Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mikroalgen: Fressfeinde des Klimagases

Von Henning Zander

Die Energieriesen entdecken ihre Liebe für Algen und Einzeller, denn sie können CO2-Abgase aus Kohlekraftwerken kurzerhand fressen. Aus der Pflanzen- und Zellenpampe gewinnen die Konzerne Biosprit und Bausubstanzen. Das Potential ist groß - jetzt starten zahlreiche Forschungsprojekte.

CO2-Abgase: Mikroalgen gegen den Klimawandel Fotos
AP

In den grünen Schläuchen wird gearbeitet. Gegen den Klimawandel. Mikroalgen sorgen dafür, dass die Abgase aus dem benachbarten Braunkohlekraftwerk Niederaußem etwas sauberer werden. Sie ernähren sich vom CO2, das in den Gasen enthalten ist. Im Augenblick ist es nur ein Test des Energieversorgers RWE, der zusammen mit der Jacobs University Bremen und dem Forschungszentrum Jülich durchgeführt wird. Rund zwölf Tonnen CO2 binden die Mikroalgen pro Jahr.

Bezogen auf den vom WWF geschätzten Gesamtausstoß des Kraftwerks von 27 Millionen Tonnen ist das verschwindend wenig. Und dennoch will sich Projektleiter Laurenz Thomsen, Professor an der Jacobs University, nicht entmutigen lassen. "Noch sind wir in der Testphase. Das Modell kann aber in Zukunft für kleinere Kraftwerke durchaus interessant sein und dort einen substantiellen Anteil an der CO2-Reduzierung haben."

Die deutschen Energieversorger haben die biologische Abgasreinigung von CO2 für sich entdeckt. Nicht nur RWE erforscht das Potential der Technik. E.on Chart zeigen betreibt in Hamburg eine Testanlage, Vattenfall will ein ähnliches System im Juni in Brandenburg aufbauen. Viele Stadtwerke arbeiten ebenfalls an Lösungen.

Die Idee ist bestechend: Anstatt das CO2 einfach in die Atmosphäre zu blasen, wird es an die Algen verfüttert. Das Klima schonen und dabei noch etwas verdienen: Für die Versorger ist das ein reizvoller Gedanke. Doch ob er tatsächlich Realität wird?

Mittelfristig ist es günstiger, Verschmutzungsrechte zu erwerben

Noch ist die Energieausbeute gering. Mit der Technik von Niederaußem können maximal etwa hundert Tonnen Algenmasse pro Hektar und Jahr produziert werden. Dabei werden etwa 200 Tonnen CO2 aus den Abgasen gefiltert. Um wirklich einen Effekt zu erzielen, müssten die Algenkulturen neben durchschnittlichen Braunkohlekraftwerken also schon mehrere Quadratkilometer groß sein. Ob sich derart große Flächen in der Nähe von Kraftwerken in Deutschland finden lassen, ist ungewiss.

Günstig ist die Technik nicht: Pro Quadratkilometer sind rund 15 Millionen Euro Investitionskosten fällig. Zudem wird für den Betrieb der Anlagen wiederum Energie benötigt. Nach Thomsens Berechnungen liegt die Effizienz seiner Anlagen derzeit bei rund 75 Prozent. Um 100 Kilo CO2 zu absorbieren, müssen rund 25 Kilowattstunden Energie aufgewendet werden. Dies entspricht bei einem Braunkohlekraftwerk ungefähr 25 Kilogramm CO2.

Mittelfristig wird es für die Energieversorger billiger bleiben, Verschmutzungsrechte zu erwerben als CO2 über Algen aus den Abgasen zu filtern. Für eine Tonne CO2-Ausstoß hat RWE im vergangenen Jahr etwa 24 Euro bezahlt. Doch die Energieversorger sehen den Nutzen des Verfahrens nicht ausschließlich in der CO2-Verminderung - sie wittern eine günstige Rohstoffquelle.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Aus den Algen kann Bioethanol und Biodiesel hergestellt werden. Auch Baustoffe etwa für die Wärmedämmung sind denkbar. In der chemischen Industrie finden sich ebenfalls Einsatzmöglichkeiten

So stehen für das aktuelle Pilotprojekt von Vattenfall in Brandenburg am Heizkraftwerk Senftenberg denn auch Erkenntnisse über eine mögliche Weiterverwendung der Algen im Vordergrund. Beim Konzern wird über Futterergänzungsmittel bis hin zu Lieferungen an die chemische Industrie nachgedacht.

Weniger wichtig wird die Umwandlung in Biotreibstoffe angesehen. Bisher können die Algen auf diesem Gebiet nicht mit den anderen Biomasseträgern konkurrieren. Raps, Zuckerrohr und ähnliche Rohstoffe sind schlicht billiger zu haben.

Dabei wäre das Potential der Algen auf diesem Gebiet enorm: Pro Jahr kann auf derselben Fläche bis zu 20-mal mehr Biomasse erzeugt werden als mit herkömmlichen Pflanzen. Zudem verdrängen die Algen keine Nahrungspflanzen. Auch der Wasserverbrauch spricht für sie. Sie müssen nicht mit kostbarem Süßwasser gegossen werden, sondern fühlen sich in Salzwasser pudelwohl. Deshalb wird weiter in die Erforschung der Algen investiert.

Auch Einzeller sind CO2-Fresser

Die Potentiale sind damit noch nicht ausgeschöpft: Bald könnten noch andere Kleinstlebewesen in der CO2-Bekämpfung für Furore sorgen. Acidianus ambivalens beispielsweise. Der Einzeller lebt als bräunlich glitschiger Bewuchs im für sein Heilwasser bekannten Kochbrunnen gegenüber vom hessischen Landtag.

Viel mehr als etwas Schwefel und CO2 braucht Acidianus ambivalens nicht zum Leben. Außerdem fühlt er sich auch bei Temperaturen von rund 80 Celsius noch ganz wohl. Es sind diese Eigenschaften, die die Biotechnologiefirma Brain aus Zwingenberg in Hessen auf den Einzeller aufmerksam werden ließen.

Brain ist im Auftrag von RWE auf der Suche nach Mikroorganismen, die gegenüber Algen eine Alternative darstellen könnten. Denn während Algen nur an der Wasseroberfläche am Licht richtig gedeihen, was einen enormen Flächenverbrauch zur Folge hat, kommen Organismen wie Acidianus ambivalens auch im Dunkeln ganz gut klar. Bioreaktoren mit dem Einzeller könnten damit von einer ganz anderen Dichte an Lebewesen bevölkert sein. Deren vorderster Lebenszweck besteht darin, CO2 zu verzehren.

Neben dem Einzeller kämen noch rund 60 weitere Organismen dafür in Frage. Sie alle können nicht nur CO2 binden, sondern produzieren sogar für die Chemie interessante Substanzen. Noch hapert es an der Leistungsfähigkeit. Brain will diese mit genetischen Veränderungen weiter steigern. Die Kooperation mit RWE ist auf drei Jahre angelegt. Ziel sei es in dieser Zeit eine erste Pilotanlage am Braunkohlekraftwerk Niederaußem aufzubauen, sagt Martin Langer, zuständig bei Brain für die Unternehmensentwicklung. Hier ließe sich testen, wie effektiv die Organismen beim CO2-Abbau arbeiten. Und ob sie die richtige Waffe im Kampf gegen das Klimagas sind.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klimagas?
rockstar500 02.05.2010
Alle Pflanzen können CO2 "fressen" ?!?
2. CO2 - Klimagas????
paml1983 02.05.2010
Zitat von sysopDie Energieriesen entdecken ihre Liebe für Algen und Einzeller, denn sie können CO2-Abgase aus Kohlekraftwerken kurzerhand fressen. Aus der Pflanzen- und Zellenpampe gewinnen die Konzerne Biosprit und Bausubstanzen. Das Potential ist groß - jetzt starten zahlreiche Forschungsprojekte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688670,00.html
---------------------------------- Ist ja hochinteressant. Das ach so gefährliche "Klimagas" CO2 kann von Algen (und anderen Pflanzen) gefressen werden. Man nennt das auch "Photosynthese" - Umwandlung von CO2 durch Pflanzen in Sauerstoff! Aber für einfache biologische Zusammenhänge, wie den Ursprung allen Lebens - da fehlt halt das "journalistische Wissen". Dazu ist wohl nicht mehr zu sagen.....?
3. Titel dich selber
RicmanX 02.05.2010
Zitat von rockstar500Alle Pflanzen können CO2 "fressen" ?!?
Das Verhältnis von Gas zum Pflanzenvolumen ist ein ganz anderes. Es sind sogesehen Dickerchen die sich zu Tode fressen und man deren Fett dann als Ausgangsstoff für was anderes nimmt .. also nicht weiter schlimm dass sie umkommen. Zudem kommt da nicht nur Sauerstoff bei raus. Und je nach Pflanze braucht man kaum Licht, dafür mehr Wasser - oder sie fressen Schwefel gleicht mit (produzieren Menschen ganz gerne) etc. Breite biologische Vielfalt, aus der es auszuwählen gilt.
4. Sachliche Fehler
pulegon 02.05.2010
---Zitat--- In den grünen Schläuchen wird gearbeitet. Gegen den Klimawandel.[...] Rund zwölf Tonnen CO2 binden die Mikroalgen pro Jahr. [..] Gesamtausstoß des Kraftwerks von 27 Millionen Tonnen.[..] Aus den Algen kann Bioethanol und Biodiesel hergestellt werden.[..] ---Zitatende--- Wenn ich CO2 in Biomasse binde und diese dann wieder verfeuere, habe ich kein CO2 eingespart... ich habs nur wo anders wieder rausgelassen. ---Zitat--- Mit der Technik von Niederaußem können maximal etwa hundert Tonnen Algenmasse pro Hektar und Jahr produziert werden. Dabei werden etwa 200 Tonnen CO2 aus den Abgasen gefiltert. ---Zitatende--- und wo bleiben die anderen 100t ? ---Zitat--- Günstig ist die Technik nicht: Pro Quadratkilometer sind rund 15 Millionen Euro Investitionskosten fällig. Zudem wird für den Betrieb der Anlagen wiederum Energie benötigt. Nach Thomsens Berechnungen liegt die Effizienz seiner Anlagen derzeit bei rund 75 Prozent. Um 100 Kilo CO2 zu absorbieren, müssen rund 25 Kilowattstunden Energie aufgewendet werden. Dies entspricht bei einem Braunkohlekraftwerk ungefähr 25 Kilogramm CO2. [..] Dabei wäre das Potential der Algen auf diesem Gebiet enorm: Pro Jahr kann auf derselben Fläche bis zu 20-mal mehr Biomasse erzeugt werden als mit herkömmlichen Pflanzen. Zudem verdrängen die Algen keine Nahrungspflanzen. ---Zitatende--- Potenzial bei den Kosten und dem Aufwand? ---Zitat--- Auch Einzeller sind CO2-Fresser ---Zitatende--- Algen können ebenso Einzeller sein. Wie wärs mit Autotrophe? ---Zitat--- Die Potentiale sind damit noch nicht ausgeschöpft: Bald könnten noch andere Kleinstlebewesen in der CO2-Bekämpfung für Furore sorgen. Acidianus ambivalens beispielsweise.[..] Viel mehr als etwas Schwefel und CO2 braucht Acidianus ambivalens nicht zum Leben.Außerdem fühlt er sich auch bei Temperaturen von rund 80 Celsius noch ganz wohl. ---Zitatende--- Um genau zu sein braucht er wohl genauso viel Schwefel wie CO2, produziert dabei wahrscheinlich Schwefelsäure und wächst er noch bei Temperaturen unter 80°C?? ---Zitat--- Ziel sei es in dieser Zeit eine erste Pilotanlage am Braunkohlekraftwerk Niederaußem aufzubauen, sagt Martin Langer, zuständig bei Brain für die Unternehmensentwicklung. Hier ließe sich testen, wie effektiv die Organismen beim CO2-Abbau arbeiten. Und ob sie die richtige Waffe im Kampf gegen das Klimagas sind. ---Zitatende--- Hm ich würde sagen... nein? Nicht ohne eine gehörige Portion metabolic engeneering. Epilog Es ist ja schön und gut, das an soetwas geforscht wird, aber muss das immer gleich bedeutungsschwanger aufgeblasen werden? Es gibt immernoch genug Menschen die diese Phrasen beim Wort nehmen und hinterher wieder mit dem Fuß aufstampfen und von Betrug faseln. Langfristig werden wir unsere Grundchemikalien und auch unsere Treibstoffe im Fermenter ziehen, da zweifle ich nicht dran. Aber bis dahin vergehen noch mindestens 50 Jahre.
5. Um Himmels willen
brain1965, 02.05.2010
Was zunächst wissenschaftlich interessant klingt, ist lediglich der Versuch eine Steinzeittechnologie (das Verbrennen von Kohle) mit Hochtechnologie zu retten. Statt diesen teuren und ineffizienten Umweg zu gehen, sollte man lieber mächtig in die Erforschung von emissionsfreier Energieerzeugung investieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse und gebauten Anlagen bleiben dann nämlich auch langfristig sinnvoll.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



CCS: Kohlendioxid unter die Erde
Technologie
AP
Beim CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage) wird Kohlendioxid aus dem Abgas von Kohlekraftwerken abgeschieden, verflüssigt und unter der Erde eingelagert. Für die konkrete Umsetzung der CO2-Sequestrierung gibt es mehrere Möglichkeiten, die teils bereits in Pilotanlagen erprobt werden. So lässt sich CO2 theoretisch auf drei Arten abtrennen: vor der Kohleverbrennung ("Pre Combustion"), bei der Verbrennung mit reinem Sauerstoff ("Oxyfuel") oder durch ein Waschen der Rauchgase ("Post Combustion"). Für den Transport des unter Druck verflüssigten Gases bieten sich vor allem Pipelines oder Schiffe an. Als Speicherstätten kommen in Deutschland leere Gasfelder oder tief liegende spezielle poröse Gesteinsschichten, sogenannte saline Aquifere, in Frage.
Bisherige Nutzung
Die CCS-Technologie ist nicht grundsätzlich neu, sondern kommt kommerziell bereits bei Erdöl- und Erdgasförderung zum Einsatz. Ziel ist, die Ausbeuterate von Ölfeldern zu erhöhen oder gefördertes Erdgas vom "Begleitgas" CO2 zu trennen. Den Einsatz bei einem Kohlekraftwerk testet der Energieversorger Vattenfall in Brandenburg: Das CO2 wird in der Pilotanlage "Schwarze Pumpe" mit dem Oxyfuel-Verfahren abgetrennt. Im brandenburgischen Ketzin wird in einem salinen Aquifer testweise CO2 gespeichert. RWE plant in Hürth nahe Köln ein Demonstrationskraftwerk für die Pre-Combustion-Abscheidung. Laut Industrie könnte CCS 2020 marktreif sein.
Mögliche Vorteile
Die CCS-Technologie kann den Treibhausgasausstoß eines Kohlekraftwerks deutlich verringern. Sie könnte als Brücke ins Zeitalter regenerativer Energienutzung dienen. Laut Industrie birgt die CO2-Speicherung weniger Risiken als das fortgesetzte Hinauspusten des Treibhausgases in die Atmosphäre. Auch wenn eine Speicherstätte undicht werden sollte, würde das weder giftige noch explosive CO2 demnach ohne Risiko für Mensch und Umwelt verwehen. Da die Schwellenländer immer mehr Kohle verfeuern, ist die Technologie Befürwortern zufolge international unverzichtbar und könnte ein lukratives Exportgut werden.

Kritik
Vor allem Umweltschützer betrachten CCS als teuer, riskant und in Deutschland überflüssig. Die Technik mache Kohlekraftwerke keineswegs sauberer, da sie deren Wirkungsgrad verschlechtere. Auch befürchten Kritiker, CCS könne den Ausbau von erneuerbaren Energien bremsen und stattdessen Akzeptanz für neue Kohlekraftwerke schaffen. Das Verhalten von CO2 in Untergrundspeichern ist noch nicht hinreichend erforscht, Umweltschützer nennen unterirdische CO2-Speicher daher "geologische Zeitbomben". Klar ist, dass CCS schon aufgrund der weltweit begrenzten CO2-Speicherkapazitäten das Klimaproblem nicht dauerhaft lösen kann.

Quelle: AFP

Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Klimaschutz-Index 2010: Die zehn größten CO2-Emittenten
Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: