Manager-Suizide in der Schweiz "Es ist oft Scham"

Der Finanzchef des Schweizer Versicherers Zurich, Pierre Wauthier, hat sich das Leben genommen - offenbar war er dem enormen beruflichen Druck nicht gewachsen. Der auf Manager spezialisierte Psychologe Manfred Kets de Vries über Schamgefühle in den Chefetagen.

Logo an der Zurich-Zentrale: "Der Druck auf diese Leute ist generell riesig"
REUTERS

Logo an der Zurich-Zentrale: "Der Druck auf diese Leute ist generell riesig"


SPIEGEL ONLINE: Herr Kets de Vries, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Psyche von Managern. Wie erklären Sie sich eine solche Tragödie?

Kets de Vries: Wir können nicht in den Kopf anderer Leute gucken. Aber oft ist es Scham. Man stellt sich vor, die Leute würden über einen lachen, wenn herauskäme, dass man den Druck nicht aushält. Für manche Menschen ist diese Vorstellung einfach unerträglich. Es gibt in der Gesellschaft ja eine richtige Schamkultur. Das geht mit banalen Dingen los: Man traut sich nicht, in einer Präsentation eine Frage zu stellen, weil die Zuhörer lachen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Woran kann es liegen, wenn Top-Manager ihre Situation nicht mehr aushalten?

Kets de Vries: Der Druck auf diese Leute ist generell riesig. Und oft können oder wollen sie keine Aufgaben an andere delegieren. Die Führung eines Konzerns oder einer Abteilung ist aber ein Teamsport. Das begreifen viele nicht. Wenn man alles selbst machen möchte, wird der Druck immer größer. Meist fehlt den Führungskräften auch die Zeit, über ihr eigenes Handeln nachzudenken. Sie wollen immer handeln, aber es wäre gut, auch mal im Park spazieren zu gehen und zu reflektieren. Letztlich steckt auch in uns Erwachsenen ein Kind, wir haben Phantasie, wollen träumen. Wir dürfen nicht in jeder freien Minute auf unser Handy schauen und Mails beantworten, auch wenn wir vielleicht 500 Mails am Tag bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist schwer zu begreifen, dass jemand in so einer Position einen solchen Entschluss fasst. Selbst wenn er eines Tages seinen Job verloren hätte - er wäre immer noch ein reicher Mann.

Kets de Vries: Wer so einen Entschluss fasst, ist krank. Die Krankheit Depression kann zum Beispiel durch Schlafmangel ausgelöst werden. Top-Manager schlafen in der Regel viel zu wenig. Eine Depression ist eines der möglichen Symptome, wenn man Druck nicht gewachsen ist. Denkbar wäre auch Alkohol- oder Drogenkonsum, unter Investmentbankern in New York ist Kokain weitverbreitet. Oder man bekommt Kopf-, Bauch-, oder Rückenschmerzen, auch allergische Reaktionen sind möglich. Wenn ich nicht über meine Probleme rede, redet mein Körper für mich!

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten Unternehmen gegensteuern?

Kets de Vries: Ein erfolgreiches Unternehmen muss vor allem zwei Dinge hinkriegen: Gutes Talentmanagement und eine gute Unternehmenskultur. Gerade in der Finanzbranche wird die Firmenkultur oft wenig beachtet. Man muss sich dafür interessieren, wie es in den Mitarbeitern aussieht. Werte statt Profitmaximierung. Die Leute müssen mit jemandem über Probleme reden können - das ist entscheidend. Männern fällt das meist schwerer als Frauen. Eine sehr gute Unternehmenskultur kann tragische Ereignisse wie einen Suizid verhindern. Alternativ können gute Berater diese Rolle spielen. Im Optimalfall kann man mit guten Freunden oder dem Partner über seine komplizierten Probleme reden. Ich halte es für fatal, dass einige Menschen ihr Privatleben völlig vom Berufsleben abschotten und zu Hause gar nichts erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Wochen hat sich bereits Swisscom-Chef Carsten Schloter das Leben genommen. Steigt die Zahl der Suizide überforderter Manager?

Kets de Vries: Dazu gibt es keine Statistiken, die Dunkelziffer ist natürlich hoch. Über Suizide wird wenig geredet und selten berichtet.

Das Interview führten Christian Rickens und Jan Wittenbrink



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