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Der Fall des Thomas Middelhoff: Ganz unten

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Drei Jahre Gefängnis für Thomas Middelhoff: Das Urteil ist der Tiefpunkt in der Karriere eines deutschen Managers, der einen Blitzaufstieg in die Vorstandsetagen schaffte. Verkaufen konnte er wie kein Zweiter - auch sich selbst.

Hamburg - Als Jörg Schmitt das Urteil verkündet, spricht er auch über den Menschen Thomas Middelhoff. Er habe selten einen Angeklagten erlebt, der sich in einem Prozess so oft widersprochen habe, sagt der Vorsitzende Richter des Landgerichts Essen. Die Erklärungsversuche des 61-jährigen Managers seien teils "abenteuerlich" gewesen.

Drei Jahre Haft wegen Untreue und Steuerhinterziehung - das harte Urteil ist der vorläufige Tiefpunkt einer Karriere, die mit "abenteuerlich" ebenfalls treffend beschrieben wäre. Kaum ein deutscher Manager hat in den vergangenen Jahren so polarisiert wie Thomas Middelhoff. "Ich wollte es richtig machen und habe alles falsch gemacht", hat der ehemalige Chef von Bertelsmann und KarstadtQuelle einmal vor Gericht gesagt. Doch so viel Selbstkritik ist bei ihm eher selten.

Middelhoff vor Gericht: Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen Zur Großansicht
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Middelhoff vor Gericht: Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen

Middelhoff wächst als drittes von fünf Kindern einer katholischen Unternehmerfamilie in Düsseldorf auf. Sein Vater hat eine Textilfirma. In der Middelhoff GmbH macht auch Thomas seine ersten beruflichen Erfahrungen. Mit Anfang Dreißig leitet er dort das Marketing und den Vertrieb.

Verkaufen, das kann Middelhoff wie kein Zweiter - auch sich selbst. Wer ihn reden hört, der liegt ihm schnell zu Füßen. So geht es dann bei Bertelsmann für Middelhoff steil nach oben: 1986 fängt er als Assistent der Geschäftsführung bei Mohndruck an - für ein Jahresgehalt von 85.000 Mark. Acht Jahre später sitzt er im Konzernvorstand, 1998 übernimmt er den Chefposten von seinem Förderer Mark Wössner. Ein "Kommunikationstalent" sei er, schreiben damals die Zeitungen, "kreativ und ein wenig draufgängerisch".

Middelhof mit Vorgänger Wössner (l.): Mit 45 Jahren Chef von Bertelsmann Zur Großansicht
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Middelhof mit Vorgänger Wössner (l.): Mit 45 Jahren Chef von Bertelsmann

Schon als einfacher Vorstand fädelt Middelhoff die ganz großen Deals ein: die 2,5 Milliarden Dollar schwere Übernahme des US-Buchverlags Random Haus etwa - und die Partnerschaft mit dem amerikanischen Internetkonzern AOL, die Bertelsmann später Milliarden bringen soll. "Wir haben praktisch das Internet nach Europa geholt", sagt Middelhoff noch viele Jahre später in der ihm eigenen Bescheidenheit.

Middelhoff und Reinhard Mohn (r.): Turbo-Manager und Familienpatriarch Zur Großansicht
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Middelhoff und Reinhard Mohn (r.): Turbo-Manager und Familienpatriarch

Middelhoff ist am Höhepunkt seiner Macht angekommen. "Früher hieß es, der Middelhoff spinnt wieder - jetzt lacht keiner mehr", tönt der Manager. Er führt das traditionsbewusste ostwestfälische Familienunternehmen wie einen amerikanischen Multikonzern. Middelhoff will Bertelsmann an die Börse bringen. Die Zeit dafür scheint gut. Die Aktienmärkte melden einen Rekord nach dem anderen. Und der Konzern wächst in irrem Tempo. Im Spätsommer 2001 sichert sich Middelhoff die Kontrolle über RTL, Europas größte Fernsehgruppe.

Middelhoff 2001 mit Kanzler Schröder (l.): Auf dem Höhepunkt der Macht Zur Großansicht
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Middelhoff 2001 mit Kanzler Schröder (l.): Auf dem Höhepunkt der Macht

Wenige Wochen später fliegen zwei Flugzeuge ins World Trade Centre, die Wirtschaft erlahmt und die Medienbranche rutscht in eine tiefe Krise. Im Juli 2002 wird Middelhoff überraschend gefeuert - wie es heißt, fürchtet die Bertelsmann-Eignerfamilie Mohn ihre Entmachtung durch den von Middelhoff angestrebten Börsengang. Vor allem Liz Mohn soll den Sturz des Managementstars betrieben haben.

Zwei Jahre später gelingt Middelhoff ein spektakuläres Comeback - und wieder spielt die Patriarchin einer Firmendynastie eine Schlüsselrolle: Madeleine Schickedanz, Quelle-Erbin und Hauptaktionärin des Warenhauskonzerns KarstadtQuelle, macht Middelhoff erst zu ihrem Aufsichtsratschef und dann zum Vorstandsboss.

Vollmundige Versprechen: Middelhoff will den angeschlagenen Konzern retten Zur Großansicht
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Vollmundige Versprechen: Middelhoff will den angeschlagenen Konzern retten

Middelhoffs Versprechen sind wie immer vollmundig: Er will den Karstadt-Konzern aus der Krise führen und von seinen Schulden befreien. Im Frühjahr 2005 verkündet er bestens gelaunt und frisiert, dass er fast alle Warenhausimmobilien verkauft hat - an eine Firma, die mehrheitlich der US-Investmentbank Goldman Sachs gehört. Von der muss Karstadt seine Häuser nun zurückmieten. Middelhoff hält das für eine prima Idee. "Wir haben das Warenhausgeschäft gedreht", sagt er - und meint damit wohl vor allem sich selbst. Zwei Jahre später wird KarstadtQuelle in Arcandor umbenannt.

Neuer Name, alte Probleme: 2007 tauft Middelhoff den Konzern in Arcandor um Zur Großansicht
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Neuer Name, alte Probleme: 2007 tauft Middelhoff den Konzern in Arcandor um

Aus dieser Zeit datieren auch die Vorwürfe, wegen der Middelhoff nun verurteilt wurde. Dabei geht es vor allem um seinen sehr großzügigen Umgang mit Firmengeldern. Weil Middelhoff seit Bertelsmann-Zeiten in Bielefeld wohnte und der Weg zur Arcandor-Zentrale in Essen über das häufig staugefährdete Autobahnkreuz Kamen führte, nahm Middelhoff etwa gerne mal den Hubschrauber. "Optimierung der zur Verfügung stehenden Zeit", nannten das seine Anwälte.

2008, als Karstadt längst taumelte und die Verkäuferinnen auf Teile ihres Gehalts verzichten mussten, verpulverte Middelhoff bei einer einzigen New-York-Reise 95.000 Euro.

Auch die Investoren, die Middelhoff lange auf seiner Seite hatte, verloren das Vertrauen in das einstige Wunderkind. Als Arcandor im Dezember 2008 Middelhoffs Ablösung ankündigte, schoss der Aktienkurs um mehr als zehn Prozent nach oben. Geholfen hat es trotzdem nichts. Im Juni 2009 meldete Arcandor Insolvenz an.

Retter vor dem Aus: Ende 2008 verkündet Arcandor Middelhoffs Abgang Zur Großansicht
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Retter vor dem Aus: Ende 2008 verkündet Arcandor Middelhoffs Abgang

Seitdem ist Middelhoffs Leben ein anderes. Ein Großteil seiner Zeit geht für Gerichtsverhandlungen drauf. Neben der Staatsanwaltschaft hat ihn auch eine ganze Reihe seiner ehemaligen Geschäftspartner verklagt.

Der einstige Liebling der Investoren ist zum Hassobjekt der normalen Bürger geworden. "Mein Bild in der Öffentlichkeit ist so schlecht, dass ich es kaum noch verändern kann", hat Middelhoff einmal gesagt.

Böse-Buben-Image: Middelhoff im Sommer vor dem Landgericht Zur Großansicht
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Böse-Buben-Image: Middelhoff im Sommer vor dem Landgericht

Mittlerweile spielt er deshalb mit seinem Böse-Buben-Image. Seinen Familienwohnsitz in Bielefeld hat er abgemeldet und ist ganz offiziell nach Saint-Tropez gezogen. Als er im Sommer wegen seiner "Liquiditätsprobleme" beim Gerichtsvollzieher erscheinen musste, verließ er das Gebäude nicht etwa über den Haupteingang, wo die Journalisten auf ihn warteten. Nein, er nahm ein Fenster, kletterte eine Dachrinne hinab und sprang auf ein Garagendach. "Wie eine Katze" sei er über das Dach geschlichen, erzählte er hinterher stolz. "Dann bin ich durch den Hinterhof fröhlich pfeifend zu einer Nebenstraße gegangen, habe mir ein Taxi gewunken und bin zu Gesprächen und Verhandlungen geflogen." So redet der selbstgefühlte James Bond unter Deutschlands Managern.

Das Urteil nahm Middelhoff am Freitag mit versteinerter Miene zur Kenntnis. Es gilt als wahrscheinlich, dass seine Verteidiger Revision einlegen. Richter Schmitt erließ am Freitag trotzdem schon mal Haftbefehl. Begründung: Bei Middelhoff bestehe Fluchtgefahr.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Aus der Kaderschmiede der Sozen
mps58 14.11.2014
Middelhoff ist neben Hartmut Mehdorn und Jürgen Schrempp der dritte sogenannte Topmanager aus der Kaderschmiede der Sozialdemokraten der Ära Schröder. Der Genosse der Bosse umgab sich eben gerne mit einer besonderen Spezies von Bossen.
2. merkwürdiges Urteil
vonhier 14.11.2014
Steuerhinterziehung. Aha, böse. Am Schlimmsten soll sein, das er irgendwie privat Privatjets und Hubschrauber genutzt hätte. Steuerhinterziehungen gehen für mein Verständnis ein Gericht etwas an. Aber überdimensionierte Hubschrauberfüge? Das ist Firmenintern und da ging das Gericht zu weit. Wie eine Firma ihr Geld ausgibt oder nicht, das hat ein Gericht nicht zu entscheiden, sondern eine Firma selbst. Ich finde das Urteil, so wie ich es verstanden habe, falsch. Mag sein, ich weiss nicht alles.
3. was soll
bescheuert 14.11.2014
den dieser Showprozess? Middelhoff hat nix anderes gemacht als seine Kollegen "Topmnager". Vorteile suchen für sich.
4. drei Jahre Haft
funatiker 14.11.2014
Was für ein hartes Urteil für jemanden, der ohne schlechtes Gewissen tausende Menschen ihren Arbeitsplatz zerstört hat und sich dabei schamlos bereichert hat. Mein Rechtsempfinden ist hier doch sehr gestört, wenn ich mir überlege, welche Strafe auf Bankraub steht...
5.
redwed11 14.11.2014
Zitat von bescheuertden dieser Showprozess? Middelhoff hat nix anderes gemacht als seine Kollegen "Topmnager". Vorteile suchen für sich.
Wenn das Handeln von Middelhoff gegen geltendes Recht verstößt, geht das der Justiz sehr wohl etwas an.
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