Chronik im VW-Abgasskandal Und schmutzt und schmutzt und schmutzt

Im September 2015 tritt Martin Winterkorn als Chef des VW-Konzerns zurück - der Diesel-Abgasskandal ist spätestens damit voll entbrannt. Doch er beginnt bereits zehn Jahre zuvor. Eine Chronik.

DPA


Mit Martin Winterkorn ist nun die jahrelang uneingeschränkte Nummer eins des Volkswagen-Konzerns wegen des Dieselskandals angeklagt - in den USA. Die Staatsanwaltschaft in Detroit wirft ihm in einer 42-seitigen Anklageschrift Verschwörung zum Betrug vor. Seit 2006 habe VW die Abgase von Dieselmotoren manipuliert und die US-Behörden und Kunden jahrelang wissentlich getäuscht, schreiben die Ermittler darin.

Tatsächlich beginnt der Dieselskandal bereits etwa zehn Jahre vor dem Rücktritt Winterkorns vom Konzernvorsitz. Eine Chronik der Entstehungsgeschichte bis zum Bekanntwerden des Betrugs im September 2015, auf Grundlage von US-Justiz-Dokumenten und Veröffentlichungen von VW:


2005


Volkswagen fällt die strategische Entscheidung, in den USA eine groß angelegte Dieseloffensive zu starten - trotz der dort viel strengeren Grenzwerte für Schadstoffemissionen.


2006


VW tüftelt am Zwei-Liter-Dieselmotor EA 189, Audi entwickelt die größeren Drei-Liter-Antriebe. Doch die Entwickler realisieren bald, dass die Motoren die strengeren Abgas-Regeln, die in den USA ab 2007 gelten sollen, nicht erfüllen werden. Daraufhin wird eine Betrugssoftware ("defeat device") entwickelt, die die Emissionen in Testsituationen reduziert, um die US-Umweltbehörden zu täuschen.

Mai: Die US-Staatsanwaltschaft wirft Winterkorn - damals noch Audi-Chef - vor, schon ab diesem Zeitpunkt an der Verschwörung zum Betrug beteiligt gewesen zu sein.

17. Mai: Ein VW-Ingenieur beschreibt in einer E-Mail an die VW-Entwickler die von Audi entwickelte Software. Er warnt vor deren Einsatz in US-Dieselmotoren, weil sie nur der Umgehung von Abgas-Tests diene.

November: Ein Manager der Entwicklungsabteilung entscheidet nach einem Treffen mit Mitarbeitern, dass das "defeat device" in US-Dieselmotoren eingesetzt werden soll. Man solle sich nur nicht erwischen lassen.


2007


1. Januar: Martin Winterkorn löst Bernd Pischetsrieder als VW-Konzernchef ab.

5. Oktober: Es gibt immer wieder technische Probleme mit der Entwicklung der Dieselmotoren und Diskussionen in dem Team, das für die Einhaltung von Abgaswerten in den USA verantwortlich ist. Bei einem Treffen entscheidet ein Manager, dennoch mit den manipulierten Motoren weiter zu machen.


2008


VW startet die Werbekampagne "Clean Diesel" in den USA - der Jetta TDI wird auf der Automesse in Los Angeles zum "Green Car of the Year" gekürt.


2009


VW-Modelle mit den manipulierten Zwei-Liter-Dieselmotoren kommen in den USA auf den Markt. Größere VW-Modelle sowie Audi- und Porsche-Fahrzeuge werden mit dem manipulierten Drei-Liter-Motor verkauft.


2013


Februar: Die kalifornische Umweltbehörde CARB beauftragt das Forschungsinstitut International Council on Clean Transportation (ICCT) mit der Überprüfung von Abgas-Emissionen bei VW-Diesel-Fahrzeugen.

Frühjahr: Getestet werden ein Jetta Baujahr 2012 und ein Passat Baujahr 2013 auf den Straßen rund um Los Angeles. Das Ergebnis: Im Normalbetrieb sind die Abgasemissionen bis zu 35-mal höher als im Labor. Die Daten werden genauer analysiert.


2014


März: VW-Mitarbeiter erfahren von den Ergebnissen der ICCT-Studie. In den folgenden Wochen bittet die CARB Volkswagen um Erläuterung der Abgasemissionen. In der VW-Entwicklungsabteilung wird eine Task Force gegründet, um Antworten auf die Fragen der Umweltbehörde zu formulieren. Es wird entschieden, scheinbar mit den US-Behörden zu kooperieren, die Existenz eines "defeat device" aber zu leugnen.

23. Mai: VW zufolge wird eine Notiz über die ICCT-Studie der Wochenendpost von Konzernchef Winterkorn beigelegt. Ob er diese gelesen habe, sei nicht dokumentiert. Der US-Staatsanwaltschaft zufolge wird in dieser E-Mail explizit erwähnt, dass US-Behörden wohl nach einer Abschalteinrichtung, einem "defeat device", in den VW-Dieselmotoren suchen würden.

1. Oktober: In einem Treffen mit der CARB erklären VW-Vertreter die höheren Abgaswerte mit technischen Gründen und Fahrverhalten, das "defeat device" wird nicht erwähnt.

14. November: VW zufolge gibt es eine zweite Notiz an Winterkorn, in der von Kosten für die Diesel-Thematik in Nordamerika von etwa 20 Millionen Euro die Rede ist.


2015


27. Juli: VW zufolge beraten sich einzelne Mitarbeiter am Rande einer Routinebesprechung über die Diesel-Thematik, in Anwesenheit von Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess. Laut US-Staatsanwaltschaft wird das leitende VW-Management inklusive Winterkorn an diesem Tag über das "defeat device" informiert und auch über den Umstand, dass die US-Behörden darüber noch nicht Bescheid wissen. Mitarbeiter schlagen vor, die Betrugssoftware den US-Behörden nicht offenzulegen. "Winterkorn stimmte diesem Plan zu", heißt es in der Klageschrift.

18. August: VW-Manager entscheiden, dass man bei einem für den nächsten Tag geplanten Treffen mit CARB-Vertretern weiter lügt und das "defeat device" nicht erwähnt.

19. August: Entgegen dieser Vorgabe deutet ein VW-Vertreter in dem Gespräch mit der CARB an, dass eine Software Abgaswerte in Testsituationen herunterregelt.

Ende August: Volkswagen zufolge erläutern VW-Techniker hauseigenen Juristen und den US-Anwälten die eigentliche Ursache für die Abweichungen der Abgas-Emissionen. Vorstandsmitglieder seien daraufhin zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich um ein unzulässiges "defeat device" handele. Das solle der CARB und der US-Umweltbehörde EPA transparent kommuniziert werden.

3. September: In einer Telefonkonferenz mit CARB und EPA gesteht VW die Manipulation der Abgaswerte.

4. September: Winterkorn wird darüber durch eine Notiz unterrichtet. VW zufolge erklären Berater, dass solche Verstöße in den USA bisher auf dem Vergleichswege per Bußgeldzahlung geregelt wurden, die für Unternehmen von der Größe von VW nicht besonders hoch seien. Der Konzern habe mit einem zweistelligen oder unteren dreistelligen Millionen-Betrag gerechnet.

18. September: Die EPA macht am Abend das Geständnis öffentlich: VW habe vorsätzlich Abgasvorschriften bei rund 500.000 Diesel-Fahrzeugen umgangen. Die US-Umweltbehörde beziffert eine mögliche Strafe auf bis zu 18 Milliarden Dollar.

20. September: VW räumt die Abgas-Manipulationen nun selbst öffentlich ein und kündigt eine externe Untersuchung an.

21. September: Am ersten Börsenhandelstag nach dem öffentlichen Geständnis stürzt die VW-Aktie um 20 Prozent ab.

23. September: VW-Chef Winterkorn tritt zurück.

fdi/Reuters

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
discprojekt 04.05.2018
1. Also,
Der Ablauf war sicher so. Aber welche Rolle spielte der Aufsichtsrat, das Bundesverkehrsministerum, der Verband der Automobilindustrie, der BKA?
theo# 04.05.2018
2. Da muss noch mehr
recherchiert werden. Ein Whistleblower vom VW Konzern wäre gut. Die Kumpanei von Politik und Wirtschaft muss aufhören.
heidelbeere0815 04.05.2018
3. Bosch?
Ich habe nicht 1x "Bosch" gelesen. Es wurde berichtet, daß die Software von Bosch sei. Hier nun steht Audi. Ja was denn nun? Und wann folgt endlich die Anklage in D?
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