Karriereende von VW-Chef Matthias Müller Unglaublich viel geschafft

Nach seinem Rauswurf steht VW-Chef Matthias Müller plötzlich als gescheiterter Manager da. Dabei kann sich die Bilanz seiner Amtszeit durchaus sehen lassen.

Noch-VW-Chef Matthias Müller
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Noch-VW-Chef Matthias Müller

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Mit dem öffentlichen Leumund ist es so eine Sache. Zwangsläufig prägen sich im allgemeinen Bewusstsein nur einzelne Details im Wirken einer prominenten Persönlichkeit ein, die - wenn es blöd läuft - den Blick von dem ablenken, was wesentlich ist. Bestes Beispiel dafür ist Matthias Müller, der zurzeit als teuerster VW-Ruheständler in spe gilt. Sein Vertrag läuft zwar noch bis 2020 - doch im Aufsichtsrat hatte man genug: von seinen selbstgerechten Statements in Interviews, von seinen genervten Reaktionen auf aus seiner Sicht ungerechtfertigte Kritik; und dem Vernehmen nach gab es auch Differenzen über einige Fragen, die die strategische Ausrichtung des VW-Konzern betreffen.

Dass Müller nicht brutal hingerichtet wurde, wie es einst im VW-Konzern unter dem Einfluss von Patriarch Ferdinand Piëch gang und gäbe war, ist wohl nur Wolfgang Porsche zu verdanken, für den Loyalität gegenüber seinen Mitarbeitern einen hohen Stellenwert hat. Der Clanchef hat im Hintergrund dafür gesorgt, dass Müller in den Prozess seiner Ablösung eingebunden wurde und so wenigstens Gelegenheit hatte, sein Gesicht zu wahren.

Drei riesenhafte Aufgaben

Porsche hatte Müller im Herbst 2015 in die Pflicht genommen, als der Dieselskandal auf seinen Höhepunkt zusteuerte. Ein Himmelfahrtskommando, bei dem es eigentlich nur darum ging, den Schaden zu begrenzen, der im Ernstfall auch zum Untergang des VW-Konzerns hätte führen können: Müller hatte die Aufgabe, den Dieselskandal aufzuklären (wobei man sich klarmachen muss, dass er dabei auch in der Pflicht stand, die Interessen des Unternehmens zu wahren, die zwangsläufig nicht immer im Einklang mit den Interessen der betroffenen Verbraucher stehen), neue Autos auf den Weg zu bringen, die schließlich so viel Geld einbringen, um - drittens - neben den Strafen noch die Entwicklung für den Sprung in ein völlig neues mobiles Zeitalter bezahlen zu können. Und er sollte die Kultur des Miteinanders im Konzern vollständig umkrempeln.

Unter den beschriebenen Umständen hat Müller in den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit eine Leistung abgeliefert, die kaum hoch genug einzuschätzen ist. Die Kosten der Dieselaffäre konnte er auf 25 bis 30 Milliarden Euro (genau lässt sich das erst in einigen Jahren beziffern) begrenzen. Das ist weit weniger als die 40 bis 60 Milliarden, mit denen Analysten ursprünglich gerechnet hatten.

Die Kunden hat das offensichtlich weit weniger verschreckt, als zu erwarten war. Gemessen an den Verkaufszahlen blieben die Wolfsburger auch 2017 die Nummer eins, vor Toyota. Der Gewinn markierte mit 13,8 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch in der Unternehmensgeschichte.

Stichwort Elektrozeitalter: Hier hatte Winterkorn noch erste - halbherzige - Gehversuche gestoppt und eine ganze Abteilung eingestampft. Müller startete VWs Aufholjagd also praktisch bei Null. Ende kommenden Jahres wollen die Wolfsburger mit der Serienproduktion von batteriegetriebenen Autos beginnen. Allein die Marke VW will bis 2025 jährlich etwa eine Million E-Autos verkaufen, im gesamten Konzern sollen es bis zu drei Millionen sein.

Und die Unternehmenskultur? Hier ist Müller nach eigenem Bekunden noch am weitesten von den selbstgesteckten Zielen entfernt. Stimmt womöglich auch, doch das schmälert nicht seine Bilanz. Denn die Aufgabe war (und ist) wirklich groß - fast so, als wollte man das System von Kim Jong-Uns Nordkorea in eine Gesellschaft verwandeln, in der lebendiger aufgeklärter Diskurs blüht.

Denn unter der Ägide von Piëch und seines Adlatus Martin Winterkorn hatte sich das automobile Riesenreich zu einer totalitären Diktatur entwickelt, in der schon um seine Karriere fürchten musste, wer nur in Verdacht geriet, der vorgegebenen Linie skeptisch gegenüberzustehen. Fehler wurden nicht toleriert, wer die Vorgaben nicht erfüllte, war seinen Job los. In so einem Klima sind Tricks und verdeckte Foulspiele programmiert. Nicht wenige sind überzeugt, dass Piëch/Winterkorn damit den Boden für den Abgasbetrug bereitet haben.

Das Klima der Angst

Seit Müllers Amtsantritt hat sich die Stimmung im Konzern bereits deutlich verändert. Probleme werden, so erzählen es Mitarbeiter, wesentlich offener angesprochen. Doch bis daraus ein offener, konstruktiver Diskurs wird, dauert es Generationen.

Diese Revolution wird nun Müllers wahrscheinlicher Nachfolger Herbert Diess weiter vorantreiben müssen. Er erscheint weniger schroff und gilt als jemand, der es versteht, Menschen für seine Sache zu begeistern. Im Prinzip gute Voraussetzungen, zumal dem ehemaligen BMW-Manager außerdem ein eiserner Wille nachgesagt wird, wenn es darum geht, ein Vorhaben umzusetzen. Diess, so erwarten es Beobachter und VWler, wird das Rad bei Volkswagen nicht zurückdrehen. Wie weit er es weiterdrehen kann, bleibt abzuwarten.

Matthias Müller jedoch geht nicht als Gescheiterter - auch wenn er erst mal als jemand in Erinnerung bleiben wird, der sein 10-Millionen-Gehalt als vollkommen angemessen und Volkswagen als ehrlich bezeichnet hat.



insgesamt 71 Beiträge
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RalfHenrichs 11.04.2018
1. Die Höhe der Kosten der Diesel-Affäre
sind tatsächlich erst in einigen Jahren zu ermitteln. Noch laufen Klagen vor deutschen Gerichten, dass VW die Dieselfahrzeuge entweder zurückkaufen oder die entsprechende Hardware einbauen muss. Im Gegensatz zu der Politik sind die Gerichte nicht korrumpiert, so dass sehr wahrscheinlich ist, dass die Hardware-Lösung kommen wird. Und ob VW wirklich so viel E-Mobile verkaufen wird, wie angekündigt (die Ankündigungen haben sich bislang immer als viel zu hoch erwiesen), muss sich auch erst noch zeigen. Das einzige von den Zielen, was wirklich beurteilt werden kann, ist die Unternehmenskultur. Und da hat Müller selbst nach Ansicht von SPON versagt. Insofern: ein zu hoch bezahlter Manager mit einer völlig ungerechtfertigten Pension, der zu Recht rausgeschmissen worden ist meines Erachtens.
mullertomas989 11.04.2018
2. Die Zahlen fallen nicht ins Gewicht
Die größte Bombe war seine "Reaktion" auf den Dieselbetrug! Als Fachmann allen Ernstes öffentlich anzuzweifeln, dass Hardware-Lösungen einen Effekt hätten, ist eine Unverschämtheit ohne Gleichen! In jedem Laden bekomme ich mein Geld zurück, wenn das Produkt fehlerhaft ist - oder eine gleichwertige Alternative. Nur die Autobauer haben hier allen Dieselfahrern den Vogel gezeigt! DAS ist es, was ewig von Herrn Müller im Gedächtnis bleiben wird! Hier ein Aufruf an alle Betrogenen: Kauft Euch als nächstes ein Auto, dessen Hersteller nicht betrogen hat und/oder nutzt andere Verkehrsmittel! Und wählt die "Schmiere-Steher" (DER SPIEGEL) bei der nächsten Wahl ab! BEIDE lernen es NUR SO!!!
sandu2 11.04.2018
3. Wenn man nicht nur die Profite sieht, ist die Bilanz mies
Der Beitrag sagt mehr über den Spiegel und den Autor Michael Kröger aus als über den VW Chef Müller. Der Artikel zeigt, dass der Autor wohl der Meinung ist, dass es die allerwichtigste Aufgabe eines Managers ist, für sein Unternehmen kurzfristig so viel Geld wie möglich zu scheffeln. Verantwortung für die Gesundheit der Menschen, für das Vertrauen der Menschen in VW, in die deutsche Autoindustrie, für die Dieseltechnologie, für die verkauften Produkte, ja selbst für die langfristigen Gewinne des eigenen Unternehmens. Alles egal, nach mir die Sintflut. Notfalls sollen die Steuerzahler für meine Fehler aufkommen. War bei den Banken ja auch so. Also bitte auch für VW. Dass ein solcher Manager im Spiegel so hochgejubelt wird, sagt eines aus über den Spiegel.
rednaxelar 11.04.2018
4. Naja....
Dass Herr Müller die Kosten für die Diesel-Affäre "begrenzt" hat, ist vermutlich dem Umstand zu verdanken, dass auch Gerichte in Braunschweig mindestens ansatzweise Rechtsbeugung erlaubt haben, indem sie mit den meisten bisherigen Urteilen dafür gesorgt haben, dass der Abgasbetrug durch den VW Konzern als rechtlich kaum zu beanstanden angesehen wird. Interessant ist doch da im Vergleich die Rechtsauslegung anderer Gerichte wie z.B. in Hamburg. Politisch gewollt (und damit eben auch Rechtsbeugung als notwendige Voraussetzung) soll VW dicke Gewinne einfahren, damit unter Anderem das Land Niedersachsen seine Dividende bekommt, während man als Verbraucher sich wundert, warum §365 BGB für jeden normalsterblichen Unternehmer gilt, nicht aber für VW. Aus Sicht eines reinen Kapitalisten hat Herr Müller da tolle Arbeit geleistet, aber aus Sicht aller moralisch und juristisch verantwortlich denkenden Menschen würde ich hier Herrn Kröger doch deutlich widersprechen. Und ob diese Art der Aufarbeitung der Diesel-Affäre der Marke "Made in Germany" mehr genutzt hat als beispielsweise ein BER wage ich zu bezweifeln.
rednaxelar 11.04.2018
5. Naja....
Dass Herr Müller die Kosten für die Diesel-Affäre "begrenzt" hat, ist vermutlich dem Umstand zu verdanken, dass auch Gerichte in Braunschweig mindestens ansatzweise Rechtsbeugung erlaubt haben, indem sie mit den meisten bisherigen Urteilen dafür gesorgt haben, dass der Abgasbetrug durch den VW Konzern als rechtlich kaum zu beanstanden angesehen wird. Interessant ist doch da im Vergleich die Rechtsauslegung anderer Gerichte wie z.B. in Hamburg. Politisch gewollt (und damit eben auch Rechtsbeugung als notwendige Voraussetzung) soll VW dicke Gewinne einfahren, damit unter Anderem das Land Niedersachsen seine Dividende bekommt, während man als Verbraucher sich wundert, warum §365 BGB für jeden normalsterblichen Unternehmer gilt, nicht aber für VW. Aus Sicht eines reinen Kapitalisten hat Herr Müller da tolle Arbeit geleistet, aber aus Sicht aller moralisch und juristisch verantwortlich denkenden Menschen würde ich hier Herrn Kröger doch deutlich widersprechen. Und ob diese Art der Aufarbeitung der Diesel-Affäre der Marke "Made in Germany" mehr genutzt hat als beispielsweise ein BER wage ich zu bezweifeln.
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