Hitserie "Mascha und der Bär" Die Erfolgstrickser aus Russland

Eine russische Zeichentrickserie erobert die Welt. "Mascha und der Bär" läuft bei Netflix, im TV in 100 Ländern und hat bei YouTube 16,5 Milliarden Klicks eingesammelt. Woher kommt dieser gigantische Erfolg?

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Die Videoplattform YouTube führt eine Liste der erfolgreichsten Videos ihrer Geschichte. Von den ersten zehn zeigen neun Musikstars wie Justin Bieber oder Taylor Swift, rhythmisch hopsend.

Um das andere Video geht es in diesem Text.

Es ist ein Zeichentrickfilm. Er zeigt sechs Minuten lang, wie ein Mädchen durch die Behausung eines gutmütigen Bären tobt. Das Mädchen trägt den Namen Mascha, die russische Koseform von Maria. Mascha ist ebenso liebenswert wie anstrengend. Der Bär heißt Mischa, hat lange in einem Zirkus gearbeitet und hätte gern seine Ruhe.

Mehr als 1,5 Milliarden Mal wurde die russische Version des Clips bislang auf YouTube angeklickt. Weltweit haben bislang nur 30 Videos die Marke von einer Milliarde Zuschauern übersprungen. "Mascha und der Bär" ist das einzige Nicht-Musik-Video.

Die Macher sitzen in einem Studio am Rande der russischen Hauptstadt Moskau. Auf dem Firmenschild steht Animaccord. Seit Kurzem taucht der Name auch in Nachrichten im Westen häufiger auf: Große amerikanische Unterhaltungskonzerne sind aufmerksam geworden auf die Kurzfilm-Macher aus Russland. Der Serien-Riese Netflix hat "Mascha und der Bär" in sein Angebot aufgenommen. Netflix hat 70 Millionen Abonnenten.

In Moskau beugen sich drei Dutzend Trickfilm-Animateure über Computerbildschirme (einen Einblick in das Studio vermittelt unsere Fotostrecke). Dort erwecken sie Mascha und den Bären zum Leben. Die Serie ist im Jahr 2009 zum ersten Mal erschienen, auf russisch und zunächst lediglich im Internet. Dann wurde ein großer russischer TV-Sender aufmerksam. "Mascha und der Bär" läuft seitdem im Vorabendprogramm für Kinder, beim russischen Pendant von "Das Sandmännchen".

Fotostrecke

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Zeichentrick "Mascha und der Bär": Aus Moskau in die Welt

An der Wand des Moskauer Studios hängt eine Weltkarte. Darauf eingezeichnet sind die Länder, in denen TV-Sender "Mascha und der Bär" ausstrahlen. Es sind einhundert, Tendenz steigend. In Deutschland läuft der Zeichentrickfilm bei Kika, in Italien fünfmal am Tag bei Rai Yoyo. In Indonesien ist die Serie so populär, dass indonesische Eltern begonnen haben, ihre neugeborenen Töchter Mascha zu nennen.

Animaccord-Geschäftsführer Dmitrij Loweiko, 51, hat früher in Russlands gebeutelter Luftfahrtindustrie gearbeitet und mal eine Großbäckerei geführt. Jetzt kümmert er sich bei "Mascha und der Bär" um das Geschäftliche. Er hält den Zeichnern Rücken und Köpfe frei.

Geschäftsführer Loweiko
AP

Geschäftsführer Loweiko

Wenn Loweiko das Geheimnis des Erfolgs sprechen soll, sagt er: "Wir hatten keins, vielleicht sind wir deshalb so gut." Am Anfang von "Mascha und der Bär" stand kein Masterplan, keine Strategie, wie ein kleines Studio aus Moskau einen Markt aufmischen könnte, den sonst Konzerne wie Disney oder 20th Century Fox unter sich aufgeteilt haben.

"Mascha und der Bär" ist eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte, kein Senkrechtstart, sondern ein Weg mit vielen Wirrungen. Von der ersten Idee bis zum internationalen Durchbruch sind zwei geschlagene Jahrzehnte vergangenen.

Der Zeichner Oleg Kusowkow hatte die ersten Skizzen schon 1996 im Kopf, seit er im Urlaub die Tochter von Freunden beobachtetet hatte. Das Mädchen wirbelte Tag für Tag über den Strand. Die meisten Erwachsenen spielten nur widerwillig mit ihr, verkrochen sich murrend, wenn sie das Kind nur von Weitem sahen, oder stellten sich schlafend. So macht das auch der Bär in der Serie.

Skizzen
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Skizzen

Dass Kusowkow zeichnen kann, stand außer Frage. Er hatte Ende der Achtzigerjahre in einem sowjetischen Zeichentrickstudio gearbeitet. Während des Kalten Kriegs blühte auch jenseits des Eisernen Vorhangs die Trickfilmbranche. Fernsehen und klassisches Kino wurden strikt von der Partei zensiert, Trickfilmzeichner aber waren freier in ihrer Arbeit. Die Branche wurde zu einer Nische für kritische Geister.

Viele sowjetische Zeichentrickfilme sind kleine Meisterwerke. Die Studios schufen ihre eigenen Versionen bekannter Klassiker. Deshalb gibt es einen russischen Winnie Puh. Die russische Serie "Na warte" erinnert an "Tom und Jerry". Im Jahr 1967 erschien eine russische Version von "Das Dschungelbuch". Sie orientierte sich stärker an der Romanvorlage von Rudyard Kipling als der Disney-Film.

So gut die russischen Zeichner auch waren, sie hatten nie gelernt, sich am Markt zu behaupten. Nach dem Ende der Sowjetunion gaben die russischen Sender kein Geld mehr für neue Projekte. Sie zeigten die alten Klassiker, die sie nichts kosteten. Viele Zeichner wechselten in die Werbebranche. Oleg Kusowkow wanderte aus nach Los Angeles. Erst 2008 fand er Geldgeber und ein Team für "Mascha und der Bär". Seitdem pendelt er zwischen Russland und den USA.

Das Geschäftsmodell von Animaccord ist für die Branche ungewöhnlich. Während andere Filmfirmen juristisch gegen Raubkopierer vorgehen, hat Animaccord Netzpiraten sogar unterstützt. Neue Folgen landen auf YouTube, noch bevor sie auf DVD erscheinen. Die Firma hat sie auch kostenlos illegalen Downloadplattformen zur Verfügung gestellt, um die Serie möglichst schnell bekannt zu machen.

"Mascha und der Bär"-Produkte
AP

"Mascha und der Bär"-Produkte

Das Kalkül geht auf. Im Internet kommen die Clips von "Mascha und der Bär" inzwischen auf eine Gesamtzahl von 16,5 Milliarden Klicks. Die Serie ist im Internet so erfolgreich, dass die von YouTube weitergereichten Werbeeinnahmen noch immer der größte Einzelposten der Einnahmen sind.

Nur 30 Prozent des Umsatzes erlöst das Studio mit dem Verkauf der Serie an TV-Sender. Der Rest kommt aus dem Merchandising. In den Regalen in Moskau stehen "Mascha und der Bär"-Puzzle, -Schulranzen, -Müsli und -Computerspiele. 2015 wurden weltweit Mascha-Produkte im Wert von 200 Millionen Dollar verkauft.

Animaccord versucht, beides zusammenzubringen: zeitgemäßes Marketing und die um ein Haar untergegangene russische Schule. Neben der Lizenzabteilung liegt das aufwendig ausgestattete Tonstudio. Dort feilt Wasili Bogatirjow an der Musik zur Serie. Früher war er ein anerkannter Komponist klassischer Musik. Inzwischen hat er einen eigenen Fanklub im Internet. Sein Lied aus der Neujahrsfolge von "Mascha und der Bär" ist in Russland ein Hit geworden.

Drei bis vier Monate arbeitet das Studio an einer sechsminütigen Folge. Pro Jahr schafft Animaccord nicht mehr als zehn. Finanzkräftige Investoren haben angeklopft, Leute mit Expansionsplänen für die Eroberung des Weltmarkts. Sie wollen in die Firma investieren, damit sie mehr Zeichner einstellt, mehr Folgen produziert, neue Serien herausbringt. Weltweit werden jedes Jahr 20.000-Trickfilm-Stunden produziert, leicht verdauliches Material für eine weiter wachsende Zahl Kindersender.

Geschäftsführer Dmitrij Loweiko aber hat alle Angebote ausgeschlagen.

"Mascha würde ihre Seele verlieren", sagt er.

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team_frusciante 06.09.2016
1.
"Es ist ein Zeichentrickfilm." Es ist kein Zeichentrickfilm. Es ist ein Animationsfilm. Trickfilme sind mehr oder weniger analog hergestellt und erschaffen die Illusion von Bewegung durch separat aufgenommene Einzelbilder, beispielsweise durch 25 Zeichnungen pro Sekunde. Oder durch Stop Motion.
Bruzzel 06.09.2016
2. Es ist wohltuend...
...das was aus Moskau kommt, was sowas von absolut unpolitisch ist, daß auch wirklich niemand einen genialen Racheplan Putins zum Untergang Disney unterstellen kann.
rus.-ukrain.-deutscher 06.09.2016
3. Geehrter Herr Bidder,
ist für mich ein Rätsel wieso Sie einen schlauen Schachzug wie z.B. kostenloses Werbeschalten bei Youtbe als tricksen bezeichnen? Das machen andere auch. Auf keinen Fall sollte es für Sie überraschend sein, das auch aus Russland ordentliche Animationsfilme/Kinofilme stammen. Nicht umsonst ist die russische Film Industrie die größte und erfolgreichste Europas.
nofreemen 06.09.2016
4. russische Komik
Von Marketing verstehen die Russen nada. Die zahlen immer drauf, das ist längst bekannt. Präsentieren, schön lächeln und sich auf die Schulter klopfen. Darin sind sie gut. Rechnen können sie auch. Aber Zahlen in "Gewinn" umlegen können sie wiedrum nicht. Irgendwo hackt es gewalting im russischen Gebälke. Aber was nicht ist kann noch werden, mit einem Schubser von Winnie the Phoo. Bidder hat sich hier aber im Thema verirrt. Oder ist ihm Losha auf die Füsse getreten.
SanchosPanza 06.09.2016
5. Wir lieben Mascha
Also meine Kinder lieben Masche und ich finde diese Filme sehr, sehr gut gemacht und mit subtilem Humor, der auch Erwachsenen (mir) gefällt. Es gab ja auch schon zu Sowjetzeiten sehr gute und anspruchsvolle auch Spielfilme. Hoffentlich steigt da keine amerikanische Heuschrecke ein, billige und flache US-Massenprodukte gibt es schon genug. Kleiner Tip für Ältere: "Mascha im Kino", der Bär als King Kong.
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