Machtwechsel bei der Deutschen Bank Der stille Putsch des Anshu Jain

Er ist noch nicht mal offiziell Chef, da räumt Anshu Jain schon in der Führungsspitze der Deutschen Bank auf. Seine Gegner serviert er ab, stattdessen besetzt er wichtige Positionen mit engen Vertrauten aus dem Investmentbanking. Das traditionsreiche Geldhaus erlebt eine Revolution von innen.

Von und

Deutsche-Bank-Manager Anshu Jain: Der künftige Chef greift durch
DPA

Deutsche-Bank-Manager Anshu Jain: Der künftige Chef greift durch


Frankfurt am Main - Vor elf Jahren starb Edson Mitchell, legendärer Chef des Investmentbanking bei der Deutschen Bank Chart zeigen, bei einem Flugzeugabsturz. Eine der Trauerreden hielt damals ein hoffnungsvoller Mitarbeiter von Mitchell: William Broeksmit. "Nur ein Berg konnte Edson stoppen", sagte Broeksmit damals.

Mitchell galt auch als wichtigster beruflicher Mentor des designierten Deutsche-Bank-Chefs Anshu Jain. Und kurz nachdem Jain ganz oben angekommen ist, macht nun auch der andere Vertreter aus der alten Edson-Clique Karriere: William Broeksmit rückt ebenfalls in den Vorstand der Deutschen Bank auf. Er wird Nachfolger von Hugo Bänziger als oberster Risikomanager der Bank.

Nur ein Berg kann sie stoppen: Das gilt offenbar auch für die Investmentbanker um Jain. Das seit Jahren andauernde Duell im Inneren des einzigen deutschen Bankhauses von Weltgeltung darf als entschieden gelten. Alles sieht danach aus, als hätten sich die Investmentbanker aus London durchgesetzt gegen die traditionsorientierten Frankfurter Bankiers alter Schule. Und das, obwohl eigentlich eine gleichberechtigte Doppelspitze aus Jain und seinem Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen die Balance zwischen beiden Lagern wahren sollte.

Jain schert sich offenbar nicht um solchen Proporz. Er ist noch nicht mal offiziell Chef, da bläst er zum Radikalumbau der Führungsspitze. Seine Gegner drängt er raus, stattdessen besetzt er wichtige Schlüsselpositionen mit engen Vertrauten aus dem Investmentbanking. Gleich drei seiner Leute rücken neu ins oberste Führungsgremium der Bank auf. Neben Broeksmit sind das Stephan Leithner und Henry Ritchotte. Ein Sprecher der Bank wollte sich auf Nachfrage nicht zu den Informationen äußern.

Leithner soll neuer Personalvorstand werden. Dabei ist der Österreicher eigentlich Experte für Unternehmensfusionen und Übernahmen. Bisher leitete er das deutsche Investmentbanking-Geschäft des Konzerns und war dabei überaus erfolgreich. Der ehemalige McKinsey-Mann gilt in der Bank als glühender Jain-Jünger. Für ihn muss Hermann-Josef Lamberti weichen.

Auch Henry Ritchotte, der dritte Neuzugang im Vorstand der Deutschen Bank, ist ein Jain-Mann reinsten Wassers: Abschluss an der Universität Chicago, Karrierestart im Anleihenhandel bei der US-Investmentbank Merrill Lynch Chart zeigen, 2001 dann der Wechsel zum Investmentbanking der Deutschen Bank in Singapur. Unter Jain stieg Ritchotte rasch auf und wurde erst 2010 Operativer Chef des gesamten Investmentbanking. Im Führungsgremium soll Ritchotte nun wiederum Chief Operating Officer werden. Vom konservativen Mainstream in seiner Branche unterscheidet sich Ritchotte höchstens durch seine regelmäßigen Parteispenden an die amerikanischen Demokraten.

"Die Investmentbanker übernehmen den Konzern von innen"

Seine eigene Nachfolge regelt Jain salomonisch: An der Spitze des Investmentbankings sollen künftig zwei Manager stehen. Asien-Chef Robert Rankin und Colin Fan, der bislang den Kredithandel leitet. Die Aufgabenteilung verhindert, dass einer der beiden so mächtig wird, wie es Jain als Alleinherrscher in der wichtigsten Konzernsparte wurde.

Für das Machtgefüge der Bank ist der Großumbau eine Revolution. Während der scheidende Konzernchef Josef Ackermann stets darauf bedacht war, die Balance zwischen London und Frankfurt zu halten, schlägt das Pendel nun krass nach einer Seite aus. "Die Londoner Investmentbanker übernehmen den Konzern von innen", klagt ein Bank-Insider.

Ackermann ist zwar offiziell noch bis zur Hauptversammlung Ende Mai im Amt. Doch die Macht hat er schon jetzt verloren. Seine Vertrauten müssen das Feld räumen. Vor allem der Verlust von Hugo Bänziger wiegt dabei schwer. Er galt lange Zeit nicht nur als potentieller Ackermann-Nachfolger sondern auch als Stimme der Vernunft, die die risikofreudigen Investmentbanker in London immer wieder zur Räson rief.

Noch ist der Umbau nicht besiegelt. Bisher hat lediglich der vierköpfige Präsidialausschuss des Aufsichtsrats Jains Personalrochaden abgenickt. Doch es gilt als sehr wahrscheinlich, dass auch die übrigen Kontrolleure sich nicht gegen die Pläne des neuen Chefs stellen werden.

Zumal an der Spitze des Gremiums ein Mann steht, der noch eine Rechnung mit dem scheidenden Chef zu begleichen hat: Clemens Börsig hatte 2009 selbst versucht, sich als Ackermann-Nachfolger zu inthronisieren - und war damit krachend gescheitert. Im vergangenen Jahr lieferte er sich abermals einen erbitterten Machtkampf mit dem Schweizer. Auch dabei ging es um Ackermanns Nachfolge - und am Ende setzte Börsig seine Kandidaten Jain und Fitschen durch.

Jain will seinen Radikalumbau nun offenbar durchboxen, bevor ein neuer starker Mann an der Spitze des Aufsichtsrats steht: Im Mai wird dort Paul Achleitner den Vorsitz übernehmen. Der bisherige Allianz-Vorstand sollte eigentlich Ackermanns Erbe fortführen und darauf achten, dass die Machtbalance im Konzern erhalten bleibt. Nun wird er vor vollendete Tatsachen gestellt. Ein denkbar schlechter Start für das künftige Verhältnis zu seinem Vorstandschef Jain.

Doch es passt zu Jain, dass er sein Haus bereits bestellt, bevor er es wirklich bezieht. in Personalfragen war er noch nie besonders zimperlich. Schon als Chef der Investmentbanking-Sparte hat er sich in der Branche den Ruf erarbeitet, all jene beiseite zu räumen, die ihm im Weg stehen.

Seine Getreuen hingegen fahren im Fahrstuhl mit ihm nach oben - so wie jetzt William Broeksmit. Der war übrigens an der US-Westküste bereits 1994 in einen Skandal um riskante Zinswetten involviert, die der Kämmerer von Orange County mithilfe der Investmentbank Merrill Lynch abgeschlossen hatte. Broeksmit, damals ein junger Banker bei Merrill Lynch, hatte in einem dreiseitigen Memo davor gewarnt, dass Orange County sich auf ein riskantes Spiel mit "hot money" eingelassen habe und man dem Kunden dringend zum Ausstieg aus den Geschäften raten müsse. Doch nichts geschah. Als die Spekulation tatsächlich schiefging, musste Orange County 1994 Insolvenz anmelden. Empfänger des Memos: ein gewisser Edson Mitchell.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 209 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
whitemouse 07.03.2012
1. Verstaatlichung
Zitat von sysopDPAEr ist noch nicht mal offiziell Chef, da räumt Anshu Jain schon in der Führungsspitze der Deutschen Bank auf. Seine Gegner serviert er ab, stattdessen besetzt er wichtige Positionen mit engen Vertrauten aus dem Investmentbanking. Das traditionsreiche Geldhaus erlebt eine Revolution von innen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,819978,00.html
Ein weiterer Beleg, dass die Grossbanken seit Jahren frei von Verantwortungsbewusstsein agieren und verstaatlicht werden müssen.
ollux 07.03.2012
2. Anshu Jain
kaum vorstellbar, dass die Bank mit Invest-Bankern langfristig gut stehen wird. Aber was soll´s: fährt sie gegen die Wand, wird die Politik schon helfen.Oder?
janne2109 07.03.2012
3. ...........
Alle Ackermann Gegner werden sich noch nach ihm sehnen. Nun wird das Spiel nur noch von den Investmentbankern gespielt. Aber--- haben ja lle fein - auch hier-- gegen Ackermann gesprochen. Ohne den es die Deutsche Bank gar nicht mehr als "Deutsche" geben würde, sondern ganz andere Aktionäre, als heute, hätte. Sorry- aber um diese Spiele zu verstehen muss man wirklich ais der Branche kommen und nicht zu Hause vom Sofa schreiben.
kuehtaya 07.03.2012
4. Deutsche Bank?
Zitat von sysopDPAEr ist noch nicht mal offiziell Chef, da räumt Anshu Jain schon in der Führungsspitze der Deutschen Bank auf. Seine Gegner serviert er ab, stattdessen besetzt er wichtige Positionen mit engen Vertrauten aus dem Investmentbanking. Das traditionsreiche Geldhaus erlebt eine Revolution von innen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,819978,00.html
Deutsche Bank? Eine Imagehülse für Londoner Boniritter. Hoffentlich sind deutsche Anlager, vor allem die bei der Postbank, schlau genug das zu bewerten. Es steht aber zu befürchten, dass die Postbank Kunden noch gar nicht gemerkt haben, dass ihr Geld jetzt von Londoner Bonirittern, gebührenintensiv verwaltet wird.
steelman 07.03.2012
5. ###
Und wenn es schiefgeht zahlen eh nur die unteren Ränge die Zeche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.