Massenentlassung Bundesagentur richtet eigene Außenstelle für Quelle ein

Das Aus von Quelle löst bei der Bundesagentur für Arbeit Alarmstimmung aus. Eine Task Force mit bis zu 100 Mitarbeitern soll jetzt eine Außenstelle auf dem Betriebsgelände des Versandhändlers einrichten - es geht darum, dem Ansturm von rund 4000 Menschen standzuhalten.

REUTERS

Nürnberg - Mit einer beispiellosen Kraftanstrengung will die Bundesagentur für Arbeit den Ansturm von Arbeitslosen bei Quelle bewältigen. Nach dem Aus für das insolvente Versandhaus rechne die Behörde damit, dass sich auf einen Schlag etwa 4000 Quelle- Beschäftigte zum 1. November arbeitslos melden müssten, sagte der Chef der bayerischen Regionaldirektion, Rainer Bomba, am Mittwoch in Nürnberg. Die genaue Zahl sei weiterhin nicht klar. Der Fall sei noch deutlich größer als in den vergangenen Jahrzehnten die Abwicklung von Grundig oder AEG.

Jetzt sollen bis zu 100 Arbeitsvermittler aus ganz Bayern nach Nürnberg geholt werden, die am kommenden Montag in einer eigens eingerichteten Außenstelle die Quelle-Beschäftigten "in ihrer angestammten Umgebung" betreuen sollen. "Sie sollen nicht in langen Schlangen beim Arbeitsamt stehen müssen", sagte Bomba.

"Die Rechnungen der Arbeitslosen kommen pünktlich, dann müssen auch die Lohnersatzleistungen pünktlich gezahlt werden", sagte der Behördenchef. Er versuchte zugleich, den Betroffenen Mut zu machen, und äußerte die Hoffnung, dass ein Teil relativ schnell in neue Jobs vermittelt werden könne. In der Region gebe es 10.000 offene Stellen. "Viele werden aber erst einmal in die Arbeitslosigkeit gehen", schränkte er ein. "Bei manchen wird der Weg sehr lang werden."

Druck von der Politik

Neben dem Versandhändler Quelle sind auch in vielen anderen bayerischen Unternehmen Tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Gemessen am Volumen der Kurzarbeit gebe es derzeit in Bayern rechnerisch 84.000 Arbeitsplätze zu viel, sagte der Vizepräsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt, am Mittwoch in München. "Die Unternehmen versuchen derzeit alles, um möglichst viele Beschäftigte zu halten." Doch das sei ein Kraftakt und könne nicht auf Dauer so durchgehalten werden. "Kurzarbeit ist teuer." Auf dem Arbeitsmarkt in Bayern stehe der Tiefpunkt daher erst noch bevor.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet, dass nach dem endgültigen Aus des Versandhändlers Hilfen für die bisherigen Mitarbeiter geprüft werden. Vize-Regierungssprecher Thomas Steg sagte am Mittwoch in Berlin, die Kanzlerin mache dafür aber "keine Vorgaben". Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums betonte, es sei nun die "allererste Priorität" der Bundesregierung, sich um die Mitarbeiter zu kümmern, für die die Insolvenz die "bittersten Konsequenzen" habe. Ressortchef Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) werde sich "zu gegebener Zeit" selbst zu dem Thema äußern.

Auch Guttenberg selbst ließ erklären, dass sich nach dem Quelle-Aus die Arbeitsagentur um die Mitarbeiter kümmern müsse. "Es ist bedauerlich, dass sich das Ergebnis nicht mehr abwenden ließ", sagte Ministeriumssprecher Steffen Moritz. Rückwirkend müsse man aber sagen, dass die Regierung dem Unternehmen im Rahmen des Möglichen geholfen habe.

Krisenambulanz in der Klinik

Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) kündigte an, dass das städtische Klinikum bei Quelle eine psychologische Krisenambulanz einrichten werde. "Ehepaare arbeiten gemeinsam bei Quelle, oft auch die erwachsenen Kinder", schilderte Maly die Lage. "Viele Familien sind existenziell bedroht." Auch mit örtlichen Wohnungsbauunternehmen sei man im Gespräch, um Härten abzufedern. Der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) sprach von "beispiellosem Entsetzen" in der Region. Für die Menschen sei das Quelle-Aus eine Tragödie.

Unterdessen sieht sich Bayern im Hinblick auf die Zukunftschancen von Quelle von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg getäuscht. Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) sagte in Nürnberg, der Politik sei ein Fortführungskonzept vorgestellt worden, das bis März 2010 hätte tragen sollen. "Dass dieses Konzept nicht einmal einen Monat getragen hat, das wirft Fragen auf." Die Verhandlungen mit Investoren seien nicht transparent gewesen. Haderthauer verlangte lückenlose Aufklärung. Quelle hatte dank des Konzepts von Bund, Bayern und Sachsen einen Massekredit von 50 Millionen Euro erhalten.

mik/dpa/Reuters/ddp

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Seite 1
japan10 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
Harald E, 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
bedenkenträger2 03.07.2009
3. ...
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
Querspass 03.07.2009
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
Caiman, 03.07.2009
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
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