Von Michael Kröger und Anne Seith
Berlin - Ein paar Abendessen auf Firmenkosten - und schon musste Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd zurücktreten. Der Manager hatte eine enge Beziehung zu einer Beraterin, damit habe er die Grundprinzipien des Unternehmens verletzt, sagte Hurd in seiner Rücktrittserklärung. Mit seinem Abgang kam er einem Rausschmiss durch den Verwaltungsrat zuvor.
Zunächst schien es, als ginge es um deutlich mehr. Für kurze Zeit stand der Vorwurf der sexuellen Belästigung im Raum. Doch der Verwaltungsrat des Computerriesen fand dafür keine wirklichen Anhaltspunkte, am Ende drehte es sich tatsächlich nur um ein paar Abendessen. Trotzdem blieb das Gremium bei seiner Entscheidung, nicht ohne allerdings Hurd den Abschied mit einer Abfindung von 12,3 Millionen Dollar zu versüßen.
Das Ende einer Karriere - wegen ein paar falscher Abrechnungen? Und was ist mit all den wirklich großen Skandalen?
Immer wieder kommt es im Wirtschaftsleben zu spektakulären Rücktritten. Manche Manager stolpern über Liebesgeschichten, manche klammern sich so lange wie möglich an ihren Sessel, andere wieder scheitern an ihren eigenen hohen Ansprüchen (siehe Fotostrecke oben).
Aber was sagen all diese Fälle aus? Ist das Leben als Manager womöglich gar nicht so traumhaft, wie es sich viele vorstellen? Der Spitzenjob - ein Schleudersitz?
Tatsächlich erinnert der Fall von Ex-HP-Chef Hurd ein wenig an die Bagatellkündigungen, die in den vergangenen Monaten in Deutschland für Furore sorgten, auch wenn es dort um die nackte Existenz der Betroffenen ging und hier um jemanden, der allein von seiner Abfindung einen luxuriösen Lebensabend finanzieren kann. Immerhin lässt sich aus beiden Fällen eine gemeinsame Erkenntnis ableiten: Bei Verfehlungen kann sich keiner auf die Nachsicht seines Arbeitgebers verlassen, egal, ob er auf der untersten Ebene steht oder an der Spitze des Unternehmens.
"Mit einem Bein im Knast"
Auf den ersten Blick mag dies erstaunlich klingen - zeigte doch die Finanzkrise, mit welcher Chuzpe die verantwortlichen Bankmanager jegliche Schuld für das Desaster von sich wiesen. Doch nach Überzeugung von Experten ist längst klar: Auch Manager - insbesondere in deutschen Konzernen - müssen für ihre Verfehlungen gerade stehen. "Die Verhältnisse haben sich drastisch gewandelt", erklärt Stefan Fischhuber von der Personalberatung Kienbaum. Speziell, wenn Unregelmäßigkeiten an die Öffentlichkeit kämen, sei die Position des Betreffenden schnell so stark beschädigt, dass ein Abschied unvermeidlich sei.
Entscheidenden Anteil an dem Wertewandel haben Skandale wie die Rotlicht-Affäre bei Volkswagen
oder die jahrelang geübte Korruptionspraxis bei Siemens
. Die öffentliche Empörung und die massive Verschärfung der Corporate-Governance-Regeln (siehe Kasten in der linken Spalte) haben die Manager vorsichtig werden lassen. "Heutzutage steht ein Manager im Prinzip schon mit einem Bein im Knast, wenn er die Formalitäten auf der Rückseite der Restaurantabrechnungen nicht beherrscht", erklärt der Geschäftsführer eines Mittelständlers aus dem Rheinland. Schon eine kleine Nachlässigkeit ziehe möglicherweise ernste Konsequenzen für die Karriere nach sich.
Dass die Manager extrem vorsichtig geworden sind, bestätigt auch Personalberater Timo Kracht, der bei Kienbaum für die Finanzbranche zuständig ist. "Das geht soweit, dass man sich nicht selten ein Gutachten von einem Experten holt, bevor man eine Leistung abrechnet, die auch einen privaten Vorteil beinhaltet."
Dass sich die Zeiten geändert haben, hat auch der Arbeitsrechtler Stefan Nägele aus Stuttgart beobachtet. Private Vorteilsnahme werde in vielen Betrieben inzwischen als ernstes Vergehen betrachtet, erklärt er. Von den Sanktionen blieben dann auch verdiente Altvordere nicht verschont. Als Beispiel nennt er Daimler
, wo Konzernchef Dieter Zetsche konsequent gegen die Gutsherrenmentalität vorgehe. Speziell die Direktoren in den Auslandsniederlassungen müssten sich massiv umgewöhnen.
Mit zweierlei Maß
Der Kampf gegen die verbreitete Neigung zur Selbstbedienung stehe trotzdem erst am Anfang, stellt Nägele fest. "Oft ist das Unrechtsbewusstsein nur sehr gering ausgeprägt", erklärt er. Während im ersten Betrieb der Geschäftsführer Frau und Kinder ungestraft von seinem Chauffeur umherkutschieren lasse, stehe der Manager eines anderen wegen einer luxuriösen Bewirtung seiner Mitarbeiter während eines Meetings plötzlich unter Beschuss. "Gerade in solchen Unternehmen gelten für die einfachen Angestellten noch ungleich schärfere Regeln als für die Bosse ", fügt er hinzu.
Zweierlei Maß gilt allerdings auch im Spitzenmanagement: "Die Fälle, in denen ein paar fingierte Quittungen den Ausschlag für eine Kündigung geben, machen einen verschwindend geringen Anteil aus", erklärt Kienbaum-Berater Fischhuber. Zum überwiegenden Teil trennten sich beide Seiten, weil die Leistung oder die Chemie nicht stimmten. Eine unsaubere Spesenrechnung werde dann nur noch herangezogen, um die Position des Betroffenen bei den Verhandlungen über eine Abfindung zu schwächen.
Eine Erfahrung, die auch Nägele gemacht hat. "Bei Managern wird im Anschluss an eine Kündigung gerne die Abrechnung überprüft, um anschließend die Abfindung zu drücken, erläutert der Rechtsanwalt, "und natürlich findet sich da immer etwas".
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Managergehälter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH