Entwicklungshilfe Warum Mikrokredite den Armen nur selten helfen

Kleine Summe, kein Effekt? Seit rund 30 Jahren gelten Mikrokredite als erfolgreiches Instrument zur Armutsbekämpfung. Doch neue Untersuchungen wecken ernste Zweifel an ihrer Wirksamkeit.

Die nächste Rate ist fällig: Frauen in Bangladesch vor einer Mikrofinanzbank
REUTERS

Die nächste Rate ist fällig: Frauen in Bangladesch vor einer Mikrofinanzbank

Von enorm-Autorin Kathrin Hartmann


"Wie oft muss man nichts finden, damit belegt ist, dass da nichts ist?", fragt Philip Mader provokant. Er spricht von Mikrokrediten und davon, dass in den vergangenen 30 Jahren kein Nachweis erbracht wurde, dass sie tatsächlich Armut reduzieren. Mader kommt in seiner Doktorarbeit "Financializing Poverty: The Transnational Political Economy of Microfinance's Rise and Crises" sogar zum Ergebnis, dass die Kleinstkredite Armut ausnutzen und verfestigen.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftswissenschaften Köln begann seine Recherchen im indischen Andhra Pradesh. Dort gab es 2010 eine Selbstmordwelle unter Mikrokreditnehmerinnen, die ihre Raten nicht mehr bezahlen konnten. Anschließend weitete Mader seine Untersuchung auf weitere Entwicklungsländer aus. So konnte er unter anderem belegen, dass Mikrokreditnehmer mehr arbeiten, aber nicht mehr verdienen, weil sie das Geld für die Tilgung der Schulden verwenden müssen. Die Investition von Mikrokrediten in unternehmerische Projekte bedeute nur die Erweiterung einer Basarwirtschaft, die schon heute allenfalls eine Notlösung für die Armen darstellt, sagt Mader. Die Mehrzahl der Kredite werde für das tägliche Überleben und die Behandlung von Krankheiten ausgegeben.

Maders Arbeit ergänzt umfassend die Belege über die negativen Auswirkungen der Mikrokredite, die von Ethnologen, Anthropologen und Journalisten schon erbracht wurden. Der bangladeschische Anthropologe Aminur Rahman etwa fand bereits in den neunziger Jahren heraus, dass nur fünf Prozent der Mikrokreditnehmer Einkommen aus Unternehmen beziehen, die sie mit dem Darlehen aufgebaut hatten. Das deckt sich mit der Feldforschung von Anu Muhammad, Wirtschaftswissenschaftler an der Jahangirnagar Universität in Bangladesch: Nur fünf Prozent der Mikrokreditnehmer profitierten von den Darlehen - und sie alle hatten bereits vorher eine zuverlässige Einkommensquelle. 50 Prozent konnten ihren Lebensstandard nur halten, indem sie zusätzliche Kredite aufnahmen. Die Lage der restlichen 45 Prozent hat sich verschlechtert.

Qazi Kholiquzzman Ahmed, Leiter der staatlich finanzierten Kreditanstalt PKFS in Bangladesch, legte wiederum dar, dass mehr als die Hälfte der Schuldner nicht pünktlich zahlen können und zur Tilgung der Kredite weitere Darlehen aufgenommen haben. Solche Überschuldungskrisen gab es auch in Bosnien, Pakistan, Marokko, Ägypten, Nigeria, Mexiko und Bolivien. In Nicaragua legte 2009 die Bewegung "No Pago" ("Wir zahlen nicht") aus Protest die 22 Mikrofinanzorganisationen im Land lahm - unterstützt von Präsident Daniel Ortega. Auch die rigiden Methoden der Geldeintreiber wurden schon vielfach angeprangert, etwa in Gerhard Klas' Buch "Die Mikrofinanzindustrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut". Und im vergangenen Jahr sorgte der ehemalige Insider der Mikrofinanzindustrie, Hugh Sinclair, mit einem Buch für Furore. Darin beschreibt er nicht nur die oft brutale Geldeintreibung, sondern auch, wie sich Banken und Anleger mittels hoher Zinsen an den Armen bereichern.

Doch die wachsende Kritik hat bislang weder in der Branche noch in der Entwicklungspolitik zu einem Umdenken geführt. Kritische Untersuchungen werden meist ignoriert, Studien mit positivem Ergebnis hochgehalten.

Negative Auswirkungen ausgeblendet

So war das auch bei einer Metastudie im Auftrag des britischen Entwicklungshilfeministeriums. 2011 wertete ein Forscherteam um Entwicklungsökonomin Maren Duvendack 2600 positive Mikrokredit- Studien aus, knapp 60 davon detailliert. Es gebe, so Duvendack, keinerlei eindeutige Belege, dass Mikrokredite den Armen nutzen. Die positiven Studien gründeten auf weichen Untersuchungsmethoden und unzureichendem Datenmaterial. Der Erfolg werde nicht an der sozialen Realität gemessen, sondern an der hohen Rückzahlungsquote. Das Ministerium habe wenig Interesse gezeigt, ihre Ergebnisse zu verbreiten, sagt Duvendack.

Ähnlich wie Duvendack nahmen die US-Ökonomen Jonathan Murdoch und David Roodman eine alte Studie von 1998 unter die Lupe, Auftraggeber damals war die Weltbank. In der Untersuchung heißt es, dass Mikrokredite die relative Armut in Bangladesch um 40 Prozent reduziert hätten. Murdoch und Roodman stellten jedoch fest, dass die Ergebnisse keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Dennoch gehört das Papier immer noch zu den meistzitierten positiven Arbeiten über Mikrokredite.

Als Reaktion auf die Kritik sind Geldgeber der Mikrofinanzorganisationen dazu übergegangen, Vergleichsgruppenstudien in Auftrag zu geben, sogenannte Randomized Controll Trial Studies (RTCS). Die erste dieser Art wurde im indischen Hyderabad vom Massachusetts Institute of Technology durchgeführt und 2009 veröffentlicht. Einige Ergebnisse: 30 Prozent der Kreditnehmerinnen versuchten, ein Unternehmen aufzubauen, 30 Prozent zahlten mit ihrem Kredit andere Kredite ab. 15 Prozent nahmen Konsumkredite auf, der Rest investierte in schon bestehende Tätigkeiten. Auf Bildung, Gesundheit und Frauen-Empowerment wurde keine Auswirkung festgestellt. Trotzdem zitierte unter anderem die deutsche Bundesregierung die Studie als positiven Beleg für Mikrokredite.

"Die Armutsbekämpfung steht nicht im Mittelpunkt"

Die aktuellste RTC-Studie wurde unter Kunden der mexikanischen Compartamos Bank durchgeführt. Die an der Börse notierte Bank ist hoch umstritten, weil sie Jahreszinssätze von bis zu 195 Prozent erhebt. Nicht nur das stößt beim Mikrofinanzexperten Hugh Sinclair auf massive Kritik: Obwohl die Studie ergebe, dass die Kredite den Armen nicht nutzen, werde "alles versucht, um etwas Positives aus den Daten herauszuziehen, während die beunruhigenden negativen Auswirkungen ausgeblendet werden", sagt er.

"Ich nenne das Zweck-Mittel-Verschiebung: Es wird mittlerweile als Erfolg gewertet, dass überhaupt ein Kredit aufgenommen wurde", sagt Philip Mader. Nicht mehr die Armutsbekämpfung stehe im Mittelpunkt, sondern die finanzielle Einbindung der Armen in die Kapitalmärkte. Und das bringt Profit: Waren es 2001 nur knapp drei Milliarden Dollar, wurden 2011 fast 90 Milliarden Dollar Kredite an über 200 Millionen Männer und Frauen weltweit vergeben. Bereits im Jahr 2010 betrugen die Einkünfte der Mikrofinanzbanken fast 20 Milliarden Dollar.

"Das Mikrofinanzsystem stellt eine transnationale Kette der Disziplinierung her, die im Interesse regelmäßiger Kapitalflüsse arme Menschen dazu bringt, ihre Gürtel noch enger zu schnallen und eine nennenswerte Summe an Mehrwert aus ihrer Arbeit abzutreten", resümiert Mader in seiner Arbeit. Eine offene Diskussion über Mikrokredite und entwicklungspolitische Alternativen zu marktwirtschaftlichen Ansätzen hält er für dringend nötig.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bigteddy 01.01.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSKleine Summe, kein Effekt? Seit rund 30 Jahren gelten Mikrokredite als erfolgreiches Instrument zur Armutsbekämpfung. Doch neue Untersuchungen wecken ernste Zweifel an ihrer Wirksamkeit. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mikrokredite-untersuchungen-stellen-wirksamkeit-in-frage-a-937020.html
Ohne jetzt über die Maßen zynisch wirken zu wollen, aber hat wirklich irgendwer ernsthaft geglaubt, dass (irgend) eine Bank zum Wohle der Allgemeinheit und vor allem zum Wohle von Armen handeln würde? Am meisten nützt ein Kredit immer noch der Bank. Die Integration der Armen weltweit in die Finanz- und Finanzierungskreisläufe dieses Planeten war überfällig, wie sonst sollten diese Bevölkerungskreise neben den allgegenwärtigen Krisen des realen Lebens auch noch in die Krisen der Finanzmärkte einbezogen werden.
PeBe123 01.01.2014
2. Nichts neues
Wer Kredite aufnimmt, um zu konsumieren, muss sich nachher mehr anstrengen, um die Zinsen zu bezahlen.
Herr Hold 01.01.2014
3. Nicht überraschend
Bloß weil man den Leuten Geld zur Verfügung stellt, heißt das nicht, dass sie der Armutsfalle entkommen. Es gibt auch sehr viele Lottogewinner, die schon nach kurzer Zeit wieder bei 0 anfangen.Geld alleine reicht nicht.
002614 01.01.2014
4. Kapitalmärkte kennen keine Moral
Wenn die Kapitalmärkte Milliardenumsätze wittern, ist alle Moral dahin. Den Ärmsten dürfte nur von sensiblen Hilfsorganisationen Geld geliehen werden, die am Ort sehen, wie der finanzielle Einsatz wirkt - oder ob das Geld für andere Zwecke verwendet wird. - Wir wissen doch alle, daß Kredite, die die finanzielle Leistungsfähigkeit des Kreditnehmers übersteigen, zum Ruin führen. Dennoch wird auch in Deutschland von Kreditinstituten den Ärmsten in die Tasche gegriffen, indem ihre Unwissenheit ausgenutzt, Wünsche geweckt und Risiken verschwiegen werden.
Kopflaus 01.01.2014
5. Das Ergebnis ist zwingend
Selbst hierzulande, wo zumindest jeder über die für's Geschäftsleben grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen verfügt und viele kostenlosen Informationen zur Verfügung gestellt werden, braucht der Schritt zur Unternehmensgründung weit mehr als ein Bündel Geldscheine. Wie also kann man annehmen, dass man in Entwicklungsländern einfach nur Geld mit hohen Zinsen verteilen muss und der allgemeine Wohlstand bricht aus? Gab's für die Microkredite nicht sogar einen Wirtschafts-Nobelpreis?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.