Ende der EU-Milchquote Jetzt darf gemolken werden

Landwirte müssen sich auf stärkere Preisschwankungen einstellen: Nach mehr als 30 Jahren ist die Milchquote in der EU Geschichte. Ein Rück- und Ausblick in Bildern.

Kuh auf der Weide: Landwirte müssen sich dem Weltmarkt anpassen
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Kuh auf der Weide: Landwirte müssen sich dem Weltmarkt anpassen

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Für die einen war sie ein bürokratisches Ungetüm, für die anderen die Hoffnung auf eine sichere Zukunft auch für kleinere Höfe. Die Milchquote war mehr als 30 Jahre eines der wichtigsten Instrumente der EU-Agrarpolitik. Doch vom 1. April an wird die Quote Geschichte sein. Dann dürfen Landwirte in der EU so viel Milch produzieren, wie sie möchten.

Eine kleine Hintertür hat die EU-Kommission noch offengelassen. Sollten die Preise ins Bodenlose stürzen, will die EU eingreifen und Milch aufkaufen. Doch grundsätzlich gilt ab April für die europäischen Landwirte: Von nun an wird zu Weltmarktpreisen produziert. Trotz jahrelanger Vorbereitung sorgen sich vor allem Besitzer kleiner Betriebe um die Zukunft ihrer Höfe.

Die Geschichte der Milchquote - und wieso Verbraucher trotz ihres Endes mit steigenden Preisen rechnen müssen. Eine Übersicht in Bildern:

"Milchseen" und "Butterberge" sind Wortschöpfungen der Siebziger- und Achtzigerjahre. Damals produzierten die Landwirte viel mehr Butter und Milch, als in der EU verbraucht wurden. Die überschüssigen Mengen kaufte die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) teuer auf. Um das zu beenden, wurde 1984 die Milchquote eingeführt. Sie sollte die Überproduktion stoppen und Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen.

Die Idee der Milchquote klang gut: Jeder EU-Mitgliedstaat bekam eine feste Produktionsquote. In Deutschland wurde jedem Milcherzeuger ein gewisses Kontingent zugeteilt. Das wiederum konnten Landwirte an der sogenannten Milchbörse kaufen. Dementsprechend durften Landwirte nur diese zugewiesene Menge produzieren. In Deutschland waren es zuletzt insgesamt rund 30 Millionen Tonnen. Allerdings hatte die Quote von Anfang an Schwachstellen. So durfte immer mehr produziert werden, als Milch verbraucht wurde. Viele Ausnahmen machten die Quote durchlässig.

Wurde die zulässige Quote überschritten, mussten die Landwirte Strafzahlungen leisten – die sogenannte Superabgabe. Die wurde allerdings nur fällig, wenn die Gesamtmenge des jeweiligen Landes überschritten wurde.

Vor allem kleinere Bauern sahen die Milchquote als eine Art Schutzmechanismus, die stabile Preise garantieren sollte. Doch Kritiker und selbst die Bundesregierung sagen: Trotz Quote hätten die Preise für Rohmilch in den vergangenen 30 Jahren um bis zu 20 Cent je Kilo geschwankt. Auch das Höfesterben konnte die Quote nicht stoppen. Die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland sank seit 1984 von 369.000 auf 77.000. Große Höfe wuchsen, kleine gaben auf.

Große Betriebe sahen die Quote stets als Hindernis. Wer mehr produzieren wollte, musste zunächst einmal teuer Kontingente zukaufen oder pachten. Investitionswillige Landwirte schimpften auf die sogenannten Sofamelker: Milchbauern, die die Quote für ihren Betrieb nicht mehr brauchten und ihr Lieferrecht dann teuer weiterverkauften oder weiterverpachteten.

Selbst der Deutsche Bauernverband unterstützte das Ende der Quote. 2007 votierten drei Viertel der Delegierten auf dem Deutschen Bauerntag für die Abschaffung der Milchquote. Vor allem Landwirte aus Bayern und Hessen – Bundesländer mit vergleichsweise kleinen Betrieben - stemmten sich damals dagegen. Doch ihr Protest hatte keinen Erfolg.

Im Frühjahr 2008 machten Landwirte mit einem Milchstreik auf sich aufmerksam. Der rebellische Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) hatte dazu aufgerufen Damals bekamen die Bauern von den Molkereien etwa 34 Cent je Liter. Tausende Landwirte schütteten Milch weg, um höhere Preise zu erzwingen - ohne Erfolg. In den darauffolgenden Monaten ging der Preisverfall weiter. Der Tiefstand lag im Sommer 2009 bei 22 Cent. Zum Vergleich: Anfang 2014 lag der Milchpreis, den die Bauern bekamen, bei 40 Cent, dann ging es bergab. Anfang 2015 bekamen die Landwirte im Schnitt weniger als 30 Cent.

Discounter mit ihren Rabattrunden zogen oft den Zorn der Landwirte auf sich. Doch auch die Bauern selbst trugen immer wieder zum Preisverfall bei. Kaum stieg der Milchpreis, produzierten auch die Landwirte mehr. War dann wieder viel Milch auf dem Markt, fielen die Preise wieder.

Der Chef des Milchbauernverbandes BDM, Romuald Schaber, trommelte die Bauern 2008 zum Milchstreik zusammen. Der Verband träumte vom eigenen Kartell. Europaweit sollten sich Landwirte zusammentun und ihre Produktion begrenzen, um die Preise stabil zu halten - ähnlich wie die Opec beim Öl. Wettbewerbshüter waren alarmiert. Doch solche Pläne dürften nie aufgehen. Denn Hunderttausende Landwirte müssten freiwillig mitmachen. Und auch Importe von Milchprodukten in die EU müssten streng reguliert werden. Inzwischen plädiert der BDM dafür, den Landwirten nur in Krisenzeiten zu verbieten, ihre Produktion auszuweiten.

Auch EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos will die europäischen Bauern nicht völlig ungeschützt dem Weltmarkt überlassen. Er denkt über eine Art Frühwarnsystem nach. Bauern sollen damit rechtzeitig ein Überangebot erkennen und dann in Eigenverantwortung ihre Produktion anpassen. Doch vorerst sind das nur Überlegungen. Bis dahin müssen die Landwirte selbst klarkommen.

Viele Milchbauern stockten ihre Produktion bereits in den vergangenen Jahren auf, um sich auf die Liberalisierung des Milchmarkts einzustellen. Das Paradoxe: Viele produzierten deshalb mehr als erlaubt und mussten Strafe zahlen – obwohl die EU selbst die Liberalisierung angeschoben hat. Immerhin wurde in den vergangenen Jahren die Quote bereits schrittweise angehoben, damit die Milchbauern sich auf das Ende der Regelung vorbereiten konnten.

Doch gerade kleine Betriebe fürchten um ihre Zukunft. So warnt die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, mit dem Wegfall der Quote werde es für Betriebe lukrativer noch stärker auf Expansion zu setzen und mehr Milchkühe anzuschaffen. Dies dürfte aber vor allem in Gegenden mit günstigen Weidebedingungen geschehen. Dagegen könnten etwa in den Mittelgebirgen viele Milchbauern aufgeben. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter warnt vor einer höheren Abhängigkeit vom Weltmarkt. Da nur relativ kleine Mengen global gehandelt werden, dürften die Preisschwankungen künftig heftiger werden - "mit langen Tälern und kurzen Spitzen".

Dass nach dem Quoten-Ende wieder Butterberge und Milchseen in Europa entstehen, befürchtet die Branche nicht. Politiker und Experten rechnen mit einer steigenden Nachfrage nach Milchprodukten weltweit - vor allem in Ländern, die wirtschaftlich aufholen. Von diesen Exportchancen sollen Europas Bauern profitieren. Allerdings müssten sich die Bauern in der EU ins Zeug legen, warnt der Bauernverband. Denn während die USA, Neuseeland oder Australien die Produktion ausweiteten, mussten die europäischen Bauern sich an die Quote halten.

Die Verbraucher müssen sich trotz Quoten-Endes erst einmal auf höhere Preise einstellen: Weil Bauern nicht noch im Endspurt ihr Kontingent überschreiten und Strafzahlungen riskieren wollten, drosselten sie zuletzt die Milchproduktion. Auch international gingen Anlieferungen zurück. Die derzeit relativ niedrigen Milchpreise dürften daher in den kommenden Monaten wieder steigen, analysiert der Milchindustrie-Verband. Für die deutschen Konsumenten seien Milchprodukte im internationalen Vergleich aber immer noch vergleichsweise günstig.

Der Preisdruck der Discounter und die anstehende Abschaffung der Milchquote haben den Strukturwandel in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren verstärkt. Weniger Höfe, aber größere Herden waren die Folge. Agrarökonomen sehen künftig vor allem den Unternehmergeist der Landwirte gefragt. Sie müssen den Markt genau im Auge behalten, Puffer für Preisschwankungen bilden, Arbeitsabläufe rationalisieren und Kosten senken.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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sapereaude! 29.03.2015
1. Ende der Subventionen!
Wann werden endlich die (Agrar-)Subventionen in der EU abgeschafft? Für die kleinen Leute gelten Begriffe wie "Eigenverantwortung" und "marktkonformes Handeln". Nur den Großen bläst man das Geld tonnenweise in den Hintern. Die Produzenten bekommen garantierte Preise, auch wenn sie gnadenlos an den Bedürfnissen des Marktes vorbei produzieren. Der Überschuss wird dann nochmal subventioniert und in Afrika fast verschenkt. Macht endlich Schluss mit diesem EU-Subventions-Mist! Und wäre es vielleicht möglich, bei einer der vielen Sitzungen und Beratungen endlich diesen Unsinn mit der Sommerzeit abzuschaffen?
sag-geschwind 29.03.2015
2. Beachtliches Engagement der EU
bei der Schaffung von Oligopolen. So werden jetzt alle kleinen Betriebe aus der Milchwirtschaft geschmissen, die bei der exzessiven Industrialisierung nicht mithalten können. Sicher wird Milch dadurch billiger. Viele Betriebe werden aufgeben müssen, die Flächen werden von den Oligopolen aufgekauft. Da die hochindustrialisierte Landwirtschaft aber faktisch keine Arbeitsplätze schafft, bekommen wir etliche Sozialfälle mehr, dafür wird eine Handvoll Leute reich - so Subventioniert die Obrigkeit privaten Reichtum über das Sozialsystem. Aber die Landschaft wird auch eintöniger. Gewöhnen Sie sich an Schilder wie: "Diese Produktionsfläche gehört Müller-Milch by Kraft Masterfoods(R) und wird Videoüberwacht. Betreten verboten".
einzigerwolpertinger 29.03.2015
3. Weidewirtschaft?
Im gesamten Münsterland sehe ich immer weniger Milchvieh auf der Weide. Die Milchwirtschaft wird zur Stallwirtschaft.
liebling-kreuzberg 29.03.2015
4. Da hilft nur Eines:
Die Milch frisch vom Hof kaufen und die TetraPacks in den Supermärkten meiden - auch wenn es teurer wird! Unterstützt eure regionalen Bauern!
boogie!! 29.03.2015
5. Verbraucher-Versagen??
Die Milchproduktion wird steigen, die Preise werden sinken. Kleine, reine Familienbetriebe, glückliche Kühe auf der Wiese, also das was auf unseren Milchkartons dargestellt wird, stirbt endgültig aus. Außerdem wird das Hintertürchen des Aufkaufens von Überproduktionen weiterhin, vermutlich mehr noch als bisher, für großen Schaden in der drittlands-Landwirtschaft sorgen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist lange schon Realität und schreitet weiter voran. Der Verbraucher kann Abends weiterhin empört die diversen Berichterstattungen über die gegenwärtige Landwirtschaft verfolgen, dann am nächsten Morgen durch die Prospekte blättern, um herauszufinden wo er denn heute seine Milch am günstigsten einkaufen kann. Prügelknaben bleiben die an sieben Tagen die Woche, 365 Tage im Jahr arbeitenden Landwirte. Denen bleibt kaum was anderes übrig, als dem Kostendruck durch entsprechend optimierte Produktion entgegen zu treten.
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