Märkte 2011 Rohstoff-Preisschub lässt Industrie bangen

Die Preise für Rohstoffe und Edelmetalle haben 2010 nie gekannte Höhen erreicht - dieser Trend dürfte sich im neuen Jahr fortsetzen, erwarten Experten. Was manche Investoren freut, beunruhigt die Unternehmen, in der Industrie nehmen die Sorgen zu.

Kupferproduktion in Chile: Investoren setzen auf einen weiteren Preisanstieg bei Metallen
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Kupferproduktion in Chile: Investoren setzen auf einen weiteren Preisanstieg bei Metallen


London/Hamburg - Kurz vor dem Jahreswechsel haben Investoren ihre Liebe zu Kupfer intensiviert und den Preis für das Industriemetall auf ein neues Allzeithoch getrieben. Satte 9646 Dollar mussten Käufer am Silvesterfreitag in London zeitweise für die Tonne hinblättern. Um mehr als 30 Prozent hat der Preis seit Anfang 2010 zugelegt, die 10.000-Dollar-Marke ist in Reichweite.

Der Run auf das rötliche Metall ist zugleich Ausdruck eines allgemeinen Ansturms auf Rohstoffe und Edelmetalle, der nun bereits ins dritte Jahr geht. So verteuerte sich Öl 2010 im Jahresvergleich zum achten Mal in neun Jahren.

Besonders drastisch fielen die Zuwächse bei Edelmetallen aus. An der Spitze rangierte Palladium Chart zeigen mit einem Preisanstieg von 94 Prozent. Gold Chart zeigen legte aus Jahressicht um 29 Prozent zu auf nie dagewesene 1421 Dollar pro Feinunze.

Viele Experten rechnen nun damit, dass die Party im neuen Jahr weitergeht, weil sich an den wichtigsten Gründen für den Preisaufschwung bisher kaum etwas ändert. In den USA drückt die schwache Wirtschaftsleistung den Dollar, und zugleich ist der Aufschwung in China offenbar intakt. Die dortigen Unternehmen sowie die Firmen anderer aufstrebender Schwellenländer verlangen nach einer wachsenden Menge der Rohstoffe.

Zugleich fürchten beispielsweise Finanzinvestoren um Erträge aus klassischen Anlagen wie Staatsanleihen, weil viele Länder von Schulden geplagt sind und die Renditen bei Papieren aus vermeintlich sicheren Ländern von der Inflation aufgezehrt zu werden drohen. "Die Leute wenden sich von Anleihen ab und widmen sich Dingen, die echte Erträge liefern", sagt US-Fondsmanager Patrick Armstrong von Armstrong Investment Managers.

Der Preisanstieg beim Kupfer Chart zeigen hat Marktbeobachter am nachhaltigsten beeindruckt. "Kupfer ist der Top-Favorit auch 2011 - weil die Fundamentaldaten stimmen", sagt Fondsmanager Andrey Kryuchenkov von VTB Capital. Die Industrienachfrage sei intakt, gleichzeitig gebe es Störungen beim Angebot. So fehle es an großen neuen Minenprojekten.

Zudem starten 2011 rohstoffbasierte Indexfonds, deren Nachfrage den Preis weiter stabilisieren dürften. "Das ist eine explosive Mischung, die den Preis noch auf eine andere Ebene katapultieren kann", sagte Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg. Es sei durchaus möglich, dass die Marke von 10.000 Dollar in Kürze fallen werde. Industriekunden seien daher bereits besorgt.

Goldpreis nimmt neue Rekordmarke ins Visier

Auch bei Öl und Gold stehen die Zeichen auf steigende Preise. Die starke Nachfrage in China werde die Notierung beim Schmierstoff der Weltwirtschaft weiter anziehen lassen, erwarten Analysten. In den USA sei die Nachfrage nach Rohölprodukten trotz Rezession über den Stand von 2008 gestiegen, sagte Olivier Jakob von Petromatrix. Nachdem US-Öl am Montag mit knapp 92 Dollar pro Barrel ein 26-Monatshoch erklommen hatte, sank der Preis am Freitag leicht auf knapp unter 90 Dollar.

Beim Gold sagen Experten einen Anstieg auf mehr als 1500 Dollar pro Feinunze vorher, vor allem wenn die US-Wirtschaft nicht an Fahrt gewinnt und die Arbeitslosigkeit hoch bleibt. "Wir erwarten, dass die Rallye 2011 weitergeht", sagt Metallstrategin Anne-Laure Tremblay von BNP Paribas.

Die deutsche Industrie macht sich derweil weiter Sorgen um den Nachschub bei Seltenen Erden, die für an Bedeutung gewinnende Technologien wie Elektromotoren in Autos benötigt werden.

Für weitere Unsicherheit sorgt China, das im kommenden Jahr möglicherweise keine weiteren Exportquoten für Seltene Erden bekanntgeben wird. Das staatliche "China Securities Journal" berief sich bei seinem Bericht am Freitag auf nicht genannte Regierungskreise. Üblicherweise veröffentlicht das Handelsministerium die Ausfuhrquoten der begehrten High-Tech-Rohstoffe zweimal im Jahr.

Die Regierung will die Ausfuhr in der ersten Jahreshälfte 2011 um 35 Prozent drosseln. Sie beschwört damit einen Handelsstreit mit den USA herauf. Der deutlichere Rückgang nährt Befürchtungen, dass Metalle bei der Herstellung von Computern, Halbleitern, Elektromotoren und Windturbinen knapp werden und die Preise deutlich steigen könnten.

Zudem wird wahrscheinlicher, dass die USA ihre Drohung wahrmachen und in der Angelegenheit die Welthandelsorganisation (WTO) anrufen. In der Volksrepublik werden 97 Prozent der weltweiten Menge der 17 Metalle gefördert, die unter dem Begriff Seltene Erden zusammengefasst werden.

Unterdessen bemüht sich der US-Konzern Molycorp um den weiteren Ausbau seiner Produktion Seltener Erden und damit um die Verringerung der Abhängigkeit von China. "In den 25 Jahren, die ich in diesem Geschäft bin, hat es noch nie so viele Möglichkeiten gegeben wie derzeit", sagte Molycorp-Chef Mark A. Smith im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.



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