Milchhöfe im Check: Guter Bauer, böser Bauer

Von und , Cuxhaven

Auf Biohöfen gibt es noch die heile Bauernhof-Welt

Kälber von Biobauer Woltmann: Bio bedeutet nicht automatisch Idylle Zur Großansicht
Heinz-Wilhelm Woltmann

Kälber von Biobauer Woltmann: Bio bedeutet nicht automatisch Idylle

Junge Kätzchen toben gegenüber dem Kuhstall über den Hof der Borchardts. Gleich daneben das Hühnergehege, wo Hennen im Sand scharren. Und links neben dem Laufstall, in dem die Jungtiere stehen, trotten die Pferde Attila, Flori und Sandro im Paddock umher. In der Ecke des Auslaufs steht Esel Paul. Er hat keine Lust auf Streicheleinheiten.

Klingt nach Bilderbuch-Bauernhof, oder?

Wer dagegen das Grundstück von Biobauer Woltmann betritt, ist zunächst einmal überrascht. Hier ist nichts mit kreativem Chaos, wild durcheinander laufenden Tieren oder Streichelzoo. Der Hof ist straff organisiert. Es gibt den riesigen Stall für die Milchkühe, die moderne Melkanlage und gegenüber vom Wohnhaus die Kälberzucht.

Das Grundstück wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Fabrikgelände. Maschinen und Gebäude sind auf dem neuesten Stand, erst 2010 hat Woltmann seinen Betrieb komplett modernisiert. Stolz zeigt er die Schaltzentrale seiner Melkanlage: "Das ist eine drehzahlgesteuerte Vakuumpumpe. Die regelt genau, wie viel Strom und Wasser die Anlage gerade benötigt - und gibt auch nur genau diese Menge frei."

Die beiden Höfe zeigen: Bio bedeutet nicht automatisch Idylle. Und eine große Herde macht einen Betrieb nicht zur Agrarfabrik. Biolandwirt Woltmann hält 110 Milchkühe - nur zehn weniger als Borchardt. Mit 200 Hektar bewirtschaftet der Biobauer sogar doppelt so viel Fläche wie sein konventionell wirtschaftender Kollege. Biolandwirte benötigen grundsätzlich mehr Fläche pro Tier, da sie keinen Kunstdünger verwenden dürfen und die Ernte meist geringer ausfällt.

Melken wie am Fließband ist Standard

Unter Expansionsdruck stehen beide Höfe. Die Herden haben sie in den vergangenen Jahren aufgestockt. Und in Sachen Effizienz ist Woltmann sogar Vorreiter.

Er melkt seine Kühe in einem sogenannten Swing-Over-Melkstand. Der Bauer arbeitet von einem tiefer liegenden Gang in der Mitte aus, so dass die Euter auf Armhöhe sind. Links und rechts von ihm stehen jeweils 20 Tiere. An einer Deckenschiene in der Mitte hängen die Melkzeuge. So heißen die Pumpen, die der Bauer an die Euter anschließt. Sind die Kühe auf der rechten Seite fertig, schwingt Woltmann mit dem Melkzeug zu den gegenüberstehenden Tieren. Während er melkt, wird auf der anderen Seite bereits eine neue Gruppe hereingetrieben. So muss der Melker nicht auf neue Tiere warten. Fließbandabfertigung statt Öko-Idylle.

Beim konventionellen Bauern Borchardt wird diese Swing-Over-Technik erst demnächst in seinen fast fast 30 Jahre alten Melkstand eingebaut. Dort können derzeit 16 Tiere gleichzeitig gemolken werden.

Insgesamt hat er rund 240 Rinder zu versorgen, und alle haben Nummern statt Namen. Nur die weiblichen Kälber werden selbst großgezogen, männliche Kälbchen hingegen im Alter von 14 Tagen an einen Bullenmäster verkauft. Auch Biobauer Woltmann behält nur weibliche Kälbchen. Auf beiden Höfen werden die Neugeborenen spätestens 24 Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt. Das empfinden Besucher oft als brutal, die Landwirte begründen es jedoch damit, dass sie die Tiere so besser versorgen können. Denn bei den Hochleistungskühen funktioniert das Trinken der Kälber direkt bei der Mutter meist nicht.

Die wichtigsten Fakten zu den Höfen
Konventioneller Hof Borchardt Bio-Hof Woltmann
Zahl der Tiere 120 Milchkühe plus 120 Nachwuchsrinder 110 Milchkühe plus XX Nachwuchsrinder
Fläche 55 Hektar Grünland und 55 Hektar Ackerland 130 Hektar Grünland und 70 Hektar Ackerland
Milchmenge, die die Betriebe abliefern dürfen (Milchquote) Eine Million Kilogramm
Milchpreis, den die Molkerei zuletzt zahlte 37 Cent/Kilogramm 43 Cent/Kilogramm
Kosten, die für die Produktion von einem Liter Milch anfallen 27 Cent 35 Cent
Alter der Kühe beim ersten Kalb 26 bis 27 Monate 36 Monate
Zeitraum zwischen den Kalbungen 400 Tage 365 Tage
Durchschnittliche Lebensmilchleistung der Kühe 36.000 Liter 30.000 bis 40.000 Liter
Lebensjahre, die eine Kuh im Schnitt auf dem Hof verbringt sechs Jahre sieben bis acht Jahre

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insgesamt 111 Beiträge
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1.
Gegengleich 31.01.2012
Mir unverständlich, daß die Bio-Verbände eine Enthornung nicht nur aktzeptieren, sondern fördern bzw. fordern. Wo bleibt da die "Ganzheitlichkeit". Ein Horn hat durchaus seinen Zweck, eine Entfernung desselben beraubt einer Kuh die Nutzungsmöglichkeiten wie Kämpfe um Rangordnung, Kratzen (jeder weiß wie schlimm es ist wenn es juckt und man kann sich nicht kratzen), etc.
2. von den Füßen auf den Kopf...
Humboldt 31.01.2012
Zitat von sysopIst Bio einfach besser? Pumpen konventionelle Milchbauern ihre Kühe mit Chemie voll? Wenn's um Landwirtschaft geht, gibt es viele Vorurteile, viel Halbwissen. Wie unterscheiden sich Biobauern tatsächlich von ihren Kollegen? SPIEGEL ONLINE hat zwei Höfe besucht*- und Überraschendes gefunden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810908,00.html
Irgendwie werd' ich das Gefühl nicht los, die ganze Artikelreihe ist darauf ausgelegt, die konventionelle Landwirtschaft nicht ganz so schlecht gegenüber der Bio-Landwirtschaft aussehen zu lassen - frei nach dem Motto, ist doch eigentlich egal... Und natürlich, in der CDU sind die richtigen Bio-Bauern...nee, is klar!
3. Nachtrag
Gegengleich 31.01.2012
Ganz zu schweigen von der Optik, eine Kuh ohne Hörner sieht einfach furchtbar aus. Schlimm auch, wieviele Kinder (und leider auch Erwachsene) heutzutage denken, nur männliche Rinder hätten Hörner.
4.
Pega123 31.01.2012
Zitat von sysopIst Bio einfach besser? Pumpen konventionelle Milchbauern ihre Kühe mit Chemie voll? Wenn's um Landwirtschaft geht, gibt es viele Vorurteile, viel Halbwissen. Wie unterscheiden sich Biobauern tatsächlich von ihren Kollegen? SPIEGEL ONLINE hat zwei Höfe besucht*- und Überraschendes gefunden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810908,00.html
Respekt... ich kritisiere ja gerne an den SPON-Artikel rum. Hier ist ihnen aus meiner Sicht ein sehr guter, ausgewogener Artikel gelungen. Auf Basis eines solchen Artikels kann ich als Verbraucher objektiv entscheiden, ob ich lieber teurere Bio-Produkte kaufe oder die konventionell hergestellten bevorzuge. Besonders schön finde ich, dass sie zwei professionelle Betriebe für ihren Vergleich herausgesucht haben, die ihren "Laden" im Griff haben und frei von idiologischen Dünkel sind.
5. keiner
dalesmith 31.01.2012
Zitat von sysopIst Bio einfach besser? Pumpen konventionelle Milchbauern ihre Kühe mit Chemie voll? Wenn's um Landwirtschaft geht, gibt es viele Vorurteile, viel Halbwissen. Wie unterscheiden sich Biobauern tatsächlich von ihren Kollegen? SPIEGEL ONLINE hat zwei Höfe besucht*- und Überraschendes gefunden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810908,00.html
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