Wohntrend Mikro-Häuser Vier Quadratmeter - reicht doch

Münchner wohnen am liebsten im schicken Altbau mit extrahohen Decken? Ach, was! Werbetexter Tommy Schmidt hat die hohen Mieten in Bayerns Hauptstadt satt - und zieht nun in ein vier Quadratmeter großes Gartenhaus.

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Küche, Badezimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Klingt wie eine relativ typische Wohnung. Oder? Alles viel zu viel, findet Tommy Schmidt. Der Münchner glaubt, dass er auf einen großen Teil dieser Fläche verzichten kann. Und das will der Performancekünstler gleich mal ausprobieren.

Am 11. Mai, wenige Tage vor seinem 55. Geburtstag, zieht Schmidt, im Brotberuf Werbetexter, in ein eigens dafür aufgebautes Gartenhaus im Innenhof seiner Agentur. Standort: Maxvorstadt, zwischen Schwabing und Hauptbahnhof. Fläche: vier Quadratmeter. Ausstattung: Bett, Kommode, Teppich, Lampe. Bloß kein Schnickschnack.

"Die Wohnungssuche ist sehr schwierig in München", sagt Schmidt. "Teuer, und selbst, wenn man es bezahlen kann, kriegt man nicht, was man braucht." In einem YouTube-Video zu seiner Aktion "Mei sweet Hoam" ergründet er, worauf er eigentlich auch verzichten könnte.

"Die meisten Grundfunktionen - außer Schlafen - lagere ich aus", sagt Schmidt. "Externalisierung" nennt er sein Konzept. Das geht so: Als erstes streicht er die Küche. "Ich koche nicht so oft, so lecker ist es auch nicht. Also gehe ich jeden Tag essen. Ein Wohnzimmer brauche ich nicht, meine Freunde treffe ich in der Sportsbar. Badezimmer? Brauche ich nicht. Duschen kann ich im Fitness-Studio." Schließlich spare er jetzt viel Miete. "Über 1000 Euro, wenn ich jetzt nur vier Quadratmeter habe, im Gegensatz zu einer normalen Wohnung."

Als Projekt gegen die Gentrifizierung will Schmidt sein Projekt aber nicht verstanden wissen. "Es ist keine Protestaktion. Sondern es ist vielmehr die Anregung, mal kreativ mit so einem Mangel umzugehen." Schließlich wohnen die Leute freiwillig in München, betont er: "Ich auch."

Im Deutschland-Ranking der Mietpreise hängt München schon seit Jahren alle anderen Städte ab. Aktuell liegt der durchschnittliche Mietpreis pro Quadratmeter dort bei 15,20 Euro und damit rund 24,5 Prozent über dem in der Stadt Stuttgart, die mit 12,21 Euro auf Platz zwei der Rangliste steht.

Für eine Share Economy des Wohnens

Vor allem geht es dem Performancekünstler bei seiner Aktion darum, die eigenen Bedürfnisse zu überdenken. Im Zeitalter des Sharing teile man sich schließlich auch Autos und alles mögliche. "Wie kann man denn, wenn man sich zum Beispiel auf Gemeinschaftsküchen einlässt, das Wohnen neu ordnen?", fragt er. Die Antwort darauf dürfte hierzulande nicht leicht zu finden sein. Denn viele Deutsche sind eher noch nicht bereit, sich für eine Kultur des Teilens zu öffnen, wie eine Umfrage für SPIEGEL ONLINE zuletzt ergeben hat.

Die Suche nach alternativen Wohnformen, wie Tommy Schmidt sie anregt, hat auf angespannten Mietmärkten einige Tradition. Ein Beispiel für eine Kleinstimmobilie, die weit über die bayerische Hauptstadt hinaus Furore macht, ist das sogenannte Mikrohaus, das "micro compact home". Sieben davon stehen direkt am Englischen Garten, in dem nach seinem Sponsor benannte Studentendorf "O2 Village" auf einem Gelände des Münchner Studentenwerks.

Dessen Geschäftsführer Dieter Maßberg lud 2001 eine Projektgruppe um den britischen Architekten Richard Horden dazu ein, Mini-Häuser zu entwerfen. 2005 war das Ergebnis da: eine sieben Quadratmeter große Wohneinheit, in der ein bis zwei Personen temporär wohnen können - etwa, solange sie auf Wohnungssuche sind. 150 Euro Monatsmiete zahlen Studenten, die in den Mikrohäusern leben - bis heute. Damit ist es vergleichsweise günstig, in dem Würfeldorf zu wohnen, wie ein Blick auf die Mietpreisliste des Studentenwerks zeigt.

Ein Mikrohaus als Studentenwohnung, das ist nur der Anfang - wenn es nach Horden geht. Der Architekt wünscht sich, dass das Kleinsthaus noch für viele andere Bedürfnisse eingesetzt wird. Am liebsten würde er es daher in Kooperation mit einem Automobilhersteller in Serie produzieren, auch um die Kosten zu senken. Wie sich etwa mehrere Wohneinheiten raumsparend auf ein Stahlgerüst stapeln lassen, zeigt ein Modell in der Fotostrecke. Außerdem kann Horden sich vorstellen, dass einzelne Mikrohäuser als Wohnstätte für Sportler dienen könnten oder als Hütte in den Bergen. Generell an allen Orten, an die ein kleines Haus passen würde, "ohne der Natur zu schaden", betont er. Denn das ist Hordens wichtigstes Prinzip.

In der Zeit, in der er in München gelehrt hat, hat Horden das Studentendorf gemeinsam mit seiner Projektgruppe selber bewohnt. Das Leben im Mikrohaus ist ganz auf Nachhaltigkeit und Sparsamkeit ausgerichtet. "Wir haben gelernt, weniger Wasser zu verbrauchen und weniger Müll zu produzieren, der ganze Lifestyle ändert sich", erzählt Horden. "Das ist natürlich wichtig für die Zukunft: dass wir nicht dem Konsum frönen."

"Das kleinste Apartment in Amerika"

So wurde das "micro compact home" schließlich in einer Architektur-Ausstellung im Museum of Modern Art (Moma) in New York ausgestellt. In einer Stadt also, in der die Wohnungsknappheit besonders groß ist. Auch in Manhattan versuchen sich viele New Yorker darin, kleine Räume kreativ zu nutzen. Etwa Luke Clark Tyler. Wie er das macht, zeigte der selbständige Designer jüngst im Kanal Spaces-TV in einem Video mit dem Titel "Das kleinste Apartment in Amerika".

Das Video von Tylers Kleinstwohnung, mit 78 Quadratfuß ebenfalls nur rund sieben Quadratmeter groß, erzeugte ein enormes Echo. Fortan war der Amerikaner in den US-Medien bekannt als "der verrückte Junge, der in New York's kleinstem Apartment lebt". Tyler zeigt in dem Video, wie er gelernt hat, sein Mini-Studio bestmöglich zu nutzen - vom Spiegel, der den Raum größer erscheinen lassen soll, bis zum Mini-Handtuch in seinem Schrank, in dem auch die Mikrowelle steht.

München, New York, Paris, Peking, Hongkong: In vielen Städten der Welt ist der Raum knapp, und die Mieten sind hoch. Deshalb suchen vielerorts Künstler, Architekten, Designer und auch Einwohner nach Lösungen, wie Menschen auf wenigen Quadratmetern leben können. Weitere Beispiele finden Sie in der Fotostrecke.

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
schgucke 24.04.2015
1. jeden Tag essen und duschen gehen
erinnert mich ein bisschen an Udo Lindenberg. aber der schläft sogar auswärts
c218605 24.04.2015
2. Wer's glaubt
Alleinstehend mit Sondennahrung, Blasenkatheder und Stomabeutel gehts vielleicht eine Weile sogar gut trotz Halluzinationen bei Platzangst.
kismet56 24.04.2015
3. Die Idee an sich ist gut
Ich wünsche viel Erfolg, aber ob ihm das auf Dauer gefällt, bleibt abzuwarten?
CT.Bauer 24.04.2015
4. 2 Knackpunkte:
Toilette ist der erste, und der zweite ist die deutsche Verwaltung. Versuchen Sie mal, Sich an einem solchen Wohnsitz anzumelden! Alleine daran scheitert´s schon. Das gleiche Problem haben die, die ihre Zelte hier abbrechen wollen, und mal einige Zeit mit einem Wohnmobil unterwegs zu sein.
galbraith-leser 24.04.2015
5. Wohngemeinschaften statt Mikrohäuser
Ein kleines Beispiel aus dem Haus, in dem ich München zur Miete wohne zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Hier leben mehrere ältere (zum Teil sehr alte) Damen alleinstehend in riesigen 3-5-Zimmer-Wohnungen. Die sind unrenoviert und die Mieter (Erben) sind sozial genug, die Mieten nicht zu erhöhen. Zwei sind mittlerweile im Altersheim und nun teilen sich 4 bis 5 junge Leute in Wohngemeinschaften die sanierten Wohnungen, die vorher nur von einer Person genutzt wurden. Mich würde interessieren, in wie vielen Häusern in München und anderen Großstädten das der Fall ist. Die große Single-Quote kommt ja nicht von den jungen sondern von den alten Menschen in Deutschland. Mein Vater lebt auch allein in einem Reihenhaus - allerdings unfreiwillig, da verwitwet. Es gibt auch in Großstädten sehr viel ungenutzten Wohnraum. Stattdessen werden allerorten hässliche und einfallslose Neubauten aus dem Boden gestampft und die Stadt immer weiter verdichtet, wie man das Zubetonieren euphemistisch umschreibt.
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