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Massenprotest in New York: Wutdemo lässt die Wall Street kalt

Von , New York

Der Zorn auf Amerikas Banken wächst: Tausende Protestler legten die Wall Street lahm. Den Geldmanagern dürfte das egal sein, sie haben wichtigere Probleme. In Washington forciert der Senat die Finanzmarktreform - und die Justiz ermittelt nun gegen Goldman Sachs.

Massendemo: Die Main Street begehrt auf Fotos
AFP

Die "Main Street" überrennt die Wall Street - so jedenfalls lautete der Plan, als am Donnerstag Tausende Demonstranten in die engen Beton-Canyons von Lower Manhattan strömen und das gesamte Viertel stundenlang lahmlegen. Sie winken mit Schildern ("Erobert Amerika zurück!"), sie recken die Fäuste, sie putschen sich mit Sprechchören auf: "Scham und Schande! Zerschlagt die großen Banken!"

Es ist der größte Massenprotest gegen die Wall Street seit dem "Bailout" vor zwei Jahren, als die US-Regierung die Finanzbranche mit 700 Milliarden Dollar vor dem Kollaps rettete. Die Polizei schätzt die Zahl der Demonstranten im Finanzdistrikt auf 7500. Die Veranstalter, allen voran der US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO, sprechen von 15.000.

Langsam bewegt sich die Menschenmenge über den Broadway, auf dem sich Busse, Taxis und Bagel-Karren kilometerweit stauen. Die Protestler drängeln sich auf Plätzen und in Parks. Der Wind wirbelt Flugblätter an den Fassaden hoch: "Wir brauchen die Wall-Street-Reform!"

Wir sind die Zukunft

Sie tragen Transparente und Puppen - etwa Schweine, als Banker verkleidet. Eins trägt einen Zylinder mit der Aufschrift "CEO". "Ich rate der Wall Street, uns ganz genau zuzuhören", ruft Adolfo Abreu, ein 17-jähriger Schüler, der eine politische Aktivistengruppe aus der Bronx vertritt. "Wir sind die Zukunft!"

Es sind Gewerkschafter, Lehrer, Bauarbeiter, Angestellte, verschuldete Hausbesitzer, Bankkunden, Arbeitslose, Geistliche, Gemeindeführer. Ein paar hundert haben es sogar geschafft, kurz die gläsernen Eingangshallen von JP Morgan Chase Chart zeigen und Wells Fargo Chart zeigen in Midtown zu stürmen, mit geballten Fäusten, bevor die Polizei sie friedlich abführte.

Am frühen Abend erreichen die Demonstranten den "Charging Bull", das Wahrzeichen der Wall Street. Sie umringen die berühmte Bronzestatue am Bowling Green, beschimpfen sie, erklimmen sie, halten feurige Protestreden, nehmen triumphale Siegerposen ein wie Großwildjäger. "People power!", skandieren sie beglückt.

Flucht durch den Seitenausgang

Leider hat das alles einen Schönheitsfehler: Es sind hauptsächlich Touristen, die das Spektakel beobachten. "Flower power?", fragt der Vater einer dänischen Familie.

Die Banker und Broker, denen die Wut gilt, sind dagegen längst verschwunden. Es ist nach 16 Uhr, die Börse hat Feierabend. Wer drüben im neuen Goldman-Sachs-Hauptquartier noch länger arbeitet, etwa die Firmenanwälte, die den Konzern gegen die Milliardenklage der US-Börsenaufsicht SEC verteidigen müssen, der entkommt dem Mob unerkannt durch einen Seitenausgang.

Es ist auch nicht die wütende Meute, die den Geldmanagern Sorgen bereitet. So deutlich der Protest auch ist, in den USA haben solche Demonstrationen heutzutage in der Regel keinerlei Wirkung mehr. Was die Wall Street wirklich bewegt, spielt sich an anderer Stelle ab.

In Washington zum Beispiel, wo sich der Senat am Donnerstag endlich darauf geeinigt hat, die Plenardebatte über die Neuregulierung der US-Finanzmärkte offiziell zu eröffnen. Drei Tage lang haben die Republikaner das mit allen möglichen Verfahrenstricks blockiert, dann knickten sie ein.

Das Reformpaket, das die Demokraten geschnürt haben, ist von der Bankenlobby zwar schon ziemlich verwässert worden, aber immer noch scharf genug, um die Wall Street zu vergrätzen. Eine Forderung zumindest konnten die Republikaner durchsetzen: Eine staatliche Stützung wankender Banken, wie sie es vor zwei Jahren gab, soll es künftig nicht geben.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Neue Probleme drohen der Finanzbranche außerdem in der eigenen Nachbarschaft. Die US-Staatsanwaltschaft für den Bezirk New York Süd, die nur ein paar Straßen von der Wall Street entfernt sitzt, nimmt nun ebenfalls die Großbank Goldman Sachs unter die Lupe.

Die "New York Times", die "Washington Post" und das "Wall Street Journal" berichten übereinstimmend, die US-Börsenaufsicht SEC, die Betrugsklage gegen Goldman Sachs Chart zeigen erhoben hat, habe den Fall an die Justiz weitergereicht. Die habe nun ein separates "strafrechtliches Verfahren" eingeleitet. Eine Entscheidung über Klageerhebung sei aber noch nicht gefallen.

Am Abend haben sich die Demonstranten in Lower Manhattan wieder verlaufen. Das Finanzviertel liegt im Dunkeln, abgesehen von jenen Ex-Zentralen umgezogener Banken, die heute Luxus-Wohnhäuser sind. Vor der New York Stock Exchange patrouillieren Polizisten.

Der Dow-Jones-Index stieg am Donnerstag um 1,1 Prozent auf 11.167 Punkte. Es war der größte Tagessprung in mehr als einem Monat. Die Eroberung der Wall Street wurde verschoben.

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Forum - Goldman-Anhörung - ist die Wall Street schuld an allem Übel?
insgesamt 278 Beiträge
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1. Die lachen sich kaputt...
ignaz.wrobel 28.04.2010
Goldman-Sachs lacht sich doch insgeheim kaputt über die Politiker. Sie haben nämlich eine Versicherung abgeschlossen, und zwar bei der AIG, die mit Steuergeldern gerettet werden musste. Somit zahlt der Steuerzahler die Anklage UND Verteidigung von Goldman-Sachs. Nachzulesen hier: http://www.businessweek.com/news/2010-04-24/aig-may-be-on-the-hook-in-lawsuits-against-goldman-sachs-board.html
2. Immer die Schuldigensuche
ichbinwerichbin, 28.04.2010
Die Suche nach Schuldigen ist doch absurd. Und daran krankt auch das ganze. Als es gut lief für alle, war es völlig egal wer was für Geschäfte machte. Als es den Bach runterging suchte man die Schuldigen. Das gleiche was vorher gut war, war nun böse. Solange die Bankmanager nicht persönlich für Fehler haften, solange wird sich nicht s ändern. Wenn die 6 Manager (wie link Anbieter bei Raubkopien) für jede falsche Beratung 1 Jahr Haft bekämen (sie haben auch Produkte angeboten um Anleger abzuzocken und sich zu bereichern) wäre das Problem ein für alle Mal aus der Welt. Diejenigen die trotzdem weiter versuchen abzuzocken, wären irgendwann im Knast, die die abgezockt haben sowieso. Und wenn man dann noch das gesamte Vermögen konfisziert (wie bei Rauschgiftdelikten) und einem Fond zuführt, aus welchem die Familien eine Wohnung und das notwendige zum Leben finanziert bekommen, würde zwar bei vielen kein Umdenken stattfinden, aber aus den so vorhandenen Geldern könnte viel Sinnvolles entstehen. Aber wie schon geschrieben. Solange die handelnden Personen keine persönlich schmerzhaften Konsequenzen zu fürchten haben, wird nicht passieren.
3. Goldman-Anhörung - Ist die Wall-Street schuld ... ?
auf.ein.wort 28.04.2010
Natürlich nicht, denn sie agiert ja nicht im luftleeren Raum! Die Wall-Street-Akteure haben Verbündete, Helfer, Sympathisanten, Netzwerke und vor allem vorzügliche Kontakte zu den maßgeblichen Ebenen der Politik und Administration. Das ist das wahre Übel; hier liegt der Hund begraben! Diese Strukturen sind ebenso klandestin und effektiv wie die Angiogenese(Gefäßversorgung) eines Tumors oder einer Krebsmetastase. Diese Geflechte offenzulegen und unschädlich zu machen, das wäre die nötige Stoßrichtung aller guten Kräfte unserer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaften. Doch das wird schwer halten, denn m.E. sind bereits zu viele Instanzen der Exekutive "unterwandert", gar korrumpiert oder schlicht damit beschäftigt den Staatsladen bis zur nächsten Wahl irgendwie über die Runden zu bringen.
4.
zynik 28.04.2010
Zitat von sysopIn ihrem Verhör mit den Verantwortlichen von Goldman Sachs haben Demokraten und Republikaner keinen Hehl aus ihrer Wut über die Wall Street gemacht. Ist der Ärger berechtigt, oder besteht die Gefahr, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird?
Das Kind mit dem Bade ausschütten?? Das Ganze wirkt eher wie ein anderes Bild: Da stehen wenig schuldbewusste pubertierende Jungs vor dem brennenden Haus, welches sie gerade angezündet haben. Die Eltern ermahnen sie kurz und drücken ihnen einen vollen Benzinkanister in die Hand, um den Brand zu löschen. Mal gucken, was in den nächsten Monaten und Jahren noch so alles abgefackelt wird.
5.
querdenker13 28.04.2010
Zitat von sysopIn ihrem Verhör mit den Verantwortlichen von Goldman Sachs haben Demokraten und Republikaner keinen Hehl aus ihrer Wut über die Wall Street gemacht. Ist der Ärger berechtigt, oder besteht die Gefahr, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird?
So wie diese Finanzjongleure mit den Politikern und gemeinen Steuerzahler umgehen muss man diesen Personenkreis auf eine Stufe mit der von einer Person aus Saudi Arabien stellen. Und diese Person ist die meist gesuchte Person der Welt. Sie hat auch die gefährlichste Organisation der Welt gegründet. Sie, die Kriminellen aus diesen Finanzinstituten, sind genauso eine Gefahr für Leib und Leben wie die Organisation des Herrn aus Saudi Arabien.
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Die Akteure in der Goldman-Affäre
Goldman Sachs
REUTERS
Die US-Investmentbank soll Investoren um eine Milliarde Dollar geprellt haben. Die Börsenaufsicht SEC hat eine Zivilklage gegen die Bank eingereicht. Im Zentrum der Klage: Sogenannte "collateralized debt obligations" (CDO). Die fragliche CDO trug den Namen "Abacus 2007-AC1". Dieses "synthetische" Spekulationsvehikel war nichts anderes als ein Portfolio aus weiteren Kunstprodukten: "Credit default swaps" (CDS) - virtuelle Versicherungsverträge, mit denen sich Großbanken gegen Verluste auf dem Immobilienmarkt absicherten.

Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll von Anfang an auf ein Scheitern von "Abacus" spekuliert haben - und zwar mit dem Wissen der Goldman-Sachs-Verantwortlichen. Die Bank streitet die Vorwürfe als "völlig haltlos" ab und will sich und die eigene Reputation "energisch verteidigen".

Fabrice Tourre
Der aus Frankreich stammende Manager galt als Jungstar bei Goldman Sachs - Spitzname "fabelhafter Fab". Seine Aufgabe war es unter anderem, das "Abacus"-Paket an die Investoren zu verkaufen. Nach Bekanntwerden der Klage tauchte er ab und ließ über seinen Rechtsanwalt jeden Kommentar verweigern.
John Paulson
REUTERS
Der Vorwurf der Börsenaufsicht SEC: Der legendäre Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll die Zusammensetzung von "Abacus" zu seinen Gunsten gesteuert haben. Paulson soll demnach von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert haben - und manipulierte das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend, indem er nur "schwache" CDS darin gebündelt habe. Er habe, so zitiert die SEC einen Mitarbeiter, auf ein "Wipeout-Szenario" gehofft.
Börsenaufsicht SEC
Die US-Börsenaufsicht wirft Goldman Sachs vor, Investoren hintergangen zu haben, indem die Bank ihnen die Risiken des komplexen Investmentprodukts vorenthalten habe. 22 Seiten mit vernichtenden Fakten, Indizien, E-Mails und internen Memos hat die SEC in ihrer Betrugsklage gegen die Bank und einen Vizepräsidenten zusammengestellt.
Finanzmakler ACA
Die renommierte Finanzfirma verlieh dem CDO ihr Gütesiegel. Was weder ACA noch die Investoren nach Ermittlungen der SEC wussten: Paulson habe von Anfang an auf ein Scheitern des Pakets spekuliert - und das Portfolio mit Billigung Goldmans entsprechend manipuliert, indem er nur "schwache" Kreditausfallversicherungen darin gebündelt habe. Ein früherer enger Mitarbeiter soll laut TV-Berichten aber zu Protokoll gegeben haben, dass ACA über die Leerverkaufstrategie Paulsons sehr wohl informiert worden sei.
IKB
dpa
Einer der Geschädigten war die deutsche IKB. Die Mittelstandsbank investierte rund 150 Millionen Dollar in "Abacus 2007-AC1". Der Deal endete in einem Desaster. Nur Monate später waren die Anlagen wertlos. Die IKB verlor laut Börsenaufsicht SEC fast ihr gesamtes Investment.

CDO
Was sind CDOs?
Als Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, bezeichnet man eine bestimmte Klasse Finanzprodukte. In CDOs werden zahlreiche Wertpapiere zu neuen Paketen zusammengeschnürt - Papiere mit hohem Ausfallrisiko werden dabei mit sichereren Anlagen kombiniert.
Wie setzen sie sich zusammen?
CDOs werden in drei Tranchen aufgeteilt: Senior, Mezzanine und Equity. Anleger können die unterschiedlichen Tranchen kaufen und erhalten, je nach Ausfallrisiko, unterschiedliche Zinsen. Das Ausfallrisiko steigt, da die Tranchen im Falle von Abschreibungen nacheinander bedient werden: Besitzer von Senior-Tranchen erhalten vor denen von Mezzanine-Tranchen ihr Geld zurück - und diese vor Besitzern der Equity-Tranche.
Kritik
CDOs sind in der Finanzkrise massiv in die Kritik geraten, denn sie lassen risikobehaftete Kreditforderungen wie sichere Investments aussehen. Zahlreiche Anleger fielen darauf herein.

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