Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ermittlungen gegen VW: Winterkorns nächster Kampf

Von

Martin Winterkorn: Was wusste er? Zur Großansicht
AFP

Martin Winterkorn: Was wusste er?

Die Affäre um manipulierte Abgastests in den USA hat Volkswagen einen schweren Schlag versetzt. Der Konzern wird ihn verkraften. Vorstandschef Martin Winterkorn hingegen steht ein erneuter Kampf um sein Amt bevor.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Arbeitswoche vor einer Aufsichtsratssitzung ist normalerweise angefüllt mit den vielfältigsten Aufgaben. Es gilt, Zahlen zu sichten, die Referate für den Blick zurück und nach vorn zu überarbeiten und sich Antworten auf Fragen zurechtzulegen, die von den Kontrolleuren kommen könnten.

Niemand hätte wohl diese zuweilen sehr ermüdende Alltagsroutine in diesen Tagen lieber auf dem Zettel als Martin Winterkorn. Am kommenden Freitag hatte der Volkswagen-Boss eigentlich sein Konzept für den Umbau des weltumspannenden Autokonzerns vorstellen wollen. Doch daran dürfte in dem Gremium diesmal kaum jemand interessiert sein. Vielmehr wird es darum gehen, welche Folgen die Abgas-Affäre in den USA für VW haben wird - und wer dafür verantwortlich ist.

Was die Folgen betrifft, ist das Ausmaß derzeit nicht abzuschätzen. Fest steht nur, dass sie Volkswagen noch sehr lange beschäftigen werden. Da steht zum einen die Strafzahlung ins Haus, die die US-Umweltbehörde EPA verhängen wird - im Extremfall bis zu 37.500 Dollar pro verkauftem Auto. Da bisher rund 482.000 Fahrzeuge betroffen sind, summieren sich die theoretisch möglichen Bußgelder auf mehr als 18 Milliarden Dollar.

Stefan Bratzel, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Bergisch Gladbach, schätzt zwar, dass der Betrag deutlich niedriger liegt, weil Winterkorn der Behörde bei der Aufklärung helfen will. Dennoch könnte am Ende knapp eine Milliarde auf der Rechnung stehen, so die Vermutung.

Lange Zeit vertröstet

Auf besondere Gnade hoffen kann der Konzern jedenfalls nicht. Denn seit mehr als einem Jahr bereits suchen die Ermittler Erklärungen für Ungereimtheiten, die ihnen beim Testen der Autos aufgefallen waren. Auch unter dem neuen Amerika-Chef Michael Horn versuchten die Leute von VW immer wieder, sie zu vertrösten - bis EPA-Chefin Gina McCarthy am Freitag der Kragen platzte.

Fotostrecke

9  Bilder
Abgas-Skandal: Acht für VW gefährliche Folgen der Manipulationen
Neben der Strafzahlung drohen Volkswagen überdies Klagen von Autokäufern, Händlern. Kaum einen Tag nachdem Volkswagen die Manipulationen eingeräumt hat, melden sich bereits die ersten angeblich Geschädigten zu Wort.

Wesentlich gravierender aber dürfte der Vertrauensschaden sein, den die Wolfsburger bei ihren amerikanischen Kunden angerichtet haben. Der Traum von der großen Aufholjagd auf dem riesigen US-Markt ist vorläufig ausgeträumt. Schon jetzt liegt der Verkauf mit 238.000 Autos 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert, während die Konkurrenten Zuwächse verzeichnen. Die Zahlen dürften in den kommenden Monaten implodieren.

Video: Gabriel nennt Abgas-Affäre "schlimmen Vorfall"

DPA
Wer wissen will, wie mühsam der Weg zurück ist, sollte in den Annalen der Konzerntochter Audi blättern. Wegen ungewollter Beschleunigung gerieten 1986 die Automatik-Audis in die Schlagzeilen. Nach Bekanntwerden des tatsächlichen oder vermeintlichen Sicherheitsmangels gingen die Audi-Verkäufe in den folgenden fünf Jahren von ursprünglich 74.000 auf 12.000 zurück. Auch ein Jahrzehnt nach dem Fall verkauften die Ingolstädter noch nicht einmal halb so viele Autos wie einst.

Fettes Minus in der Amtsbilanz

Düstere Aussichten - für den Konzern, aber auch für Winterkorn selbst. Denn die schwache Position auf dem US-Markt stand bislang neben der mickrigen Rendite der Kernmarke VW als fettes Minus in der Bilanz seiner Amtszeit. Die Steigerung des US-Geschäfts hatte er erst kürzlich zur Chefsache erklärt. Jetzt lautet die Aufgabe Schadensbegrenzung.

Für Winterkorn ist die Sache alles andere als einfach. Zwar hat er im Frühling den Machtkampf gegen Ferdinand Piëch gewonnen. Doch das öffentliche Misstrauensvotum seines einstigen Förderers hat seine Position im Konzern zweifelsohne geschwächt. Die Fliehkräfte werden zunehmen, davon sind Beobachter überzeugt.

Bei der Aufarbeitung wird er sich außerdem auf kritische Fragen nach seiner Rolle in der Abgas-Affäre einstellen müssen. Dass er im Verlauf der vergangenen 16 Monate nichts von den Ermittlungen der EPA erfahren hat, will irgendwie nicht so recht zum zentralisierten Herrschaftssystem im Konzern passen. Der Duisburger Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer legte ihm bereits öffentlich den Rücktritt nahe. Entweder müsse er als Chef von den Manipulationen gewusst haben oder sei ahnungslos gewesen - beides sei ein Grund zum Rücktritt, sagt Dudenhöffer.

Andere sind da etwas vorsichtiger. "Angesichts der Leistungen, die Winterkorn für den Konzern erbracht hat, wird man ihm Gelegenheit geben, die Sache aufzuklären und die Verantwortlichen zu identifizieren", sagt ein Analyst. "Seine Chancen, im Amt zu bleiben, bis sein Vertrag ausläuft, werden davon abhängen, was bei der Aufklärung alles ans Licht kommt." Eine plausible Erklärung, die den VW-Chef entlasten würde, dränge sich allerdings derzeit nicht auf.

Zusammengefasst: Finanziell dürfte Volkswagen die Folgen der Abgas-Affäre recht gut überstehen. Mit den Folgen des Vertrauensverlusts wird der Konzern aber noch lange zu kämpfen haben. Vorstandschef Martin Winterkorn steht dagegen mit dem Rücken zur Wand. Er muss plötzlich wieder um sein Amt kämpfen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 189 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. War es Dummheit
Badischer Revoluzzer 21.09.2015
oder reine Gier? Wie kann man aber nur so blöd sein?
2. Antworten
Rapporteur 21.09.2015
"Antworten, die von den Kontrolleuren kommen könnten"? Ich dachte, die stellen Fragen?!
3. Ja....
archivdoktor 21.09.2015
...VW wird es überleben - aber das Image wird massiv leiden! Und ordentlich wird VW auch bluten - und das ist auch gut so! Die VW-Chefs haben lange nicht bemerkt, dass sie in den USA nicht die gleiche Narrenfreiheit wie in Deutschland haben...
4. Piechs Rache ?
mike200259@yahoo.de 21.09.2015
Hat da der alte Mann geholfen ? Schwere Niederlage für den VW Konzern . Was musste Wer ? Fakt ist : Wenig Qualität für viel gutes Geld . Das ging schon zu lange . Tschüss Golf , Hallo Prius !
5. Winterkorn
axeljean 21.09.2015
die 14 Millionen Bonus zurüzahlen sowie das Gehalt für 2015 und dann RAUS!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Volkswagen-Historie: Vom KdF-Wagen zum Weltkonzern


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: