Kontrollgremien, beim Chiphersteller Infineon bekleidet er sogar den Vorsitz. Wörtlich steht in dem Report über Mayrhuber und den SAP-Vorstand Werner Brandt, ebenfalls Kandidat für den Lufthansa-Aufsichtsrat: "Both candidates have been classified as overboarded."

Den Lufthansa-Lenkern war das Dilemma und die drohende Wahlschlappe bereits seit Wochen bekannt: Der ISS-Report datiert vom 15. April, Lufthansa-Sprecher Jürgen Homeyer bestätigt, dass er der Konzernspitze kurz darauf vorlag - und sie ihn richtig verstand. "ISS geht es ausschließlich um die Zahl der Mandate", sagte Homeyer SPIEGEL ONLINE. Der Schluss liegt nahe, dass die Konzernspitze den Großaktionären in hektischen Telefonaten am Montag den Rückzug Mayrhubers aus ein oder mehreren anderen Aufsichtsräten versprochen haben könnte und sie so umstimmten. Gerade noch rechtzeitig, um Mayrhuber am Dienstagabend mit 63,2 Prozent der Aktionärsstimmen doch noch als Chefaufseher installieren zu können. Solche Zugeständnisse wollte die Lufthansa jedoch nicht bestätigen. Ohnehin war das Imagedebakel nicht mehr zu verhindern.

Auch andere Konzernriesen haben die Macht von ISS bereits zu spüren bekommen:

  • Deutsche Bank: Ende 2011 spielte ISS beim geplatzten Wechsel des damaligen Vorstandschefs Josef Ackermann an die Spitze des Aufsichtsrats eine maßgebliche Rolle. Im Mai 2012 sollte der nahtlose Übergang erfolgen, Ackermann verzichtete aber, als ISS signalisierte, den von ihnen betreuten Großaktionären Ackermanns Ablehnung zu empfehlen.
  • Julius Bär : Im April 2013 lehnten die Aktionäre der Schweizer Bank den Vergütungsbericht über die Vorstandsgehälter mit 63,9 Prozent der vertretenen Stimmen spektakulär ab. Offenbar gingen viele dieser Gegenstimmen auf eine entsprechende Empfehlung von ISS zurück. Rechtlich bindend war ein derartiges Votum zwar noch nicht - ab dem Jahr 2014 wird sich das durch die jüngst erfolgreiche "Abzocker-Initiative" in der Schweiz ändern.
  • Siemens: Bei der Hauptversammlung im Januar 2007 bescherte ISS dem damaligen Chefaufseher Heinrich von Pierer und Vorstandschef Klaus Kleinfeld ein Debakel. Der Technologiekonzern steckte damals mitten in einer Korruptionsaffäre, von ISS betreute internationale Investoren verweigerten den Top-Managern daher die Entlastung: Pierer erhielt dafür nur knapp 66 Prozent der Stimmen, Kleinfeld 71,4 Prozent - ein schwerer Imageschaden für die Führungsriege.

Lufthansa hätte gewarnt sein müssen.



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insgesamt 13 Beiträge
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ubbo2 07.05.2013
1. Gespannt
Da bin ich aber mal gespannt, wie sich ISS bei adidas und Audi/VW verhält, deren Bosse gerade einem Herrn Hoeness als Aufsichtsräte das Vertrauen aussprachen, alles super "compliance" oder eher Kumpanei oder was?
mikaiser 07.05.2013
2. Er sitzt in vier weiteren Kontrollgremien...
Der arme Kerl ist doch so schon völlig überlastet! Work-Life Balance ist zum Teufel. Nee, im Ernst: Die Argumentation der ISS ist in diesem Fall nachvollziehbar. Ich möchte auch nicht 0,2 Aufsichtsräte sondern einen ganzen. Sonst ist da weder Aufsicht noch Rat.
munich89 07.05.2013
3. Warum?
Ja, wer wollte denn den Herrn Mayrhuber so unbedingt? Und warum? Waehrend seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender hat er sich ja wohl nicht nur mit Ruhm bekleckert, in genug anderen Aufsichtsraeten sitzt er, 66 Jahre ist er alt, der (fast) garantierte Wechsel von Vorstandschef in den Aufsichtsrat wird auch hier immer suspekter....bekommt er einfach nicht genug? Oder warum sonst besteht seitens der Lufthansa ein so grosses Interesse, ihn im Aufsichtsrat zu haben?
Steve Holmes 07.05.2013
4. Machen sie sich keine Sorgen!
Zitat von ubbo2Da bin ich aber mal gespannt, wie sich ISS bei adidas und Audi/VW verhält, deren Bosse gerade einem Herrn Hoeness als Aufsichtsräte das Vertrauen aussprachen, alles super "compliance" oder eher Kumpanei oder was?
Zumindest bei Volkswagen ist die Aktionärsstruktur sehr übersichtlich. Da kann ISD keinen Schaden anrichten.
M von B 07.05.2013
5. Verantwortung
Jeder kleine Abteilungsleiter der solch einen Katastrophenkurs fährt, verliert sein Job. Warum sollte nun ein Lufthansa Vorstand und einer der es werden möchte, unbeschaded so etwas überleben ?..... Erstens, Corporate Governance und da muss ich den Amerikanern leider Recht geben, hat auch in Deutschland Gültigkeit zu haben. Zweitens, wenn ein Vorstand denkt er kann sich darüber hinweg setzen oder es ignorieren, dann gehört er eines Besseren belehrt. Wir sind hier schließlich nicht in einem Backschisch Land, auch wenn manche es glauben. Nun zum Dritten: Wie schon seit Längerem zu sehen ist, geht es anscheinend schon lange nicht mehr um die Kunden und auch schoon lange nicht mehr darum Verantwortung zu übernehmen. Und wer das als Vorstand aus dem Auge verliert, sollte umgehend sein Mandat abgeben. Ich meine nicht die Art Verantwortung die manche Vorstände sich vorstellen, denn Macht und Verantwortung schliessen sich nicht aus. Niemals.
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