Mobile Zukunft in China Die eine App für alles

Chat-Systeme werden zu Service-Plattformen für alles: Hunderte Millionen Chinesen organisieren bereits ihren Alltag über das Messenger-Programm einer Pekinger Firma. Facebook, Google & Co eifern dem neuen Konkurrenten hektisch nach.

Handynutzer in Peking: Chat-Dienste als Plattformen der Zukunft
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Handynutzer in Peking: Chat-Dienste als Plattformen der Zukunft

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In einigen US-Städten kann man seit Kurzem Autos des Fahrdienstvermittlers Uber per Facebook-Messenger bestellen. Das soziale Netzwerk macht um diese Neuerung ein ziemliches Bohei. Der Facebook-Messenger "ist dein Ort, um nahtlos mit allen zu kommunizieren", werbetextete das Unternehmen. Man könne mit dem Messenger nun Geld verschicken, den Lieferstatus von bestellten Waren verfolgen und ein Fahrzeug herbeizitieren.

Die Chinesin Hai Fen Nan, 35, versteht die Aufregung nicht. Denn in ihrem Heimatland gibt es ein Chat-Programm, das all das und noch viel mehr schon seit Jahren kann. Weixin heißt der Dienst, im Ausland wird er WeChat genannt. 650 Millionen Menschen nutzen Weixin inzwischen zum Online-Shoppen, für Überweisungen oder um Flug-, Zug- und Kinotickets zu buchen. Kurz: um ihren Alltag zu organisieren. "Selbst meine Mutter und ihre Freundinnen schicken sich Geld per Weixin hin und her", sagt Nan.

Im mobilen Internet entsteht gerade ein neuer Megatrend. Und erfunden wurde er nicht, wie sonst so oft, im Silicon Valley - sondern mitten in China. Schon 2011 hat die Firma Tencent aus Peking begonnen, ihr Chat-Programm zu einer Plattform auszubauen, die die Lebenswelt von Hunderten Millionen Menschen durchdringt. Heute ist Weixin ein Vorbild für Facebook, Google und Co. "Viele Firmen versuchen gerade, ihre Messenger zu universellen Service-Plattformen auszubauen", sagt Jessica Ekholm, Analystin beim Marktforschungsunternehmen Gartner. "Alle eifern Weixin nach."

Das weltgrößte Netzwerk Facebook hat es damit besonders eilig. Im März 2015 hatte David Marcus, der Chef des Facebook-Messengers, angekündigt, das Chat-Programm um viele neue Funktionen zu ergänzen. Inzwischen haben gut 700 Dienste angedockt. Mit dabei: die Hyatt-Gruppe . Kunden können über den Facebook Messenger nun Zimmer der Hotelkette reservieren oder an der Rezeption nach einem neuen Handtuch fragen. Auch Gäste, die nichts Bestimmtes brauchen, probieren den neuen Kommunikationskanal aus: Das Servicepersonal erhält öfter Nachrichten, in denen lediglich das Wort "Hallo" steht.

Auch andere IT-Riesen experimentieren mit den neuen Möglichkeiten der Messenger-Welt. Der IT-Riese Alphabet will seinen Chat-Dienst Google Talk zum Callcenter der Zukunft machen: Kunden sollen künftig Fragen per Chat schicken, antworten soll möglichst oft ein Chat-Bot. Nur wenn der Computer nicht weiter weiß, springt ein menschlicher Callcenter-Agent ein. Das Chatprogramm Snapchat entwickelt sich immer mehr zur Plattform für Nachrichten, Videos und andere journalistische Formate. Der südkoreanische Chat-Dienst Line positioniert sich als Plattform für Computerspiele.

So vielfältig - und teils fragwürdig - die Aktivitäten der Firmen sind; ihre Strategie ist im Kern dieselbe. "Im Vordergrund steht der Gedanke, ein Einstieg in die digitale Welt zu sein", sagt der IT-Experte Marcus Worbs von der Unternehmensberatung Goetzpartners. "Je mehr Nutzer auf einer Plattform sind, umso mehr Daten lassen sich erheben, vernetzen und für immer passgenauere Kundenansprachen verwenden - was die Relevanz für Marketing- und Werbekunden erhöht. Gleichzeitig lassen sich mit jedem einzelnen Dienst Umsätze generieren."

Die Aussichten sind gut. Die Deutsche Bank etwa sagt allein Facebooks Messenger bis Ende des Jahrzehnts Umsätze von gut fünf Milliarden Dollar voraus. Erlösquellen jenseits der Werbung sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Das "Wall Street Journal" schrieb kürzlich von einer "Messenger-Manie".

Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Macht. Die Vision von Weixin, Facebook und Co. ist, die Kommunikationsströme zwischen Kunden und Unternehmen in die eigenen Messenger-Dienste umzuleiten. "Threads are the new apps", lautet ein geflügeltes Wort unter Branchenkennern, Gesprächsstränge sind die neuen Apps. Es geht letztlich darum, die vielen kleinen Apps, zwischen denen Nutzer hin- und herpendeln, überflüssig zu machen. Möglichst viele Aktivitäten von Verbrauchern im eigenen Datenuniversum zu bündeln.

Wenn das gelingt, dann dürften die Messenger-Plattformen nicht nur den Apps gefährlich werden, sondern auch sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Sie könnten immer mehr Aufmerksamkeit und Nutzungszeit auf sich und von den sozialen Netzwerken abziehen. "Die Messenger sind aktueller, interaktiver und mobiler", sagt IT-Experte Worbs.

Laut einer Analyse der amerikanischen MIT Sloan School of Management sind sie zudem intimer als Facebook und Co - und dadurch glaubwürdiger. Die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer beispielsweise eine bestimmte App ausprobieren, sei dreimal höher, wenn sie diese in einem privaten Chat empfohlen bekommen haben.

Haben Messenger-Plattformen also das Zeug zum Facebook-Killer? Experte Worbs ist da skeptisch. Er geht eher davon aus, dass Facebook künftig andere Funktionen übernehmen wird. Das soziale Netzwerk könnte noch stärker als jetzt zu einer Art Heimatadresse im Netz werden, sagt Worbs. Einem Ort, der weniger häufig frequentiert werde und vor allem der Dokumentation des eigenen Lebens diene.

Zusammengefasst: Chat war gestern. Die großen IT-Konzerne bauen ihre Messenger-Dienste zu Service-Plattformen aus. Ziel ist es, Apps von Unternehmen wie Uber oder der Hyatt-Hotelkette überflüssig zu machen und möglichst viele Aktivitäten von Verbrauchern im eigenen Datenuniversum zu bündeln. Vorreiter des neuen Multimilliardenmarkts ist das chinesische Unternehmen Tencent.

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Seite 1
overlypoliticallycorrect 18.01.2016
1. Fehler im Artikel
Line ist kein südkoreanischer, sondern ein japanischer Chat-Dienst. Da würden sich Japaner aber ziemlich aufregen sollten Sie den Artikel lesen.
globalundnichtanders 18.01.2016
2. Kling eher gruslig
Alles über eine App? Klingt eher gruslig.
muellerthomas 18.01.2016
3.
Zitat von overlypoliticallycorrectLine ist kein südkoreanischer, sondern ein japanischer Chat-Dienst. Da würden sich Japaner aber ziemlich aufregen sollten Sie den Artikel lesen.
Und was sagt Wikipedia: "Line ist ein Instant-Messaging-Dienst des japanischen Unternehmens Line Corporation, das zur koreanischen Naver Corporation gehört." Also irgendwie beides richtig.
master-of-davinci 18.01.2016
4. Gibt's doch
Es gibt doch "Die-eine-App-für-Alles"! Nennt sich Browser.
Banause_1971 18.01.2016
5. Klingt praktisch,
es reicht zukünftig dann wohl aus, 1x einen Account zu hacken, um auf alles Zugriff zu haben. Eine echte Arbeitserleichterung.
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