Markenrechtsstreit: Bärenkampf in der Pfalz

Von

Monika Schleich bastelt seit Jahren Teddys, nennt sie "Schleichbären" - und macht mit den Stofftieren auch Gewinn: rund 500 Euro im Jahr. Jetzt hat sie der Spielwarenhersteller Schleich wegen Verstoßes gegen das Markenrecht verklagt.

Fotostrecke

9  Bilder
Namensstreit: Schleich vs. Schleichbären

Hamburg - Auf einer antiken Kommode in ihrem Haus in Venningen nahe Neustadt an der Weinstraße hat Monika Schleich ihre Auszeichnungen drapiert. Seit neun Jahren entwirft die 50-Jährige Teddybären mit Knopfaugen, zotteliger Schnauze und kleinem Kugelbauch. Mit Nadel und Faden fertigt sie die Stofftiere von Hand an. Ihre Schwiegermutter strickt die passende Kleidung, Sohn Ralf entwarf für sie eine Homepage. Und Ehemann Franz meldete 2003 für sie die Bären-Werkstatt als Gewerbe an. "Ich mache zwischen 500 und 700 Euro Gewinn pro Jahr", sagt Monika Schleich.

Deshalb war sie überrascht, als im Juli 2009 bei Familie Schleich ein Brief des bekannten Spielwarenherstellers Schleich ins Haus flatterte: Sie solle es unterlassen, mit dem Namen "Die Schleichbären" für ihre Teddys zu werben, ansonsten zöge der Hersteller vor Gericht. Die Hobby-Bastlerin lehnte sich auf - nun wird der Fall am Donnerstag vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt.

Sie seien auf Monika Schleich und deren Bären aufmerksam geworden, nachdem sich diese die Marke "Schleichbären" beim Deutschen Patent- und Markenamt hatte eintragen lassen, "um so das Zeichen für sich zu monopolisieren. Und zwar in unserem Kerngeschäftsfeld Spielwaren", erklärte Marketingmanagerin Nina Hesse.

Seit knapp 60 Jahren vertreibt die Schleich GmbH mit Sitz in Schwäbisch Gmünd in erster Linie naturgetreue Tierfiguren aus Hartgummi, die in Tunesien bemalt werden, die sogenannten Schleichtiere. Dazu gehörten auch Maskottchen wie der Salamander Lurchi oder die Biene Maja. Pro Jahr produziert das Unternehmen, das nach eigenen Angaben 250 Beschäftigte hat, Berichten zufolge rund 15 Millionen Figuren. Der jährliche Umsatz liege bei rund 100 Millionen Euro.

Schleich vs. Schleichbären: Gegenstandswert von 250.000 Euro

Auf dem Markt würden die produzierten Tiere des Unternehmens auch einfach als "Schleichtiere" oder beispielsweise als "Schleichpferde" oder eben "Schleichbären" bezeichnet, erklärt man bei Schleich. "Für uns ist die Gefahr von Verwechslungen mit unserer Kernmarke 'Schleich' daher zu groß, als dass wir die Sache auf sich hätten beruhen lassen können", so Hesse. Das Unternehmen stört sich auch daran, dass Monika Schleich den Namen "Die Schleichbären" umfassend für "ihr Plüschtier-Geschäft" nutze, sie über die Domain "dieschleichbären.de" und andere Internetseiten anbiete sowie ihren Wagen mit entsprechender Werbung beklebt habe und Anzeigen im Online-Magazin "kuscheltiernews.info" inserierte.

Die Schleich GmbH erreicht eigenen Angaben zufolge international einen Marktanteil von ca. 70, national sogar von 88 Prozent und bezeichnet sich selbst als achtgrößten Spielwarenhersteller Deutschlands. Die Produkte gebe es demnach "in nahezu jedem deutschen Spielwarenladen" zu kaufen. Da es sich laut Klageschrift um "die Kern- und Dachmarke" der Schleich GmbH handele, sei das Unternehmen "zwingend darauf angewiesen, dass diese Marke nicht verwässert wird". Die Angelegenheit sei von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung, der Gegenstandswert wurde von Seiten der Schleich GmbH daher auf die in derartigen Verfahren üblichen 250.000 Euro bemessen.

Und genau das erschreckt Monika Schleich: "Bis sich diese Firma an uns wandte, hatte ich deren Namen noch nie gehört", beteuert sie. "Die in Kunststoff gepressten, naturgetreuen und am Band gefertigten Spieltieren haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit meinen aus weichem Mohair handgefertigten Unikaten."

Ihre Schleichbären seien "nicht naturgetreu, sie entstammen meiner Phantasie und sind weich und kuschelig". Zudem werfe man ihr vor, sie täusche die Rechtsform einer Aktiengesellschaft vor, weil sie im Familienverbund auch unter dem Namen "Teddy-AG" auftritt. "Dabei steht das AG für Arbeitsgemeinschaft", konstatiert die 50-Jährige.

"Haben die durch mich einen Absatzeinbruch?"

Sie wolle nicht bestreiten, dass die Firma Schleich GmbH bekannter sei als ihre Schleichbären, sagt Monika Schleich. "Aber glauben Sie ehrlich, dass die seit neun Jahren einen Absatzeinbruch ihrer Tiere haben durch mich? Wenn ja, wieso haben sie sich dann nicht eher gemeldet? Umgekehrt habe ich noch keinen einzigen Teddy verkauft, weil jemand, der Kunststoff-Spieltiere gesucht hat, aus Versehen auf meiner Homepage gelandet ist. Meiner Meinung nach sind diese beiden 'Firmen' noch nie miteinander verwechselt worden."

Und das, obwohl es ihre Bären schon länger gibt: Im Dezember 2000 hatte Monika Schleich wegen schlechter Auftragslage ihre Arbeit verloren und musste beim Arbeitsamt einen Weiterbildungskurs belegen. "Die Prüfung hatte ich schon vor Ende des Kurses in der Tasche, aber es bestand noch Anwesenheitspflicht", erzählt sie. Die vertrieb sie sich mit einer anderen Kursteilnehmerin, die eines Tages mit einem Korb voller handgefertigter Teddybären in den Raum marschiert war. "Sie hat mir das beigebracht, und ich war sofort mit dem Bastel-Virus infiziert."

Inzwischen arbeitet Monika Schleich in den Räumen ihres Mannes, der ein KfZ-Sachverständigenbüro betreibt. "Abends nach der Arbeit setze ich mich vor den Fernseher und nähe", sagt Monika Schleich. Mehrere Teddys auf einmal produziere sie grundsätzlich nicht. "Ich muss mich voll und ganz auf einen konzentrieren." Mehrere hundert Bären hat die Pfälzerin seither gebastelt. Etwa zwei bis drei Tage benötigt sie für den Entwurf eines neuen Schnittes, nach einer Woche sitzt das Kuscheltier in voller Montur vor ihr.

Wie viele Stofftiere sie in all den Jahren gefertigt hat, kann sie nicht sagen. "Als unsere ganze Wohnung von Bären belagert war, habe ich angefangen, die ersten Exemplare zu verkaufen", sagt Monika Schleich. "Bei denen, die mir nicht ganz so gut gelungen sind, geht es. Aber bei denen, die mir schon beim Fertigen ans Herz gewachsen sind, fällt es mir alles andere als leicht."

Wird Schleich Frau Schleich einen neuen Namen vorschreiben können?

Nur deshalb habe sie sich entschieden, die Bären eher "zur Adoption" freizugeben als sie tatsächlich "abzugeben". In der ganzen Welt hätten sich mittlerweile "Adoptiveltern" für ihre Teddys gefunden: Einzelne Exemplare wohnten nun in Australien, Belgien, Tschechien, Österreich, Frankreich oder in den USA.

Mit einigen Tieren gewann sie bereits Preise wie den "Gläsernen Teddybären" oder den "Ted Worldwide". Im Raum Frankenthal, wo sie früher lebte, hat sich Monika Schleich mit ihren "Schleichbären" einen Namen gemacht. Eine Massenproduktion käme ihr nicht in den Sinn - aber eben auch nicht, sich von ihrem Markennamen zu trennen. "Für mich ist es undenkbar, meine Teddybären nach neun Jahren anders zu benennen. Sie wären im Kampf zwischen Goliath und David gestorben."

Die Schleich GmbH sagt, sie habe einen Prozess vermeiden wollen. "Wir haben Frau Schleich angeschrieben und zur Rücknahme ihrer Markeneintragung sowie zur Einstellung der Benutzung des Wortes 'Schleichbären' aufgefordert. Aufgrund der Situation von Frau Schleich als Kleingewerbetreibende haben wir dabei bewusst zunächst keine weiteren Ansprüche geltend gemacht und sind auch in ihrem Fall sehr respektvoll und mit viel Verständnis auf sie zugegangen", erklärte das Unternehmen. "Insbesondere haben wir keinerlei Geldforderungen gestellt, insbesondere auch keine Erstattung von Abmahnkosten gefordert."

Auch in der "sich anschließenden vorgerichtlichen Diskussion haben wir Frau Schleich immer wieder angeboten, dass die Sache für Frau Schleich kostenfrei erledigt ist, wenn sie nur ihre Marke 'Schleichbären' aufgibt. Wir haben auch großzügige Umstellungsfristen angeboten. Frau Schleich war insoweit jedoch leider zu keinerlei Kompromiss bereit", sagte Patentanwalt Frank Meier, der die Schleich GmbH vor Gericht vertreten wird.

"Mein Kleinstgewerbebetrieb ist bereits pleite"

Rechtsanwalt Klaus Hornung von der Kanzlei GHI aus Mannheim, der Monika Schleich in dem Verfahren vertritt, hält die Chancen, gegen Goliath zu gewinnen, nicht für aussichtslos. "Es geht in diesem Fall darum, dass meine Mandantin tatsächlich Schleich mit Nachnamen heißt und sich den Namen nicht angeeignet hat, um ihre Teddybären zu verkaufen. Für diese Fälle sieht das Markengesetz eine gewisse Privilegierung des Namensträgers vor." Es könne nicht sein, dass die Schleich GmbH der Frau vorschreibe, wie sie ihre Teddybären zu nennen hat, zumal solche handgefertigten Produkte auch dem Urheberrechtsschutz unterliegen und daher ohnehin mit dem eigenen Namen signiert werden dürften.

Hinzu komme, dass Künstlerbären wie die seiner Mandantin, anders als das Plastikspielzeug der Firma Schleich, eben Sammlerstücke seien und deshalb auch nicht auf den selben Vertriebswegen wie diese verkauft werden. "Für diese Teddybären gibt es eigene Messen, eigene Fachzeitschriften, eigene Webshops und eigene Szeneseiten. Diese Welt hat nichts mit dem gewöhnlichen Einzelhandel für Spielzeug zu tun. Ich teile die Befürchtung der Schleich GmbH nicht, dass es hier zu Verwechslungen oder gar Umsatzeinbußen kommen könnte."

Fällt das Landgericht Stuttgart eine Entscheidung zugunsten des Spielwarenherstellers, erwarten Monika Schleich Kosten in fünfstelliger Höhe. "Von den Verfahrenskosten her ist mein Kleinstgewerbebetrieb allein schon nach dem ersten Antwortschreiben durch meinen Anwalt pleite", schrieb Monika Schleich im August an den Spielwarenhersteller - in der Hoffnung, sich außergerichtlich zu einigen.

"Ich bin mir sicher, dass Ihre wundervollen kleinen Bären nicht weniger beliebt sein werden, wenn sie beispielsweise 'Monikas Bären' heißen würden", antwortete Paul Kraut, Geschäftsführer bei Schleich.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 471 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sie...
gelegentlicher Leser 13.01.2010
...bräuchte sich auf diesen ungleichen Kampf ja nicht einzulassen, daher hält sich mein Mitleid mit Frau Schleich in Grenzen.
2. Fatales Absurdistan
delinquent 13.01.2010
Zitat von sysopMonika Schleich bastelt seit Jahren Teddys, nennt sie "Schleichbären" - und macht mit den Stofftieren auch Gewinn: rund 500 Euro im Jahr. Jetzt hat sie der Spielwarenhersteller Schleich wegen Verstoßes gegen das Markenrecht verklagt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,671570,00.html
Das ganze liest sich wie eine Posse aus Absurdistan.---Wenn da der Schuss für die Firma Scheich-Plastik nicht nach hinten losgeht.----Der Imageschaden dürfte erheblich sein.--Und der Geschäftsführer hat wohl wie viele deutsche Manager einen Tunnelblick.----Nieten in Nadelstreifen,passt doch.Er hätte die kleine Konkurenz eher als willkommene Webung sehen müssen, nicht umgekehrt.MfG!
3. So machen grosse Firmen aus Profitgier...
Mutige 13.01.2010
So machen grosse Firmen aus Profitgier Künstlerbetriebe kaputt. Ist das eine Schweinerei! Ehrlich gesagt sind mir diese Bären symphatischer und lieber als womöglich von Kindern in China hergestellte Gummi- und Plastikmassenware des anderen Herstellers. Ich hoffe, die schiessen sich damit selbst ins Knie und die Leute kaufen die Produkte aus Boykott nicht mehr. Wie bei Jack Wolfskin, wo die Firma jede Tiertatze auf einem selbstgenähtem Gegenstand bei DaWanda abmahnen wollte. Die mussten sich das auch schnell anders überlegt haben, weil Leute empört waren. Wie viele Leute heissen Müller? Darf da auch nur einer den Namen verwenden, weil er mehr Geld macht?
4. Schleicht euch
Hercules Rockefeller, 13.01.2010
Ich habe weder von der einen, noch von der anderen Schleich je gehört. Auch dürfte die Meinung ob der Bekanntheit des Begriffes "Schleichtiere" eindeutig sein-der Begriff ist völlig unbekannt, im alltäglichen Gebrauch nicht zu finden. Zudem sind das wirklich schöne Stofftiere, wenn also die große Schleichfirma damit "verwechselt" würde, so hätte sie einen Imagegewinn in positiver Hinsicht. Es ist schon lächerlich, der Frau das untersagen zu wollen, zumal die große Schleichfirma doch genug Geld und Zeit hatte, um sich den Titel schützen zu lassen-wenn sie doch so bekannt ist! Offenbar weiß die große Schleich, das keine Sau die Firma hinter den Gummitieren kennt und hat sich die Namensrechte gespart. Für mich ganz klar, die Bärenfrau heisst Schleich mit Namen und war schneller beim Titelschutz-zudem produziert sie ein Produkt, dass die große Schleich nicht anbietet. In dem Fall muss für Frau Schleich entschieden werden. Man kann ja nicht nach dem Umsatz gehen. Sonst könnte auch ein Michael Schumacher niemals irgendwas mit seinem Namen verkaufen, weil sofort der rasende Michael Schumacher käme und seine Markenrechte verletzt sieht. Wer international tätig ist, der sollte sich im Markenrecht auskennen und Vorkehrungen treffen. Tut er dies nicht, muss er sich der Professionalität anderer kleinerer Geschäftsleute beugen.
5. Sehe ich total anders
delinquent 13.01.2010
Zitat von gelegentlicher Leser...bräuchte sich auf diesen ungleichen Kampf ja nicht einzulassen, daher hält sich mein Mitleid mit Frau Schleich in Grenzen.
Na,ja, wenn Ihre Meinung Schule macht und zum Standart wird,ist der Monopolisierung Tor und Tür geöffnet.----Die kleinen werden dann einfach auf juristischem Wege platt gemacht.----Kennt man als Privatmann wenn Konfrontationen mit Versicherungen bestehen.Einfach den Gegner auf finanziellem Wege mürbe machen.MfG!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Marken
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 471 Kommentare