Projekt "Social Friday" Der gute Mann vom Bau

Fikret Zendeli war ein Flüchtlingskind, später gründete er mit Erfolg eine Firma für Bauplanung. Die ist für ihre Freitage bekannt: Einmal im Quartal machen alle blau, um sich sozial zu engagieren.

Keno Verseck

Aus Skopje berichtet


Ab Freitagmittag schalten viele Arbeitnehmer ab, das ist bekannt: Sie sind nicht mehr ganz bei der Sache, in Gedanken schon im Wochenende. Als Fikret Zendeli, 35, im vergangenen Jahr einen Artikel über das Phänomen las, dachte er: Warum beschäftigen wir uns in dieser Zeit nicht mit etwas anderem? Mit Dingen, die für alle neu sind, die auf andere Weise sinnvoll sind als der eigene Broterwerb?

So kommt es, dass der erfolgreiche Chef eines Bauingenieurbüros anfing, mit seinen Mitarbeitern an einem Freitag pro Quartal in gemeinnützigen Projekten mitzuarbeiten. Immer nachmittags kurz vor dem Wochenende, in der unproduktiven Zeit.

Die Zeit sinnvoll genutzt, etwas Sinnstiftendes getan: "Als Unternehmer habe ich eine große soziale Verantwortung", sagt Zendeli über sein Engagement. "Angenommen ich würde mir eine Jacht kaufen, wie könnte ich das tun, während es meinen Mitarbeitern und meinen Nachbarn schlecht geht?"

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Projekt "Social Friday": "Als Unternehmer habe ich eine soziale Verantwortung"

Schließlich weiß er, wie es ist, knapp bei Kasse zu sein. Zum Beispiel als er an einem verschneiten Abend im Dezember 2009 von Zürich aus eine lange Autofahrt antritt, im klapprigen Golf III seines Vaters. Vor sich 1700 Kilometer durch sieben Länder, auf dem Rücksitz zwei PCs. Unterwegs fällt das vordere Nummernschild des Wagens ab, an den Grenzen lassen sie Zendeli aus Mitleid dennoch passieren.

Nach 20 Stunden kommt er in Skopje an, der Hauptstadt seines Geburtslandes Mazedonien, das er als Neunjähriger mit seiner Familie verlassen hat. Heute, neun Jahre später, ist Fikret Zendeli in Skopje ein erfolgreicher Unternehmer. Er leitet eine Firma für Bau- und Konstruktionsplanung, beschäftigt zehn Mitarbeiter und gehört in der Region zu den wenigen in seiner Branche, die schon mit der jungen Technik der dreidimensionalen Bauwerksdatenmodellierung (BIM) arbeiten.

Zendelis Erfolgsgeschichte erschöpft sich nicht darin, dass er es als Rückkehrer im bitterarmen Mazedonien zu wirtschaftlichem Erfolg gebracht hat. Bekannt geworden ist er über seine Branche hinaus durch sein soziales Engagement. Sein "Social Friday" hat in Mazedonien für einiges Aufsehen gesorgt.

Mehr als das Doppelte des mazedonischen Durchschnittslohns

Er bemüht sich auch, gute Arbeitsbedingungen zu bieten - während sonst in Mazedonien und generell in Südosteuropa Arbeitnehmerrechte von vielen einheimischen und westlichen Firmen systematisch unterlaufen werden. Zendelis Firma Breon zahlt mit etwa tausend Euro brutto für eine 40-Stunden-Woche mehr als das Doppelte des mazedonischen Durchschnittslohns, dazu Boni, Urlaubs- und Kindergeld sowie Zuschüsse für Freizeitaktivitäten.

Zendeli kommt aus bescheidenen Verhältnissen, er wurde geboren im Ort Gostivar in Westmazedonien, wo überwiegend Albaner leben. Sein Vater verließ die Schule nach acht Jahren und ging nach Deutschland, später in die Schweiz, wo er als Maler arbeitete. Aus Angst, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien könne auch Mazedonien erfassen, holte er seine Frau und die drei Kinder 1992 zu sich in die Schweiz.

Die Familie lebte in Langnau am Albis nahe Zürich, Fikret Zendeli erzählt, man sei mit ungeheuer großer Hilfsbereitschaft aufgenommen worden. "Ich bin der Schweiz dafür bis heute zutiefst dankbar", sagt er.

Zum Entsetzen der Familie

Er studierte Bautechnik in Zürich, machte ein Diplom in Unternehmensführung und bekam nach dem Abschluss das lukrative Angebot, als Bauführer für eine Schweizer Firma zu arbeiten. Er lehnte ab - zum Entsetzen seiner Familie.

Und ging nach Mazedonien. Es war, erzählt Zendeli, weniger die Suche nach seinen Wurzeln, als vielmehr Abenteuerlust, der Wunsch, etwas Eigenes zu erschaffen, und der Ehrgeiz, in seinem Geburtsland ein Unternehmen aufzubauen, dessen Arbeit auch in der Schweiz bestehen könnte.

Das scheint geklappt zu haben. Zumindest ist Breon gut gebucht, mit den unterschiedlichsten Projekten, von Bauplänen für Bürohochhäuser bis hin zur Planung von Umbauarbeiten an historischen Gebäuden.

Am "Social Friday" pflanzen er und seine Mitarbeiter Bäume, kochen für Obdachlose oder basteln mit Waisen- und Heimkindern. Für die Breon-Mitarbeiter ist es bezahlte Arbeitszeit, als Unternehmer spendet Zendeli außerdem an die jeweiligen Einrichtungen. Die Teilnahme ist für die Mitarbeiter freiwillig, aber bisher haben fast alle jedes Mal teilgenommen.

"Etwas sozial Nützliches zu tun, ist ein gutes Gefühl und ändert den eigenen Blickwinkel. Und es hat uns in der Firma näher zusammengebracht und das Arbeitsklima verbessert", sagt Zendeli. In Zukunft will er sich auf ein oder zwei Sozialprojekte konzentrieren, für die er und seine Angestellten regelmäßig arbeiten.

Nicht nur das: Er möchte seine Idee auch international bekannt machen und anderen Unternehmen zur Nachahmung empfehlen. Dazu richtete er vor Kurzem die Webseite socialfriday.org ein, ließ ein Kampagnenvideo drehen und verschickte an prominente Politiker und Unternehmer Social-Friday-Pullover mit ihren Namensinitialen. Die ersten Erfolge: In Lettland veranstaltete die Kosmetikfirma Oriflame im August ihren ersten Social Friday, außerdem gebe es Anfragen aus dem Kosovo, der Schweiz und aus Portugal.

Woher sein Sendungsbewusstsein? Zendelis Erklärung: "Wenn es im Nachbarhaus brennt, muss ich einschreiten, sonst brennt es irgendwann auch bei mir. Ich wünschte, viel mehr Unternehmer würden das begreifen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes entstand durch ein missverständliches Zitat der Eindruck, Zendeli besitze eine Jacht. Das ist nicht der Fall.

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Seite 1
Orgalo 07.12.2018
1. endlich ein Thema, bzw. ein Artikel ...
… wo auch ein manisch der Kritiksucht verfallener Forist nicht gleich nach dem Haar in der Suppe suchen muss. Aber klar: die Formulierungsschwierigkeit beim Beschreiben des Anregungspotenzials ist auch eine Suche. Ich stelle mir vor, dass so ein Wochenmagazin wie der Spiegel hier die Lebensläufe von erfolgreichen UnternehmerInnen in Entwicklungsländern oder in den leicht instabilen (und zugleich ärmeren) südosteuropäischen Staaten zusammenstellen könnte. In manchen Ländern wird nur derjenige erfolgreich sein, der das nötige Geschick in der Bewältigung von Korruptionsanfechtungen besitzt. In aufstrebenden südeuropäischen Staaten ist vermutlich die Kombination von Expertenwissen und der richtigen gesellschaftspolitischen Einstellung maßgebend für den Erfolg. Oder das "richtige Händchen" in der Auswahl und Führung seiner MitarbeiterInnen. Gilt natürlich auch für die besser entwickelten Staaten. usw.
s.roth 07.12.2018
2. Großzügig!
Er erhält europäische Honorare und zahlt dann seinen Mitarbeitern überdurchschnittliche Dritte-Welt-Länder-Gehälter. Ein wahrer Menschenfreund. Wenn er die Aufträge einzig in Mazedonien zu mazedonischen Honoraren erhält, soll es respektabel sein. Andernfalls ist es peinlich. Wenn er schon sagt, dass er sich eine Yacht leisten kann, als Geschäftsführender Ingenieur, dann braucht man dazu nicht mehr sagen. Das ist feinstes Lohndumping in Form des Auslagerns von Arbeitsplätzen in Billig-Lohn-Länder.
Andreas1979 08.12.2018
3. Beitrag 2
Da ist das Haar in der Suppe. Eine Yacht hat nicht jeder das ist richtig. Er ist zu dem Reichtum gekommen, weil er das Wissen, dass er sich im Ausland angeeignet hat, nach Mazedonien brachte. Er hat dadurch vielleicht westeuropäische Unternehmen ausstechen können. Die Planung von solchen Bauten werden in zum Beispiel Deutschland gemacht, was teuer ist. Dann bekommen die mazedonischen Menschen weniger Lohn, um die Kosten im Rahmen zu halten. Der beschriebene Unternehmer hat die hohen Planungskosten nicht und kann dadurch höhere Löhne im unteren Bereich bezahlen. Manchen kann man es nie zurecht machen. Da entwickelt jemand sein Land weiter, und schon muss da etwas faul dran sein. Ich hoffe, dass wenn Syrien und andere Staaten wieder befriedet sind viele Nachahmer findet.
flying_elephant 08.12.2018
4. Beitrag 3
Grundsätzliches: -wenn er sich für europäische Bauprojekte bewirbt so steht er auch in Konkurrenz zu z.B. deutschen Planungsbüros - hier regelt die HOAI (Honorarordnung für Architekten & Ingenieure) das Honorar -Bauleistungen werden ausgeschrieben. Wenn das Projekt europaweit ausgeschrieben wird (dies geschieht zwingend ab xx Mio Euro) so werden nicht nur die Planungsleistungen sondern auch die Bauleistungen europaweit ausgeschrieben. Hier werden meistens die niedrigst bietenden Firmen in Erwägung gezogen (auch hier gibt's europaweite Vorgaben wie vorzugehen ist) Letztlich und alles in allem habe ich Breon als Firma leider nicht online gefunden, aber wenn Sie kein Generalplaner sind haben Sie keine Chance andere Löhne für die "darunterstehenden" ausführenden Firmen durchzusetzen. Selbst dann, wieso sollten die Firmen andere Löhne zahlen nur weil Sie mehr verdienen? Wieso wenn die Konkurrenz dies nicht macht? (zumindest würden sich hier wohl eher keine substanziellen Unterschiede ergeben).
flying_elephant 08.12.2018
5. Beitrag 3
Grundsätzliches: -wenn er sich für europäische Bauprojekte bewirbt so steht er auch in Konkurrenz zu z.B. deutschen Planungsbüros - hier regelt die HOAI (Honorarordnung für Architekten & Ingenieure) das Honorar -Bauleistungen werden ausgeschrieben. Wenn das Projekt europaweit ausgeschrieben wird (dies geschieht zwingend ab xx Mio Euro) so werden nicht nur die Planungsleistungen sondern auch die Bauleistungen europaweit ausgeschrieben. Hier werden meistens die niedrigst bietenden Firmen in Erwägung gezogen (auch hier gibt's europaweite Vorgaben wie vorzugehen ist) Letztlich und alles in allem habe ich Breon als Firma leider nicht online gefunden, aber wenn Sie kein Generalplaner sind haben Sie keine Chance andere Löhne für die "darunterstehenden" ausführenden Firmen durchzusetzen. Selbst dann, wieso sollten die Firmen andere Löhne zahlen nur weil Sie mehr verdienen? Wieso wenn die Konkurrenz dies nicht macht? (zumindest würden sich hier wohl eher keine substanziellen Unterschiede ergeben).
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