Ex-Arcandor-Chef vor Gericht: Middelhoffs Mission Ehre

Von , Essen

Dieser Auftritt! Beim Prozess gegen Thomas Middelhoff war nur einer der Star: Thomas Middelhoff. Der Ex-Arcandor-Chef soll in 49 Fällen private Kosten dienstlich abgerechnet haben. Er bestreitet das - lächelnd, geduldig, eloquent.

Thomas Middelhoff ist ein Mann, der größer wirkt, als er ist: kerzengerade Körperhaltung, gemessene Bewegungen. Immer telegen. Wie er dasteht vor dem Pulk der Kameras, da spürt man, wie viel Übung dazugehört - und wie viel davon er hat. Er gestikuliert pastoral, sein Lächeln ist warm, sein Teint gebräunt, die Zähne perfekt. Am Dienstag zeigt der Ex-Arcandor-Chef sie erst minutenlang für die Kameras. Und später dann in anderer Hinsicht.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Auf 32 Termine ist das Verfahren angesetzt, schon am ersten Tag wird noch einer draufgelegt. Ein gewaltiger Aufwand für den letztlich kleinsten Aspekt rund um all die Dinge, wegen derer gerade gegen Middelhoff prozessiert wird.

Zuerst kommen die 110 Minuten des Staatsanwalts. So lange dauert es, die Anklageschrift zu verlesen. In 49 Fällen soll Middelhoff mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Arcandor Reisekosten abgerechnet haben, die "dienstlich nicht angezeigt" waren, wie die Staatsanwaltschaft wiederholt formuliert.

Gipfel der Profanität

Reisekosten? Middelhoff lächelt milde, nur manchmal schüttelt er ganz leicht den Kopf. Seine Haltung bleibt entspannt, das Lächeln milde. Körpersprachlich heißt das: Was sind das für Vorwürfe? Wie kommen die da nur drauf? Und: Denen werde ich gleich ganz geduldig erklären, wo sie falsch liegen. Überall, natürlich.

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Ex-Arcandor-Chef Middelhoff: "Du hast dir nichts vorzuwerfen"
Man versteht das sogar. In der Welt der Abermillionen und Milliarden, in der sich Middelhoff so lang bewegte, wirken viele der Vorwürfe geradezu kleinlich: 700 Euro da, 2500 Euro hier, 20.000 da und 90.000 dort - mal ließ Middelhoff für Geschäftsfreunde ein paar Flaschen Wein springen, mal soll er nach New York geflogen sein, um da einer seiner zahlreichen Nebenbeschäftigungen nachzugehen. Zwei, drei Mal soll er großzügig zur Sause in Saint-Tropez eingeladen haben, "Nightlife in fetziger Kleidung" zum Ausklang inklusive.

Oder dieser Gipfel der Profanität: Da hält man ihm nun die Kosten für die Hubschrauberflüge zur Arbeit vor, mit deren Hilfe er so viele Staus vermied. Als Arbeitnehmer hätte er, wie jeder Schlosser weiß, den Einsatz des Heli für den Berufspendelweg selbst bezahlen müssen und die Kosten über die Steuerklärung absetzen können - freilich nur bis zur autoüblichen Pauschale.

Dagegen, dass man ihm die Finanzierung eines Symposiums und einer Festschrift für seinen Ex-Chef Mark Wössner bei Bertelsmann vorwirft, verwehrt er sich mit dem Gestus des beleidigten Ehrenmanns: Wössner adäquat zu ehren, stellt er als eine Art gesellschaftliche Pflicht dar, da dessen Ex-Konzern das doch so schändlich vernachlässigt habe. Außerdem habe er die sechsstellige Summe für die Wössner-Geschichte bei Arcandor zwar zunächst dienstlich abgerechnet, aber doch privat bezahlen wollen. Perfide, dass man ihn anschwärzte, bevor er dazu kam.

Middelhoff sieht sich als Opfer medialer Fehlbehandlung

Alles nur Kleinkram also? Alles nur Intrigen? Insgesamt geht es immerhin um etwas mehr als eine Million Euro: Vieles klingt, als hätte sich da einer an Ressourcen bedient, als gehörten sie ihm, und Dienst und Schnaps nicht mehr getrennt. Andererseits: Muss ein Vorstandsvorsitzender wirklich Kosten anteilig übernehmen, wenn er Geschäfts- und private Termine kombiniert?

Es wirkt wie Erbsenzählerei. "Ohne die Planinsolvenz von Arcandor", sagt Middelhoff, als er dann zu Wort kommt, "hätte es diesen Prozess nie gegeben."

Es ist ein inhaltschwerer Satz, der einen Vorwurf transportiert, ohne ihn noch aussprechen zu müssen: Er unterstellt, dass es letztlich um Rache mit formaljuristischen Mitteln gehe. Um eine kleinliche Retourkutsche - wofür auch immer.

Und dann hebt er an zu einem Angriff, der klarmacht, wie seine Verteidigung aussehen wird: Middelhoff sieht sich als Opfer gezielter Indiskretionen, die von sensationslüsternen Medien - SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE nennt er namentlich - teils schon öffentlich gemacht worden seien, bevor er selbst davon erfahren habe. Was natürlich voraussetzt, dass er selbst als Täter nicht beteiligt war an den Dingen, die er da erfuhr.

Middelhoff tadelt die Medien, indem er die Reporter vor Ort direkt ansieht, sich an sie wendet. Und dann er erklärt er der Welt, warum er den ganzen Prozess und "das Verhalten der Staatsanwaltschaft (…) mir und meiner Familie gegenüber" als "nicht akzeptabel" empfindet: Er sieht sich "vorverurteilt", das Verfahren als "Ergebnis einer uferlosen Tätigkeit der Staatsanwaltschaft".

"Thomas rettet die Welt"

Und dann beginnt er, entschieden um seinen Ruf zu kämpfen, wie er das einleitend nennt: Zwei Stunden lang legt er seine Sicht der Dinge dar. Erzählt von seiner Herkunft, seiner Familie, seiner tiefen Verwurzelung im Katholizismus. Von seiner Karriere und seinen Erfolgen, die ganze Konzerne und die Wirtschaftswelt verändern, Geschichte schreiben. Alles ist gut, wo Middelhoff wirkt, und auf den Chefsessel der Arcandor-Holding, zu der Karstadt und Quelle gehörten, muss man ihn regelrecht tragen: Lang habe er gezögert und gezaudert, eigentlich gar nicht gewollt. Am Ende aber habe er eingesehen, dass er diesen Job tun müsse, um den Konzern zu retten, denn eine Alternative zu ihm, Middelhoff, gab es damals einfach nicht.

"Thomas rettet die Welt", flüstert da einer im Publikum, und wirklich: Es ist, als erhasche man einen Blick in die Welt der Meister des Universums. Fehler habe er auch gemacht, gibt Middelhoff zu, aber nicht die, die man ihm vorwirft: "Mit mir hätte es eine Planinsolvenz von Arcandor nicht gegeben."

Sprich: Den Mist, der den einst so mächtigen Konzern zu seinem heutigen, kümmerlichen Rest krümeln ließ, hätten seine Nachfolger verbockt. Nicht er, nicht Middelhoff.

Und dann beginnt er doch noch, zu den konkreten Anklagen Stellung zu nehmen. Alle aufgeführten Fälle weist er weit von sich. Und erklärt die paar Mal, die er in New York mit dem US-Medienmanager Barry Diller auf ein Käffchen ging, als Verhandlungen in Sachen Arcandor: Geredet habe man ja nur über den Kauf des Shoppingsenders HSE24.

Natürlich ist es gut möglich, dass Middelhoff für viele Vorwürfe eine Erklärung finden wird. Vorgezeichnet ist aber auch, dass er diese Essener Verhandlung, bei der es eben nicht um riesige Millionensummen, Insolvenzen und zerstörte Existenzen geht, für sein Projekt Ehrenrettung nutzen wird.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Die Arcandor-Putzfrau fliegt, ...
mercutiool 06.05.2014
... sobald sie eine Klorolle mitgehen lässt - berechtigterweise. Letztlich ist auch der Geschäftsführer "nur" Angestellter seines Unternehmens. Zählen für ihn dieselben Maßstäbe? Nach allem, was man in der freien Wirtschaft erlebt (auch in wesentlich geringerem Umfang), ist das nicht der Fall. Warum also sollte der gute Thomas nicht freigesprochen werden? Das ist es, was mich um den Schlaf bringt, wenn ich in der Nacht an Deutschland denke.
2. optional
52er 06.05.2014
Nur sehr oberflächlichen Mitmenschen kann Middelhoff imponieren. Es genügt eben nicht den Smartie zu spielen,es genügt nicht arrogant und überheblich zu sein, es genügt nicht große Reden zu halten und viel Schaum zu schlagen. Es reicht auch nicht über 1,90 oder vergleichsweise breit zu sein. Menschen die genauer hinschauen erkennen wieviel heiße Luft in so einem perfekt sitzenden Anzug stehen kann. Mit viel heißer Luft wird heute -leider- die Welt gemacht. Hoffen wir, dass in diesem Prozess genügend Menschen sitzen, die hinter die Fassade blicken und berechtigte Ansprüche endlich abgegolten werden können. Dann ist auch aus diesem Anzug die Luft raus.
3. Kein Thema
ITALOMASTER 06.05.2014
Der ehrenwerte Herr kann ja gern aus seinem ganz eigenen Koordinatensystem fabulieren, die Frage ist nur, wie viel man ihn lässt bzw. inwieweit man das Ernst nimmt / miteinbezieht. Das Foto korrespondiert für mich sehr gut mit dem, was er da von sich gibt. Meine Gefühle aus der Bauchgegend dazu möchte ich nicht in Worte kleiden.
4. Seine Ehre ...
Sangit raju 06.05.2014
... könnte er sicherlich wieder herstellen... Dazu sollte er ein - zugegebenermaßen fiktives - Urteil akzeptieren: 1.000 Sozialstunden in einer sozialen Einrichtung... Kein Altenheim oder Pflegeheim (ist schon von Berlusconi besetzt), sondern eher in einer richtig knackigen stationären Jugendhilfeeinrichtung (männliche Jugendliche ab 14 Jahren)... Demutsempfindungen wäre so spätestens nach drei Tagen garantiert...:-) Fiktion.... Nur Fiktion...
5. Interessant
Idinger 06.05.2014
Zitat von sysop..... Auf 32 Termine ist das Verfahren angesetzt .....
dass die bayerische Justiz offenbar viel effizienter arbeitet, wenn sie in allerkürzester Zeit ein Strafverfahren gegen einen (Fußball)Manager mit ungleich größerem finanziellen Schaden endgültig beenden kann.
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