Essen - Das juristische Tauziehen um die Arcandor-Pleite geht in die nächste Runde: Nachdem das Essener Landgericht bei Ex-Vorstandschef Thomas Middelhoff in einem Fall "schuldhafte Pflichtverletzungen" feststellte, will der ehemalige Manager nun selbst klagen.
Middelhoffs Rechtsanwalt Winfried Holtermüller kündigte nach dem Urteil umgehend Berufung an, zudem will Middelhoff mit einer eigenen Schadensersatzklage gegen den früheren Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg vorgehen: "Gemessen an den 175 Millionen Euro, die Herr Görg mal einklagen wollte, sind seine Forderungen geschmolzen wie Schnee in der Sonne", sagte Middelhoff der "Bild"-Zeitung. "Der ganze Prozess entlarvt sich als Rufmord-Kampagne, wir werden auf Schadensersatz klagen", so Middelhoff.
Middelhoff-Anwalt Holtermüller nannte die Urteilsgründe falsch. "Sie werden keinen Bestand haben", so der Rechtsanwalt. Insolvenzverwalter Jauch wertete den Umstand, dass das Gericht schuldhafte Pflichtverletzungen erkannt habe, dagegen als "Meilenstein". Er wisse aber auch, dass bis zu einer möglichen Zahlung noch zehn Jahre vergehen könnten. Ein Sprecher der Insolvenzverwaltung wollte sich zunächst nicht zu Middelhoffs Vorwürfen äußern. Man werde die schon mehrfach angekündigte Klage "in Ruhe" anschauen.
Der Insolvenzverwalter Jauch hatte Middelhoff und zehn weitere Ex-Vorstände und Ex-Aufsichtsräte der Warenhauskette ursprünglich auf Zahlung von 175 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Jauch sah fünf Verkäufe von Karstadt-Immobilien an den Oppenheim-Esch-Fonds im Jahr 2005 als wirtschaftlich nachteilig für das Unternehmen an. Das Essener Landgericht erkannte aber nur im Falle des Verkaufs des Wiesbadener Karstadt-Hauses eine "schuldhafte Pflichtverletzung", die Manager hätten es unterlassen, die Überschreibung des Warenhauses an einen Immobilienfonds zu verhindern.
Middelhoff ist demnach zu Schadensersatz verpflichtet - in welcher Höhe, steht aber noch nicht fest. Das Grundurteil muss nun vom Oberlandesgericht Hamm erst überprüft werden. Folgen die Richter dort in ihrer Entscheidung dem Landgericht Essen, muss dieses dann in einem nächsten Schritt über die konkrete Schadenshöhe entscheiden. Dies könne noch Jahre dauern, sagte Richterin Pohlmann. Insolvenzverwalter Jauch bezifferte den Schaden im Fall Wiesbaden anhand von zwei Wirtschaftsprüfer-Gutachten auf 30 bis 46 Millionen Euro beziffert.
Der frühere Bertelsmann-Manager Middelhoff hatte 2005 den Chefposten bei Arcandor übernommen. Vier Jahre später musste er nach einem Jahresverlust von einer Dreiviertelmilliarde Euro gehen. Wenige Monate später stellte Arcandor Insolvenzantrag. Allein bei Karstadt waren rund 25.000 Jobs in Gefahr. Inzwischen hat der Investor Nicolas Berggruen die Warenhaus-Kette übernommen.
lgr/dpa/dapd
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