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Milliarden-Projekt Keystone XL: Obama kapituliert vor Pipeline-Protesten

Von , New York

Wochenlang hatten die Gegner mobilisiert, jetzt ist Barack Obama eingeknickt. Der US-Präsident hat den Bau der Riesen-Pipeline Keystone XL quer durch die USA gestoppt. Umweltaktivisten triumphieren, die Wirtschaft wittert ein Wahlkampf-Manöver.

Keystone XL: Amerikas umstrittene Mega-Pipeline Fotos
AFP

Es war wie in den Tagen der Anti-Kriegs-Demonstrationen: Menschenketten, Sprechchöre, Gesänge, Plakate. Tausende machten ihrem Unmut Luft. Der bunte Protestkarneval formierte sich am Lafayette Square in Washington und marschierte von dort aus zum Weißen Haus. Einige Demonstranten balancierten eine aufblasbare, schwarze Schlange über ihren Köpfen, darauf die Parole: "Stop The XL Pipeline."

Bis zu 12.000 Menschen nahmen am vergangenen Sonntag an der bisher größten Demo gegen das umstrittenste Öl-Projekt der Vereinigten Staaten teil. Sie kamen aus Nebraska, aus New York und aus Kanada. Mit dabei waren auch etliche Prominente: Hollywood-Star Mark Ruffalo, Schauspielerin Margot Kidder, Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams. Erst marschierten sie mehrere Blocks durch die Innenstadt, dann trafen sie sich zu einer Menschenkette um die Präsidentenresidenz.

Barack Obama war zwar beim Golfen in Virginia. Dennoch zeigte der Aufmarsch Wirkung: Am Donnerstag knickte der Präsident ein. Er verschob die Entscheidung über den Bau. Es ist eine Kapitulation vor den Kritikern - und ein Affront gegen die kanadische Regierung und Amerikas Ölindustrie.

Und es ist eine Kehrtwende mit Kalkül, das Pipeline-Projekt drohte für Obama zum unbequemen Wahlkampfthema zu werden, zum leidigen Dauerkonflikt mit der enttäuschten Basis, deren Zustimmung er dringend für eine zweite Amtszeit braucht.

Es geht um Keystone XL, ein Sieben-Milliarden-Dollar-Vorhaben des kanadischen Energiekonzerns TransCanada Chart zeigen. Die geplante Mega-Pipeline ist fast 3200 Kilometer lang, sie zieht sich von Kanada quer durch die USA bis an den Golf von Mexiko. Sie geht durch insgesamt sechs US-Staaten: Montana, South Dakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma, Texas. Ab 2013 sollte die Pipeline bis zu 830.000 Barrel Rohöl pro Tag aus dem größten Ölsandvorkommen Nordamerikas nach Süden und damit auf die Weltmärkte schaffen.

Obamas zweifelhaftes Öko-Engagement

Doch in den vergangenen Monaten hatte sich eine immer stärkere Koalition aus Pipeline-Gegnern formiert: Farmer, Indianer, Umweltschützer, Kommunalpolitiker, Kongressabgeordnete. Sie fürchten Natur-, Klima- und Gesundheitsschäden und griffen zuletzt auch Obama direkt an, der Keystone XL im Wahlkampf 2008 noch kritisiert hatte.

Am Donnerstag nun vertagte das US-Außenministerium, das den Bau seit 2008 prüft und grünes Licht geben muss, die Entscheidung auf 2013 - bis nach der Präsidentschaftswahl. Die offizielle Begründung klingt ziemlich durchsichtig, bei diesem langen Vorlauf: Man wolle nun doch alternative Routen in Betracht ziehen - was aber schon längst geschehen ist.

Tatsächlich handelt es sich um einen politischen Entschluss. Das zeigte sich schon daran, dass Obama die Vertagung persönlich lobte: Die Pipeline-Entscheidung könnte "die Gesundheit und Sicherheit des amerikanischen Volkes wie auch die Umwelt beeinträchtigen", erklärte der Präsident am Donnerstagabend. Da beim Prüfverfahren "eine Reihe von Bedenken" aufgekommen seien, wolle er sich lieber "Zeit nehmen" und alle Stimmen anhören, so Obama. Mit anderen Worten: Die Proteste waren erfolgreich.

Bereits vergangene Woche versicherte Obama in einem Interview mit dem lokalen TV-Sender KETV in Nebraska, wo die Pipeline ganz besonders angefeindet wird, dass er selbst die Entscheidung im Sinne der Amerikaner treffen werde. Damit übernahm er die Führung über das Projekt von Hillary Clintons Außenministerium, dessen Prüfprozess in die Kritik geraten ist.

Umweltaktivisten haben Keystone XL zum Prüfstein von Obamas Öko-Engagement erklärt. Das zweifeln viele seiner Anhänger ohnehin an, nach mehreren umstrittenen Schritten der US-Regierung, etwa der geplanten Öffnung des Golfs von Mexiko und der Arktis für neuen Öl-Bohrungen.

Alle großen US-Umweltgruppen lehnen Keystone XL ab. Sie monieren, dass die Pipeline ein besonders aggressives Rohöl transportieren soll, das die Rohre zerfresse und im Falle eines Unglücks nur schwer zu beseitigen sei.

Zudem bekam Obama Druck aus den eigenen Reihen. Mehrere Demokraten im Kongress drohten, seinen Wahlkampf im kommenden Jahr nicht zu unterstützen, sollte er das Keystone-Projekt genehmigen. Aber auch namhafte Republikaner sprachen sich gegen das Projekt aus, allen voran Nebraskas Gouverneur Dave Heineman. In der Nacht zum Donnerstag brachte ein Komitee im Landesparlament von Nebraska ein Gesetz auf den Weg, wonach die Pipeline-Route auch von Heineman selbst abgesegnet werden müsste, nicht nur vom zentralen Ministerium in Washington. Das hätte einen Baubeginn noch weiter verzögert.

"Brillant für die Wiederwahl-Kampagne"

Nun jubeln die Gegner über ihren unerwarteten Erfolg. "Das ändert für unseren Staat alles", freute sich die Aktivistin Jane Kleeb aus Nebraska. "Wir haben die Pipeline seit fast zwei Jahren Tag und Nacht bekämpft." Kleeb war im September mit mehreren hundert Gegnern nach Washinton gereist, um sich bei einer öffentlichen Anhörung gegen das Projekt auszusprechen: Die Pipeline werde das Ökosystem zerstören und das Trinkwasser verpesten. "Sie bedroht unsere Lebensgrundlage", hatte die Farmersfrau Susan Luebbe, eine gute Freundin Kleebs, damals erklärt. "Die Konzerne lügen uns an, die Regierung will uns das Land wegnehmen. Doch wir werden kämpfen. Dies ist Krieg."

Auch Heineman zeigte sich "zufrieden" über die Vertagung: "Wir haben versucht, sehr deutlich zu machen, dass wir die Pipeline unterstützen, aber die Route ablehnen." An anderer Stelle überwiegt dagegen die Enttäuschung. "Eine schreckliche Entscheidung für die Energiezukunft des Landes, eine brillante Entscheidung für die Wiederwahl-Kampagne des Präsidenten", spottete Stephen Brown, Vizepräsident des Raffineriekonzerns Tesoro, in einer E-Mail an die "Washington Post". "Die Job-Killer siegen", schimpfte Terry O'Sullivan, der Präsident der Bauarbeitergewerkschaft LIUNA. Die hatte zu Keystone ihre eigene Kampagne geführt - mit dem Titel: "Die Pipeline ist gut für die Wirtschaft."

Der Pipeline-Bau würde nach Darstellung TransCanadas sofort 20.000 Arbeitsplätze schaffen und die Grundlage für weitere 118.000 legen. Gerade deshalb zeigte man sich nun auch in Kanada ernüchtert. "Wir glauben weiterhin, dass die Keystone-XL-Pipeline Tausende Jobs und Milliarden Dollar an Wirtschaftswachstum beidseits der Grenze schaffen wird", sagte Regierungssprecher Andrew MacDougall. Man sei enttäuscht.

"Wir bleiben zuversichtlich, dass Keystone XL genehmigt wird", erklärte TransCanada-Chef Russ Girling. Der bisherige Aufschub hat den Konzern jedoch bereits Millionen gekostet. "Dieses Projekt", mahnte Girling, "ist zu wichtig für die amerikanische und kanadische Wirtschaft und auch die nationalen Interessen der USA, um nicht voranzukommen."

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1. .
Cephalotus 11.11.2011
Von wegen Sorge um die Umwelt: "...Auch Heineman zeigte sich "zufrieden" über die Vertagung: "Wir haben versucht, sehr deutlich zu machen, dass wir die Pipeline unterstützen, aber die Route ablehnen."..." Das ist ein klassischer Fall von nimby (not in my backyard)
2. cui bono ?
leser008 11.11.2011
Es ist schon sehr traurig zu sehen, dass selbst in der totalen Lobbydemokratie USA so ein Projekt gestoppt werden kann. Was haben bitteschön Menschen in Nebraska oder Montana davon, dass kanadische Energiekonzerne hochgiftiges Ölsandöl auf den Weltmarkt bringen können. Vorher muss der Dreck natürlich in texanischen Raffinerien aufbereitet werden. Und dann in ausgeflaggten Tankern abtransportiert werden. Die sollen ihre Sauereien doch in ihrem schönen Kanada veranstalten.
3. von wegen
outsider-realist 11.11.2011
Zitat von CephalotusVon wegen Sorge um die Umwelt: "...Auch Heineman zeigte sich "zufrieden" über die Vertagung: "Wir haben versucht, sehr deutlich zu machen, dass wir die Pipeline unterstützen, aber die Route ablehnen."..." Das ist ein klassischer Fall von nimby (not in my backyard)
Die Aussage kam vom republikanischen Gouverneur in Nebraska. Haben sie von der Seite eine andere Aussage erwartet und wollen sie jetzt diese Aussage allen Gegnern dieses Projektes anheften? Dieser Pauschalismus (Der inflationär benutzte Begriff "Wutbürger" ist nur einer davon) tritt immer und immer wieder auf, wenn es um Widerstand gegen irgendwelche Projekte geht.
4. dfrtytrytg
Marginalius 11.11.2011
Zitat von CephalotusVon wegen Sorge um die Umwelt: "...Auch Heineman zeigte sich "zufrieden" über die Vertagung: "Wir haben versucht, sehr deutlich zu machen, dass wir die Pipeline unterstützen, aber die Route ablehnen."..." Das ist ein klassischer Fall von nimby (not in my backyard)
Nur mal so eine Frage: Wie viele Starkstromtrassenbauer, Windradbauer, Pumpspeicherkraftwerkbauer oder meinetwegen auch AKW-Bauer haben Sie denn schon eingeladen, direkt neben Ihrem Haus was zu bauen? Ich wette, das kann ich an meiner fingerlosen Hand abzählen ... wenn ich eine fingerlose Hand hätte. ;-) Ich will damit nicht sagen, dass ich die von Ihnen sogenannte Nimby-Einstellung gutheiße, aber ich kann zumindest nachvollziehen und verstehen, warum Menschen eine solche Einstellung haben. Es ist für Leute wie Sie immer leicht, sich über die betroffenen Menschen aufzuregen, wenn die sich in ihrem direkten Umfeld gegen sowas wehren, aber das fällt Ihnen auch nur so leicht, weil Sie selbst wahrscheinlich noch nie von sowas betroffen waren. Ich wette Brief und Siegel darauf, ohne Sie zu kennen: Aber wenn jetzt plötzlich der Staat käme, um Sie zwangszuenteignen, weil man durch Ihr Grundstück eine Erdgasleitung oder gar ein Braunkohleloch oder eine Autobahn legen will, würden Sie auch auf die Barrikaden gehen. Und dann lesen Sie auch noch in irgendwelchen Foren Beiträge von Leuten, die Sie als Idiot und Nimby beschimpfen und Ihnen sagen, Sie sollen sich mal gefälligst nicht so anstellen. Viele Grüße
5. Kritik am Wortlaut
vierteldeutscheösi 11.11.2011
Wenn ein Machthaber Protesten vorläufig nachgibt, "knickt er ein"? Diese Ausdrucksweise ist ein gutes Beispiel für manipulativen Journalismus!
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Geplanter Verlauf der Keystone-XL-Pipeline



Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.
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Tiefsee: Globale Förderquellen

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Schwarzes Gold: Ölförderung rund um den Globus
Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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