Produktions-Aus bei Opel in Bochum: Merkel hält sich raus

Angela Merkel hat Mitgefühl für die Opel-Beschäftigten in Bochum geäußert. Doch die Kanzlerin will sich nicht in den Streit über das Aus für die Autoproduktion an dem Standort einmischen. Der Betriebsrat dagegen will die Entscheidung so nicht hinnehmen.

Merkel bei einem Besuch in Rüsselsheim 2009: Außerordentliches Bedauern Zur Großansicht
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Merkel bei einem Besuch in Rüsselsheim 2009: Außerordentliches Bedauern

Bochum - Spekulationen gab es bereits seit längerem, nun hat Opel die Entscheidung offiziell verkündet. Das Unternehmen will ab 2016 am Standort Bochum keine Autos mehr produzieren. 3000 Stellen sind in Gefahr. Angela Merkel drückte den betroffenen Mitarbeitern ihr Mitgefühl aus. "Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung bedauern diese Entscheidung, das Werk zu schließen, ganz außerordentlich", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter.

Doch die Regierung will sich nicht in den Streit über die Zukunft des Standorts einschalten. "In erster Linie sind jetzt aber auch Opel und GM gefordert, ihren Kolleginnen und Kollegen Perspektiven aufzuzeigen", sagte Streiter. Es sei Aufgabe von Opel und dessen Mutterkonzern General Motors alles zu unternehmen, um sozialverträgliche Lösungen zu finden. Auch das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum müssten ausloten, welche Möglichkeiten es für die Beschäftigten gebe.

Die Zukunft des Opel-Werks in Bochum stand bereits vor einigen Jahren auf der Kippe. Damals hatte sich die große Koalition unter Merkel in Bemühungen eingeschaltet, um die drohende Schließung zu verhindern.

Vize-Kanzler und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler nannte das geplante Aus für die Autoproduktion in Bochum "eine bedauerliche Entscheidung". Der FDP-Vorsitzende erklärte auf einer Pressekonferenz im Thomas-Dehler-Haus in Berlin: "Trotzdem kann Politik hier nicht einspringen. Es ist nicht Aufgabe des Staates, hier dem Unternehmen durch staatliche Hilfen finanziell zumindest kurzzeitig aus der Patsche zu helfen." Das müsse das Unternehmen durch eigene Entscheidungen selbst auf den Weg bringen. "Wir sehen umso mehr das Unternehmen in Verantwortung, bei Schließung auch für entsprechende Alternativen vor Ort zu suchen."

Tumulte auf Betriebsversammlung

Während sich die Politik abwartend gibt, zeigte sich der Opel-Betriebsrat umso kämpferischer. Er will das angekündigte Aus der Automobil-Produktion in dem Werk in Nordrhein-Westfalen nicht kampflos hinnehmen. "Wir wollen auch nach 2016 in Bochum noch Autos bauen", sagte Betriebsratschef Rainer Einenkel nach einer Betriebsversammlung mit rund 2300 Beschäftigten. "Das ist unsere Forderung."

Teilnehmer berichteten, die Betriebsversammlung sei teils von Tumulten begleitet worden. So wurde nach Darstellung des Betriebsrates ein IG Metall-Vertrauensmann von Security-Leuten zu Boden gestoßen. Er sei aber unverletzt geblieben. Als Opel-Interimschef Thomas Sedran nach seiner kurzen Stellungnahme den Saal durch den Hintereingang verlassen wollte, habe der Vertrauensmann der IG Metall versucht, ihn zur Rede zu stellen, sagte Einenkel. Der Gewerkschafter sei vom Security-Personal zu Boden gestoßen und gewürgt worden. "Das war schon sehr entwürdigend", sagte Einenkel. Abgesehen von diesem Zwischenfall sei die Versammlung aber friedlich verlaufen.

Auch andere Teilnehmer berichteten, es sei zu Rempeleien mit Sicherheitsleuten gekommen, als Mitarbeiter versucht hätten, den Vorstand aufzuhalten, um Fragen zu stellen. "Es gab ein Sicherheitsaufgebot wie in Fort Knox", sagte der IG-Metall-Delegierte Paul Fröhlich.

Einige Beschäftigte machten ihrem Ärger verbal Luft. "Was der Vorstand hier macht, ist der Hammer", sagte Ralf Plumhoff-Klein. "Einfach die Schließung ankündigen und weggehen. Das ist ein Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets."

Betriebsrat will Getriebefertigung erhalten

Derzeit wird in Bochum das Modell Zafira produziert. Der Mutterkonzern General Motors (GM) will das Opel-Werk zu einem Ersatzteil- und Komponentenwerk herabstufen. Der Betriebsrat verlangte, das Aus für die Bochumer Getriebefertigung zu überdenken. "Wie soll ich denn zukünftig eine Komponentenproduktion einrichten, wenn ich heute schon einen wichtigen Teil schließe", sagte Einenkel.

Die Getriebefertigung mit rund 300 Beschäftigten in Bochum soll nach den bisherigen Planungen 2013 schließen. Wenn Opel für das Werk eine Zukunft als Komponentenwerk plane, passe das mit der Schließung einer wichtigen Komponentenproduktion nicht zusammen, sagte Einenkel.

In dem 50 Jahre alten Werk soll laut Opel das Warenverteilzentrum mit derzeit 430 Mitarbeitern erhalten werden und möglicherweise künftig mehr Menschen beschäftigen.

Brüderle wirft GM unfairen Umgang mit Opel-Mitarbeitern vor

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle kritisierte GM für seinen Umgang mit den deutschen Opel-Mitarbeitern. "Bisher hat General Motors ein Beispiel dafür geliefert, wie internationale Konzerne mit Mitarbeitern in Deutschland nicht umgehen sollten", sagte Brüderle. Seit vielen Jahren liefere das Management von GM Chart zeigen eine Hängepartie, schaffe keine Klarheit und habe Opel in Deutschland ein Stück weit diskriminiert.

Er setze darauf, dass für die Mitarbeiter eine faire Lösung gefunden werde. Der Staat könne hier allerdings nur flankierend tätig werden, nicht aber grundlegende Strukturprobleme lösen, sagte Brüderle.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warf Union und FDP vor, das Thema Opel zur eigenen Profilierung genutzt zu haben. Die schwarz-gelbe Regierung habe den Beschäftigten aber keine echte Unterstützung gegeben. Nun erwarte er vom Opel-Management, dass es eine sozialverträgliche Lösung ohne betriebsbedingte Kündigungen gebe, sagte Steinbrück.

mmq/sev/Reuters/dpa/dapd

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insgesamt 139 Beiträge
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1. Wirtschaftlichkeit ist angesagt
brunoaushamburg 10.12.2012
Die Mitarbeiter und der Betriebsrat versuchen einen guten Job zu machen. Das nützt alles nichts, wenn die Entscheidungen weiter in den USA getroffen werden. Opel Deutschland und Europa hat nur eine Chance, wenn sie selber über die Produkte für die einzelnen Länder entscheiden und nach eigenem Ermessen weltweit exportieren dürfen.
2. Kein Rückgrat...
sagmalwasdazu 10.12.2012
...das " Einmischen " überlässt Fr. Merkel getrost Fr. Kraft.
3. Schließung wohl unvermeidbar
flo_milo 10.12.2012
Eine Schließung wird wohl unvermeidbar sein, die Beschäftigten und vor allem Opel, das Land und die Stadt Bochum sollten sich nun lieber darauf konzentrieren neue Arbeitsplätze für die scheidenden Mitarbeiter zu finden. Eine Hyobsaufgabe- die man aber vielleicht zum Teil schaffen kann.
4.
rainer_daeschler 10.12.2012
Zitat von sagmalwasdazu...das " Einmischen " überlässt Fr. Merkel getrost Fr. Kraft.
Der steht aber kein Wahlkampf bevor, wie der Bundestagswahlkampf für Angela Merkel. GM versucht gerne das subventionsfreudige Klima in der Wahlkampfumgebung für sich auszunutzen. Beim letzten mal gaben sich die Investoren die Klinke in die Hand, die alle eins gemein hatten, die Frage: "Wieviel zahlt der deutsche Staat, damit wir Opel retten, das GM gehört". GM weiß ganz genau, dass die politischen Lager sich in Deutschland dann automatisch bekriegen, wer Steuergelder verschwendet und die Opel-Arbeiter im Stich lässt. Aus Detroit betrachtet ist das wie ein Stück Fleisch in ein Raubtiergehege werfen und sich dann daran ergötzen, wie sich alles darum raufen.
5.
Hafenschiff 10.12.2012
Zitat von rainer_daeschlerAngela Merkel hat Mitgefühl für die Opel-Beschäftigten in Bochum geäußert. Doch die Kanzlerin will sich nicht in den Streit über das Aus für die Autoproduktion an dem Standort einmischen. Der Betriebsrat dagegen will die Entscheidung so nicht hinnehmen.
Ich wünschte, Merkel würde sich auch mal bei den Banken raushalten und auch dort einfach pleitegehen lassen, was sich nicht von alleine halten kann.
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Opel-Standorte
Eisenach
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Rüsselsheim
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.

In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Bochum
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
Kaiserslautern
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren. Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Europa
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).