Hamburg - Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen einen Mann, der einen leitenden Angestellten der Deutschen Bank erpresst haben soll. Der Bankmitarbeiter soll unter einem Vorwand in ein Frankfurter Café gerufen worden sein, schreibt die "Bild"-Zeitung. In dem Lokal soll der Mann den Finanzmann dazu aufgefordert haben, ihm eine Festanstellung zu geben - andernfalls wolle er die Doktorarbeit des Managers im Internet veröffentlichen. Der mutmaßliche Erpresser gab an, als Administrator von VroniPlag zu arbeiten.
Auf VroniPlag dokumentieren Aktivisten, welche verdächtigen Stellen sie in Doktorarbeiten und Habilitationsschriften gefunden haben. Sie selbst nennen sich eher ungern Plagiatsjäger, sondern verstehen sich als Dokumentare. Ihre Arbeit hat schon in mehreren Fällen zur Aberkennung von Titeln geführt, etwa bei den FDP-Politikern Jorgo Chatzimarkakis und Silvana Koch-Mehrin, die versuchte, rechtlich dagegen vorzugehen.
Der Mitarbeiter der Deutschen Bank soll auf die Drohung erwidert haben, dass er nichts zu verbergen habe, sein Gewissen sei rein. Der mutmaßliche Erpresser habe den Finanzmanager dann darauf hingewiesen, dass allein die Tatsache, dass eine Doktorarbeit auf der VroniPlag-Seite stehe, den Verfasser beschädige.
Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte SPIEGEL ONLINE den "Bild"-Bericht, konnte aber keine Hinweise dazu geben, ob der mutmaßliche Erpresser tatsächlich zu VroniPlag gehört. "Vielleicht war es eine leere Drohung", sagte Sprecherin Doris Möller-Scheu.
Die Staatsanwaltschaft hat den Beschuldigten bereits vernommen, nachdem der Mitarbeiter der Bank Anzeige erstattet hatte. Nach Angaben der "Bild"-Zeitung verweigerte er jedoch die Aussage.
Fraglich, ob der Erpresser tatsächlich bei VroniPlag aktiv ist
Zu dem angeblichen Erpressungsversuch twitterte ein VroniPlag-Aktivist am Donnerstag: "Ohne erhebliche Fundstellen kam noch nie und kommt auch keine Dissertation bei VroniPlag Wiki auf die Hauptseite."
Das Verfahren der Plagiatsjäger sieht nämlich vor, dass mindestens auf 20 Prozent der Seiten einer Doktorarbeit verdächtige Stellen gefunden werden müssen, damit der Klarname des Autors veröffentlicht wird. Es ist also durchaus fraglich, ob der Erpresser tatsächlich bei VroniPlag aktiv ist oder sich nur wichtig machen wollte. Die meisten Aktiven auf der Seite nehmen für sich in Anspruch, es gehe ihnen um die Reinheit der Wissenschaft. Sie selbst fordern auch keine Aberkennung von Titeln, sondern melden ihre Verdachtsfälle an die jeweiligen Unis.
Auf der Plattform kann jeder mitarbeiten, man muss sich dafür auch nicht anmelden - es gibt also keine in irgendeiner Weise offizielle VroniPlag-Mitgliedschaft. Es gibt aber einen harten Kern von etwa einem Dutzend Aktivisten; fünf Nutzer sind laut aktueller Statistik als sogenannte Bürokraten eingetragen und können anderen Nutzern Rechte verleihen und entziehen.
Auch die Informatik-Professorin Debora Weber-Wulff, seit langem aktiv bei VroniPlag, bezweifelt, dass der mutmaßliche Erpresser dazugehört. Schließlich würden sie und die anderen Aktivisten streng wissenschaftlich vorgehen, Fundstellen würden immer von zwei anderen Nutzern verifiziert - eben um Denunziationen auszuschließen. Die Geschichte passe aber in das "Weltbild von Leuten, die nicht verstehen, wie Wissenschaft funktioniert".
otr/yes
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