Facebook-Chef über Hassbotschaften "Einfacher, ein System zu entwickeln, das eine Brustwarze erkennt"

Nach guten Geschäftszahlen geht Mark Zuckerberg rhetorisch in die Offensive. Der zuletzt so demütig auftretende Facebook-Chef macht im Gespräch mit Analysten ein provokantes Statement.

Mark Zuckerberg
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Mark Zuckerberg


Bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress trug Mark Zuckerberg zuletzt Hemd und Anzug. Da er gewöhnlich nur graue T-Shirts trägt, wurde der neue Kleidungsstil rasch zum Büßergewand tituliert - obwohl er sich auch schon bei ganz anderen Anlässen in Schale geworfen hatte. So oder so scheint der Facebook-Chef die Rolle des Büßers allmählich satt zu haben.

Wie es bei der Vorstellung von Quartalszahlen großer Firmen üblich ist, hielt Facebook am Mittwoch eine Telefonkonferenz mit Analysten ab, mit Experten also, die die Performance seines Unternehmens professionell beurteilen und Anlegern auf der Basis dieser Urteile die mögliche Entwicklung der Facebook-Aktien vorhersagen.

Bei eben dieser rituellen Telefonkonferenz betonte Zuckerberg ein weiteres Mal, wie wichtig es ihm sei, den gesellschaftlichen Schaden, den sein Unternehmen verursacht hat, wieder gutzumachen. Und dass man in den vergangenen Jahren zu wenig Verantwortung übernommen habe.

Er sagte aber auch noch etwas anderes.

"Es ist viel einfacher, ein System auf Basis künstlicher Intelligenz zu entwickeln, das eine Brustwarze erkennt, als sprachwissenschaftlich zu entscheiden, was eine Hassbotschaft ist", beteuerte der Facebook-Chef.

Es war eine direkte Reaktion auf Kritik, interessierte Gruppen würden sein soziales Netzwerk für Hasskampagnen missbrauchen. Weder die Wortwahl noch die Situation, in der sich Zuckerberg äußerte, dürften zufällig gewesen sein. Aber was genau wollte der 33-Jährige eigentlich sagen?

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Wollte er zugeben, dass sowohl er als auch alle anderen sozialen Medien gegen Hetzbotschaften im Prinzip machtlos sind? Wohl kaum. Schließlich hatte Facebook zuletzt erste Erfolge beim Löschen von Hassnachrichten vermeldet. Zuckerberg wollte wohl eher ironisch verdeutlichen, dass die Erwartungen an ihn, derartige Probleme rasch zu lösen, schlicht überzogen sind.

In jedem Fall aber war es das erste Mal seit der Anhörung vor dem US-Kongress, dass der Facebook-Chef so deutlich in die Offensive geht.

Ein Grund dafür dürften die starken Geschäftszahlen gewesen sein. Der Umsatz stieg im ersten Quartal im Jahresvergleich um 49 Prozent auf 11,97 Milliarden Dollar. Der Gewinn sprang um 64 Prozent auf 4,99 Milliarden Dollar. Die Zahlen übertrafen die Erwartungen der Analysten - die Aktie legte nachbörslich um fast vier Prozent zu.

Dass der Datenskandal sich bislang nicht auf Facebooks Geschäftszahlen auswirkt, ist kaum überraschend. Die Kontroverse um die Weitergabe von Nutzerdaten an die Firma Cambridge Analytica entbrannte schließlich erst wenige Tage vor dem Ende des Quartals im März. Wenn es Auswirkungen gibt, würden sie erst im laufenden Vierteljahr richtig zur Geltung kommen.

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Doch Facebook hat auch generell betont, man habe nach Aufrufen zum Verlassen der Plattform keinen bedeutenden Rückgang der Aktivität festgestellt. Das belegt auch die durchschnittliche Zahl täglich aktiver Nutzer im März: Sie lag bei 1,45 Milliarden nach 1,4 Milliarden im Dezember 2017.

Zuckerberg sieht sich offenbar ermutigt, wieder selbstbewusster aufzutreten. Vor allem vor Analysten, in deren Augen allzu viel Demut auch als Zeichen von Schwäche gesehen werden könnte.

Bei dem Telefonat mit den Experten betonte der Facebook-Chef denn auch noch, dass er trotz aller Anstrengungen zur Verbesserung der Plattform nicht weniger in den Ausbau seiner Geschäfte investieren werde.

ssu



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
ttvtt 26.04.2018
1. Einfach mal google fragen
Nein Facebook kann vielleicht wirklich keine Haßbotschaften erkennen, wenn man sich die Autokorrektur von whatsapp anschaut. Google könnte es auf jeden Fall. Aber solange es die "Meinungsfreiheit" in der USA gibt, ist es Zuckerberg auch egal. Er muss keine Klagen befürchten, anders sieht es bei Nippeln aus. Das moralische Gewissen von Zuckerberg ist leider wenig ausgeprägt, aber was willst du von einem Mann erwarten, der einst eine Website online stellte, bei denen Frauen nach ihren Äußerlichkeiten bewertet wurden.
qsecwichtel 26.04.2018
2. Für mich ist Facebook gestorben
Mein persönlicher Eindruck war, dass hier einseitig zensiert wird. Was einige Abgeordnete posten war schon starker Tobak. Hier werden die User nicht gesperrt. Mein Beitrag über heuchelnde Christen wurde zensiert und ich wurde gesperrt. Dazu kam es aber dann nicht mehr, ich habe Facebook verlassen und bin immer noch zufrieden mit meinem Leben.
spon-facebook-10000140154 26.04.2018
3. was ist einfach..........
mit der Entwicklung und Einführung eines Systems das weibliche Brustwarzen und vollständig entblößte Pobacken erkennt ist es anscheinend doch nicht so einfach. Ich wurde vor einiger Zeit für ein Bild eines tätowierten Mannes gesperrt bei dem die Brustwarzen sichtbar waren. Einer meiner Bekannten wurde für Geburtstagsgrüße gesperrt, die teilweise nackte Damen in einem Schaumbad zeigten ohne daß Brustwarzen oder Pobacken zu sehen waren. Viele Fotografen die in FB posten kennen diese Probleme und weichen auf andere Medien wie Instagram usw. aus. Richtig ist, dass auch die Filterung von sogenannten Hasspostings noch viel schwieriger ist. Die bei FB verwendete Software springt auf Schlüsselwörter an und berücksichtigt dabei nicht den Zusammenhang. Bereits für die unbedachte Verwendung von Wörtern wie "Pack" kann man für mehrere Tage gesperrt werden. "Pack die Badehose ein" könnte zum Problem werden. Das Hauptproblem ist nämlich der Verzicht auf menschliche Kontrolle der Beanstandungen und der Umgang mit Reklamationen, auf unberechtigte Sperren, auf die grundsätzlich nicht geantwortet wird.
murksdoc 26.04.2018
4. echte vs. künstliche Intelligenz
Würde sich die "echte" Intelligenz dazu aufraffen, genaue Kriterien festzulegen, was genau eine "Hassbotschaft" sein soll, wäre es für die künstliche Intelligenz ein Leichtes, diese zu erkennen. Weil man diese ausstehende Definition aber in einem ominösen Nebel belassen will, um missliebige Meinungen zensieren zu können, ohne gleich als Verfassungsfeind dazustehen, muss die künstliche Intelligenz kapitulieren, daas heisst: massenhaft Fehler machen. KI kann nämlich nicht zwischen "subjektiv" und "objektiv" unterscheiden. Alles, was man ihr programmiert oder was sie selber "lernt", ist für KI "objektiv". Da steht das Tor zum Missbrauch meilenweit offen. Auch und gerade bei uns und bei Facebook sowieso.
joG 26.04.2018
5. Es ist nun wirklich nur die Formulierung...
....erstaunlich. Jeder weiss doch, dass die Bestimmung dessen, was "Hasssprache" ist, ziemlich schlüpfrig ist und letztlich ihr Verbot eine politische Waffe ist, die droht letztlich die Glaubwürdigkeit des politischen Systems, die sie einsetzt, zu untergraben.
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