Mediengigant NBC Universal Gerupfter Pfau zu verkaufen

23 Jahre Zwangsehe stehen vor dem Aus: Das US-Industriekonglomerat GE will sich aus dem Mediengeschäft zurückziehen und seine Tochter NBC Universal verkaufen. Doch Experten hegen ihre Zweifel an dem geplanten Milliardendeal - und am potentiellen Käufer.

Von , New York

NBC-Logo: Sender hat ein glückloses Händchen
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NBC-Logo: Sender hat ein glückloses Händchen


Immerhin, er müht sich. Zehn Minuten lang steht Jay Leno vor der Kamera, betet einen Witz nach dem anderen herunter. Halloween, fette Kinder, Barack Obama, André Agassi, keiner bleibt verschont. Doch die schlüpfrigen Pointen fallen flach: Das Publikum stöhnt, wirft Leno einmal sogar, bei einem billigen Sexkalauer über Roman Polanski, ein lautes "Oooh!" entgegen. Gequält kommt Leno zum Schluss - mit einer Zote über Herpes.

So begann sie am Freitag, die jüngste Ausgabe der "Jay Leno Show" - das neue Aushängeschild von NBC, mit dem das US-Network verzweifelt versucht, dem Fluch des ewigen Schlusslichts im TV-Quotenrennen endlich zu entkommen. Doch die Witze halfen nichts: Die ganze Stunde wurde zum Flop, die Zuschauer flohen. In der Top-Zielgruppe der 18- bis 49-Jährigen blieben nur knapp 1,4 Millionen dran - ein neuer Tiefpunkt seit der Premiere vor sieben Wochen.

Dabei war Jay Leno mal der unangefochtene Late-Night-King. Dann aber fand sein Network NBC, es sei Zeit für einen Generationenwechsel, gab seine "Tonight Show" nach 17 Jahren an den jüngeren Conan O'Brian und entsorgte Leno mit einer neuen Show in die Primetime. Dort muss er nun direkt gegen Serien-Schlager wie "CSI: Miami", "CSI: New York" und "Numb3rs" antreten - mit verheerenden Folgen für die Quoten.

Glückloses NBC

Das Vorgehen ist symptomatisch für die derzeitige Glücklosigkeit von NBC. Einst die Heimat des "Must-See TV" ("ER", "Friends", "Seinfeld"), ist es längst auf Platz vier abgeschmiert, hinter CBS, ABC und Fox. Spötter sprechen schon vom "gerupften Pfau" - in Anspielung auf das NBC-Maskottchen. Lenos Umzug in die familienfreundliche Stunde sollte das ändern, aber macht es nun nur schlimmer.

Und das macht dem Industriekonglomerat General Electric Chart zeigen(GE) Kummer. Das NBC-Mutterhaus ist der sechstgrößte US-Konzern, ein lange als unverwüstlich geltender Mischmasch-Multi (Glühbirnen, Kühlschränke, Lokomotiven, Mikrowellenherde, Flugzeugtriebwerke, Medien), der jetzt wie so viele durch die Kreditkrise ins Schlingern geraten ist. Seine Aktie hat sich über den Sommer zwar erholt, liegt aber mit zuletzt 14,20 Dollar immer noch ein gutes Drittel niedriger als vor einem Jahr. Auch der Nettogewinn sank im letzten Quartal weiter, um satte 44 Prozent.

Eine der wenigen Firmentöchter, die noch schwarze Zahlen schreiben, ist NBC Universal (NBCU). Zwar steuert das Medienimperium - zu dem NBC, die Universal Studios, CNBC, MSNBC, USA, Bravo, Telemundo und der Weather Channel gehören - nur knapp zehn Prozent zum GE-Gesamtumsatz bei. Doch es ist der bekannteste Name in der GE-Familie und erfordert eine unverhältnismäßig hohe Aufmerksamkeit vom Konzernmanagement.

Dabei ist das Verhältnis zwischen GE und NBC seit langem gespannt - den legendären internen Zwist nimmt sogar die brillante, doch zuschauerarme NBC-Komödie "30 Rock" aufs Korn: Unermüdlich versucht Co-Star Alec Baldwin darin, als "GE-Vizepräsident für Ostküstenfernsehen und Mikrowellenprogramme" das TV-Geschäft aufzupäppeln - meist mit halbnackten Damen.

Einigung mit Comcast steht bevor

Das echte GE greift jetzt zu anderen Mitteln: Es hat sich nach langem Zögern entschlossen, NBCU weitgehend abzustoßen und sich wieder ganz aus dem Mediengeschäft zurückzuziehen. Nach übereinstimmenden Berichten des "Wall Street Journals" und anderer US-Zeitungen steht GE kurz vor einer Einigung mit Comcast, dem größten US-Kabelkonzern. Demzufolge soll Comcast Chart zeigen 51 Prozent an NBCU übernehmen - und so zum "nächsten amerikanischen Mediengiganten" ("New York Times") werden.

Von diesem geplanten Mega-Deal sind Beobachter allerdings fasziniert und verwundert zugleich. Denn der Wert von NBCU wird zwar auf bis zu 30 Milliarden Dollar geschätzt - doch die großen Mediendeals der Vergangenheit haben sich längst als fataler Irrweg erwiesen. Musterbeispiel ist Time Warner Chart zeigen, das sich bis spätestens Ende 2009 seiner Internettochter AOL entledigen wird - nach acht Jahren öffentlich missratener Ehe.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wollen GE und Comcast den Wechsel bald eintüten. Die Buchprüfung, hieß es, sei bereits abgeschlossen. Das französische Konglomerat Vivendi Universal Chart zeigen, das 20 Prozent an NBCU hält, hat angekündigt, seine Anteile bis Anfang Dezember aufzugeben und damit den Weg zu ebnen für eine Übernahme durch Comcast.

Damit sind die Zeiten der Network-Konsolidierung wohl endgültig vorbei. ABC gehört zwar weiter dem Disney-Konzern. Doch Viacom und CBS trennten sich schon 2006. Für GE wäre dies ein ähnlich unrühmlicher Abschied: Es hatte das Film- und Fernsehreich NBCU über ein Vierteljahrhundert mühsam aufgebaut - und muss jetzt sein Scheitern eingestehen.

Kühltruhen und Waschmaschinen passen nicht zum Medienbusiness

6,3 Milliarden Dollar hatte GE 1985 bezahlt, als es sich das von ihm 1919 gegründete Radio- und Elektronikunternehmen RCA zurückkaufte, zu dem NBC gehörte, was wiederum 2004 mit den Vivendi-Anteilen zu NBC Universal verschmolz. Aber es blieb immer eine Zwangsehe: der US-Industrieriese, der Turbinen und Küchengeräte baut - und die immer greller schillernde Entertainment-Welt aus TV-Sendern, Filmstudios und Themenparks.

Schon lange fordern Wall-Street-Analysten, dass GE sein Medienabenteuer beendet: Jay Leno, "Jurassic Park" und Fred Feuerstein passten einfach nicht zu Kühltruhen und Biogasmotoren. Und obwohl die NBC-Umsätze den Schock der Kreditkrise für GE zuletzt etwas abmilderten, scheint der Spagat jetzt zu schmerzhaft geworden: vor allem angesichts der vielen Milliarden, die GE über die Jahre in NBCU gesteckt hat. Gemessen daran entspricht der Langzeitgewinn nach Rechnung des Börsenblogs "Breakingviews" einer Kapitalrendite von nur rund 8,5 Prozent.

Was sich Comcast freilich von dem Einstieg ins Entertainmentgeschäft verspricht, darüber zerbrechen sich selbst Insider die Köpfe. Denn Synergie-Effekte - das alte Zauberwort der neunziger Jahre - sieht keiner. "Comcast wird seine liebe Mühe haben, die Shareholder zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist", schreibt "WSJ"-Kolumnist Martin Peers.

Großinvestoren sind skeptisch

Das 1963 gegründete Unternehmen aus Philadelphia (Umsatz 2008: 34,3 Milliarden Dollar) bietet Kabel-, Internet- und Telefondienste in 39 US-Staaten und der Hauptstadt Washington. Allein mit seinem Kabelgeschäft versorgt es rund 50 Millionen Haushalte. Sein hauseigenes TV-Interesse beschränkt sich bisher aber nur auf kleine Sportkanäle und den Entertainment-Sender E!.

Vor allem bei den Großinvestoren dürfte der Deal deshalb noch auf Skepsis stoßen. Die Investmentgesellschaft Chieftain Capital zum Beispiel, die 29 Millionen Comcast-Aktien hält, scheut keine Kritik: Voriges Jahr nannte sie die Unternehmensführung eine "Comcatastrophe" und forderte den Rücktritt von Comcast-Vorstandschef Brian Roberts, weil er mehr an Akquisitionen interessiert sei als an Rendite.

Die Coup könnte also immer noch in letzter Minute platzen. Für diesen Fall hat GE bereits Alternativen ausgelotet - etwa einen Verkauf an Rupert Murdochs News Corporation oder einen NBCU-Spinoff über eine Börsen-IPO.

Ob das alles Jay Leno retten kann, ist fraglich. So mies sind seine Quoten, dass darunter langsam auch die lokalen NBC-Nachrichten leiden, denen seine Show vorausgeht. Schon verlieren die Programmchefs den Glauben an den einstigen Talkkönig: "Ich gebe ihm", sagte einer der "New York Post", "noch bis Februar."

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