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Kommentar zum Middelhoff-Prozess: Der kleine Big T in uns allen

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Thomas Middelhoff ist zu drei Jahren verurteilt worden. Es geht um Extravaganzen auf Firmenkosten. Aber es geht auch um die gruseligen Dinge, die Macht mit Menschen macht.

Ex-Arcandor-Chef Middelhoff: Verteidigung fordert Freispruch Zur Großansicht
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Ex-Arcandor-Chef Middelhoff: Verteidigung fordert Freispruch

Es war nur ein kleines Experiment, aber es sagt viel über uns aus. 2003 ließen drei Psychologen Studententeams einen kurzen Aufsatz verfassen. Jeweils zwei der Teilnehmer schrieben, einer sollte die Leistung der anderen beiden bewerten. Nach 30 Minuten kam der Studienleiter hinein und brachte einen Teller mit Keksen. Vermeintlich zur Stärkung, tatsächlich aber als Teil des Experiments. Die Aufzeichnung zeigte: Die Leistungsbewerter, also quasi die Vorgesetzten in dieser Situation, griffen nicht nur rücksichtslos nach den letzten Keksen, sondern krümelten auch besonders ungeniert herum. 30 Minuten in einer zufällig zugeordneten Führungsrolle hatten ausgereicht, um ihren Wertekompass zu verändern.

Macht macht etwas mit Menschen. Das zeigt dieses kleine Experiment. Bereits kleinste Ansätze von Autorität über andere Menschen lassen uns rücksichtsloser werden und erzeugen die Illusion, über den Regeln zu stehen. Und je länger jemand Macht hat, desto größer ist die Gefahr, dass sie ihn deformiert. Mit dem gierigen Griff nach den letzten Keksen fängt es an. Und am Ende lässt man sich auf Firmenkosten per Helikopter zur Arbeit fliegen - weil man ganz selbstverständlich glaubt, das stünde einem zu.

Heute ist das Urteil gefallen im Prozess gegen den ehemaligen Karstadt-Chef Thomas Middelhoff, genannt "Big T". Die Hubschrauberflüge ins Büro sind nur einer der Vorwürfe, die ihm nun drei Jahre Freiheitsstrafe eingebracht haben.

Es fällt leicht, sich über die Maßlosigkeit des ehemaligen Bertelsmann-Chefs zu erheben und Schadenfreude zu empfinden über seinen tiefen Fall. Doch tatsächlich steckt in uns allen ein kleiner "Big T". Und niemand kann wissen, wie groß er wird, wenn man uns Macht in die Hand gibt. Das muss nicht immer gleich Macht über Millionensummen oder Tausende von Mitarbeitern sein. Oft reicht für Machtmissbrauch bereits das kleine bisschen Einfluss, das wir auf unseren Partner, unsere Kinder oder auch nur unseren Hund haben.

Wahrscheinlich fasziniert uns der tiefe Fall von Thomas Middelhoff auch deshalb so sehr, weil wir dabei in den Abgrund schauen, der in vielen Menschen dräut.

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Der ehemalige Bertelsmann- und Karstadt-Chef ist wegen Untreue verurteilt worden, unter anderem geht es um Hubschrauberflüge auf Firmenkosten. Mal ehrlich: Hätte Ihnen das auch passieren können?

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Manager sollten Schachspielen können!
Oliver Barckhan 14.11.2014
Natürlich ist die Situation von Schachspielern nur eingeschränkt Vergleichbar mit der Entscheidungsituation von Managern. Allerdings ist nun der Perspektiv-Wechsel in jeder Situation, sei es in Konkurrenz oder Kooperation mit anderen konstituierend für das, was uns zum Menschen macht. Zu antizipieren, wie sich der andere verhält, wenn ich diesen oder jenen "Zug" mache, plane und vorausdenke, kann nicht genug geübt werden. Ebenso wie Gewinn und Misserfolg. Das Entscheidende ist jedoch, dass alle Spieler sich auf gemeinsame Regeln geeinigt haben und diese nicht verletzten. Unternehmenslenker, wenn sie denn noch selber denken und nicht von Unternehmensberatern umstellt, sich dem betreuten Denken anvertraut haben, sind dagegen sehr kreativ im Erfinden von Regeln, nach denen sie andere tanzen lassen, nur sie selbst eben nicht. Dieses fundamentale und globale Problem gehorcht nicht den (Schach)regeln. Wenn sich Unternehmer als schachspielende Strategen präsentieren, sollte sie sich eben an die Regeln der Menschlichkeit und an die Gesetze halten. Das Gegenbeispiel: TM, Mister Middelhoff. Wenn unser globales Rechtssystem nur mehr Unternehmenslenker von dieser Spielart rechtzeitig einfangen und bestrafen würde. Schlage vor, dass die Redakteure von Spiegel Online mit ihren Printkollegen zusammenlegen und Thomas Middelhoff ein Schachspiel schenken, damit er die wichtigen Regeln während seiner Haft einüben kann. Wenn er dann irgendwann glaubhaft machen kann, dass er auf gesunde Weise bereut und ein besserer Mensch geworden ist, sollte man ein Benefiz-Schachturnier zur Wiederbeschaffung seiner Armbanduhr veranstalten, was ihm dann noch aufzeigt, dass man wertvolle Zeit nicht exklusiv kaufen kann. Spieregeln sind für alle da.
2. Danke für diesen Artikel
stadtmöwe 14.11.2014
Das ist, soweit ich das erinnere, das erste Mal das in einem SPON-Artikel auf diese Weise dazu angeregt wird, das eigene Verhalten zu erkennen und es kritisch zu überprüfen. Da wünsche ich mir viel mehr davon!!! Im Kleinen kann ich den Middelhoff in mir entdecken. Manches von dem Verhalten, dass auch ich mir erst erlaubt habe, nachdem ich in gewisse Machtpositionen gelangt bin, finde ich sogar gut und würde mir wünschen, dass auch andere Menschen diese Selbstverständlichkeiten des Seins genießen. Andere Verhaltensweisen bei mir sind aber überheblich und dadurch trennend. Und auf diese werde ich in den kommenden Tagen vermehrt achten. Danke! Die Fragen der Umfrage passen allerdings (wie so oft) noch nicht so recht (in diesem Fall zum Prozess der Selbst-Erkenntnis), da könnten Sie noch passendere Fragen auswählen.
3.
D_v_T 14.11.2014
Da steht im Artikel, dass Macht korrumpiert, und zwar auch im Experiment mit " zufällig zugeordneter Führungsrolle". Also deutet das Experiment, wie übrigens auch andere Studien, darauf hin, dass prinzipiell jeder Mensch durch die Umstände so verändert wird, wie er es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Und dann gibt es eine Umfrage, in der man abstimmen soll ob man auch so handeln würde? Das konterkariert doch alles zuvor geschriebene.
4. Farce
nomadas 14.11.2014
Der Körper lügt nicht, im Gegensatz zum Geist! Sein Gesicht, diese Visage, ist die Inkarnation des gegenwärtigen Postwachstumskapitalisten, vom ganz alten Schlag. Nur Nonnenmacher kann in seine Nähe rücken. Diese Ausgeburten an Arroganz und Machtgeilheit sind es letztlich, die dieses System ruinieren. Im Zweifel für den Angeklagten wird es wohl heißen. Alles hat seinen Preis. Für die Menschen einmal mehr: Große lässt man gehen, Kleine hängt man. Adieu jolie Demokratie!
5. Herr Rickens irrt...
Buggybear 14.11.2014
Die Schadenfreude resultiert nicht wegen der Helikopterflüge, sondern weil Herr Middelhoff es nicht geschafft hat Werte zu schaffen, weder für die Eigentümer, für die er gearbeitet hat, noch für die Angestellten, noch nicht einmal für sich selbst oder seine Amigos, obwohl er sich große Mühe gegeben hat sich selbst auf Kosten von Karstadt zu bereichern. Dass diese Arroganz der Unfähigkeit einmal bestraft werden kann, macht den Vorgang so beachtenswert. Und so dient er als episches Beispiel, wie man es nicht machen sollte.
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