Mega-Börsenfusion: Wall Straße oder Stocks and Schnitzels?

Von und , New York und Hamburg

Deutsche Börse und New York Stock Exchange Euronext wollen zum größten Finanzplatz der Welt verschmelzen. An der Wall Street provoziert die Megafusion einen eigentümlichen Streit. Wie soll der Finanzkonzern heißen? Die skurrilsten Vorschläge im Überblick.

New York Stock Exchange: "Ein Schlag für unseren Nationalstolz" Zur Großansicht
AFP

New York Stock Exchange: "Ein Schlag für unseren Nationalstolz"

Eine neue Superbörse ist geboren. Am Dienstag haben Deutsche Börse und New York Stock Exchange Euronext ihre Fusion besiegelt. Aus ökonomischer Sicht hat die Fusion viele unbestreitbare Vorteile. Dennoch stößt sie, gerade in den USA, zum Teil auf heftige Widerstände. Selbst normalerweise eher rational tickende Wall-Street-Kenner lassen sich zu emotionalen Ausbrüchen hinreißen.

Die zentrale Frage, die viele beschäftigt, ist nicht etwa, wie viele Milliarden Dollar Umsatz der Mega-Merger machen wird. Es geht um etwas viel Urtümlicheres.

"Wie soll der Merger heißen? Das ist die große Frage, die die Wall Street derzeit beschäftigt", sagt David Weidner, Börsenkolumnist des "Wall Street Journal". Und nennt gleich mehrere Vorschläge, die Leser bei Amerikas Wirtschaftszentralorgan eingereicht haben: Big Börse fänden manche toll, sagt er, auch New York Frankfurter Börse (NYFB) fände er nicht schlecht, ebenso Global Bourse oder, kurz und knackig, The Haus.

Andere versuchen, das Thema Mega-Merger humoristisch anzugehen und möglichst viele Deutschland-Klischees in den Namen einfließen zu lassen. Big Apple Strudel habe ein Leser vorgeschlagen. Weitere Wortneuschöpfungen seien: Sauerbörse, Trade Vergnügen und Stocks 'n' Schnitzels.

"Wundert mich nicht, dass das die erste Frage ist"

Solche Vorschläge lassen beschränkte Kenntnisse der deutschen Kultur erahnen - vielleicht denkt manch Turbo-Trader auch nur an die Zeichentrickserie "Die Simpsons". An diese eine Folge, in der eine Horde wandelnder Deutschland-Klischees das städtische Atomkraftwerk übernimmt.

Klar ist jedenfalls: Das Namensthema beschäftigt die Börsianer enorm. Wie enorm, wurde bei der Verkündung der Fusion klar: Auf der Pressekonferenz am Dienstag war gleich die allererste Frage die nach dem Namen. NYSE-Chef Duncan Niederauer kicherte kurz, dann sagte er: "Wundert mich jetzt nicht, dass das die erste Frage ist. Es gibt aber noch keine Entscheidung."

Tatsächlich gibt es schon einen Vorschlag: "Deutsche NYSE". Doch der macht manchen Amerikaner ziemlich wütend. "Die New York Stock Exchange ist eine der herausstechendsten Marken der Finanzindustrie", schimpft New Yorks demokratischer Senator Charles Schumer. Entsprechend sollte sie in dem Namen der neuen Superbörse als erstes genannt werden.

Auf Twitter erntet der Senator für diesen Ausbruch hämische Kommentare. "Ist Chuck Schumer plötzlich Marketingchef der NYSE geworden oder was?", fragt Nutzer Matthew Tucker. Ein anderer bezeichnet ihn gar als Protektionisten.

Allerdings: Nicht wenige geben dem Demokraten recht: "Ich würde lieber einen Schuh essen als mit Chuck Schumer einer Meinung zu sein, aber ich unterstütze seine Kampagne, die Marke NYSE zu erhalten", schreibt eine Nutzerin namens aTexanAbroad. Ein anderer schreibt, den Namen der NYSE aufzugeben, sei, als falle man vom Glauben ab.

"Nachtmare on Wall Street"

Tatsächlich erschüttert die Fusion den Glauben an die US-Finanzindustrie. Nicht wenige Schwarzmaler und Lästerer sehen das zentrale Symbol des amerikanischen Kapitalismus zugrunde gehen. Sie fürchten den globalen Bedeutungsverlust des Finanzplatzes Amerika.

"R.I.P. New York Stock Exchange", titelt das Geldmagazin "Forbes". "Nachtmare on Wall Street", schreibt der Finanzblog Marketwatch.com. Und Maria Bartiromo, Star des Wirtschaftssenders CNBC, schwadroniert in Anspielung an die NS-Zeit gar von einer deutschen Machtergreifung. Und ein Leser des "Wall Street Journal" kommentiert trocken: "AufwiederBörse".

Die Angst vor dem Bedeutungsverlust ist durchaus begründet. Die Umsätze der New Yorker Börsen schrumpfen seit langem - und mit ihnen der bislang mächtigste Handelsplatz der Welt. Hunderte Werte sind am Finanzplatz New York verschwunden, ihre historischen Kürzel wurden nach und nach aus dem Ticker getilgt. Neue Börsengänge finden immer öfter in Asien statt.

Selbst in den Überlegungen ausgebuffter "Wall Street Journal"-Reporter spiegeln sich bisweilen Verlustängste wider. Weidner sagt, sein persönlicher Namensfavorit sei Euro American Stock Exchance. Die Kurzform wäre EASE, was sich mit "Erleichterung" übersetzen lässt. Womit diese Erleichterung zusammenhängt, sagt er nicht.

Ob er insgeheim erleichtert ist, dass die NYSE auch künftig ihre Führungsrolle behält? Zur Not auch mit diesen merkwürdigen Deutschen?

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