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Material von Firmen: Forscher kritisieren Marketing im Klassenzimmer

Wenn der Staat es nicht schafft, hilft die Wirtschaft aus - auch bei der Bildung. Unternehmen und Lobby-Gruppen verteilen schon länger kostenloses Unterrichtsmaterial mit PR-Charakter. Jetzt rechnet eine Studie mit den Marketingtricks ab.

Schüler im Unterricht: "Schulfach Wirtschaft wird zum Fach der Wirtschaftsverbände" Zur Großansicht
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Schüler im Unterricht: "Schulfach Wirtschaft wird zum Fach der Wirtschaftsverbände"

Bielefeld - Wie gut, dass es freundliche Konzerne gibt: Wenn eine Schule in Deutschland nicht genug Geld für Unterrichtshefte und Bücher hat, springen die Firmen ein und verteilen kostenlos Broschüren. Damit bringen sie den Kindern die Wirtschaft und auch ihr Unternehmen ein wenig näher - natürlich aus ihrer Sichtweise. Eine Studie der Universität Bielefeld hat jetzt die kostenlosen Angebote untersucht und kommt zu einem deutlichen Ergebnis: Oftmals handelt es sich nicht um Lern-, sondern um Werbematerial.

Wie die "Financial Times Deutschland" berichtet, werden die Broschüren unter anderem von der Stiftung Lesen herausgegeben, die größtenteils von Firmen finanziert wird. In Materialien für Grundschüler erklärt zum Beispiel die Post, dass ihre Mitarbeiter freundlich, humorvoll und immer ansprechbar seien. Die Deutsche Bahn wirbt in ihrer Broschüre damit, wie umweltfreundlich ihre Züge sind, und weist nebenbei noch auf ihre Angebote für Klassenfahrten und Jugendreisen hin.

Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, wies die Vorwürfe zurück: "Wir sind keine Auftragsagentur der Wirtschaft", sagte er der Zeitung. Die Stiftung will nun dennoch alle Unterrichtsmaterialien auf ihren pädagogischen Wert überprüfen.

Nicht nur für Grundschüler, sondern auch für höhere Klassen werden Unterrichtsmaterialien entwickelt - vor allem für das Fach Wirtschaft. Unter den Anbietern sind bekannte Lobby-Gruppen: So erklärt die von der Metall- und Elektroindustrie finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) in ihrem Material, dass Deutschlands Grundgesetz nicht ihren Vorstellungen entspricht: Das Prinzip "Eigentum verpflichtet" sei "ohne Zweifel gut gemeint", schreibt die Initiative, "doch von einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung zeugt es nun wirklich nicht." Für die INSM ist ganz klar, wie es laufen muss: "Man kippt oben Eigeninteresse hinein - und schwups, kommt unten Gemeinwohl heraus."

Keine Kritik an der Finanzindustrie

Die Broschüren aus der Finanzbranche schlagen meist in die gleiche Kerbe, die Deutsche Bank preist sogar ihr Beratungskonzept "Private and Business Clients" an. Es biete "Kunden finanzielle Lösungen zu ihrer aktuellen Lebenssituation". Die Unterrichtsmaterialien, so die Studie, ließen jegliche Kritik an der Finanz- und Beratungsindustrie vermissen, "obwohl es dafür aus wissenschaftlicher Sicht allen Anlass gibt".

In seiner Zusammenfassung zieht Autor Reinhold Hedtke ein deutliches Fazit: Die Lobbyisten bildeten zusammen mit Wirtschaftsdidaktikern ein bestens finanziertes politisch-pädagogisches Netzwerk. "Seine Akteure finden parteipolitische Unterstützung vor allem bei CDU und FDP." Fasse man die Ergebnisse der Analyse zusammen, "steht zu befürchten, das ein Schulfach Wirtschaft zum Fach der Wirtschaft und Wirtschaftsverbände wird." Er fordert, dass nicht nur private Unternehmen den Wirtschaftsunterricht beeinflussen sollten. Auch Gewerkschaften sowie Umwelt- und Verbraucherverbände hätten dort ihre Daseinsberechtigung.

sdm

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1. Der Hebel ...
vmontantus 13.05.2011
... ist dort ganz beträchtlich, wo notorisch Geld fehlt. Und das ist im kalifornischen Schulwesen so und nicht nur dort. So sponsort Microsoft (bzw. die "Stiftung" von Gates) gerne Software für Schulen, macht dies aber natürlich (!) vom "Good will" abhängig. Da gibt es keinen Rechtsweg, wenn diesen Herren nicht 'die Schuhe geputzt' werden, wenn man also als Schulleiter etwa unter Bildung/Computern mehr versteht, als das bloße Konsumentendasein und nutzen der "MICROSOFT"-Taste auf der Tastatur, beispielsweise indem man auch das kinderleicht zu bedienende Linux (ich kenne Kinder und 70jährige, die damit besser zurecht kommen als mit Micro$oft) parallel einführt. Glauben Sie, der Schulleiter behält seinen Job, wenn er meint, diese Freiheit behalten zu müssen und Microsoft/Stiftung ihn dann deswegen hängen lassen? Und Microsoft weiß, dass sich dieses "Schenken" lohnt, siehe die dümmliche Reaktion des deutschen AA, die derzeit durch die Presse geht ("Umstieg auf Micro$oft"): Wat der Bauer nit kennt, det glevt er net. Aber, war uns nicht längst bekannt, dass gerade das AA große Probleme mit dem einschwenken auf modernere Zeiten hat? http://www.sueddeutsche.de/politik/westerwelle-das-auswaertige-amt-und-der-holocaust-das-unfassbare-war-realitaet-1.1017348
2. Die größten Kritiker der Elche ...
homo_oec 13.05.2011
waren früher selber welche. Der Autor dieser Studie Prof. Dr. Hedtke ist eng mit den Gewerkschaften "vernetzt". Das macht ihn nicht suspekt. Aber es relativiert seine Kritik. Und es verdeutlicht, dass er selbst kaum objektiv sein kann. Obwohl mancher Kritikpunkt berechtigt ist. Aber gleich Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, ist doch wohl ein wenig übertrieben. Außerdem hat seine Mitstreiterin und frühere Bielefelder Kollegin Prof. Dr. Weber, Mitgründerin der iböb, unlängst selbst für die viel gescholtene "Finanzindustrie" Materialien zum Umgang mit Geld geschrieben - für die Gundschule!!! Siehe: Birgit Weber: Kinder, Knete & Co. Sparkassen Schulservice 2007 http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/05__Service/Material/04__Lehr__und__Lernmaterialien/Jahresthema_20Geld/Kinder_2C_20Knete_20_26_20Co_20-_20Lehrerpaket,sourcePageId=15090.html Was soll man davon halten? Warum verschweigt man das?
3. Aktion automatische Überschrift
SirTurbo, 13.05.2011
Zitat von homo_oecwaren früher selber welche. Der Autor dieser Studie Prof. Dr. Hedtke ist eng mit den Gewerkschaften "vernetzt". Das macht ihn nicht suspekt. Aber es relativiert seine Kritik. Und es verdeutlicht, dass er selbst kaum objektiv sein kann. Obwohl mancher Kritikpunkt berechtigt ist. Aber gleich Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, ist doch wohl ein wenig übertrieben. Außerdem hat seine Mitstreiterin und frühere Bielefelder Kollegin Prof. Dr. Weber, Mitgründerin der iböb, unlängst selbst für die viel gescholtene "Finanzindustrie" Materialien zum Umgang mit Geld geschrieben - für die Gundschule!!! Siehe: Birgit Weber: Kinder, Knete & Co. Sparkassen Schulservice 2007 http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/05__Service/Material/04__Lehr__und__Lernmaterialien/Jahresthema_20Geld/Kinder_2C_20Knete_20_26_20Co_20-_20Lehrerpaket,sourcePageId=15090.html Was soll man davon halten? Warum verschweigt man das?
So what? Soll die INSM sich doch in irgendwelchen Privatinternaten austoben... Aber in Schulen, in denen die meisten ein Leben zwischen Konsument sein und Arbeiter sein vor sich haben sollten Verbraucherzentralen und Gewerkschaften ihnen beibringen was wichtig ist. Und nicht die Büttel des Kapitals ihre Lügen verbreiten dürfen...
4. das ist typisch deutsche politik
spon-1303474127979 14.05.2011
kommt kritik. dann heißt es entweder wir sind nicht zuständig oder wir werden es prüfen. und dann verschwindet der vorgang still und heimlich in der ablage oder im papierkorb. ich kann es nicht mehr hören, wenn die erbärmlichen politiker klagen wir haben kein geld für bildung und soziales. dabei fliessen noch heute milliarden zur rettung der banken in irgentwelche schwarzen kassen.
5. Verfassungsschutz wo bist du?
Gelber Bastard 14.05.2011
Hab ich das richtig verstanden. Eines unserer Verfassungsprinzipien passt also der INSM nicht. Sollte man die INSM jetzt nicht auch vom Verfassungsschutz beobachten lassen? Und sage keiner, das sei doch nur eine Kleinigkeit. die Linkspartei gilt wegen ihrer Rationalität als extremistisch: http://www.lafontaines-linke.de/2010/03/nrw-verfassungsschutz-bericht-linke-extremismus-wolf-fdp/ Im Original: http://www.im.nrw.de/imshop/shopdocs/Verfassungsschutzbericht_2009.pdf (auf Seite 111 gibts was zum lachen)
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