Ein Kommentar von Wolfgang Kaden
An dieser Stelle, spätestens, ist allerdings Differenzierung vonnöten. Die deutsche Bankergilde hat zwar munter mitgemischt im globalen Derivatekasino und sündhaft viel Geld verspielt. Aber anders als die Angelsachsen oder die Schweizer scheinen die hiesigen Finanzmanager gelernt zu haben. Sie achten bei der eigenen Bezahlung auf die Außenwirkung. Und sie zeigen sich gegenüber den Reformbemühungen der Regierenden weitaus aufgeschlossener als die Kollegen in New York oder London, die ihre Lobbymaschinen auf Hochtouren laufen lassen, um lästige Regulierungen zu verhindern.
Dumm nur, dass es der Branche an einer Persönlichkeit mangelt, die glaubwürdig für das Publikum einen Neustart symbolisiert. Der Bankenverband hat sich so gut wie unsichtbar gemacht. Dessen Geschäftsführer Manfred Weber, ein biederer Lobbyist, amtiert auf Abruf, er wird zum Jahresende nach 18-jähriger Tätigkeit ausscheiden. Der seit vorigem Jahr amtierende Präsident Andreas Schmitz, ein rechtschaffener und sympathischer Rheinländer, ist der falsche Mann in dieser Zeit. Er kommt von der HSBC Trinkaus & Burkhardt-Bank
, einem vergleichsweise kleinen Institut, das nicht in deutschen Händen ist, sondern dem englischen Finanzriesen HSBC
gehört. Nicht gerade die optimale Wahl, um für die deutschen Banken zu werben.
Von den beiden verbliebenen Großbanken, der Deutschen Bank
und der Commerzbank
, kann nur die Deutsche eine Führungsrolle beanspruchen. Die Commerzbank gehört derzeit zu einem Viertel dem Staat, ihr Chef Martin Blessing rudert verzweifelt, um mit dem Institut wieder in sichere Gewässer zu gelangen.
Dauerlächler Ackermann
Josef Ackermann also ist, oder besser: wäre, der Mann der Stunde. Ackermann? Ja, der Dauerlächler Ackermann. Er hat sein Haus einigermaßen unversehrt durch den Crash geführt; hat im Herbst 2008 mit Rat und Tat an den diversen Rettungsaktionen mitgewirkt; hat sich mit vernünftigen (wenn auch nicht ausreichenden) Reformvorschlägen den Zorn seiner angelsächsischen Kollegen zugezogen; hat, anders als die US-Banker, das Versagen seiner Zunft eingestanden ("Es ist unstrittig und nicht zu leugnen, dass die größte Verantwortung bei den Banken selbst liegt"). Auch hat er bei Meinungsumfragen inzwischen ganz passable Werte vorzuweisen: Nur noch 19 Prozent beurteilten ihn im ersten Quartal negativ; 2006 waren das noch 59 Prozent.
Und dennoch: Ein Sympathieträger ist der freundliche Schweizer nicht gerade geworden. Ihm haftet noch immer sein unglückliches Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess an. Er gilt als der Mann, der wie keiner seiner Vorgänger die Deutsche Bank auf das krisenverursachende Investmentbanking trimmte. Dann kommt noch die Verkündung des Ziels von 25 Prozent Kapitalrendite hinzu, das er nach dem Finanzdesaster, Anfang dieses Jahres, noch einmal öffentlich wiederholte - eine Zielvorgabe, die inzwischen auch zum Symbol für die Maßlosigkeit und Lernunfähigkeit der Branche gereift ist. Und schließlich der Fall der Pleitebank IKB, der die Deutsche Bank zunächst fragwürdige Papiere verkaufte und bei der es dann Ackermann persönlich war, der mit einem Anruf bei der Bankenaufsicht die Reißleine zog.
Nein, der ehrenwerte Herr Ackermann wird der Finanzbranche hierzulande auch nicht entscheidend helfen, den Ansehensschwund zu stoppen oder gar umzudrehen. Eher ist zu befürchten, dass es mit dem Image weiter bergab geht. Für diesen Trend bieten die angelsächsischen Finanzmanager auch zukünftig Gewähr. Sie leben weiter in ihren Parallelwelten, so, als hätte es die Beinahe-Katastrophe nicht gegeben.
Männer wie Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, der unlängst allen Ernstes verkündete, er und die Seinen verrichteten "nur Gottes Werk" hier auf Erden. Gegen seine feine Firma hat jetzt die amerikanische Börsenaufsicht Strafanzeige wegen des Verdachts auf Wertpapierbetrug gestellt. Oder dessen Deutschland-Statthalter Alexander Dibelius, der im Januar öffentlich verlautbarte, dass Banken nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sind ("Banks do not have an obligation to promote the public good"). Eine Äußerung, die darauf schließen lässt, dass all die Debatten über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen an dem Mann spurlos vorbeigegangen sind.
Allgemeiner Ansehensverfall der Banken
Solche Entgleisungen wie auch der allgemeine Ansehensverfall der Banken wären kein Grund zur Beunruhigung, wenn es sich um eine x-beliebige Branche handelte, Fliesenhersteller etwa oder Kugellagerproduzenten. Ob die in der Gesellschaft auf breite Akzeptanz oder auf heftige Ablehnung stoßen, ist nicht unbedingt systemrelevant (womit nichts gegen Fliesen- und Kugellagerproduzenten gesagt werden soll).
Bei der Finanzwirtschaft verhält es sich anders. Sie ist quasi ein öffentliches Gut, besorgt als verlängerter Arm der Notenbanken die Geldausstattung der Volkswirtschaft: Nur wenn sie reibungslos funktioniert, das hat uns die aktuelle Krise schmerzlich demonstriert, ist die Wirtschaft arbeitsfähig, global wie national. Und Voraussetzung für dieses Funktionieren ist ein Mindestmaß an Akzeptanz in der Gesellschaft.
Wichtiger noch: Wenn die Bürger den Banken kein Vertrauen mehr entgegenbringen, wenn dauerhaft Zweifel an der Integrität der Geldhändler und Vermögensverwalter besteht, dann leidet auch die Zustimmung zur freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Schon seit Jahren schwindet die Zahl jener, die in der Marktwirtschaft das beste System sehen. Die internationale Bankergilde arbeitet derzeit erfolgreich daran, den Gegnern der Marktwirtschaft neue Anhänger zuzuführen.
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