Zum Tod von Michele Ferrero Lavorare, creare, donare

Der Konditor aus dem Piemont formte die kleine Bäckerei seines Vaters zu einem Imperium. Er war Innovator und hielt sich dabei weitgehend im Verborgenen. Ein Nachruf auf den Mann, der Nutella in viele Küchen dieser Welt brachte.

Michele Ferrero bei der Beerdigung seines Sohnes Pietro im Jahr 2011
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Michele Ferrero bei der Beerdigung seines Sohnes Pietro im Jahr 2011

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Wer sich in den oberitalienischen Ort Alba begibt, wird unweigerlich erfasst von dem Duft, der den Ort umgibt. Schokolade, Nüsse, Karamell - alles Zutaten, die in kaum einem Produkt Ferreros fehlen. Die Gerüche kommen hoch oben aus der Fabrik, in der er sich Zeit seines Lebens kreativ austobte: Er - Michele Ferrero. Kinder Schokolade, Duplo, Mon Chéri, Hanuta, Rocher, Ferrero Küsschen - und natürlich Nutella. All diese süßen Sünden hat er entweder erfunden oder ihnen zumindest seinen Stempel aufgedrückt.

Und der Duft war langezeit auch alles, was aus der Fabrik nach draußen drang. Ähnlich wie in Deutschland die Aldi-Brüder zelebrierte Ferrero seine Unsichtbarkeit für die Öffentlichkeit. Es gibt kaum Fotos, kaum öffentliche Auftritte, so gut wie keine Interviews. Selbst Ehrendoktorwürden lehnte er ab. Besuche im Werk galten langezeit als Tabu, Mitteilungen aus dem Konzern haben Seltenheitswert. Und so verwundert es auch nicht, dass selbst sein Tod von jenem Unternehmen, das er 40 Jahre führte, nicht kommuniziert wird.

Am Samstag ist Ferrero-Eigentümer Michele Ferrero in Monte Carlo gestorben. Er wurde fast 90 Jahre alt und war schon länger krank. Er war reicher als sein Landsmann Silvio Berlusconi - finanziell und charakterlich. Zuletzt galt Ferrero als reichster Mann Italiens und rangierte auf Platz 22 der "Forbes"-Liste der wohlhabendsten Menschen der Welt. Der gelernte Konditor hat das Unternehmen seines Vaters groß gemacht, das wichtigste Produkt kennt heute jedes Kind: Nutella.

Eine "klösterliche Berufung zur Arbeit"

Ferrero gab sich als Patriarch, der Produkte selbst entwickelte und unbedingte Loyalität forderte. Seinen Reichtum teilte er, sein Unternehmen führte er mit harter Hand. Doch er war zugleich spendabel. Als Leitmotto seiner Stiftung Fondazione Ferrero gab er "lavorare, creare, donare" aus, arbeite, schaffe Werte, teile sie.

Wie beinahe jeder Selfmade-Unternehmer, der aus kleinen Verhältnissen stammt und einen Weltkonzern formte, hatte auch Ferrero seine Schrullen. Er teilte sie aber nie mit der Öffentlichkeit. So blieb er unerkannt, wenn er in Supermärkten die Platzierung der Ferrero-Süßigkeiten überprüfte. Zumindest hält sich dieses Gerücht. Sein Sohn Giovanni Ferrero erklärte die öffentliche Zurückhaltung des Chefs gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" mit einer "klösterlichen Berufung zur Arbeit". Ferrero, streng-gläubiger Katholik, wollte kein Star sein. Er wollte seine Firma lenken.

Geboren wurde Michele Ferrero am 26. April 1925 in der italienischen Gemeinde Dogliani. Der Vater Pietro Ferrero war Konditor. Er zog mit der Familie nach Alba, eine Kleinstadt ganz im Norden Italiens. Dort gründete er eine Feinbäckerei. Der Sohn bekam eine kaufmännische Ausbildung und eine zum Konditor.

Aus der Not eine süße Tugend gemacht

Schokolade war knapp in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Michele Ferreros Vater und Onkel wagten ein Experiment. In Turin hatten sie von der Idee gehört, Schokolade teilweise durch eine Nussmischung zu ersetzen. Nüsse bauten die Bauern im heimischen Piemont an. Aus der Backzutat wurde bald der Brotaufstrich "Gianduiot" - ein Erfolgsprodukt. Bald hat das Unternehmen mehr als 50 Mitarbeiter, die Konditorei in der Via Rattazzi wurde zu klein.

Im Jahr 1949 starb Vater Pietro Ferrero. Michele Ferreros Onkel und Mutter leiteten zunächst die Bäckerei, der Sohn konzentrierte sich darauf, die Firma zu vergrößern zu expandieren. Bald schon schaffte er eine eigene Lkw-Flotte an und setzte auf Massenproduktion mit modernen Maschinen, auf Werbung und auf Produkte, die genau auf ihr Zielland zugeschnitten waren. Wie kaum ein italienischer Unternehmer galt Ferrero als Innovator und penibler Vermarkter, der ein feines Gespür für den Zeitgeist hatte.

Eine Süßigkeit für jede Zielgruppe

Im Jahr 1957 übernahm Michele Ferrero die Firma. Im gleichen Jahr kam Mon Chéri auf den Markt. Auch, wenn die "Piemont-Kirsche" eigentlich nicht existiert: Die Pralinen wurden zum Erfolg. Wirklich groß wurde Ferrero, als der Chef die Schokoladencreme 1964 in Nutella umbenannte - und mit Gesundheit warb: Der Milchanteil von Nutella wurde in den Vordergrund gestellt.

Wenige Jahre später kam die Kinder-Schokolade auf den deutschen Markt, die weiße Schokolade im Innern sollte den Milchanteil noch stärker betonen. Die ersten Überraschungseier gab es ab 1974. Die Amerikaner überzeugte Ferrero mit TicTacs, trendige Konsumenten mit Raffaello. Übriggebliebene Nuss-Krümel verwertete er in Hanuta. Und als ihm einmal die Verpackung der Pralinen Ferrero Garden nicht gefiel, ließ er eine Fabrik umrüsten - für acht Millionen Euro.

Was wird aus dem Konzern?

Die Firma gilt heute als wertvollstes Unternehmen Italiens, das sich längst global aufgestellt hat. Auf Ackerflächen in ganz Europa wachsen Nussbäume, produziert wird in mehr als einem Dutzend Fabriken. 8,1 Milliarden Euro soll der Umsatz im Geschäftsjahr 2013 betragen haben, bei fast 800 Millionen Euro Gewinn. 1997 übergab Ferrero die Leitung an seine Söhne Giovanni und Pietro Ferrero junior.

Das Unternehmen galt fortan als in zwei Lager gespalten, schrieb das manager magazin. Über allem stand aber weiterhin Michele Ferrero, der seine Söhne als angestellte CEOs beschäftigte. Pietro starb im Jahr 2011 an einem Herzinfarkt, den er beim Fahrradfahren in Südafrika erlitt. Es blieb die Unsicherheit: Wird der Jüngere das Imperium führen können?

Einige Jahre noch hatte er den Vater an seiner Seite, bis es schließlich still um Michele Ferrero wurde. Und der Konzern schien seine Innovationskraft verloren zu haben. Ein Zeichen?

Ferrero hatte sich die Lenkung seines Unternehmens stets vorbehalten. Er galt als fordernder, aber großzügiger Chef. Dafür erntete er Loyalität. Der Patriarch wurde von seinen Mitarbeitern verehrt: "Wir vertrauen ihm blind", sagte Silvano Farropa, Mitglied der Gewerkschaft CISL vor ein paar Jahren der "Süddeutschen Zeitung".

So sehr sich Ferrero in der Öffentlichkeit rar machte, so präsent war er bei seiner Belegschaft. Abgehobene Manager-Spinnereien waren ihm ein Graus. Im Jahr 1994 wurde die Fabrik in Alba überschwemmt, die Produktion stand still. Die Mitarbeiter und die Familie sicherten erst die Kapelle, dann bauten sie die Fabrik wieder auf. Gemeinsam.



insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
arrache-coeur 15.02.2015
1.
"Er war reicher als sein Landsmann Silvio Berlusconi - finanziell und charakterlich." - Gut auf den Punkt gebracht. Wobei wohl nicht viel dazu gehört, Berlusconi charakterlich zu übertrumpfen;-)
alettoria 15.02.2015
2. Grazie, Don Michele!
Sie kam gleichzeitig mit mir auf die Welt, die Nutella. :-)
ascolto 15.02.2015
3. in all...
dem Wind um die industriele Zuckerbäckerei dürfen wir bitte kurz innehalten? Was war dann in dieser Karriere weiteres als ein *Weltgriff* im Mamon uns bedeutend? Karies, Diabetis, Kinderarbeit? Danke für die Rubrik, wir trauern um die kleinen Irrlichter des piermonter Industrieagregats, bitte weiter...zB. Wie währe das um jene Erregung des kategorischen Imperativ? Zum Kant; Macht und Wille des ollen Schoppenhauer....Ich knutsch mir jetzt eine Piermontkirsche und sende ein Bussiküschen, ohne Befindlichkeiten, an alle Markeningeneure- fein- Loslassen und damit denen einen friedlichen Geist, im Ableben! Sonst bitte Freunde, Steuern zahlen, dann ist man weniger asozial, Freunde des Ferrero Sozialwesen.Nutella Besänftigung, reicht weniger, soviel Zucker gibt es nicht!
orosee 15.02.2015
4.
Ein schöner Nachruf, aber daß heute "jedes Kind" Nutella kennt ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts :-) Ich mit fast 50 kenne Nutella, meine Eltern kennen Nutella und sind über 70. Jeder kennt Nutella, würde ich mal wagen zu sagen. Selbst in Korea kann ich mir das handliche 750g Glas für das lange Wochenende kaufen. Die kleinere Verpackung hilft über traurige Nachrichten hinweg, so wie diese. Mille gracie.
mik.a 15.02.2015
5.
so einen Artikel würde man über die meisten Unternehmer, die heute global tätig sind, kaum noch lesen können. Dieser Mann hatte Klasse. Die heutigen nur Gier
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