Von Stefan Simons, Paris
Diese Story hat alle Zutaten eines Wirtschaftskrimis und hielt Frankreichs Autoindustrie wochenlang in Atem: hochrangige Manager eines internationalen Autokonzerns als Maulwürfe ausländischer Bösewichter, geheime Schmiergeldkonten in der Schweiz und Luxemburg, Fabrikationsgeheimnisse moderner Spitzentechnologie verscherbelt an asiatische Konkurrenz. Welch ein Malheur, hier wurde eine heimische Firma den Machenschaften dunkler globaler Mächte ausgeliefert!
So oder ähnlich lasen sich die aufregenden Verlautbarungen von Frankreichs Renaultkonzern Anfang Januar, als das zwölf Milliarden Euro schwere Unternehmen drei seiner Führungskräfte erst von ihren Pflichten entband und anschließend vor die Tür setzte. Alarmiert durch anonyme Beschuldigungen hatte die Firmenspitze eine interne Untersuchung angeschoben, die schlimmste Befürchtungen zu bestätigen schien.
Auch die Regierung schlug Alarm, sie sah das Juwel französischer Innovation in Gefahr und organisierte prompt die Verteidigung der nationalen Ökonomie. Industrieminister Éric Besson diagnostizierte umgehend einen "ernsthaften" Fall von Industriespionage. Die Vorkommnisse bewiesen, wie sehr die heimischen Unternehmen von Spionage bedroht seien. Bei der Ausforschung von Renault, eines ehemaligen Staatsunternehmens, an dem die öffentliche Hand noch mit 15 Prozent beteiligt ist, seien strategische Interessen berührt. "Der Begriff des Wirtschaftskrieges", tönte Besson, sei durchaus angemessen. Damit war der Spionageskandal des Autobauers in den Rang der Staatsaffäre erhoben.
Ein paar anonyme Zeilen, fertig war die Spionageaffäre
Doch so dramatisch die Handlung, so mysteriös die Verwicklungen - die Hinweise auf chinesische Hintermänner zwei Monate nach der schockierenden Nachricht stellte sich häppchenweise als reine Illusion heraus. Offenbar geriet durch ein paar anonyme Zeilen in der Führungsetage von Renault der Realitätssinn abhanden, man brachten Fakt und Fiktion durcheinander.
Denn obwohl die geschassten Top-Leute - allesamt langjährige und verdiente Kader des Autobauers - die Unterstellungen der Leitung zurückwiesen, reagierte das Unternehmen mit handstreichartigem Rauswurf. Die Affäre um die Industriespionage basiere auf "sehr schwerwiegenden Tatsachen", verkündete man im Januar. Drei Männer, mit Posten im Technozentrum von Guyancourt unweit von Versailles, gerieten ins Visier von Management und Geheimdiensten: Michel Balthazard, Direktionsmitglied und zuständig für Projekte und Dienstleistungen, dessen engster Mitarbeiter Bertrand Rochette, sowie Mathieu Tenenbaum, Vizechef für das Programm Elektroautos.
Organisierter Raub oder Realitätsverlust?
Balthazard sollte gegenüber chinesischen Mittelsmännern Details aus dem Formel-1-Programm von Renault ausgeplaudert haben; im Gegenzug kassierte er angeblich 550.000 Euro, überwiesen nach Liechtenstein, auf ein Konto der LGT - der Bank des Fürstenhauses. Rochette, hingegen habe seine illegalen Zuwendungen bei der Schweizer Migros-Bank gehortet, Tenenbaum sollte über ein Konto bei Züricher Kantonal Bank verfügen. Renault sah sich als Opfer perfider Betrügereien und erhob gegen die drei Manager Anzeige wegen "gemeinsam organisiertem Raub".
Firmen-Boss Carlos Ghosn war sich seiner Sache sicher: "Wir haben Gewissheit, verschiedenste Beweise", bekräftigte er Ende Januar im französischen Fernsehen. "Ich habe persönlich den Fortgang der Nachforschungen verfolgt." Schon im Sommer 2010, so Ghosn, habe er verstanden, "dass es sich um eine sehr gravierende Angelegenheit handele." Es gehe um nicht weniger als um einen Anschlag auf Frankreichs Automobilindustrie: "Wir haben einen weltweiten Vorsprung gegenüber unseren Konkurrenten, wir werden bei weitem der größte Hersteller von elektrischen Wagen sein", tönte der Renault-Mann im "Journal de Dimanche". "Und wenn ein Konstrukteur einen technologischen Vorsprung hat, darf man nicht naiv sein, dann interessiert das eine Menge Leute."
Naiv war aber vor allem wohl Ghosn selbst. Denn kaum nahmen Frankreichs Sicherheitskräfte die Geschichte unter die Lupe, stellten sich die angeblichen Beweise überwiegend als haltlose Mutmaßungen heraus. Der geheime Informant: ein Windei. Die Spionage-Beschuldigungen: ohne Beleg. Die Bankkonten in der Schweiz und Liechtenstein: unauffindbar. Offenbar hatte Renault bei den Nachforschungen die Dienste einer wenig zuverlässigen ausländischen Detektei bemüht. Die Schlapphüte des Inlandgeheimdienstes DCRI urteilten kategorisch: "Es gibt überhaupt keine Spur von Spionage."
Ein Denunziant ohne Beweise
Kein Wunder. Der Autobauer hatte sich, so ergänzt der Pariser "Canard enchaîné", im Wesentlichen auf die Angaben eines algerischen Informanten gestützt, der inzwischen entlassen wurde. Der hatte seine vermeintlichen Erkenntnisse telefonisch nach Paris durchgegeben. Dabei beschuldigte der anonyme Zuträger zwar Manager Balthazard, dieser habe "Kapital hinterzogen und Schmiergelder angenommen". Zugleich aber unterstrich der Denunziant mit entwaffnender Offenheit: "Natürlich habe ich überhaupt keinen Beweis."
Das amateurhafte Gehabe von Renaults internem Sicherheitsdienst verärgerte nicht nur die entlassenen Manager, die jetzt gerichtlich Aufklärung über die Vorgänge einfordern und eine Verleumdungsklage angestrengt haben. Während Untersuchungen von Geheimdiensten und Justiz weitergehen, ist man im Élysée, so heißt es, zunehmend "entnervt". In Regierungskreisen wundert man sich immer offener über die Pannenserie des internationalen Autokonzerns und seiner Führung.
Die legte indes den Rückwärtsgang ein - wobei Boss Ghosn zwar "eine interne Überprüfung der Sicherheits- und Informationssysteme versprach", aber zur Schadensbeseitigung des Desasters seinen Stellvertreter an die Medienfront entsandte. "Eine gewisse Zahl von Elementen geben Anlass zu zweifeln", kommentierte Patrick Pélata jetzt zerknirscht die These von der Spionage. "Wenn die Untersuchung abgeschlossen sein wird, werden wir alle Konsequenzen daraus ziehen, bis in die höchsten Etagen des Unternehmens", gelobte der Renault-Vize: "Das heißt bis zu mir. Carlos Ghosn wird entscheiden."
Nachdem Pélata sich damit als alleiniger Sündenbock angeboten hatte, tischte er gegenüber dem "Figaro" noch weitere Vermutungen über "eine interne Manipulation" auf. Deren "Art und Weise entzieht sich unsere Kenntnis", fügte er freilich hinzu und mutmaßte: "Sie könnte die Form einer Betrügerei annehmen."
Die Botschaft soll vermitteln: Auch ohne Spionage, ohne Bestechung und Spionage - Renault ist ein Opfer, ausgeliefert den Machenschaften dunkler, globaler Mächte.
Spätestens hier gerät das Plot des Wirtschaftskrimis zur peinlichen PR-Parodie.
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